Schraubenflugzeuge
Von Dr. Ing. P. Schuster
Obwohl das Schraubenflugzeug sich noch nicht hat in der Praxis einführen
können, ist doch der Gedanke, derartige Maschinen zu bauen, schon
uralt. Bereits Leonardo da Vinci hat mechanisch sehr schön durchgearbeitete
Vorschläge und Entwürfe für solche Flugapparate gemacht.
Aus Mangel an einer geeigneten leichten Kraftmaschine konnten diese Schraubenflugzeuge
bis in die neueste Zeit hinein natürlich in großen Abmessungen
nicht zum Fliegen gebracht werden. Aber ein kleines, vorzügliche
steigendes Schraubenflugzeug kennt eigentlich jeder Junge: den kleinen
hölzernen Propeller mit stabförmiger Achse, die man zwischen
die flachen Hände legt und zum raschen Drehen bringt; oder auch die
kleinen Blechflügelräder, die mit ihrer Nabe auf einer flachgängigen
Schraubenspindel sitzen und durch Abziehen in rasche Drehung versetzt
werden. Beide Apparate behalten ihre Drehbewegung zufolge ihrer Schwungkraft
einige Zeit bei und steigen erst schnell hoch, um dann beim Nachlassen
der Schwungkraft langsam herabzusinken.
Der Beweis, daß solche Schraubenapparate fliegen können, ist
also geliefert. Für die Ausführung im großen fehlt anscheinend
nur noch der leichte Motor. Aber auch diese Annahme trift nicht einmal
zu. Denn ein Flugzeugpropeller entwickelt beim Laufen im Stand schon mehr
Hubkraft, als das Gewicht von Motor und Propeller ausmacht. Ein Motor
und eine Propeller-Anlage von etwa 1400 U/min und eienm Propellerdurchmesser
von 2,65 bis 2,8 m ergeben nämlich für
100 PS etwa 325 kg Zug
120 PS etwa 375 kg Zug
160 PS etwa 450 kg Zug.
Das ist also eine Propellerkraft von etwa 3,25 bis 2,8 kg für die
Pferdestärke. da nun das Gewicht für die Pferdestärke bei
einem wassergekühlten Motor nur etwa 1 bis 2 kg, bei einem luftgekühlten
Motor sogar noch weniger als 1 kg betragen kann, während vom Propellergewicht
nur ein bis zwei Zehntel Kilogramm auf die Pferdestärke entfallen,
so müßte sich eine solche Maschine aus Motor und Propeller
doch auch in die Luft erheben können.
Tatsächlich
ist es in neuester Zeit auch geglückt, solche Schraubenflieger zum
Schweben zu bringen. Da ist zunächst die Maschine des Amerikaners
Emile Berliner zu nennen, der sich, in letzter Zeit unterstützt von
seinem Sohn Henry, schon seit 20 Jahren mit der Lösung dieses Problems
beschäftigt. Das Flugzeug ist nach der Abbildung mit einem
abgefederten, dem Fahrgestell der Drachenflugzeuge nachgebildeten Landegestell
ausgestattet und besitzt auch einen Rumpf mit dem Führersitz sowie
Steuerungsmittel. Da die Hubschrauben des Flugzeugs nur heben und nicht
vorwärtsbewegen sollen, ist für die wagrechte Vorwärtsbewegung
ein besonderer kleiner Propeller am Schwanzende angebracht. Schwierigkeiten
muß es natürlich machen, das Flugzeug im Gleichgewicht zu halten.
Zu diesem Zwecke sind darum unter den Hubpropellern in deren Luftstrom
liegend an verschiedenen Stellen verstellbare Bremsflächen angebracht.
Je mehr diese Flächen quer zum Luftstrom eingestellt werden, um so
geringer wird an dieser Seite des Flugzeugs der Auftrieb. Damit sind aber
noch nicht alle Probleme der Steuerung gelöst.
Schwierigkeiten mach besonders auch die richtige Durchführung der
Vorwärtsbewegung. Denn wenn das Flugzeug eine hinreichende wagrechte
Geschwindigkeit entwickelt, so trifft der Luftstrom den nach vorn umlaufenden
Hubschraubenflügel viel stärker als den mit dem Luftstrom rückwärts
sich bewegenden Schraubenflügel. Dadurch wird die Hubschraube ungleichmäßig
beansprucht und kann leicht brechen. Um diese Nachteile zu vermeiden,
hat ein anderer Konstrukteur eines Schraubenflugzeugs, Pescara, die Schraubenflügel
während des Umlaufs verstellbar gemacht. Eine selbsttätige Vorrichtung
besorgt die einstellung in der Weise, daß der vorwärts umlaufende
Flügel einen kleineren, der rückwärts sich bewegende einen
größeren Steigungswinkel erhält. Durch willkürlich
einstellung der Schraubenflügelsteigung von Hand soll dann auch das
Gleichgewicht aufrecht erhalten werden.
Trotzdem ist damit das Problem der Stabilisierung des Schraubenflugzeugs
nicht gelöst. So seltsam dies scheint, so ist doch offenbar das auf
einem Fleck stehende Schraubenflugzeug mehr durch Böen gefährdet,
als das schnell vorwärtsgleitende Drachenflugzeug, dessen Eigengeschwindigkeit
die der Luftwirbel weit übertrifft. So ist auch das bisher erfolgreichste
Schraubenflugzeug durch mangelhafte Stabilität zum Absturz gekommen.
Es ist das von Prof. Karman in Wien während des Kriegs erbaute Fessel-Schraubenflugzeug,
das sich bis zu 50 m Höhe erhoben hat. Dieses Flugzeug besaß
zwei gegenläufige übereinander angeordnete Hubschrauben, die
von drei Umlaufmotoren von je 120 PS Leistung angetrieben wurden. Über
den Haubschrauben befand sich der Führerstand. Das ganze Flugzeug
wog 1300 kg und entwickelte eine Hubkraft von 1800 kg, konnte also eine
große zusätzliche Last heben. Diese bestand zum großen
Teil aus drei Drahtseilen, die das Flugzeug fesselten und es im Gleichgewicht
halten sollten. Es zeigte sich jedoch, daß auch diese Vorsichtsmaßregeln
nicht genügten, um den Absturz des Flugzeugs zu verhindern.
Es ist eben der große Nachteil aller dieser Schraubenflugzeuge,
die durch schnellaufende Hubpropeller mit schmalen Flügeln von kleiner
Fläche gehoben werden, daß ihnen die große Tragfläche
fehlt, die hinreichend dämpfend wirken und vor allem beim Versagen
des Motors der Absturz verhindern könnte. Dies haben viele Konstrukteure
auch schon eingesehen und versucht, langsam umlaufende Hubschrauben mit
Flügeln von der Größe der Tragflächen eines normalen
Flugzeugs zu verwenden. So einfach dieser Ausweg erscheint, so schwierig
ist er in der Praxis zu beschreiten. Der große Vorteil des schnellaufenden
Propellers ist nämlich der, daß er ohne große Kraftwirkung
an der Nabe doch große Auftriebskräfte erzeugen kann. Die Kraftwirkung
am Flügel geht so vor sich, daß die schräg zur Bewegungsrichtung
gestellte Fläche die Luft unter sich faßt und zurückdrängt;
dadurch entsteht ein Gegendruck am Flügel, der als Auftriebskraft
in Erscheinung tritt. Gleichzeitig tritt aber auch durch den Stau der
Luft und ihre Reibung am Flügel eine Kraft am Flügel auf, die
sich dessen Bewegung widersetzt und durch die Motorkraft überwunden
werden muß. Je weiter von der Achse entfernt diese Widerstandskraft
nun wirksam wird, um so länger ist der Hebelarm, an dem sie wirkt
und umso stärker beansprucht sie die Flügelkonstruktion, die
Nabe und die Welle. Die großen Flügelflächen der langsam
sich drehenden Hubschrauben müsen nun aber, damit sie eine hinreichende
Geschwindigkeit erreichen, weit von der Achse abrücken. Ihre Konstruktionsteile,
insbesondere die Wellen müssen also sehr widerstandsfähig gebaut
werden und fallen darum sehr schwer aus. Dazu kommt noch, daß zwischen
den schnellaufenden Motor und diese Schraubenwellen noch ein Übersetzungsgetriebe
eingeschaltet werden muß. es zeigt sich, daß man, um das zulässige
Gewicht nicht zu überschreiten, diese Teile gar nicht fest genug
herstellen kann, so daß der Bau eines solchen Flugzeugs sehr wenig
Erfolg verspricht. Tatsächlich hat man von einem amerikanischen Flugzeug
dieser Art, von dem die Zeitungen vor seiner Erprobung viel zu erzählen
wußten, nach der Fertigstellung nichts mehr gehört. Es ist
dies das Schraubenflugzeug von Crocker und Hewitt.
Da sind nun neuerdings zwei Franzosen, Papin und Rouilly, auf einen ganz
eigenartigen Gedanken gekommen. Sie verwenden ebenfalls eine großflügelige
Hubschraube, aber sie verlegen die Antriebskraft an deren Umfang statt
in die Achse. das erscheint recht sonderbar, ist aber tatsächlich
dadurch zu erreichen, daß sie den Flügel hohl bauen und einen
Luftstrom hindurchtreiben, den sie außen, wie bei dem bekannten
Segnerschen Wasserrad, nach rückwärts ableiten. Der Rückdruck
des austretenden Strahls treibt die flügel an. Um den Luftstrom zu
erhalten, ist ein kräftiger Ventilator eingebaut, der vom Flugzeugmotor
angetrieben wird. Imdrehpunkt sitzt in Kugellagern eine Art Topf mit einem
Schwimmer; das ist der Führerraum. damit dieser teil nicht von dem
umlaufenden Flügel, in dem er sitzt, mitgenommen wird, erhält
er ein röhrenförmiges Steuer, durch das ein Luftstom von solcher
Stärke getrieben wird, daß der Führersitz stillsteht und
der Flügel sich um ihn herumdreht.
Ursprünglich
hatten die Erfinder wie bei einem gewöhnlichen Propeller zwei einander
gegenüberliegende Flügel vorgesehen. Jetzt haben sie aber ein
ganz eigentümliches Flugzeug mit nur einem Flügel gebaut (siehe
Abbildung). Fast scheint es unmöglich, daß dieser Apparat
überhaupt fliegen könnte, da doch der Luftstützpunkt auf
der einen und das Hauptgewicht auf der anderen Seite liegt. Und doch zeigt
eine schöpfung der Natur, daß dieses Problem zu lösen
ist. Denn es gibt ein geflügeltes Samenkorn, dasjenige der Sykomore,
das ebenfalls nur einen Flügel besitz und doch schnell herumwirbelnd
in stetigem ruhigen Fluge, vom Winde über weite Strecken fortgetragen,
sich zur Erde senkt.
Wie ist es wohl möglich, daß dieses Gebilde im Gleichgewicht
bleibt? Nun, des Rätsels Lösung liegt in der Zentrifugalkraft.
Sehen wir uns einmal unser Flugzeug genauer an, das diesem Samen nachgebildet
ist. Auf der einen Seite des Drehpunktes liegt der leichte Flügel,
auf der anderen in kürzerer Entfernung der schwere Motor. Wenn das
Flugzeug auf dem Sitzschwimmer ruht, sind beide Lasten ausgeglichen. Läuft
nun das ganze System rasch um, so ziehen die Zentrifugalkräfte beider
Massen so stark nach außen, daß das Ganze etwa wie zwischen
enorm starken Gummibändern eingespannt schwebt. Wenn dies der Fall
wäre, so könnte man vergeblich versuchen, das Flugzeug zum Kippen
zu bringen; so wirkt also die Zentrifugalkraft ähnlich wie beim Kreisel
auch hier stabilisierend. Wenn einmal der Motor versagt, so muß
der Luftdruck das Flugzeug, ähnlich wie bei dem Samen, in Drehung
halten. Ob aber der Übergang aus dem einen Zustand in den anderen
so glatt gelingen wird, erscheint doch recht zweifelhaft.
Aus alledem ergibt sich, daß sich das alte Schraubenflugzeug recht
hartnäckig gegenüber den Erfindern und Konstrukteuren zeigt,
und es fast den Anschein, als ob die Technik in der Ausbildung des Drachenflugzeugs
doch wohl den einzig gangbaren Weg beschritten habe.
Quelle: Die weite Welt, ein Buch der
Reisen und Abenteuer, Erfindungen und Entdeckungen; © 1924 by Rascher
Cie. A.-G., Verlag, Zürich; Jadu 2001
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