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San Franzisco - Neuyork (New York) in acht Stunden

Graphische Darstellung des Schroederschen Vorschlags, für den Flug San Franzisco - New York die Gegenpassatzone in 12. 000 (nicht 1. 200) m Meereshöhe
zu benützen und deren hohe Windgeschwindigkeit zur Beschleunigung des Flugzeugs zu verwenden. Um die gedachte Flughöhe zu veranschaulichen,
hat der Zeichner den Mount Everest und den Mount Mc Kinley auf die Flugstrecke versetzt.
(Nach "Scientific American")

Jules Verne ist zwanzig Jahre zu früh gestorben. Zu seiner Zeit war es eine fabelhafte Leistung, in 80 Tagen eine Reise um die Welt zu machen, aber was für Wetten könnte der unsterbliche und phlegmatische Abenteurer Phileas Fogg heutzutage abschließen! er könnte zum Beispiel wetten, in 8 Stunden von san Franzisco nach New York zu fahren, früh morgens in San Franzisco abzureisen und in New York das zweite Frühstück einzunehmen!

Allerdings wäre er zum Dinner, wie man in Amerika unsere Abendmahlzeit nennt, noch nicht wieder in San Franzisco zurück.
Die Reise würde im Flugzeug und zwar in beträchtlicher Höhe von etwa 10 km über dem Meere ausgeführt werden müssen. Die Entfernung von San Franzisco nach New York beträgt in der Luftlinie gemessen 4160 km; also würden in der Stunde 553 km zurückzulegen sein. Mister Fogg wird gut daran tun, einige Pelzmäntel übereinander anzuziehen und sich mit einem Sauerstoffapparat zu versehen, denn die Versorgung mit Atemluft dürfte in solcher Höhe und bei einer derartigen Geschwindigkeit sehr zu wünschen übrig lassen.

Natürlich steckt ein Geheimnis dahinter, denn bis heute ist es der menschlichen Technik noch nicht gelungen, ein Fahrzeug zu Lande, zu Wasser oder in der Luft zu bauen, das aus sich selbst 553 km in der Stunde zurücklegt. Ein amerikanischer Flieger, Major R. W. Schroeder, hat dieses Geheimnis durch Zufall entdeckt, als er Versuche im Höhenflug anstellte. Eines Tages startete er von Mc. Cookfield bei Dayton, schraubte sich auf etwa 10 km Höhe empor und flog 1 ½ Stunden lang mit gegen 160 km/h nach Westen. Dann landete er und fand sich zu seinem Erstaunen - 320 km östlich von Dayton. Wiederholte Versuche hatten mit geringen Unterschieden dasselbe ergebnis. Daraus ging hervor, daß dort in einer Höhe von etwa 10 km eine Luftströmung von West nach Ost mit über 450 km stündlicher Geschwindigkeit bestand, und zwar nicht nur zufällig, sondern dauernd, wie die Wiederholung der Höhenflüge zu verschiedenen Zeitpunkten zeigte.

Es handelte sich bei dieser Luftströmung um den Gegenpassatwind und die Gegenpassatzone, die der kühne Flieger erreichte; sie war der Wissenschaft bisher nur in der Theorie bekannt, d. h. man folgerte aus gewissen Voraussetzungen, daß sie bestehe. Etwa 20 Grad nördlich und südlich vom Äquator herrscht eine beständige Luftströmung von Ost nach West vor, die teils infolge der Erwärmung unserer Atmosphäre durch die Sonne, teils durch die Rotationsbewegung der Erde entsteht: der Passatwind. Und da die Erde umgebende Luftschicht ein bestimmtes Volumen hat und denselben Gesetzen unterworfen ist wie die andern Körper, so folgt, daß die in den Passatwinden dauernd nach Westen strömende Luft gleichsam aus Gründen des Gleichgewichts irgendwie und irgendwo wieder in den Osten zurückkehren muß. Nun beschreiben aber die Passate, wie die eingehende Erforschung und der Vergleich ihres Verlaufs auf beiden Erdhalbkugeln ergab, keinen geschlossenen Kreis um die Erde. Mithin muß die Strömung irgendwo abbrechen und zurückströmen. Solche Gegenströmungen, d. h. Winde, die auf beiden Halbkugeln nach Osten wehen, bestehen auch und wurden seit langem, wie jeder aus der Geographiestunde weiß, als Gegenpassatwinde bezeichnet. Aber sie wehen weder so regelmäßig wie die Passatwinde, noch in genügender Stärke, um den ganzen Ausgleich der großen Passatströmung darzustellen; denn soviel Luft mit den Passaten von Osten nach westen strömt, muß notwendigerweise in der Gegenpassatzone wieder von Westen nach Osten zurückkehren. Demnach war zu schließen, daß außer den bekannten unregelmäßigen Gegenpassatwinden irgendwo in den unerforschten höheren Luftbezirken eine beständige Luftströmung nach Osten herrschen müsse, der eigentliche Gegenpassat, der den Ausgleich zur Ost-Westströmung bildet. In diesen Luftstrom ist das Flugzeug Schroeders hineingeraten, und während 1 ½ Stunden lang mit gegen 160 km/h vom Startplatz bei Dayton nach westen flog, trieb es die dreimal stärkere Gegenströmung der Luft, der Gegenpassat, 320 km nach Osten hinter Dayton zurück.

Die Erddrehung spielte dabei unmittelbar keine wesentliche Rolle. Der Flieger bleibt am Boden wie in der Luft dem Einfluß der Erdrotation von 1670 km in der Stunde unterworfen, sie auch wir in jedem Augenblick mitmachen, ob wir wollen oder nicht. Vergrößert sich der Radius, so wächst die Rotationsgeschwindigkeit entsprechend, aber die Entfernung eines Flugzeugs von der Erde fällt dabei nur wenig ins Gewicht: in 11 km Höhe ist die Rotation erst etwa 72 km in der Stunde größer als in Meereshöhe. alle andern einflüsse ungerechnet würde ein Flugzeug, das in 11 km Höhe unbeweglich in der Luft stehen bliebe und nach einer Stunde wieder landete, nur 3,2 km westlich vom Startplatz die Erde erreichen.

Schroeder beabsichtigt, die Gegenpassatströmung praktisch auszunutzen. Er will in San Franzisco starten, sich in die Gegenpassatzone hinaufbegeben und dort sein Flugzeug mit höchster Motorkraft nach Osten führen. Wind- und Motorkraft würden dann zusammenwirken und eine durchschnittliche Geschwindigkeit von etwa 550 km in der Stunde ergeben. Würde Mister Fogg die Reise als beherzter Passagier mitmachen, so käme er nach achtstündiger rasender Luftfahrt in New York an und könnte, falls er noch nicht ganz zu Eis erstarrt ist, bei delmonico oder im Astorhaus das in der Wette vereinbarte Frühstück einnehmen.

W. B.

Quelle: Die weite Welt, ein Buch der Reisen und Abenteuer, Erfindungen und Entdeckungen; © 1924 by Rascher Cie. A.-G., Verlag, Zürich; Jadu 2001


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