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Alkuin und die Schule zur Zeit Karls des Großen

Im Jahre 735 wurde der Familie eines angesehenen Angelsachsen in der Nähe der Stadt York im Königreich Northumbria ein Knabe geboren. Noch vor seiner Geburt beschlossen die Eltern, das Kind in ein Kloster zu geben. Deshalb gaben sie ihm den Namen Alchwin, was auf Angelsächsisch soviel wie "Freund der Kirche" heißt. Später wurde der Name Alchwin in Alkuin umgewandelt. Unter diesem Namen kennt ihn auch die Geschichte. Alkuin verbrachte nur die ersten seiner Kindheit im elterlichen Hause; als er sieben Jahre alt war, wurde er dem Kloster in der Stadt York übergeben.

Zu jener Zeit bestand in Westeuropa der Brauch, schon kleine Kinder zur Erziehung in die Klöster aufzunehmen, um sie zu Mönchen vorzubereiten. Solche Knaben wurden die "Vorbestimmten" genannt (Lateinisch: pueri oblate). Für sie wurde im Kloster eine kleine Schule unter der Leitung eines gelehrten Paters eingerichtet. Er unterrichtete sie in der lateinische Sprache, im Lesen der Messebücher, im Meßgesang, er führte sie in die Kirche zu allen Meßdiensten, weckte sie mitten in der Nacht, um sie zum nächtlichen Gottesdienst zu bringen. Man lehrte sie auch die Wissenschaften, soweit sie damals zum Pensum der Mittelschulen gehörten.

Alles dies mußte auch der kleine Alkuin durchmachen. Es war keine leichte Aufgabe. Damals waren alle Bücher in lateinischer Sprache geschrieben. In der Klosterschule war es den Schülern sogar verboten, miteinander angelsächsisch zu sprechen; auch hier galt das Latein als obligatorisch. Der ganze Unterricht wickelte sich in dieser Sprache ab. Um lernen zu können, mußte man erst die lateinische Sprache verstehen. Die Neuangekommenen mußten zuerst die gesamten Psalmen auswendig lernen, das sind 150 heilige Gesänge, die man dem althebräischen König David zuschrieb und die damals in die lateinische Sprache übersetzt worden waren. So ging es auch Alkuin. Als er die 150 Psalmen auswendig konnte und die Bedeutung eines jeden Wortes begriffen hatte, das handschriftlich im Psalmenbuch stand, besaß er einen ausreichenden Vorrat an lateinischen Wörter und hatte das Alphabet kennengelernt. Er gewöhnte sich daran, Geschriebenes zu lesen, und verstand jetzt auch die lateinischen Worte seiner Lehrer. Dann begann der Unterricht in den eigentlichen Lehrfächer. Die erste Wissenschaft, in die er eingeführt wurde, war die lateinische Grammatik. Hier mußte er auswendig lernen: Was ist die Grammatik, wie ist sie eingeteilt, was ist ein Buchstabe, was ist eine Silbe, welche Buchstaben sind Selbstlaute und Mitlaute usw. Nachdem die Bestimmung eines jeden Teils des Satzbaues durchgenommen worden war, begannen die Übungen im Deklinieren und Konjugieren.

Das alles war nicht leicht. Aber Alkuin besaß ein ausgezeichnetes Gedächtnis und einen klaren Verstand. Er merkte sich die Erklärung der Lehrer sehr schnell und kannte bald jede Regel auswendig. Ihm gefiel besonders, daß man zu jeder Regel Beispiele in Versen des römischen Dichters Vergil gab. Das rhythmische Sprechen der Verse war dem Ohr angenehm, und die Gestalten, die in den Bruchstücken der Dichtung vorkamen, regte die Phantasie an. Alkuin konnte nicht nur alle Versbeispiele zu den grammatischen Regeln auswendig, sondern er fand in der Klosterbibliothek noch ein altes Manuskript mit den Werken Vergils und las sie mit Begeisterung. In seinem einförmigen Leben war kein Platz für kindliche Spiele und Zerstreuung, und so wurde das Studium seine Hauptfreude. Ganz besonders begeisterte ihn die "Aeneis". In dieser Dichtung wurde geschildert, wie der Trojaner Aeneas mit seinen Getreuen aus dem von den Griechen in Brand gesteckten Troja entfloh, wie er lange auf dem Meere umherirrte, nach Karthago (Tunesien) gelangte, wo die schöne Dido herrschte; wie sie Aeneas liebgewann und sich vor Liebeskummer ins Feuer stürzte und verbrannte, als Aeneas sie verließ, um nach Italien zu fahren. Das alles war so mitreißend geschildert! Nur eines bestürzte den Knaben: Sowohl Vergil als alle seine Helden waren Heiden, die keinen christlichen Glauben kannten. Vor seinen Erziehern jedoch, dem Mönchen, hörte Alkuin tagtäglich, daß alle Heiden Feinde Christi seien, die dafür im Jenseits von Teufeln im höllischen Feuer mit allerlei Qualen gemartert würden. Manchmal fühlte sich Alkuin verwirrt: Würde er nicht seine Seele zugrunde richten mit dem Lesen und Lernen der heidnischen Dichtung?

Es gab noch einen Grund zur Betrübnis des kleinen Alkuin. Jede Nacht mußten alle "vorbestimmten" Knaben auf das Klopfen des Wächters auf einen eisernen Schild hin aufstehen und sich in die Kirche zum nächtlichen Gottesdienst begeben.

Ach, wenn man doch nachts nicht aufzustehen brauchte! Wie schön wäre es, sich mit dem Kopf unter der decke verkriechen zu können und wieder einzuschlafen! Er versuchte auch einige Male, sich unter der decke vor den Augen der Erzieher zu verstecken. Aber sie schreckten ihn dafür mit dem Hinweis auf die Strafe im Jenseits, wo ihn von den Krallen der Teufel allerhand erwartete!

Im Kloster lebte ein Mönch aus dem Bauernstande. Er bat den Schulleiter um einen Schüler, der mit ihm zusammen in der Zelle die Nacht verbringen sollte. Der Erzieher sandte ihm Alkuin. Für Alkuin war das von Nutzen: Der Mönch hatte einen festen Schlaf und ging nie während des nächtlichen Gottesdienstes in die Kirche. Mit ihm schlummerte auch Alkuin friedlich. Nur eines bedrückte ihn oft: Er erinnerte sich an die Erzählung über die Teufel und die höllischen Qualen und grübelte darüber nach, ob er sich irgendwann einmal für den nächtlichen Schlaf und die Begeisterung für Vergil verantworten müsse.

Einst hatte der bäuerliche Mönch zum Abend den Ofen kräftig geheizt und sich dann schlafen gelegt. In der Zelle war es heiß und schwül. Alkuin hatte einen schweren Schlaf. Im Schlaf vernahm er, wie der Wächter an seinen eisernen Schild schlug und die Mönche zum nächtlichen Gottesdienst zusammenrief. Und mit einem Male schien es den Knaben, als sei das ganze Zimmer voll von schrecklichen Teufelsgestalten, die begannen, den schlafenden Mönch zu prügeln. Alkuin verkroch sich unter seine Decke und begann zu beten. Er gelobte, nie mehr die nächtlichen Gottesdienste zu versäumen und nie wieder den Vergil, den Heiden, zu studieren. Und ihm war, als ob einer der Teufel fragte: Wer liegt dort unter der Decke versteckt? - Die Teufel warfen sich auf Alkuin. Er begann laut ein Gebet herzusagen und erwachte. Kaum erwacht, lief er in die Kirche.

So berichtet Alkuin viele Jahre später von sich selbst, als er selbst Erzieher in der Klosterschule war. Was ihm damals im schweren Traum erschienen war, sah er für die Wirklichkeit an. Diese Erzählung zeigt, unter welchen Bedingungen damals die Schüler in den Klosterschulen erzogen wurden, und womit die Erzieher, die Mönche, ihnen die Köpfe füllten.

Inzwischen nahm das Lernen seinen Fortgang. Alkuin hatte die gesamte Grammatik zu Ende studiert. Nunmehr ging man zur nächsten Wissenschaft über: zur Rhetorik, der Kunst der Redegewandtheit. Hier wurden die Syntaxregeln und die Stilistik durchgenommen, man übte sich in der Ausarbeitung der schriftlichen und mündlichen Predigten. Die Beispiele wurden meistens den alten römischen Rednern entlehnt, manchmal auch aus den Werken der Kirchenväter genommen.

Nach der Rhetorik kam die Dialektik an die Reihe. So hieß die Kunst des logische Denkens und die Begriffsbestimmung des gesprochenen Wortes sowie der Aufbau der Schlußfolgerungen. Später nannte man diese Wissenschaft Logik. Diese Wissenschaft beanspruchte viel Zeit und Kraft. Auf ihre Art waren das gymnastische Übungen des Geistes, die Alkuin späterhin gut zustatten kamen. Dann folgte die Arithmetik - vor allen Dingen die Addition und Subtraktion, weil in der Multiplikation und Division die Lehrer selber nicht stark waren. Damals verwendet man noch die römischen Ziffern; man versuchte einmal, mit römischen Ziffern eine dreistellige Zahl zu einer anderen zu addieren; es wird sich zeigen, daß das keine leichte Sache ist. Man löste auch arithmetische Probleme. Im Kloster gab es eine Sammlung von Problemen, die von dem berühmten Magister Beda zusammengestellt worden waren, dessen Andenken von den angelsächsischen Mönchen hoch in Ehren gehalten wurde. Einige dieser Probleme waren weniger arithmetische Übungen als Prüfstein für die Entwicklung der Auffassungsgabe, Folgende Aufgabe und Probleme zum Beispiel mußte Alkuin in der Schule lösen:
"Ein Mensch sagte auf einem Spaziergang zu ihm entgegenkommenden Personen: "Ich wünsche, ihr wäret doppelt soviel, als ihr seid, und dazu noch die Hälfte der Hälfte dieser Zahl, und davon noch einmal die Hälfte; dann wären es zusammen mit mir genau hundert." Wer weiß, wieviel Personen ihm entgegenkamen?" Die Antwort im Rechenbuch lautete: "Jene, welche er erblickt hatte, zählten 36. Verdoppelt wären es 72. Die Hälfte der Hälfte ist 18. Davon noch einmal die Hälfte ist 9. Zusammengezählt: 72 + 18= 90; dazu noch 9 sind 99. Zusammen mit dem Sprecher sind es 100."
Eine andere Aufgabe: "Wieviel Spuren hinterläßt ein Ochse, der den ganzen Tag geackert hat?" Die Antwort darauf lautet: "Vom Ochsen werden keine Spuren übrigbleiben; weil hinter ihm der Pflug folgt, der die ganzen Spuren zuackert."
Und noch eine Aufgabe:
"Ein Mensch sollte einen Wolf, eine Ziege und ein Bund Kohlköpfe über den Fluß setzen. Er konnte kein anderes Boot auftreiben als eines, in dem er und eins von ihnen Platz hatten. Es war ihm anbefohlen, alles unversehrt auf die andere Seite zu bringen. Wer weiß, auf welche Weise er sie alle unversehrt hinüberschaffte?" Die Lösung im Aufgabenbuch lautete: "Zuerst wird die Ziege übergesetzt und der Wolf mit dem Kohle allein gelassen; dann kehrt man zurück und bringt den Wolf hinüber. Die Ziege nimmt man wieder mit und bringt den Kohl auf die andere Seite; zum Schluß holt man die Ziege wieder nach."

Die Mönche bedienten sich der Arithmetik nur für praktische Zwecke. Sie brauchten sie vor allem, um die Daten des Osterfestes und andere Feiertage zu errechnen. Dasselbe traf auch auf die große Fastenzeit zu.I n der christlichen Kirche gehört Ostern zu den beweglichen Feiertagen. Es fällt immer auf den ersten Sonntag nach dem Vollmond, der auf die Frühjahrs-Tagundnachtgleich(21. März) folgt. Um das alles im voraus festzustellen, mußten viele mühsame Berechnungen durchgeführt werden. In diesen Fragen galt der schon erwähnte Magister Beda als großer Meister. Nach seinen Büchern wurde auch Alkuin in dieser schwierigen Angelegenheit unterrichtet.

Nach der Arithmetik kam die Geometrie an die Reihe. Doch die Mönche waren auch darin nicht sehr stark. Sie vermochten Alkuin nur die allgemeinen Regeln beizubringen: Was ist ein Quadrat, ein Rechteck, ein Dreieck, ein Kreis; wieviel macht die Summe der Winkel eines Dreiecks aus und noch einiges ähnlicher Art. Alles das mußte auswendig gelernt und ohne Beweise hingenommen werden, weil die Lehrer die Beweise auch nicht vorrechnen konnten. Der Geometrie waren noch einige Erkenntnisse beigefügt, die wir heutzutage zu den Naturwissenschaften zählen.

Dann unterrichtete man Alkuin in der Astronomie. Die Sterne des Himmelsgewölbes und ihren Lauf kannte man damals schon gut. Auch der Weg der Planeten wurde beobachtet. Aber die Erklärung dieser Bewegung war falsch: Man glaubte noch, daß Sonne, Mond und Sterne sich in einem komplizierten System um die Erde drehen. So lehrte es einst der griechische Astronom Ptolemäus; die mittelalterliche Wissenschaft bediente sich ebenfalls dieser Lehre. Mit der Astronomie war die Astrologie verbunden, das heißt die Wahrsagerei aus den Sternen, ein Versuch, aus dem Sternenlauf die Zukunft vorherzusagen. Die siebente Wissenschaft endlich war die Musik. Am Musikunterricht nahm Alkuin schon seit den allerersten Tagen seines Klosteraufenthalts teil. Wie die übrigen Schüler wurde er bald in den Kirchenchor eingereiht und nahm am Gottesdienste teil. Der Gesang der heiligen Hymnen, der Psalmen und Gebete wurde tagtäglich im Kloster geübt. Alkuin erlernte die Motive dieser Gesänge nach dem Gehör. Um eine Melodie schriftlich festzuhalten, benutzte man damals besondere Zeichen; aber diese waren unvollständig, und es war schwer, nach ihnen zu singen, wenn man die Melodie nicht mit dem Gehör erfaßt hatte. Schon von Kindheit an hatte sich Alkuin damit beschäftigt, und als Jüngling, gegen Ende seiner Schulausbildung, nahm er sich die schwere Musiktheorie des gelehrten Römers Boethius vor.

So hatte Alkuin im Verlauf mehrerer Jahre sieben Wissenschaften erlernt, die alle zusammen die "Sieben freien Künste" hießen. Daneben las er viel aus dem Leben der Heiligen, aus der Kirchengeschichte und anderen religiösen Schriften. Aber er las auch die Chroniken der mönchischen Geschichtsschreiber nebst einigen Werken der Schriftsteller des Altertums. Außerdem übte er sich fleißig im Schreiben lateinischer Gedichte.

Das Schulleben verlief nach strengen Regeln. Freunde, Heiterkeit und vergnügen waren verpönt. Für Fehltritte und Ungehorsam gab es Prügelstrafen, auch für Alkuin. Aber er war ein begabter und folgsamer Schüler. Darum hatte er weniger unter den Ruten seiner Erzieher zu leiden als die meisten seiner Mitschüler. In diesen schweren Jahren des Erlernens der Schulweisheit hatte er eine starke Neigung zu den Büchern gefaßt. In jeder freien Minute widmete er sich dem Lesen. In der Schule war es üblich, den Schülern Beinamen aus der römischen Geschichte zu geben. Alkuin wurde von seinem Erzieher, Publius Albinus genannt. Auch seine Mitschüler fingen an, ihn Albin zu rufen.
Elbert, der Erzieher Alkuins, hatte eine große Vorliebe für ihn und begann nach und nach, , ihn mit der Erziehung der jüngeren Schüler zu beauftragen. So wurde allmählich aus dem Schüler Alkuin der Lehrer Alkuin.

Einst geschah es, daß Elbert sich auf eine weite Reise nach Rom begeben mußte. Elbert nahm Alkuin mit sich. Diese Reise vervollständigte die Ausbildung des jungen Mannes, der bis dahin nur in den seltensten Fällen die Mauern seines Klosters verlassen hatte. Auf dieser Reise bemühten sich Elbert und Alkuin, Bücher aufzutreiben, die es in England damals noch nicht gab. Die Rückreise traten sie mit einer Last von Säcken voller Manuskripte an. Auf der Durchreise durch das Frankenreich trafen sie mit dem jungen König der Franken, Karl, zusammen. Er forderte sie auf, in seinem Reich zu bleiben, weil die Wissenschaften dort stark in Verfall geraten waren. Aber unsere Reisenden zogen es vor, in die Heimat zurückzukehren.

Einige zeit später wurde Elbert zum Erzbischof von York ernannt. Die Leitung der Schule übertrug er Alkuin. Er machte ihn auch zum Klosterbibliothekar, worüber sich Alkuin sehr freute; denn mitten unter den Bücher zu leben, erschien ihm als ein großes Glück. Bald war Alkuin in ganz England als Lehrer berühmt. Junge Mönche aus anderen Orten suchten das Kloster bei York auf, um ihr Wissen zu erweitern.
Im Jahre 780 starb Elbert. An seiner Stelle wurde ein neuer Erzbischof gewählt. Aber man mußte vom Papst in Rom noch die Bestätigung erwirken. Zu diesem Zweck wurde Alkuin nach Rom gesandt. Er erfüllte seinen Auftrag erfolgreich. In Italien traf er noch einmal mit dem fränkischen König Karl zusammen, der kurz vorher das Königreich der Langobarden in Norditalien erobert und sich mit der Langobardenkrone hatte krönen lassen.

Karl drang lange und inständig in Alkuin, sich mit ihm nach dem Frankenreich zu begeben, wo es sehr an gebildeten Männern fehlte. Diesmal versprach Alkuin, seiner Bitte Folge zu leisten. Er kehrte nach York zurück und berichtete über seine erfolgreiche Reise, ging aber bald darauf an den Hof Karls. Einige seiner Schüler und auch mehrere Bücher, an welchem im Frankenreich großer Mangel herrschte, nahm er mit sich.

So kam Alkuin an den Hof Karls des Großen. Karl nahm ihn freundlich auf und bestimmte die Einkünfte dreier Klöster zu seinem Unterhalt. Karl wollte vor allem selber bei Alkuin lernen: dieser sollte aber auch Karls Söhne und Töchter unterrichten. Alkuin wurde zum Hoflehrer und -erzieher ernannt. Karl hatte schon früher bei einem italienischen Gelehrten Grammatik studiert. Bei Alkuin wollte er weiterlernen und sich in der Rhetorik und Dialektik ausbilden lassen. Alkuin arbeitete viel mit dem König und stellte für diesen Unterricht neue Lehrbücher über diese Wissenschaften zusammen. Weil Karl sich in der Rhetorik am meisten für die Praxis interessierte, belehrte ihn Alkuin in den Unterrichtsstunden ausführlich über die römische Rechtsprechung und über die Art und Weise, in der die römischen Gerichtsredner ihre Prozeßreden zusammenstellten. Seine Beispiele entnahm er meistenteils dem römischen Redner Cicero, der im Altertum berühmt war. Von dem Studium der römischen Gerichtsreden ging Alkuin zu den Fragen der christlichen Sittlichkeit über.

Zu gleicher Zeit unterrichtete Alkuin auch die drei Söhne Karls. Mit den beiden ältesten übte er Grammatik. Mit ihnen zusammen lernten auch noch andere Jugendliche, die Söhne der Vertrauten Karls. Ähnlich wie für den König, stellte er auch für sie neue Lehrbücher zusammen und versuchte dabei, die trockene Grammatik dadurch schmackhaft zu machen, daß er sie in der Art eines Dialoges darstellt. So entstanden drei grundlegende Lehrbücher Alkuins, die ihn zu seiner Zeit berühmt machten: die Lehrbücher der Grammatik, der Rhetorik und der Dialektik. Die Grammatik wurde noch durch Regeln für die Rechtschreibung ergänzt.

Das Lehrbuch der Grammatik von Alkuin begann folgendermaßen: "In der Schule des Magisters Albin (Alkuin) waren zwei Knaben, der eine ein Franke, der andere ein Sachse. Vor nicht allzu langer Zeit hatten sie sich in das dichte Gestrüpp der Grammatik begeben. Sie empfanden Lust darauf, einige Regeln der philosophischen Wissenschaft zum besseren Verständnis mittels Fragen und Antworten genau zu bestimmen.

Zu Beginn sagte der Franke zu dem Sachsen: "Also, Sachse, beantworte du mir die Fragen, denn du bist der Ältere. Ich bin vierzehn Jahre, und du bist, glaube ich, fünfzehn Jahre alt." Darauf antwortete der Sachse: "Ich bin einverstanden. Aber wenn du etwas Schweres oder etwas aus der philosophischen Wissenschaft wissen willst, so mußt du den Lehrer fragen." Darauf erwiderte der Lehrer: "Kinder, mir gefällt eure Absicht, und ich werde eure Wißbegierde gerne befriedigen. Sag mir aber zuerst, womit ich nach eurer Meinung meine Erörterung beginnen soll!"
Schüler: Natürlich mit den Buchstaben.
Lehrer: Das wäre gut gewesen, wenn ihr nicht vorher von der Philosophie gesprochen hättet. Die Unterhaltung muß mit der Erörterung des Lautes beginnen, für den die Buchstaben erfunden worden sind. Man muß sich vor allem darüber klar werden, wie man die Erörterung führen will.
Schüler: Bitte, Lehrer, erkläre uns das.
Lehrer: Jede Erörterung oder Streitrede setzt sich aus folgenden drei Dingen zusammen: dem Gegenstand, dem Sinn und den Lauten. Die Gegenstände sind die Dinge, die wir verstandesmäßig erfassen; der Sinn ist das, womit wir die Gegenstände erkennen; die Laute sind das, womit wir die Begriffe ausdrücken. Aus diesem Grunde wurden auch die Buchstaben erfunden. - Jetzt, Kinder, beginnt mit den Buchstaben!
Der Franke: Sag mir, Sachse, woher kommt das Wort "litera"? (Litera bedeutet Buchstabe.)
Der Sachse: Ich glaube, von dem dem Wort "Letera", welches Weg zum Lesen bedeutet. (Lateinisch lego heißt lesen und iter heißt Weg.)
Der Franke: Gib die Bestimmung des Buchstabens!
Der Sachse: Der Buchstabe ist der kleinste teil der artikulierten Rede.
Schüler: Bitte, Lehrer, haben die Buchstaben keine andere Bestimmung?
Lehrer: Sie haben eine, aber in einem übertragenen Sinne. Die Gedanken verteilen wir auf die Worte der Rede, die Wörter teilen wir in Silben und die Silben in Buchstaben. Die Buchstaben hingegen sind unteilbar.
Der Franke: Bitte, Freund, erkläre die Gliederung der Buchstaben.
Der Sachse: Es gibt Selbstlaute und Mitlaute. Die Mitlaute teilen wir ein in Halblaute und Stumme. Die Selbstlaute sprechen sich selber aus und bilden damit selber die Silben. Die Mitlaute können in keinem Falle für sich selbst ausgesprochen werden und Silben bilden.
Schüler: Bitte, Lehrer, gibt es keine andere Grundlage für diese Gliederung?
Lehrer: Es gibt eine: Die Selbstlaute sind wie die Seelen und die Mitlaute wie der Körper. Die Seele bewegt sich selber, der Körper ist ohne Seele unbeweglich. So ist es auch bei den Mitlauten ohne Selbstlaute ; man kann sie einzeln hinschreiben, aber sie können nicht ausgesprochen werden und können keinen Sinn vermitteln.
Der Franke: Woher kommt die Bezeichnung "Selbstlaut" und "Mitlaut"?
Der Sachse: Die Selbstlaute heißen deshalb so, weil sie stimmhaft sind und die Stimme ohne Hilfe der Mitlaute, der Stimmlosen, wiederzugeben vermögen. Die Mitlaute heißen so, weil sie selbst stimmlos sind, aber zusammen mit den Selbstlauten stimmhaft werden.
Der Franke: Was ist eine Silbe?
Der Sachse: Ein geschriebener Laut, der in einem Atemzug gesprochen wird.
Der Franke: Wieviel Buchstaben können eine Silbe bilden?
Der Sachse: Von einem bis zu sechs.
Der Franke: Hat die Silbe in sich selbst einen Sinn?
Der Sachse: Nein, wenn nicht das ganze Wort aus einer Silbe besteht.
Dann bitten die Schüler den Lehrer, die Bedeutung des Wortes "grammatica" zu bestimmen.
Der Lehrer erklärt: Die Grammatik ist eine philologische Wissenschaft, die über das richtige Sprechen und das richtige Schreiben wacht.
Er fordert die Schüler auf, zu den Teilen der Rede überzugehen. Die Schüler sind einverstanden, bitten den Lehrer aber, ihnen zuerst die Eigenschaften eines jeden Teils der Rede zu erklären.
Der Lehrer bemerkt: Eure Wißbegierde kennt keine Grenzen! Indessen erklärt er wie folgt: Die Eigenschaft des Namens ist die Bezeichnung des Wesens, der Qualität oder Menge. Die Eigenschaft des Fürwortes ist, an Stelle des Namens zu stehen und gewisse Personen zu bezeichnen. Die Eigenschaft des Verbs ist, die Handlung oder einen passiven Zustand zu kennzeichnen. Die Eigenschaft des Umstandwortes ist, zusammen mit dem Verbum zu stehen, weil es ohne dieses keinen genauen Sinn gibt (Beispiel: Ich spreche gut). Die Eigenschaft des Partizips ist, Zeit und Fälle zu besitzen, und manche nennen es deshalb ein dekliniertes Verbum. Die Eigenschaft des Bindewortes ist, die Teile der Rede zu verbinden. Die Eigenschaft der Präposition ist, das Verhältnis eines Wortes zu einem anderen zu bezeichnen."

Wie wir sehen, unterschied sich die Grammatik damals von der heutigen: Man kannte noch nicht die Bezeichnung Substantiv und Adjektiv, sondern nannte sowohl das eine wie auch das andere "Name". Das Partizip sah man als einen besonderen Teil der Rede an.
Außerdem wird in dem Lehrbuch mit Hilfe von Fragen und Antworten jeder Teil der Rede überprüft, die Deklination der Namen, die Konjugation der Verben; es sind Regeln mit den zugehörigen Ausnahmen vermerkt, die durch zahlreiche Beispiele erläutert werden. Wenn sich Alkuin in seiner Jugend auch das Versprechen gegeben hatte, sich nie mehr mit Vergil abzugeben, so entnahm er doch die meisten seiner Beispiele dessen Schriften.
Die Lehrbücher über Rhetorik und Dialektik hat Alkuin in Form eines Dialoges zwischen dem König Karl und dem Magister Albin dargestellt. Hier rührt er an komplizierte philosophische Fragen, so wie man sie zu jener Zeit verstand. Das Lehrbuch von der Rhetorik beginnt folgendermaßen:
"Karl: Weil dich, geehrter Magister Albin, Gott hierhergeführt hat, so gestatte mir, dich um die Lehren der Rhetorik zu befragen. Vor allem erkläre mir die Herkunft dieser Kunst!
Albin: Ich werde sie dir auf Grund des Zeugnisses der Alten erklären. Es gab einst, so sagt man, eine Zeit, in der die Menschen wie die Tiere auf den Feldern lebten und nicht nach Verstand, sondern nach Körperkraft gewertet wurden. Damals kam ein großer und weiser Mensch, der dank seinem Geiste die Menschen, die auf dem Felde und im schattigen Walde umherschweiften, zusammenrief und sie zu einer Gesellschaft vereinigte. Aber mir, Kaiser, scheint es, daß schweigend und ohne die Gabe der Rede niemand die Menschen ihren früheren Gebräuchen hätte entfremden können, um sie zu einem vernünftigen Zusammenleben zu bringen.
Karl: Und welchem Ziele dient die Rhetorik?
Albin: Der Fähigkeit, gut zu reden.
Karl: Und in welchen Dingen wird sie angewendet?
Albin: In den Gerichtsprozessen, und zwar zur Anklage und zur Verteidigung. Diejenigen, die in dieser Wissenschaft bewandert sind, werden den Vorteil davon haben."
Karl bat Alkuin, ihm die Regeln der rhetorischen Wissenschaft zu nennen, was dieser auch ausführlich tat.

Er erklärt ihm, wie die Rhetorik eingeteilt ist, wie in den römischen Gerichten die bürgerlichen Prozesse durchgeführt wurden, wie die Gerichtsrede zusammengestellt werden mußte, und aus welchen Teilen sie bestand. Dabei machte er ausgiebig von Beispielen aus den Reden der römischen Redner, insbesondere Ciceros, Gebrauch. Bei dieser Gelegenheit berührte er auch die Frage der guten Aussprache, gab Ratschläge über die stimmliche Schulung des Redners: Die Zähne nicht Zusammenbeißen, richtig Atmen usw.
Nach einer Übersicht über all das, was den mittelalterlichen Gelehrten von der altrömischen Rednerkunst im Gedächtnis geblieben war, geht Alkuin auf die Fragen der Sittlichkeit und der Tugend über und schließt damit sein Lehrbuch der Rhetorik ab.

Das Lehrbuch der Dialektik beginnt mit einer Bestimmung des Begriffes Philosophie. König Karl fragt, woher das Wort "Philosophie" komme und was es zu bedeuten habe.
Der Lehrer antwortete: "Philosophie ist ein griechisches Wort und bedeutet die "Liebe zur Weisheit". Sie befaßt sich mit der Erforschung der Naturgesetze, der Kenntnis von den menschlichen und göttlichen Dingen, soweit sie dem menschlichen Verstand erreichbar sind. Philosophie ist aber auch Rechtschaffenheit im Leben und die Kunst, ein gutes Leben zu führen, die Vorbereitung zum Tode, die Geringschätzung alles Weltlichen."

Nach den Worten Alkuins zerfällt die Philosophie in die Physik, Ethik (Moralwissenschaft) und Logik. Die Logik wiederum besteht aus der Rhetorik und der Dialektik. Die Rhetorik wurde bereits besprochen; von der Dialektik wird folgende Definition gegeben: "Eine auf dem Verstand begründete Wissenschaft zur Erforschung, Bestimmung und Beurteilung, die fähig ist, das Echte und Wahrhafte vom Falschen und Lügnerischen zu unterscheiden."
Aus diesen Auszügen erkennt man, daß Alkuin sich bemühte, alles zu erfassen, was die damalige Zeit an sogenannten humanistischen Wissenschaften zu bieten hatten, angefangen von den einfachsten bis zu den kompliziertesten Problemen.

Das alles setzte viel Geisteskraft und Gedächtnisstärke voraus. Um den Unterricht für die Schüler lebendiger zu gestalten, dachte sich Alkuin Rätselaufgaben aus, damit die Auffassungsgabe seiner jugendlichen Zuhörer sich besser entwickelte. Auch bilderreiches Denken und die Phantasie suchte er zu fördern. Er lehrte die Schüler, in allem, was sie lernten, sowohl den wirklichen Sinn als auch eine allegorische Deutung zu suchen.
Zu diesem Zwecke stellte er neben die Grundlehrbücher noch ein besonderes Buch mit dem Titel "Unterhaltung des königlichen Jünglings Pippin mit seinem Lehrer Albin."

Dem heutigen Leser erscheint der Inhalt des Buches sonderbar und kaum verständlich. Doch man muß an den Zweck denken, für den Alkuin das Buch verfaßte: Es wurde zusammen mit den Lehrbüchern der komplizierten, "sieben Wissenschaften" durchgenommen, stellte eine kurze Wiederholung des bereits Erlernten in spannender Form dar und muß daher als ein Mittel, die Phantasie zu entwickeln, angesehen werden.
Es folgen einige Auszüge aus diesem Buch, die uns die Eigentümlichkeit einer mittelalterlichen Schule vor Augen führen:
"Pippin: Was ist ein Buchstabe?
Albin: Ein Wächter der Geschichte.
Pippin: Was ist ein Wort?
Albin: Ein Verräter der Seele.
Pippin: Wie wird ein Wort geboren?
Albin: Durch die Zunge.
Pippin: Was ist die Zunge?
Albin: Eine Peitsche der Luft.
Pippin: Was ist Luft?
Albin: Der Bewahrer des Lebens.
Pippin: Was ist das Leben?
Albin: Eine Freude für die Glücklichen, Kummer und Gram für die Unglücklichen, Todeserwartung für diese wie jene.
Pippin: Was ist der Tod?
Albin : Ein unvermeidlicher Umstand, ein unbekannter Weg, ein Weinen für die Hinterbliebenen, die Ausführung eines testamentarischen Willens, ein Menschenräuber.
Pippin: Was ist ein Mensch?
Albin: Ein Sklave des Todes, ein Gast in seinem eigenen Hause, ein vorübergehender Wanderer.
Pippin: Wem ist der Mensch ähnlich?
Albin: Einem Apfel. (Gemeint ist: Wie ein reifer Apfel vom Baume fällt, so entwickelt sich auch der Mensch und stirbt, wenn seine Zeit gekommen ist. Aber ein Windstoß vermag den Apfel auch vor der Reise vom Baume zu reißen. Und mit dem Menschen ist es ebenso.)
Pippin: Was ist der Winter?
Albin: Der Vertreiber des Sommers.
Pippin: Was ist der Frühling?
Albin: Ein Maler der Erde.
Pippin: Was ist ein Sommer?
Albin: Die Bekleidung der Erde und das Reifen der Früchte.
Pippin: Was ist der Herbst?
Albin: Die Kornkammer des Jahres.
Pippin: Was ist ein Jahr?
Albin: Ein Wagen der Welt.
Pippin: Wer führt ihn?
Albin: Sonne und Mond.
Pippin: Wieviel Paläste haben sie?
Albin: Zwölf.
Pippin: Wer herrscht in ihnen?
Albin: Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, Schütze, Steinbock, Wassermann, Fisch. (Die Sternbilder des Tierkreises, die den zwölf Monaten entsprechen.)
Pippin: Was ist das Wunderbare?
Albin: Ich habe einen Menschen gesehen, der zum Beispiel mit den Füßen nach oben spazieren ging.
Pippin: Erkläre mir, wie das sein kann!
Albin: Es war die Wiederspiegelung im Wasser.
Pippin: Warum habe ich das nicht gewußt, wo ich das doch so oft gesehen habe?
Albin: Weil du sittsam bist und von Natur mit Geist begabt, will ich dir noch einige Beispiele nennen. Höre zu! Ich habe das Tote das Lebende gebären sehen, und der Atem des Lebendigen hat das Tote vernichtet.
Pippin: Durch die Reibung des Holzes entsteht das Feuer, welches das Holz vernichtet.
Albin: Ich habe Tote gesehen, die sprechen!
Pippin: Das geschieht, wenn man sie aufhängt. (Gemeint sind die Glocken.)
Albin: Ich habe ein fliegendes Wesen gesehen, mit eiserner Nase, hölzernem Körper und gefiedertem Schwanz. Es trug den Tod auf sich.
Pippin: Den Pfeil des Kriegers.
Albin: Was kann ein stummer Bote sein?
Pippin: Das, was ich in der Hand halte.
Albin: Und was hältst du in der Hand?
Pippin: Deine Handschrift.
Albin: Lese sie zu deinem Vorteil, mein Sohn."

In den Stunden der Muße sammelte Karl der Große oft einen Kreis von gebildeten Menschen um sich, die er aus allen Gegenden Europas an seinen Hof gezogen hatte.
Da war der Italiener Peter Pisanus und der Historiker Paulus Dialonus; der eine starb bald, der andere begab sich nach Italien zurück. Da gab es den Spanier Theodulf, Dichter und Kenner der lateinische Sprache. Gelehrte aus dem fernen Schottland waren da, von den Franken "Skoten" genannt. Dazu kamen noch die Franken selbst.
Auf diesen Zusammenkünften las man Gedichte, stritt über wissenschaftliche und literarische Fragen, hörte Musik und diskutierte über neuerschienene Bücher. Auch die Töchter und Schwestern Karls waren dabei zugegen.

Alkuin wurde in diesem Kreise besondere Achtung entgegengebracht; es galt als der hervorragendste Kenner der Wissenschaften und Künste. Oft hatte er Gelegenheit, sein Wissen und seinen Geist leuchten zu lassen. Wenn strittige Fragen auftauchten, bat man Alkuin, einen Vortrag über das Thema zu halten. Für diese Zusammenkünfte hatte Alkuin eine ganze Anzahl von Gedichten verfaßt. Er bezeichnete die gelehrte Gesellschaft nach dem Beispiel des Altertums mit dem Ausdruck "Akademie" und pries Karl häufig, ein "Neu-Athen" begründet zu haben. Das war natürlich alles eine sichtliche Übertreibung; in Wirklichkeit handelte es sich um einen höfischen Kreis von gescheiten Liebhabern der Aufklärung.
In dieser gelehrten Gesellschaft führte Alkuin auch den alten Brauch der Schule in York ein, sich gegenseitig Beinamen aus der römischen, griechischen oder biblischen Geschichte zu geben.
Für Alkuin war das eine glückliche Zeit.

Der schon bejahrte Erzieher erfreute sich allgemeine Achtung und Liebe, er lebte inmitten der angenehmen Gesellschaft seiner Schüler und Hörer. Doch hin und wieder kam es vor, daß Alkuin sich von seiner ruhigen Unterrichtstätigkeit trennen mußte. Einmal sandte ihn Karl als Botschafter nach England, um Besprechungen mit einem der angelsächsischen Könige zu führen. Als Alkuin von dort zurückkehrte, mußte er im Auftrage Karls eine Inquisition spanischer Ketzer vornehmen, die in einigen Fragen von der rechtgläubigen Kirche abgewichen waren. Als auch dieser Kampf beendet war, träumte der sechzigjährige Alkuin von einer Rückkehr in seine Heimat. Doch damals brach gerade in England ein grausamer Bürgerkrieg aus. Der alte Gelehrte fand es ruhiger, im Frankenreich zu bleiben. Er bat Karl, ihm in irgendeinem Kloster einen Alterssitz zuzuweisen. Karl dachte darüber jedoch anders. Schon seit Jahren trug er sich mit dem Gedanken, in seinem ganzem Land Schulen einzurichten, und Alkuin schien ihm für diese Arbeit als Aufsichtsperson notwendig. Karl ernannte Alkuin zum Abt eines reichen Klosters in Tours, dem Kloster des heiligen Martin. Er befahl ihm, seine Lehrtätigkeit dort fortzusetzen. Alkuin war davon nicht sehr erbaut, aber er gehorchte dem König, und im Jahre 796 sehen wir ihn als Organisator der Klosterschule in Tours. Von hier schrieb er an Karl: "Eurem Willen und Wunsch entsprechend arbeite ich jetzt unter dem Dach des heiligen Martin daran, die einen mit dem Honig der Heiligen Schrift zu laben und die anderen mit dem klaren, alten Wein der Wissenschaft des Altertums zu tränken; manche nähre ich mit den Früchten grammatikalischer Feinheiten, und wieder andere unterweise ich in der Wissenschaft von den Sternen, die wir vom Dach irgendeines Gebäudes aus beobachten... Im Morgen meines Lebens, in den blühenden Jahren des Lebens säte ich in Britannien. Und jetzt, an meinem Lebensabend, wo das Blut in meinen Adern abkühlt, höre ich nicht auf, im Frankenreich zu säen ... Mein Wunsch geht dahin, daß beide Saaten aufgehen."

Der in diesem Brief ausgesprochene Wunsch Alkuins ging in Erfüllung. Viele Schüler der Klosterschule in Tours wurden bekannte Kloster- und Kirchenlehrer im Frankenreich. Sie verwirklichen das Vermächtnis ihres Erziehers.
Alkuin starb im Jahre 804. Sein Andenken lebte unter seinen Schüler fort.

Hundert Jahre nach seinem Tode schrieb der Lehrer einer Klosterschule:
"Was soll ich von Albin sagen, dem Erzieher und Lehrer Kaisers Karls des Großen, der ... vor niemandem zurückstehen wollte und versuchte, alle in weltlichen und geistlichen Wissenschaften zu übertreffen! Er hat eine Grammatik verfaßt, die einen Donatus und Docifajus (bekannte lateinische Grammatiker des vierten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung) nebst unserem Pristian (römischer Grammatiker des sechsten Jahrhunderts) vollständig in den Schatten stellt."
Wie unvollkommen die Schulen des Mittelalters -- verglichen mit unseren heutigen -- auch waren, so bleibt der Verdienst Alkuins um die europäische Kultur ungeschmälert: Er erweckte die Liebe zum Buch und zum Wissen und hinterließ eine Reihe von Schülern, die seine Arbeit fortsetzen.

Quelle: Erzählung zur Geschichte des frühen Mittelalters, Volk und Wissen Verlag, 1953, von rado jadu 2000

Alkuin

Karl der Grosse (742-814).
Krönung
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