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Die ersten Nachrichten, die die
Römer über das Land der Germanen erhielten, waren wunderbarer
Art. So schrieb Pytheas von Massilia, ein kühner Seefahrer, der wahrscheinlich
die ältesten Nachrichten über den Norden brachte:
"Dort ist weder Land, noch Meer, noch Luft, sondern ein dichtes Gemisch
von alle dem, einer Seelunge (Qualle) ähnlich. Wie ein Band umgibt
dies das All, und weder zu Fuß noch zu Schiff ist da weiterzukommen.
Was die Ähnlichkeit mit der Seelunge betrifft, so habe ich die selbst
beobachtet, das andere sage ich nach Hörensagen." - Unter dem
wunderbaren Bilde ist wahrscheinlich eine neblige Winterszene zu verstehen.
Die teilweise recht sonderbaren Einzelheiten, die Julius Cäsar über
die Meere Germaniens gibt, zeigen, was für Fabeln man damals von
dem unbekannten Norden verbreiten konnte:
In den großen Wäldern
leben viele Tiere, die man sonst nirgends antrifft. Die ausgezeichnetsten
und merkwürdigsten sind etwa folgende:
Ein großes Tier, ein Hirsch von Gestalt, mit einem Horne zwischen
den Ohren mitten auf der Stirne, das größer und gestreckter
ist, als die uns bekannten Geweihe.(Man will das Rentier darunter verstehen)
An der Krone teilen sich die Enden, wie Palmenzweige, sehr breit auseinander.
Beide Geschlechter haben ganz gleiche Beschaffenheit, Gestalt und Größe
des Geweihes.
Ferner das Elentier; der Gestalt und den bunten Flecken nach einem Rehe
gleich, doch etwas größer und ohne Hörner. Die Beine haben
weder Knöchel, noch Gelenke, daher es sich weder der Ruhe wegen niederlegt,
noch, wenn es durch einen Zufall hinstürzt, sich aufhelfen und emporrichten
kann. Ein Baum dient ihm zum Lager; an diesen stützt es sich, und
so, ein wenig angelehnt ruht es. Merken nun die Jäger aus der Spur,
wo ein solches Tier seine gewöhnliche Ruhestätte hat, so untergraben
sie entweder alle Bäume in dieser Gegend, oder schneiden den Stamm
so weit durch, daß der Gipfel aufrecht stehen bleibt. Wenn nun das
Tier sich nach seiner Gewohnheit anlegt, so wirft es durch die Last den
schwach stehenden Stamm um und fällt mit ihm zu Boden.
Die dritte Gattung sind die Auerochsen,
wie man sie nennt, etwas kleiner als Elefanten, an Gestalt, Farbe und
Körperbau wie Stiere. Ihre Stärke ist ebenso groß wie
ihre Geschwindigkeit. Sie schonen nichts, was sie erblicken, weder Menschen
noch Tiere. Man fängt sie eifrig in Gruben und tötet sie. Mit
dieser Arbeit härtet sich die Jugend ab und beschäftigt sich
mit Jagden solcher Art. Wer die meisten Tiere erlegt hat und zum Beweise
davon die Hörner vor dem Volke zeigt, erhält großes Lob.
Das Tier läßt sich, selbst jung gefangen, doch nicht an Menschen
gewöhnen und zahm machen. Seine Hörner sind viel größer,
auch anders geformt und gestaltet, als bei unsern Ochsen. Man sucht sie
sorgfältig, faßt den Rand mit Silber ein, und braucht gebraucht
sie auf vornehmen Tafeln als Pokale. -
Die wertvollste Schrift, die uns Kunde von dem Lande und den Sitten der
Germanen gibt, ist die "Germania" des Tacitus. Aus diesem Buche
ist das folgende entnommen:
Die Germanen halte ich für
die Ureinwohner des Landes, und sie haben sich nicht im geringsten mit
fremden Einwanderern vermischt, denn welches Volk hätte wohl die
großen Gefahren der Fahrt auf dem stürmischen, unbekannten
Meere auf sich nehmen wollen, und hätte wohl Asien, Afrika, Italien
verlassen wollen, um nach Germanien zu pilgern, in das wüste Land,
unter rauhem Himmelsstrich, kulturlos, trübe, unheimlich für
jeden, dem es nicht eben das Vaterland ist!Ich schließe mich mit
meiner Meinung denen an, die das germanische Volk für einen eigenen,
reinen Volksstamm ansehen, der nicht durch Eheverbindungen fremdes Blut
in sich aufgenommen hat. Daher ist auch die Körperbeschaffenheit
bei allen Germanen die gleiche: trotzige blaue Augen, rötliches Haar,
große Leiber, doch nur zu entschlossener Tat kräftig. Gegen
Anstrengung und Arbeit zeigen sie nicht die gleiche Ausdauer, und am wenigsten,
wenn es gilt, Durst und Hitze zu ertragen. An Kälte und Hunger sind
sie durch Klima und Boden gewöhnt.
Das Land ist zwar in seinen einzelnen Teilen sehr verschieden gestaltet;
aber im ganzen ist es doch mit rauhen Wäldern oder wüsten Sümpfen
bedeckt. Für Getreidesaat ist es ergiebig, doch Obstbäume trägt
der Boden nicht. Zahlreiche Herden ernährt das Land, diese sind des
Volkes größter Reichtum; doch ist das Vieh meist von kleiner
Art. Selbst dem Hornvieh fehlt die stattliche Gestalt und der Stirnschmuck.
Silber und Gold ist den Germanen versagt - soll ich sagen: aus Huld oder
Zorn der Götter? Doch möchte ich nicht behaupten, daß
keine Gebirgsader Germaniens Silber oder Gold enthielte; denn wer hat
je nachgesucht? Man sieht bei ihnen silberne Gefäße, die ihre
Gesandten und Fürsten als Geschenke empfingen, zu ebenso niedrigem
Dienste bestimmt wie irdenes Geschirr. Die Binnenvölker treiben nach
einfacher alter Art Tauschhandel. Die Völker aber, die zunächst
unsern Grenzen wohnen, wissen infolge des Handelsverkehrs Gold und Silber
zu schätzen, kennen und bevorzugen auch einige von unsern Münzsorten.
Sie suchen mehr das Silber als das Gold, nicht aus besonderer Liebhaberei,
sondern weil beim Einkaufe von allerhand unbedeutenden und billigen Waren
kleine Silbermünzen in größerer Zahl viel bequemer sind.
Waffen und Schlachtordnung
Selbst Eisen haben die Germanen
nicht im Überfluß, wie aus der Art ihrer Waffen zu schließen
ist. Nur wenige führen Schwerter oder größere Lanzen.
Sie haben Speere, oder in ihrer Sprache Framen, mit einer schmalen und
kurzen Eisenspitze, so scharf jedoch und so handlich beim Gebrauch, daß
sie dieselben je nach den Umständen als Stoß- wie als Wurfwaffe
verwenden können. Die Reiter vergnügen sich mit Schild und Frame,
die Fußkämpfer entsenden auch Wurfgeschosse, jeder immer mehrere,
und schleudern sie ungemein weit. Im Streite sind sie nackt oder höchstens
mit einem leichten Mantel um die Schultern bekleidet. Prunkhafte Ausschmückung
kennen sie nicht, nur die Schilde werden bunt bemalt. Wenige haben Panzer,
kaum einer oder der andere eine Sturmhaube oder einen Helm. Ihre Pferde
zeichnen sich weder durch Schönheit noch durch Schnelligkeit aus,
werden auch nicht wie die unsrigen in allerlei Wendungen geübt. Sie
reiten geradeaus oder mit einer einzigen Schwenkung nach rechts in so
geschlossenen Reihen, daß keiner zurückbleibt.
Im ganzen besteht ihre Hauptstärke
im Fußvolk; deshalb kämpfen Reiter und Fußvolk in gemischten
Haufen, denn leicht fügen sich in den Reiterkampf die gewandten Fußkämpfer,
die sie aus der gesamten jungen Mannschaft besonders auswählen und
in die vordere Schlachtreihe stellen. Die Schlachtordnung wird in Keilform
gebildet. Vom Platze zu weichen, wenn man nur wieder vordringt, gilt mehr
für klug als für feige. Ihre Gefallenen bringen sie selbst in
Sicherheit, wenn der Kampf unentschieden ist und die Rettung nicht leicht
wird. Als größte Schande gilt es, den Schild im Stiche zu lassen.
Solch ein Ehrloser darf keinem Opfer beiwohnen, in keiner Ratsversammlung
zugegen sein, und schon mancher, der aus dem Kriege unverletzt zurückkam,
hat seiner Schmach durch den Strick ein Ende gemacht.
Könige, Priester und Frauen in der
Schlacht
Bei der Wahl ihrer Könige
sehen die Germanen auf edle Abkunft, bei der ihrer Herzöge auf Tapferkeit.
Doch steht den Königen keine unbeschränkte Gewalt zu, und auch
die Herzöge sind mehr Vorbilder als Befehlshaber. Sie sichern sich
ihren Vorrang durch Bewunderung, wenn sie stets auf dem Platze sind, stets
sich hervortun, stets an der Spitze sich bewegen. Über Leben und
Tod dürfen sie nicht richten, auch niemand schlagen oder gefangennehmen.
Das darf nur der Priester tun, und auch der nicht etwa auf Befehl des
Führers, sondern nur auf Gebot der Gottheit, die über der Walstatt
waltet. Um ihren Beistand zu haben, nehmen die Germanen Zeichen und Bilder
mit, die sie aus den heiligen Hainen hervorholen. Was sie aber ganz besonders
zur Tapferkeit antreibt, ist, daß die einzelnen Scharen nicht von
ungefähr oder zufällig zusammentreten, sondern nach Familien
oder Sippschaften. So weilen in der Nähe ihre Teuersten und Liebsten,
und der Krieger hört das Jammern seines Weibes, das Weinen seiner
Kinder. Diese sind jedem heiligsten Zeugen, ihr Lob gilt jedem als das
höchste. Zur Mutter, zur Gattin kommt der Mann mit seinen Wunden,
und diese zählen und prüfen sie. Sie bringen den Ihrigen auch
Speise und ermunternden Zuspruch in den Kampf.
Man erzählt Beispiele, wie
wankende und zurückweichende Schlachtreihen von den Weibern zum Stillstand
gebracht wurden durch unablässiges Bitten und Flehen, und indem sie
sich mit entblößter Brust vor den Männern niederwarfen
und die Gefangenschaft als ihr nächstes Los schilderten. Gefangenschaft
der Frauen aber scheint den Germanen weit schrecklicher als die eigene.
Sie glauben, daß in den Frauen etwas Heiliges und Prophetisches
sei, und achten daher sowohl ihren Rat als ihre Aussprüche.
Gottesverehrung und Weissagung
Sie feiern in alten Liedern den
Tuisto, einen erdgeborenen Gott, und seinen Sohn Mannus, Ursprung und
Ahnherrn des Volkes. Die Götter in gemauerte Tempel einzuschließen
oder mit menschlichen Zügen darzustellen, scheint ihnen gegen die
Hoheit und Würde der Himmlischen. Wälder und Haine sind den
Göttern geweiht.
Auf Zeichendeutung und Los halten sie viel. Das Verfahren beim Losen ist
einfach. Ein Zweig von einem Fruchtbaume wird in kleine Stücke geschnitten,
diese werden mit bestimmten Zeichen versehen und dann aufs Geratewohl
über ein weißes Tuch gestreut. Wenn es sich dann um eine Befragung
in Staatsangelegenheiten handelt, hebt der Priester des Stammes, sonst
das Familienhaupt selbst, nachdem er zu den Göttern gebetet, den
Blick zum Himmel erhoben, drei Stäbchen nacheinander auf und gibt
dann nach den eingeritzten Zeichen Deutung. Sind sie ungünstig, so
kommt die Sache für diesen Tag nicht weiter zur Beratung; sind sie
günstig, so muß immerhin noch die Bestätigung durch Wahrzeichen
abgewartet werden. Von diesen sind Deutung des Vogelflugs und -geschreis
auch den Germanen bekannt; eigentümlich aber ist ihnen die Weissagung
nach dem Wiehern und Schnauben der Rosse. In den geheiligten Hainen und
Wäldern werden auf Kosten der Gemeinde weiße, durch keine irdische
Arbeit entweihte Rosse unterhalten. Geschirrt an einem heiligen Wagen,
werden sie von dem Priester und dem Könige oder dem Fürsten
des Landes geleitet, die auf Wiehern und Schnauben achten. Keine andere
Weissagung hat mehr Glauben, nicht nur beim Volke, sondern auch bei den
Vornehmen und Priestern. Denn diese betrachten sich selbst nur als Diener
der Götter, jene Tiere aber als ihre Vertrauten. Es gibt noch eine
dritte Art, die Zukunft zu erforschen, durch die der Ausgang eines ernsten
Krieges erkundet wird. Ein Kriegsgefangener des Volkes, mit dem man im
Streite liegt, muß mit einem Auserwählten des eigenen Volkes,
jeder in der Rüstung und mit den Waffen seines Landes, kämpfen.
Der Sieg des einen oder andern wird als Vorbedeutung für den ganzen
Krieg angesehen.
Volksversammlungen
Über minder wichtige Angelegenheiten
halten die Fürsten Rat, über bedeutendere alle Volksgenossen.
Doch werden auch die Sachen, worüber die Entscheidung dem Volke zusteht,
von den Fürsten vorberaten. Sie treten, wenn nicht unerwartet etwas
besonderes vorfällt, an bestimmten Tagen zusammen, bei Neumond oder
Vollmond; denn diese Zeit gilt ihnen als die geeignetste für den
Beginn eines Geschäfts. Sobald die Versammlung groß genug ist,
lassen sich alle bewaffnet nieder. Die Priester, die auch das Strafrecht
haben, gebieten Stillschweigen. Dann nimmt das Wort der König oder
der Häuptling, überhaupt jeder, welchen Alter, Adel, Kriegsruhm
oder Beredsamkeit auszeichnen. Jeder verläßt sich dabei mehr
auf das Gewicht seiner Meinung, als auf seine Macht oder seine Verdienste.
Mißfällt der Vorschlag, so wird er mit Murren zurückgewiesen;
gefällt er, so rasselt man mit den Speeren. Waffengeklirr ist die
ehrenvollste Art der Zustimmung.
Rechtsprechung
Auf der Volksversammlung können
auch Anklagen und Rechtsstreitigkeiten auf Leben und Tod angebracht werden.
Die Strafen sind nach der Tat verschieden. Verräter und Überläufer
werden an Bäumen aufgeknüpft; Feigheit und Fahnenflucht wird
bestraft, indem man den Schuldigen mit übergeworfenen Flechtwerk
in Morast und Sumpf versenkt. Auch bei leichteren Vergehen findet eine
Abstufung im Strafmaß statt. Wer überführt ist, wird um
eine Anzahl Pferde oder Vieh gestraft. Eine Hälfte der Buße
gehört dem Könige oder der Gemeinde, die andere fällt dem
zu, zu dessen Gunsten das Gericht einschreitet, entweder ihm selbst oder
seinen Verwandten. Ferner werden in der Versammlung auch die Häuptlinge
gewählt, die in Gauen und Dörfern Recht sprechen sollen. Jedem
werden hundert Beisitzer aus dem Volke, um ihm mit Rat beizustehen und
Ansehen zu verschaffen, beigeordnet.
Wehrhaftmachung, Gefolgschaft
Kein Geschäft, weder ein
öffentliches noch ein privates, verhandeln sie anders als in Waffen.
Diese aber anzulegen, verstattet die Sitte keinem eher, als bis die Gemeinde
ihn für wehrhaft erklärt hat. Dann schmückt in der Versammlung
entweder der Fürsten oder der Vater oder ein Verwandter den Jüngling
mit Schwert und Frame. Das ist die Ehre der Jugend; bis dahin achtet man
sie dem Hause angehörig, dann der Gemeinde.
Großer Wettstreit herrscht unter dem Gefolge um den ersten Platz
bei dem Fürsten, sowie unter den Fürsten um das zahlreichste
und tüchtigste Gefolge. Des Fürsten Würde und Macht besteht
darin
Im Kriege, im Frieden
Kommt es zur Schlacht, so ist
es schmachvoll für den Fürsten, an Tapferkeit nachzustehen,
schmachvoll für das Gefolge, der Tapferkeit des Fürsten nicht
gleichzukommen. Ehrlos und geschändet auf Lebenszeit ist, wer aus
der Schlacht zurückkehrt, wenn der Fürst gefallen ist. Ihn zu
verteidigen und zu schützen und auch eigene Heldentaten seinem Ruhme
zu opfern, ist erste heiligste Pflicht. Der Fürst kämpft um
den Sieg, das Gefolge für den Fürsten.
Wenn in der Gemeinde, in der sie geboren sind, langer Friede die Tatkraft
lähmt, so ziehen Scharen des jungen Adels aus freien Stücken
zu den Stämmen, die gerade Krieg führen. Das Land zu bebauen
oder des Jahres Segen abzuwarten, dazu möchte man sie weniger leicht
bewegen, als den Feind herauszufordern und sich Wunden zu erkämpfen.
Träge und mattherzig dünkt es sie, mit Schweiß zu erwerben,
was man mit Blut erkaufen kann.
Sobald sie nicht in den Krieg
gehen, bringen sie viel Zeit mit Jagen, mehr noch mit Müßiggang
zu, nur mit Essen, Trinken, Schlafen beschäftigt. Gerade die tapfersten
Krieger tun gar nichts. Die Sorge für Haus, Herd und Land wird den
Weibern, den Greisen und den Schwächlichsten der Familie überlassen.
Es ist Brauch in den Gemeinden, daß aus freien Stücken jeder
dem Fürsten ein Geschenk an Vieh und Korn bringt. Was von diesem
als Ehrengabe angenommen wird, dient zugleich den häuslichen Bedürfnissen.
Willkommen sind vor allem Geschenke von Nachbarvölkern, die im Namen
der Gesamtheit dargebracht werden: auserlesene Rosse, schöne Waffenstücke,
Pferdegeschirr und Halsketten. Jetzt haben sie auch schon von uns gelernt,
Geld anzunehmen.
Wohnung
Daß die germanischen Völkerschaften
keine Städte bewohnen, ist hinlänglich bekannt; sie dulden nicht
einmal unter sich verbundene Wohnungen. Abgesondert und zerstreut siedeln
sie sich weit voneinander an, wie ihnen gerade eine Quelle, ein Feld,
eine Waldung behagt. Ihre Dörfer legen sie nicht so an, daß
die Gebäude aneinanderstoßen und zusammenhängen; jeder
umgibt sein Haus mit einem freien Platze, wahrscheinlich zum Schutze gegen
Feuersgefahr. Auch sind Mauersteine und Ziegel bei ihnen nicht im Gebrauch;
zu allem wenden sie unbehauene Baumstämme an, ohne Rücksicht
auf Schönheit und Anmut. Nur einige Stellen bestreichen sie sorgsam
mit einer reinen, glänzenden Erdart, daß es wie Malerei und
Farbenzeichnung aussieht. Auch unterirdische Höhlen pflegen sie auszugraben;
sie beschweren sie oben mit Dünger, als Zufluchtsstätte für
den Winter und Bergungsort für die Feldfrüchte.
Als Kleidung dient allgemein ein
Mantel, der mit einer Spange, oder wenn es daran fehlt, mit einem Dorn
zusammengehalten wird. Im übrigen unbekleidet, bringen sie ganze
Tage am Herdfeuer zu. Nur die Wohlhabenden tragen ein Gewand, das nicht
wie das persische weit und bauschig ist, sondern eng anliegt und die Körperformen
deutlich erkennen läßt. Auch Tierfelle tragen sie. Die Tracht
der Weiber unterscheidet sich nicht von der der Männer; nur tragen
die Frauen oft ein leinenes Gewand, das sie mit einem Purpurstreifen verzieren.
Das Eheleben der Germanen ist streng, und keine ihrer Sitten verdient
größeres Lob. Sie sind fast das einzige Barbarenvolk, das sich
mit einer Frau begnügt. Die Ausstattung bringt nicht die Frau dem
Manne, sondern der Mann der Frau zu. Dann sind die Eltern und Verwandte
zugegen, die die Geschenke mustern. Es sind Gaben nicht für weibliche
Eitelkeit, nicht zum Schmucke der Frau, sondern Rinder, ein gezäumtes
Roß und ein Schild nebst Frame und Schwert. Mit diesen Geschenken
wird die Gattin empfangen, und auch sie bringt dem Manne einen Teil der
Bewaffnung zu. Diese Dinge, so meinen sie, sind das festeste Band, sind
die Götter der Ehe. Damit die Frau nicht glaube, daß sie mannhaften
Gedanken und den wechselnden Kriegsereignissen fern bleiben dürfe,
wird sie auf der Schwelle des Ehestandes erinnert, daß sie in Arbeit
und Gefahr die Genossin des Mannes sein soll. Gleiches soll sie mit im
Frieden wie im Kriege tragen und wagen. Das verkünden ihr die Stiere
im Joch, das gezäumte Roß, die Waffen. So soll sie leben, so
soll sie sterben. Was ihr jetzt dargeboten wird, das soll sie dereinst
unentweiht ihren Söhnen hinterlassen. Von diesen sollen es wieder
deren Frauen erhalten, und so soll es sich forterben auf die Enkel. So
leben die Germanen unter der Obhut reiner Sitten, und mehr wirken bei
ihnen gute Sitten, als anderswo gute Gesetze.
Die Jugend wird meistens nackt
und sehr einfach gehalten. So wächst sie heran zu dem Gliederbau,
zu der Körpergestalt, die wir staunend betrachten. Alle Kinder werden
von der Mutterbrust genährt, nie werden sie Ammen oder Mägden
gegeben. Zwischen der Erziehung von Herren und Knechten besteht kein Unterschied.
Auf dem gleichen Boden, das Vieh hütend, wachsen sie miteinander
auf. Erst das Jünglingsalter sondert die Freigeborenen von den Knechten,
da tapfere Taten und innerer Adel ihnen den Vorrang geben. Das Jugendleben
der Jungfrauen ist das gleiche wie das der Jünglinge, ihr Wuchs ist
von gleicher Höhe. So in der Gesundheit Fülle paaren sich Jüngling
und Jungfrau, und von den Eltern Vollkraft sind die Kinder Zeugnis.
Feindschaft und Gastlichkeit
Die Feindschaften des Vaters oder
eines Verwandten sowie seine Freundschaften fortzusetzen, ist des Erben
Pflicht. Doch dauern sie nicht ewig ohne Versöhnung fort; denn alles,
was einen Mann oder eine Familie feindlichen Sinnes macht, selbst Todschlag,
kann mit einer bestimmten Zahl von Zugtieren oder kleineren Vieh gesühnt
werden, und das ganze Haus des Geschädigten nimmt dann die Buße
an.
Im Bewirten und im gastlichen Leben ist kein anderes Volk so freigiebig
wie die Germanen. Irgend einem Menschen, wer es auch sei, den Eintritt
in das Haus zu wehren, gilt als gottlos. Jeder setzt dem Gaste nach besten
Vermögen eine Mahlzeit zum Willkommen vor. Wenn der Vorrat aufgezehrt,
weist der Wirt den Gastfreund nach einer anderen Herberge und begleitet
ihn. Ungeladen treten sie in das nächste Haus, wo sie ohne Unterschied
mit gleicher Freundlichkeit aufgenommen werden. Ob der Gast bekannt oder
unbekannt ist, macht hinsichtlich der Ansprüche des Gastes nichts
aus. Beim Abschied gibt der Wirt dem Fremden mit, was er sich etwa ausbittet,
und der Wirt macht ebenso unbefangen eine Gegenforderung.
Lebensweise: Gleich nach
dem Schlafe, den sie gewöhnlich bis in den Tag hinein ausdehnen,
baden sie sich; meistens in warmen Wasser, da bei ihnen fast immer Winter
ist. Nach dem Bade frühstücken sie. Dann gehen sie an ihre Geschäfte,
oder auch zu Trinkgelagen, stets bewaffnet. Tag und Nacht zu zechen, ist
für sie keine Schande. In der Trunkenheit kommt es häufig zu
Zwistigkeiten; diese verlaufen selten in Schmähreden, öfter
kommt es zu Wunden und Todschlag. Doch wird bei den Gelagen oft auch ernst
beratschlagt, über Versöhnung von Feinden, Schließung
eines Ehebundes, Wahl der Häuptlinge, ja selbst über Frieden
und Krieg, als ob nur zu solcher Stunde das Herz so empfänglich wäre
für aufrichtige Gedanken, oder so feurig für große und
entscheidungsschwere. Wenn aber jeder seine Meinung offen dargelegt hat,
so wird die Angelegenheit folgenden Tags nochmals durchsprochen. Jeder
Sache und jeder Zeit geschieht ihr Recht: Sie beraten beim Becher, wenn
aus jedem Munde die Wahrheit spricht, und beschließen, wenn kein
Trank sie betört.
Nahrung: Ihr Getränk
ist eine Flüssigkeit aus Gerste oder Weizen; die am Rhein wohnenden
kaufen auch Wein. Die Speisen sind einfach: Feldfrüchte, frisches
Wildbret oder saure Milch.
Spiel und Spielwut
Von Schauspielen haben sie nur
eine Art, bei jeder geselligen Zusammenkunft die gleiche. Nackte Jünglinge,
die daran ihre Freude haben, springen und tanzen zwischen Schwertern und
drohenden Framen wild umher. Das tun si jedoch nicht zum Erwerb oder um
Lohn; der einzige Preis des verwegen-kühnen Spieles ist der Beifall
der Zuschauer. Auf sonderbare Weise betreiben sie das Würfelspiel.
Es ist ihnen eine ernsthafte Angelegenheit, und in nüchternem Zustande
sind sie so tollkühn im Gewinnen und Verlieren, daß sie, wenn
alles dahin ist, auf den letzten verzweifelten Wurf ihre persönliche
Freiheit setzen. Der Unterliegende tritt freiwillig in die Sklaverei.
Wenn er auch der Jüngere, wenn er auch der Stärkere ist, er
läßt sich ruhig binden und verkaufen. So groß ist ihre
Beharrlichkeit in einer schlechten Sache, sie selbst nennen es Treue.
Einen so gewonnenen Sklaven sucht der Herr möglichst zu verkaufen,
um sich selbst der Scham über einen solchen Gewinn zu entledigen.
Die Sklaven gebrauchen sie nicht
nach unserer Art, indem die einzelnen Arbeiten unter die ganze Dienerschaft
verteilt werden. Jeder Sklave waltet und schaltet in eigener Wohnung am
eigenen Herde. Er hat, wie ein Pächter oder Lehnsmann, seinem Herrn
eine von diesem bestimmte Menge Getreide, Vieh oder Gewänder zu liefern,
und insoweit und insoweit ist er dienstbar. Die sonstigen Hausdienste
werden von den Frauen und Kindern besorgt. Daß eine Sklave gepeitscht,
in Ketten geworfen oder mit Zwangsarbeit bestraft wird, kommt selten vor.
Häufiger wird einer getötet, nicht zur Strafe oder aus Strenge,
sondern aus Ungestüm oder im Jähzorn, wie man einen Feind erschlägt;
nur daß keine Buße darauf besteht. Die Freigelassenen stehen
nicht viel höher als die Sklaven; selten haben sie einige Geltung
im Hause, niemals in der Gemeinde.
Ackerbau
Geldgeschäfte und Wucherzinsen
sind den Germanen unbekannt und daher besser verhütet, als wenn sie
durch Gesetz verboten wären. Die zum Ackerbau bestimmten Ländereien
werden von der ganzen Gemeinde als Gesamtbesitz angesehen und nach dem
Range unter die Bebauer verteilt. Bei der großen Ausdehnung der
Felder macht das Teilen keine Schwierigkeiten. Von dem bestellbaren Boden
wird abwechselnd immer nur ein Teil für den Ackerbau benutzt, das
übrige bleibt brach liegen. Denn sie suchen nicht im geringsten die
Ertragsfähigkeit des bebauten Bodens zu steigern, indem sie Obstpflanzungen
anlegen, Wiesengründe abgrenzen oder Gärten bewässern.
Nur sein Getreide fordert der Germane dem Boden ab.
Bei den Leichenbegängnissen waltet keine Prunksucht. Nur das beachten
sie, daß die Leichen ausgezeichneter Männer mit bestimmten
Holzarten verbrannt werden. Den Scheiterhaufen beladen sie weder mit kostbaren
Gewändern noch mit wohlriechenden Spezereien. Aber die Waffen, in
vielen Fällen auch das Streitroß, wird dem Verstorbenen mit
ins Feuer gegeben. Über der Grabstätte ist ein Rasenhügel.
Die stolze und mühevolle Pracht der Denkmäler verschmähen
sie als eine drückende Last der Bestatteten. Dem Wehklagen und den
Tränen machen sie bald ein Ende, dem Schmerze und der Trauer spät.
Den Frauen ziemt die Klage, den Männern treues Andenken.
Quelle: Aus Germanischer Urzeit, Hermann Schaffstein Verlag, Erstes der
Grünen Bändchen, Jadu 2000.
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