|
Tacitus erzählt in den "Annalen"
von den Taten des Feldherrn Germanikus, dem Sohne des Drufus, der im Auftrage
des Kaisers Tiberius in den Jahren 14 - 16 n. Chr. den Krieg gegen die
Germanen leitete:
(14 n. Chr.) Der Überfall der Marser
Germanikus schlägt eine Brücke
über den Rhein und läßt 12. 000 Mann aus den Legionen,
26 Kohorten Bundesgenossen und 8 Schwadronen Reiter hinüberrücken
Nicht weit entfernt lagerten in Freude und Lust die Germanen. Doch in
schnellen Zuge durchzieht der Römer dunkle Waldungen und ratschlagt,
ob er von zwei Wegen den kurzen und üblichen einschlagen soll, oder
den schwierigeren und noch nicht versuchten, auf den deshalb auch der
Feind keine Aufmerksamkeit verwandt habe. Der längere Weg wird gewählt
und alles übrige nun doppelt beschleunigt. Denn Kundschafter hatten
gemeldet, diese Nacht sei ein Fest bei den Germanen. Der Legat Cäcina
erhält den Befehl, mit leicht bewaffneten Kohorten voranzugehen und
die Waldung, wo sie den Durchzug hemmte, auszuhauen; die Legionen folgen
in mäßigen Abstande. Günstig war die Nacht mit hellem
Sternglanz. Man gelangte zu den Weilern der Marser und umstellte sie mit
Posten. Noch streckten sie sich auf ihren Lagern oder um die Tische, ohne
Besorgnis. Keine Wache war ausgestellt. So war alle Ordnung in Sorglosigkeit
untergegangen, und nirgends Furcht vor dem Kriege; auch kein echter Friede,
sondern der mattherzige, ordnungslose Friede der Betrunkenen. Germanikus
verteilte die kampflustigen Legionen, damit die Verheerung desto mehr
Ausdehnung hätte, in vier Züge. Eine Strecke von fünfzig
Meilen verwüstete er mit Feuer und Schwert. Kein Geschlecht, kein
Alter fand Erbarmen. Häuser wie Heiligtümer - alles ward dem
Boden gleich gemacht. Unverwundet waren die Soldaten, welche die Feinde
halb im Schlafe, unbewaffnet der einzeln umherirrend niedergehauen hatten.
Der Rachezug der Nachbarstämme
Es weckte diese Niederlage die
Brukterer, Tubanien und Usipeter. Sie besetzten die Waldhöhen, durch
die der Rückweg des Heeres führte. Das ward dem Feldherrn bekannt;
er zog einher, zum Marschieren wie zum Fechten gerüstet. Ein Teil
der Reiter und der Hilfskohorten führten an, dann die erste Legion;
das Gepäck in der Mitte. Es schlossen den Zug links die 21., rechts
die 5. Legion, die 20. deckte den Rücken; dann die übrigen Bundesgenossen.
Doch die Feinde rührten sich nicht, bis der Zug sich weit zwischen
den Waldhöhen hindehnte; dann griffen sie an den Seiten und vorn
ohne großen Nachdruck, mit voller Kraft aber den Nachtrab an. Schon
wurden durch die dichtgedrängten Scharen der Germanen die leichten
Kohorten in Unordnung gebracht; da ritt Germanikus an die 21. Legion heran
und rief mit lauter Stimme: Dies sei der ersehnte Augenblick, wo sie ihre
Empörung vergessen machen könnten; sie möchten eilen, ihre
Schuld in Ruhm zu verwandeln. Da entbrannte ihr Mut; mit einem Stoße
brechen sie durch die Feinde, drängen sie auf einen freien Platz
zurück und hauen ein. Zugleich gelangten die Truppen vorn im Zuge
an das Ende der Waldung und befestigten ein Lager. Ruhig war von da an
der Marsch; voll Selbstvertrauen bezogen die Soldaten die Winterquartiere.
(15 n. Chr.) An der Stätte der Varusschlacht
Germanikus griff die Chatten und
Cherusker an; sodann ward das Heer bis in die äußersten Ecken
des Bruktererlandes geführt und alles Land zwischen Ems und Lippe
verwüstet, nicht weit von dem Teutoburger Walde, wo (wie das Gerücht
ging) Varus und seiner Legionen Reste noch unbestattet lagen. Daher ergriff
den Germanikus das Verlangen, den Soldaten und dem Feldherrn die letzte
Ehre zu erweisen; auch das gesamte anwesende Heer war zur Wehmut gestimmt,
im Gedanken an Verwandte, an Freunde, an des Krieges Wechselfälle
endlich und der Menschen Los. Nachdem Cäcina vorangeschickt war,
um das Dunkel der Waldgebirge zu durchforschen und Brücken und Dämme
in dem feuchten Sumpflande und den trügerischen Ebenen anzulegen,
betraten sie die Stätten der Trauer, finster dem Auge wie der Erinnerung.
- Das erste Lager des Varus mit seinem weiten Umfange und den wohlabgesteckten
Quartieren erschien deutlich als dreier Legionen Werk; sodann gab ein
halb eingestürzter Wall und flacher Graben zu erkennen, daß
dort die schon halbvernichteten Reste Fuß gefaßt hatten; inmitten
der Ebene lagen ihre gebleichten Gebeine, wie sie sich geflüchtet,
wie sie Widerstand geleistet hatten, zerstreut oder aufgehäuft. Daneben
lagen Bruchstücke von Waffen und Gliedmaßen von Pferden; zugleich
hingen an Baumstämmen angeheftet die Köpfe. In den nahen Hainen
fand man die barbarischen Altäre, an denen sie Tribunen und Centurionen
erster Ordnung (die höheren Offiziere) hingeschlachtet hatten. Und
die, welche übrig geblieben waren von jener Niederlage, aus der Schlacht
oder den Fesseln entkommen, berichteten: hier seien die Legaten gefallen,
dort die Adler ihnen entrissen; wo Varus die erste Wunde beigebracht ward,
wo er durch seine unselige Rechte und eigenen Stoß den Tod fand,
von welcher Erhöhung herab Arminius redete, wie viele Galgen für
die Gefangenen angelegt wurden, wie viele Gruben, und wie er die Feldzeichen
und Adler frech verspotte.
So brachte denn das anwesende
römische Heer sechs Jahre nach der Niederlage die Gebeine der drei
Legionen und der Feinde, die nicht voneinander unterschieden werden konnten,
allesamt wie Verbündete, wie Verwandte zur Ruhe, mit gesteigertem
Zorn gegen die Feinde, tief betrübt zugleich und tief erbittert.
Die erste Rassensode bei Errichtung des Grabhügels legte Germanikus:
den Toten ein willkommener Dienst, den Anwesenden ein Zeichen, wie sehr
er ihren Schmerz teilte.
Segestes und Thusnelda im Römerlager
Es kamen gesandte des Segestes
zu Germanikus, Hilfe für ihn erbittend gegen die Gewalt seines eigenen
Volkes, von dem er bedrängt wurde, da mehr bei ihnen Arminius galt,
weil er zum Kriege riet. Germanikus hatte das Heer gegen die Chatten geschickt;
es schien ihm aber der Mühe wert, es umkehren zu lassen. Es kam zum
Kampfe gegen die Bedränger, und Segestes ward befreit mit einer großen
Schar von Verwandten und Mannen. Es waren dabei edle Frauen; unter ihnen
Arminius' Gattin, zugleich des Segestes Tochter, mehr dem Gatten als dem
Vater gleichgesinnt. Keine Träne entrang sich ihr, kein bittendes
Wort; die Hände über die Brust gefaltet, schaute sie vor sich
nieder. Zugleich erschien Segestes selbst, eine ungeheure Gestalt, ohne
Furcht im Bewußtsein treuer Genossenschaft. Seine Worte waren etwa
folgende:
"Nicht ist dies der erste Tag, an dem ich fest und wankellos dastehe
in der Treue gegen das römische Volk. Seit ich von Augustus mit dem
Bürgerrecht beschenkt bin, habe ich Freunde und Feinde nur im Hinblick
auf euren Vorteil gewählt, und das nicht aus Haß gegen mein
Vaterland, sondern weil ich glaubte, daß den Römern und Germanen
der Friede besser sei als der Krieg. So habe ich denn ihn, der meine Tochter
raubte, der frevelnd euren Bund brach, Arminius, bei Varus, der damals
das Heer befehligte, angeklagt. Des Feldherrn Saumseligkeit aber vertröstete
mich. Was weiter folgte, ist eher zu beweinen als zu verteidigen. Übrigens
habe ich Arminius in Ketten gelegt und mir Ketten von seiner Partei anlegen
lassen. Und nun, bei der ersten Gelegenheit, dich zu erreichen, ziehe
ich die Ruhe dem Sturme vor, nicht um einer Belohnung willen, sondern
um mich zu befreien von dem Verdachte der Treulosigkeit, zugleich als
Vermittler für den Stamm der Germanen, wenn er Ruhe lieber will als
Verderben. Meine Tochter - ich gestehe es - ist nur durch Zwang hierher
geführt; an dir ist es, zu überlegen, was mehr gilt, daß
sie Arminius' Weib oder daß sie meine Tochter ist."
Germanikus versprach in seiner gnädigen Antwort seinen Kindern und
verwandten Sicherheit, ihm selbst einen Wohnsitz auf dem gallischen Rheinufer.
Das Heer führte er heim und nahm den Imperatortitel an, den Tiberius
ihm verlieh.
Arminius' Rachekampf
Als sich das Gerücht verbreitete,
Segestes habe sich ergeben und wohlwollende Aufnahme gefunden, ward es
teils mit Hoffnung, teils mit Schmerz vernommen. Arminius wurde von dem
Gedanken, daß seine Gattin ihm entrissen sei und das Joch der Sklaverei
tragen solle, zur wahnsinnigen Wut getrieben. Er flog hin und her durch
das Cheruskerland, Waffen gegen Segestes, Waffen gegen Germanikus fordernd.
Auch der Schimpfreden enthielt er sich nicht. Das sei ein vortrefflicher
Vater, ein großer Feldherr, ein tapferes Heer, die mit ihren zahllosen
Armen ein einziges schwaches Weib fortgeschleppt hätten. Ihm seien
drei Legionen unterlegen; denn nicht mit Verrat, nicht gegen Frauen, sondern
in offenem Kampfe gegen Bewaffnete führte er Krieg. Möchte immerhin
Segestes das geknechtete Ufer bewohnen; das eine würden die Germanen
nimmer zu entschuldigen vermögen, daß sie zwischen Elbe und
Rhein Ruten und Beile und die Toga gesehen. Andere Stämme, welche
die römische Strafen nie gefühlt, wüßten nichts von
Abgaben. Wenn sie das Vaterland, die Väter, die alten Satzungen mehr
liebten als Zwingherrschaft und neue Kolonien, möchten sie sich lieber
von Arminius zu Ehre und Freiheit, als von Segestes zu schmählicher
Knechtschaft führen lassen.
Aufgereizt wurden durch solche
Reden nicht die Cherusker allein, sondern auch die angrenzenden Stämme.
Auch Inguiomer ward zu ihnen hinübergezogen, der Oheim des Arminius,
der bei den Römern in altbegründeten Ansehen stand. Dadurch
wuchs bei Germanikus die Besorgnis, und damit nicht der Krieg auf einmal
mit voller Wucht hereinbräche, sandte er, um die Feinde auseinanderzuhalten,
Cäcina mit 40 römischen Kohorten an den Fluß Ems, die
Reiterei wurde durch das Gebiet der Friesen geführt; er selbst fuhr
mit vier auf Schiffe gesetzten Legionen über die Seen (die später
den einen Zundersee bildeten), und zu gleicher Zeit trafen das Fußvolk,
die Reiterei, die Flotte an dem genannten Flusse zusammen.
[Auf dem Weiterzug ins Innere fand der vorher geschilderte Besuch der
Varusschlachtstätte statt].
Germanikus zog dem Arminius nach, der in unwegsame Gegenden zurückwich.
Sobald er seiner habhaft geworden, befahl er der Reiterei vorzugehen und
eine Ebene, die der feind besetzt hielt, ihm zu entreißen. Arminius
befahl den Seinigen, sich zu sammeln und an die Wälder heranzurücken;
dann wandte er sich plötzlich um. Bald gab er denen, die er hier
und da in dem Waldgebirge versteckt hatte, das Zeichen, hervorzubrechen.
Da ward durch die nicht erwartete Kämpferschar die Reiterei in Unordnung
gebracht. Die Hilfskohorten wurden nachgeschickt; doch fortgerissen von
der Schar der Fliehenden, mehrten sie die Bestürzung. Sie wären
in einem Sumpf gedrängt, der den Siegern wohlbekannt, für jeden
Fremden gefahrvoll war, hätte nicht Germanikus die Legionen vorrücken
lassen und in Schlachtreihe gestellt. Das erfüllte die Feinde mit
Schrecken, mit Mut die Soldaten, und nach unentschiedenem Kampfe kam es
zum Abzuge.
Der Sturm auf das Römerlager
bei den langen Brücken
Bald danach führte Germanikus
das Heer wieder an die Ems und brachte die Legionen auf Schiffen, wie
er sie hingebracht hatte, zurück. Ein Teil der Reiter erhielt Befehl,
am Ufer des Ozeans nach dem Rhein zu ziehen. Dem Legaten Cäcina,
der sein eigenes Heer führte, ward bedeutet, er sollte, wiewohl er
auf bekannten Wegen zurückmarschierte, die langen Brücken so
zeitig wie möglich überschreiten. Es ist die ein schmaler Steg
zwischen unabsehbaren Sümpfen, einst von einem früheren Feldherrn
eingedämmt; im übrigen war das Land morastig, voll zähen,
dicken Schlammes oder gefährlich wegen versteckter Bäche; ringsum
allmählich ansteigende Waldungen, die Arminius damals vollständig
besetzt hielt, da er auf Richtwegen und in schnellem Marsche den Soldaten,
die an Gepäck und Waffen schwer zu tragen hatten, zuvorgekommen war.
Cäcina überlegte hin und her, wie er die Brücken, die vor
Alter eingesunken waren, herstellen und dabei den Feind abwehren könnte.
Er beschloß, auf dem Punkte ein Lager aufzuschlagen, damit zugleich
die Arbeit und, von anderen, der Kampf begonnen würde.
Die Barbaren, deren Streben es war, die Posten zu durchbrechen, und sich
auf die zu stürzen, die beim Schanzen beschäftigt waren, beunruhigen
uns, ziehen um uns herum, stoßen mit uns zusammen. Durcheinander
hörte man das Rufen der Arbeiter und Kämpfer. Und alles stand
den Römern gleichermaßen entgegen: der Boden mit seinem tiefen
Schlamme, nicht haltbar genug, um fest zu stehen, zu schlüpfrig,
um sicher vorzurücken; die Soldaten niedergedrückt durch Last
der Panzer; auch die Wurfgeschosse konnten sie mitten im Wasser nicht
recht schwingen. Andererseits die Cherusker, gewohnt, in Sümpfen
Schlachten zu schlagen, schlanke Gestalten, mit ungeheuren Lanzen, geschickt,
selbst aus der Ferne Wunden beizubringen. Erst die Nacht entzog die schon
wankenden Legionen dem Kampfe. Die Germanen, des glücklichen Erfolges
wegen unermüdlich, gestatteten sich auch da noch keine Ruhe: was
an Gewässern auf den rings ansteigenden Höhen entspringt, das
leiteten sie in die Niederungen. Da so das Erdreich unter Wasser stand
und alles, was von der Verschanzung fertig war, überflutet ward,
so verdoppelte sich der Soldaten Mühe.
Es war das vierzigste Jahr, das
Cäcina im Kriegsdienste zubrachte, in glücklichen wie in mißlichen
Lagen wohlbewandert und deshalb unverzagt. Wie er so die Zukunft überdachte,
fand er kein anderes Mittel, als den feind in den Wäldern festzuhalten,
bis die verwundeten und der schwerer bewegliche Teil des Heeres voraus
wären. Inmitten der Berge und Sümpfe nämlich erstreckte
sich eine Ebene, die einen Marsch in schmalen Zügen gestatte. Bestimmt
wird von den Legionen die 5. für den rechten Flügel, die 21.
für den linken, die 1. den Zug zu führen, die 20. zur Abwehr
gegen etwaige Verfolgung.
Gegensätze wirkten zusammen,
die Nacht zu einer ruhelosen zu machen: die Barbaren erfüllten bei
festlichem Mahle mit frohem Gesange oder wildem Getöse die Täler
zu ihren Füßen und die widerhallenden Waldhöhen, bei den
Römern trübe Wachtfeuer, abgerissene Laute, und sie selbst lagerten
ohne Ordnung am Walle, oder irrten durch die Zelte, schlaflos mehr als
wachend. Den Feldherrn schreckte überdies ein grauenvoller Traum.
Er glaubte den Quintilius Varus, mit Blut bespritzt, aus den Sümpfen
aufsteigen zu sehen, und zu hören, wie er ihn gleichsam zu sich rief;
doch habe er ihm nicht Folge geleistet und die Hand, die er ihm entgegenstreckte,
zurückgewiesen. - Als der Tag graute, wichen die Legionen, die auf
die Flügel gestellt waren, aus Furcht oder Trotz vom Posten und besetzten
schnell die Ebene jenseits der Sümpfe; dennoch brach Arminius nicht
sogleich hervor, obwohl nichts dem Angriffe im Wege stand. Als aber das
Gepäck im Schlamm und Gräben stecken blieb, die Soldaten rings
herum in Unordnung geraten waren und die Ordnung der Feldzeichen schwankte
- da heißt er die Germanen losbrechen, mit dem Rufe: "Seht
da, Varus und die Legionen von demselben Geschicke zum zweitenmal umstrickt!"
So spricht er und sprengt zugleich mit einer auserwählten Schar den
Zug; besonders haut er auf die Pferde ein. Diese, in ihrem eigenen Blute
und auf dem schlüpfrigen Sumpfboden ausgleitend, werfen ihre Lenker
ab, jagen auseinander, was ihnen entgegen kommt, zerstampfen die Gefallenen.
Dem Cäcina ward, während er die Schlachtordnung zu halten sucht,
das Pferd unter dem Leibe getötet. Er stürzte und wäre
umzingelt worden, hätte die erste Legion sich nicht entgegengestellt.
Eine Hilfe war die Habgier der Feinde, die des Mordens vergaßen,
um Beute zu erjagen. So arbeiteten sich die Legionen, als es Abend ward,
auf einen freien, sicheren Platz empor; doch war das nicht des Jammers
Ende. Ein Wall wollte aufgeworfen, Dammerde herbeigeschafft sein, obgleich
die Werkzeuge, mit denen die Erde ausgegraben und der Rasen ausgestochen
wird, zum größten Teile verloren waren. Keine Zelte fanden
die Soldaten, keinen Verband die Verwundeten; als sie die im Schlamm oder
Blut befleckten Speisen teilten; wehklagten sie über das unheilvolle
Dunkel und daß so viele tausend Menschen nur einen einzigen Tag
noch zu leben hätten.
Zufällig setzte ein Pferd,
das sich losgerissen hatte und wild herumlief, durch das Geschrei scheu
gemacht, einzelne die ihm in den Weg kamen, in Schrecken. Dies erregte
so große Bestürzung, daß alle, in dem Wahne, die Germanen
seien hereingebrochen, auf die Tore losstürzten, unter denen sie
vorzugsweise das Hintertor zu erreichen suchten, welches von dem feinde
ablag und zur Flucht größere Sicherheit bot. Cäcina, der
sich überzeugt hatte, daß die Furcht unbegründet war,
dennoch aber weder mit seinem Ansehen noch mit Bitten, selbst nicht mit
Gewalt den Soldaten entgegenzutreten vermochte, warf sich auf die Torschwelle
nieder; erst durch Mitleid versperrte er ihnen den Weg, da sie über
des Legaten Leib hätten forttreten müssen. Zugleich zeigten
die Tribunen und Centurionen, wie die Angst grundlos war. - Da ließ
er sie im Hauptquartiere zusammentreten und befahl ihnen, seine Worte
stillschweigend zu vernehmen. Er mahnt an das, was die Zeit und ihre gefahrvolle
Lage verlangte. Das einzige Heil beruhe in den Waffen, diese jedoch müsse
die Klugheit regieren; man müsse innerhalb des Walles bleiben, bis
die Feinde, in der Hoffnung ihn zu erstürmen, näher heranrückten,
sodann von allen Seiten herausbrechen; durch diesen Ausfall werde sich
der Rhein erreichen lassen. Falls sie flöhen, warteten ihrer mehr
Wälder, tiefere Sümpfe und die Blutgier der Barbaren; wenn sie
aber Sieger blieben, Ehre und Ruhm. Der Liebe, die in der Heimat, der
Ehre, die im Lager ihrer harrte, tut er Erwähnung; von möglichen
Unglücksfällen schweigt er völlig. Sodann gibt er die Pferde
der Legaten und Tribunen, von seinem eigenen anfangend, ohne Rücksicht
auf Rang den tapfersten Kriegern, damit erst sie, dann das Fußvolk
den Feind angriffe.
In nicht geringerer Unruhe erhielten
die Germanen Hoffnung, Kampflust und Meinungsverschiedenheiten der Anführer.
Der Rat des Arminius war: man sollte sie herausrücken lassen und
dann wieder auf feuchtem, schwierigem Boden umzingeln; - der Inguiomers,
seines Oheims, dagegen: man sollte mit den Waffen in der Hand den Wall
umschließen; die Erstürmung würde leicht, die Zahl der
Gefangenen größer, die Beute unverkürzt sein.
So füllen sie denn, wie der Tag beginnt, den Graben aus, werfen Reisigbündel
(Faschinen) hinein, arbeiten sich zur Höhe des Walles heran, auf
dem nur hin und wieder ein Soldat steht, wie von Furcht festgebannt. Wie
sie so zwischen den Befestigungswerken eingeklemmt sind, wird den Kohorten
ein Zeichen gegeben; Hörner und Trompeten ertönen. Sodann werfen
sie sich mit Geschrei und im Sturme von allen Seiten den Germanen in den
Rücken mit dem höhnenden Rufe; Hier werden nicht Wälder
und Sümpfe, sondern auf ebenem Felde gerechte Götter entscheiden."
Den Feinden die sich das Vernichtungswerk leicht und sich wenige halb
bewaffnete Gegner vorgestellt hatten, trat der Klang der Trompeten, der
Glanz der Waffen, je unerwarteter, desto gewaltiger entgegen; sie fielen,
so unvorsichtig im Unglück, wie sie im Glück unersättlich
waren. Arminius verließ unversehrt die Schlacht; die Masse ward
hingeschlachtet, bis der Ingrimm und der Tag sank. Erst in der Nacht kehrten
die Legionen zurück Obwohl Wunden sie quälten und Mangel an
Lebensmitteln - im Gefühle des Sieges fanden sie Kraft, Gesundheit
und Nahrung.
Das römische Heer im Hochwasser
Germanikus übergab von den
Legionen, die er zu Schiffe nach Germanien geschafft hatte, die zweite
und vierzehnte dem Publius Vitellius, damit er sie den Landweg führe
und damit so die Flotte leichter über das seichte Meer dahinglitte
oder, wenn es zurückebbte, ohne Gefahr auf den Watten warten könne.
Vitellius hatte zuerst auf trockenem Boden oder bei mäßigem
Andrang der Flut einen ruhigen Marsch. Es war aber die Zeit der Tag- und
Nachtgleiche im Herbst, in der die Nordsee am meisten anschwillt.. Da
erhob sich ein Sturm aus Nordwest, und das Hochwasser brachte den Heereszug
in wüste Unordnung. Das Land wurde überflutet. Das heranspülende
Meer, das Ufer, die ebene, eins sah aus wie das andere; keiner konnte
Sumpf und das feste Land, flache und tiefe Stellen unterscheiden. Zugvieh
und Gepäck wurden von den Fluten umgeworfen und vom Strudel verschlungen;
tote Körper schwimmen dazwischen umher und versperren den Weg. Ganze
Abteilungen geraten durcheinander, bald bis an die Brust, bald bis an
den Mund im Wasser, bisweilen, wenn sie den Boden unter ihren Füßen
verloren, auseinander gesprengt oder untersinkend. Kein Befehl, kein gegenseitiger
Zuruf half, die rauschenden Wellen verschlangen die menschliche Stimme.
Nichts unterschied mehr den Tatkräftigen von dem Feigling, den Umsichtigen
von dem Einsichtslosen, Überlegung vom blinden Zufall; alles wurde
fortgerissen von der gleichen Gewalt. Endlich arbeitete sich Vitellius
auf höher gelegenes Land hinauf und rettete dorthin seine Truppen.
Da übernachteten sie ohne gerät, ohne Feuer, viele nackt oder
mit verletzten Gliedern, bedauernswerter fast als die, welche der Feind
umzingelt hat. Denn diese haben wenigstens die Möglichkeit, ehrenvoll
zu fallen, jener harrte nichts als ruhmloser Untergang. Mit der Sonne
tauchte wieder das feste Land empor, und man gelangte bis an den Fluß,
wohin der Germanikus selbst mit der Flotte gekommen war. Dann wurden die
Legionen eingeschifft, die man nach einem Gerücht schon ertrunken
wähnte. Ja man glaubte an ihre Rettung nicht eher, als man den Germanikus
mit ihnen zurückkehren sah.
Eine Flotte von tausend Schiffen
Germanikus erwog, daß seine
Soldaten nicht so sehr durch Wunden litten, als durch die endlosen Märsche
und den Mangel an Waffen; auch, das Gallien müde sei, Pferde zu stellen,
daß ein langer Gepäckzug wie gemacht sei für Hinterhalte
und schwierig zu verteidigen. Hingegen, wenn sie den Weg über das
Meer einschlügen, so biete es keine Schwierigkeiten, während
es den Feinden unbekannt sei. Zugleich werde der Krieg zeitiger begonnen
und Legionen wie Proviant gleichzeitig hingeschafft: unermüdet würden
Reiter und Rosse durch die Mündungen der Flüsse und dann, ihrem
Laufe nach, auf einmal mitten in Germanien sein.
Darauf also bedacht, werden Silius, Antejus und Cäcina zu Leitern
des Schiffbaus bestimmt. Tausend Schiffe schienen hinreichend und werden
schleunig gefertigt: Ein Teil kurz, mit schmalem Hinter- und Vorderteil
und weitem Bauche, um desto leichter die Wogen auszuhalten; einige mit
flachen Kielen, um ohne Nachteil aufzulaufen; eine größere
Anzahl, an denen auf beiden Enden ein Steuerruder angebracht ist, damit
sie, wenn man plötzlich die Ruder in entgegengesetzter Richtung einlegte,
mit dem einen wie mit dem andern Ende anlaufen könnten; viele mit
Verdecken, um darauf die Wurfgeschütze fortzuschaffen, zugleich geeignet,
Pferde oder Proviant zu führen; - handlich zum Segeln, schnell zum
rudern, machte der Soldaten frischer Mut sie stattlicher zugleich und
furchtbarer.
Die Insel der Bataver war im voraus
zum Sammelplatz bestimmt, weil es leicht ist, dort zu landen, und sie
gelegen war, die Truppen aufzunehmen und dem Kriege als Brücke zu
dienen. Germanikus befahl, daß die Schiffe dorthin geschafft würden,
während er einen Einfall in das Chattenland machte.
Schon war die Flotte angekommen. Der Proviant ward vorangeschickt, die
Schiffe auf die Legionen und Bundesgenossen verteilt. So steuerte er in
den sogenannten Drususkanal ein und betete zu seinem Vater Drusus: er
möchte ihm, da er nun dasselbe Wagnis unternähme, geneigt und
huldreich das Andenken an das Vorbild, das er einst in Rat und Tat gegeben
hätte, zum Segen gereichen lassen. Sodann durchschiffte er in glücklicher
fahrt die Seen und den Ozean bis an den Fluß Ems.
Dann zog der Germanikus mit den Legionen gegen die Cherusker.
Armin und sein Bruder Flavus
Zwischen dem römischen und
germanischen Heere strömte der Weserfluß. An das Ufer trat
Armin mit den übrigen Edlen und fragte, ob Germanikus mit dem Heere
gekommen sei. Man antwortete, er sei da. Da bat Armin, man möchte
ihm ein Gespräch mit seinem Bruder gestatten. Dieser befand sich
bei dem Heere - man nannte ihn Flavus - und war allbekannt wegen seiner
Treue und wegen einer Verwundung, durch die er wenige Jahre zuvor, als
Tiberius Feldherr war, das eine Auge verloren hatte.
Man gestattet es und Flavus tritt vor. Armin begrüßt seinen
Bruder und verlangt, nachdem er selbst seine Begleiter zurückgeschickt
hat, daß auch die Bogenschützen an unserem Ufer entfernt wurden.
Nachdem sie abgezogen , fragt er den Bruder, wodurch sein Gesicht so entstellt
sei, und Flavus nennt ihm den Ort und die Schlacht. "Und welche Belohnung
hast du empfangen?" Flavus nennt die Erhöhung des Soldes, die
kette, den Kranz und andere Dienstleistungen, während Armin höhnt:
"Wie billig ist doch die Knechtschaft zu kaufen!"
Nun reden sie aufeinander ein:
Flavus von der Größe der Römer, von des Germanikus Macht,
und wie der Besiegte schweren Strafen entgegensehe, während der,
der zur Ergebung bereit sei, Gnade zu erwarten habe; auch Armins Weib
und Sohn würden nicht feindlich behandelt. Armin dagegen sprach vom
Recht des Vaterlandes, von der angestammten Freiheit und von den heimischen
Göttern. Die Mutter vereinigte ihre Bitten mit den seinigen, er möchte
doch nicht freiwillig sein Haus, seine Verwandten, ja seinen ganzen Stamm
verlassen und verraten, anstatt ihr Herr und Führer zu sein.
So kam es allmählich zwischen ihnen zu einer heftigen Streiterei,
und trotz des zwischen ihnen liegenden Flusses würden sie zuletzt
handgemein geworden sein, wenn nicht Stertinius schnell herbeigeeilt wäre
und den zornbebenden Flavus, der nach Waffen und Pferd verlangte, zurückgehalten
hätte. Gegenüber drohte Armin und kündigte eine Schlacht
an; das konnte man deutlich vernehmen, da er häufig lateinische Ausdrücke
gebrauchte, die er früher als Anführer seiner Landsleute im
römischen Kriegsdienste erlernt hatte.
Die Schlacht bei Idistaviso
Germanikus ging in den nächsten
Tagen über die Weser und erfuhr durch einen Überläufer
den Ort, den Armin zum Kampfe ausgewählt hatte. Ferner gab der Überläufer
an: "Noch andere Stämme sind in einem heiligen Walde zusammengekommen
und wollen bei Nacht einen Sturm auf das Lager wagen."Germanikus
traute dem Angeber; auch sah man die Wachtfeuer, und Kundschafter, die
sich näher herangeschlichen hatten, brachten die Nachricht zurück,
man höre das Schnauben der Rosse und das dumpfe Brausen einer ungeheuren,
ordnugslosen Menschenmasse. Da so die gefahrvolle Stunde der Entscheidung
nahe war, hielt er es für nötig, die Gesinnung der Soldaten
zu erkunden, und überlegte, wie dies auf die sicherste Weise geschehen
könne. Die Offiziere befragen? Diese brächten häufig Nachrichten,
die wohl erfreulich, aber nicht immer glaubhaft seien. Sich bei Freunden
erkundigen? In den Freunden wohnte die Schmeichelei. Eine Versammlung
einberufen? Da stimmte die Masse dem , was einige wenige sagten, lärmend
bei. Am vollkommensten wäre ihre Gesinnung zu durchschauen, wenn
sie ganz im geheimen beim Mahle beobachtet würden, wo sie sich unbeobachtet
glaubten und ihre Hoffnung und Befürchtungen offen aussprächen.
Daher verließ der Feldherr
bei Beginn der Nacht auf einem heimlichen, den Wachen unbekannten Wege
sein Hauptquartier mit einem einzigen Begleiter, über die Schultern
ein Tierfell gehängt. - Er betritt die Lagerstraßen, stellt
sich an die Zelte, und - genießt seines Ruhmes: denn der eine preist
den Adel des Feldherrn, der andere sein stattliches Wesen, die meisten
seine Geduld, seine Freundlichkeit und seine unbedingte Verläßlichkeit
in ernsten und heitern Stunden, und alle bekannten: in der bevorstehenden
Schlacht müsse man ihm sich dankbar zeigen und zugleich die treulosen
Friedensstörer der Rache und dem Ruhme opfern.
Mittlerweile lenkt einer der Feinde, der der lateinischen Sprache kundig,
sein Pferd an den Wall heran und verspricht mit lauter Stimme in Armins
Namen allen denen, die überlaufen wollen, Weiber, Felder, und an
Sold für den Tag, solange der Krieg dauern würde, je hundert
Sesterzen (etwa 15 Mark). Solche Schmach entflammt der Legionen Zorn.
Es möchte nur der Tag kommen, nur eine Gelegenheit zur Schlacht sich
zeigen: erobern würde der Soldat der Germanen Felder, fortschleppen
die Weiber; sie nähmen die Prophezeiung an, die Weiber und die Habe
ihrer Feinde sollten ihre Beute sein.
Etwa um die dritte Nachtwache
ward ein leichter Angriff auf das Lager gemacht, ohne Pfeilschuß,
da sie merkten, daß zahlreiche Kohorten den Wall besetzt hielten
und nirgends der Eifer erschlafft war. Am nächsten Morgen berief
Germanikus eine Versammlung und sprach weise durchdachte und auf die nahe
Schlacht berechnete Worte. Nicht ebene Felder allein seien dem römischen
Soldaten zur Schlacht gerecht, sondern: bei rechter Überlegung, auch
Wälder und waldige Berghöhen, denn mit nichten seien die ungeheuren
Schilde der Barbaren, ihre unmäßig langen Lanzen zwischen den
Baumstämmen und dem vom Boden aufwuchernden Gesträuch so am
Platze wie Wurfspieße, Schwerter und Panzer, die sich eng an den
Körper anschließen. Sie möchten nur immer Hieb um Hieb
führen und mit der Spitze nach dem Gesicht stoßen. Der Germane
hätte keinen Panzer, keinen Helm, selbst ihre Schilde wären
nicht vermittelst Eisen oder Tierflechsen fest und haltbar gemacht, sondern
beständen aus Weidengeflecht oder schwachen Brettern, mit Farbe aufgeputzt:
höchstens die erste Reihe führte ordentliche Lanzen, die übrigen
vorn hartgebrannte Stangen oder kurze Speere. Ihr Körper überdies,
so furchtbar anzusehen, so tüchtig zu kurzem, stürmischen Andrang
er wäre, so wenig könnte er Wunden ertragen. Ohne Scheu vor
der Schande, unbekümmert um ihre Anführer, entwichen und flöhen
sie; feige im Unglück, im Glück nicht des göttlichen, nicht
des menschlichen Rechtes eingedenk. Wenn die Soldaten der Märsche
und der Seefahrt müde nach dem Ende sich sehnten: durch diese Schlacht
könnten sie es herbeiführen. Näher schon wäre die
Elbe als der Rhein, und weiter ginge der Krieg nicht; nur müßten
sie ihn, der in seines Vaters und Oheims Fußtapfen träte, in
das selbe Land, das jene betreten, als Sieger einziehen lassen.
Die Rede des Feldherrn weckte
die Begeisterung des Heeres, und das Zeichen zur Schlacht ward gegeben.
Auch Armin und die übrigen Vornehmen unter den Germanen unterließen
es nicht, jeder die Seinen darauf hinzuweisen: das seien die Römer,
die in Varus' ganzem Heere das laufen am besten verstanden, die, um den
Krieg nicht bestehen zu müssen, sich hinter eine Empörung gesteckt
hätten; ein Teil von ihnen gäbe den Rücken, der noch schwer
an seinen Wunden zu tragen hätte, ein Teil die Glieder, von Wogen
und Stürmen zerschlagen, aufs neue den erbitterten Feinden, den zürnenden
Göttern preis, ohne sich eines Guten zu versehen. Die Flotte und
die Fahrt über den unwegsame Ozean habe bewirken sollen, daß
niemand ihnen, als sie anzogen, entgegenrücken, niemand sie auf die
Flucht bedrängen könnte; aber, wäre es zum Handgemenge
gekommen, so sei es mit dem Beistande der Winde und der Ruder vorbei für
die Besiegten. Sie möchten sich nur erinnern an ihre Habsucht, ihre
Grausamkeit, ihren Übermut; ob noch etwas anderes ihnen übrig
bliebe, als entweder die Freiheit zu behaupten, oder zu sterben vor der
Knechtschaft.
Dann führen sie ihre Krieger, angefeuert durch solche reden und laut
eine Schlacht fordernd, hinab in eine Ebene namens Idistaviso. Diese zieht
sich zwischen Weser und einer Hügelreihe in ungleicher Krümmung
hin, je nachdem die Ufer des Flusses ihr nachgeben oder vorspringende
Berge ihr entgegenstehen. Im Rücken erhob sich ein Wald, hoch mit
seinen Ästen in die Luft aufsteigend, der Boden zwischen den Stämmen
von Gestrüpp rein. Das Feld und den vordersten Teil Waldes hatte
die Schlachtreihe der Barbaren inne; die Cherusker allein hielten die
Höhen besetzt, um sich während der Schlacht von oben auf die
Römer zu werfen. Unser Heer zog folgendermaßen auf: voran die
gallischen und germanischen Hilfstruppen, hinter ihnen die Bogenschützen
zu Fuß; sodann vier Legionen und Germanikus selbst, von zwei Kohorten
und einer Reiterschar begleitet; hierauf wieder ebensoviele Legionen und
die leichten Truppen mit den Bogenschützen zu Pferde; dann die übrigen
Kohorten der Bundesgenossen. Mit Eifer war der Soldat bedacht, sofort
in wohlgeordnetem Zuge dem Feinde entgegenzutreten.
Als die Cheruskerhaufen, die in
wilder Kühnheit hervorgebrochen waren, sehen ließen, befahl
der Cäsar dem tüchtigsten teile der Reiterei, sich ihnen in
die Seite zu werfen, dem Stertinius, sie mit den übrigen Schwadronen
zu umgehen und von hinten anzugreifen; er selbst würde zur rechten
Zeit eingreifen. Unterdessen zog ein herrliches Zukunftszeichen - acht
Adler, die man gegen die Waldung hin und in sie hineinfliegen sah - des
Feldherrn Blicke auf sich. Laut ruft er: vorrücken möchten sie
und folgen den Vögeln Roms, den Gottheiten der Legionen! Zu gleicher
Zeit rückt nun das Fußvolk von vorne gegen den Feind an, während
unsere Reiterei sich von hinten und von der Seite auf sie wirft. So seltsam
es klingt, in zwei Zügen flohen die Feinde unaufhaltsam in entgegengesetzter
Richtung: die den Wald innegehabt hatten, in die Ebene: die auf den Feldern
aufgestellt waren, in den Wald. Zwischen sie eingeklemmt wurden die Cherusker
von den Hügeln heruntergedrängt; hoch unter ihnen hervorragend
suchte Armin durch Gewalt, durch Zuruf, durch Hindeuten auf seine Wunde
die Schlacht zu halten. Er hatte sich auf die Bogenschützen geworfen,
und dort wäre er durchgebrochen, wenn nicht die Kohorten der Rätier
und Vindeliker nebst den gallischen mit ihren Fahnen ihm den weg versperrt
hätten. Dennoch, selbst gewaltig andringend und getragen von wilden,
feurigen Rosse, kam er durch, das Gesicht mit seinem Blut gefärbt,
um nicht erkannt zu werden. Einige haben überliefert, er sei erkannt
worden, doch hätten ihn die Chauker, die unter den römischen
Hilfstruppen standen, entkommen lassen. Gleiche Tapferkeit oder gleicher
Trug ließ Inguiomer die Flucht gelingen; die übrigen hieb man
nieder, wo man sie traf. Viele, die über die Weser zu schwimmen versuchten,
wurden durch nachgeschleuderte Geschosse, oder die Gewalt des Stromes,
oder endlich die Masse der nachdrängenden und die einstürzenden
Ufer hingerafft. Einige, die in schimpflicher Flucht sich in die Baumwipfel
hinaufgearbeitet hatten und zwischen den Zweigen sich zu verbergen suchten,
wurden von den daneben aufgestellten Bogenschützen unter Scherz und
Lachen erschossen; andere wurden zerschmettert, indem man die Bäume
umhieb.
Das war ein großer und für
uns nicht blutiger Sieg. Die Feinde, auf die von der fünften Stunde
bis in die Nacht rastlos eingehauen ward, füllten ihre Leichen und
Waffen einen Raum von zehntausend Schritt. Unter der Beute fand man Ketten,
die sie für die Römer mitgebracht hatten, als wäre der
Erfolg unzweifelhaft. Die Soldaten begrüßten auf der Walstatt
Tiberius, den Imperator. (Das war bei den Römern das Zeichen einer
gewonnenen Hauptschlacht. Tiberius ward ausgerufen, weil Germanikus nur
an seiner, des Kaisers, Stelle befehligte.) Sie warfen einen Erdhügel
auf und ordneten auf ihm die erbeuteten Waffen zu einem Siegesdenkmal;
die Unterschrift nannte die Namen der besiegten Stämme.
Germanikus' Abberufung
Bald danach kam es nochmals zu
einer Schlacht (am Steinhuder Meer?), die wieder für die Römer
erfolgreich war. Danach errichtete Germanikus einen Berg von Waffen mit
der stolzen Aufschrift: "Nach Besiegung der Völker zwischen
Rhein und Elbe hat das Heer des Tiberius Cäsar dieses Denkmal dem
Mars, Jupiter und Augustus geweiht."
Als der Germanikus danach die größere Zahl der Legionen auf
Schiffen über den Ozean zurückführte, entfaltete am Himmel
und auf dem Meere der Südwind seine macht; er riß die Schiffe
mit sich fort und schleuderte sie zerstreut hinaus in die Weiten des Ozeans
oder an Inseln, die durch Felsufer oder verborgene Untiefen bedrohlich
waren. Ein Teil der Schiffe ging unter, die Mehrzahl wurde an ziemlich
entlegene Inseln verschlagen, des Germanikus Schiff lief das Land der
Chatten an. Als endlich der Wind günstig ward, kehrten einzelne schwer
beschädigte Schiffe zurück.
Doch durch häufige Briefe
mahnte Tiberius, er möchte heimkehren zu dem ihm zuerkannten Triumphe;
es sei schon genug der Erfolge, genug der Zufälle. Glückliche
und große Schlachten könne er aufzählen; aber auch an
die Verluste möge er denken, nicht verschuldet durch den Anführer,
aber doch schwer und bitter. Neunmal nach Germanien geschickt, habe er
mehr durch Klugheit ausgerichtet als durch Gewalt. Als Germanikus noch
ein Jahr erbat, drang er nachdrücklich in ihn und sagte: falls der
Krieg noch fortgeführt werden müßte, sollte er Stoff übrig
lassen für den Ruhm seines Bruders Drusus, der, da zurzeit kein anderer
Feind vorhanden wäre, nur in Germanien den Imperatortitel erwerben
könnte.
Da säumte Germanikus nicht länger, obwohl er merkte, daß
das alles Verstellung war und man aus Mißgunst ihn von der schon
betretenen Ruhmesbahn abrief.
(17 n. Chr.) Unter dem Konsulat des Cajus Cäcilius und Lucius Pomponius
triumphierte Cäsar Germanikus über die Cherusker, Chatten, und
was sonst für Stämme bis an die Elbe hin wohnen. Mit in dem
Zuge führte man die Beute, die Gefangenen (Thusnelda), Abbildungen
der Berge, der Flüsse, der Schlachten. Der Krieg ward, da man es
ihm verwehrt hatte, ihn zu beenden, als beendigt angesehen.
(19 n. Chr.) Armins Tod
Tacitus schreibt: Ich finde bei
gleichzeitigen Schriftstellern und Senatoren, man habe im Senat einen
Brief des Chattenfürsten Adgandestrius verlesen, worin er Armin zu
töten versprach, wenn man ihm zur Vollziehung des Mordes Gift schickte.
Geantwortet sei: Nicht mit Betrug und Heimlichkeiten, sondern offen mit
Waffen strafe das römische Volk seine Feinde. Durch diese Ehrentat
stellte sich Tiberius neben die alten Feldherren, welche einen Vergiftungsversuch
gegen den König Pyrphus verboten und diesem verraten hatten. - Armin
übrigens hatte, nachdem die Römer abgezogen und Marbod vertrieben
war, da er nach der Königsherrschaft trachtete, den Freiheitssinn
seines Volkes gegen sich. Während er, mit bewaffneter Hand angegriffen,
mit wechselndem Glücke stritt, fiel er durch die Hinterlist seiner
Verwandten, er, unstreitig der Befreier Germaniens, der nicht die Anfänge
des römischen Volkes, wie andere Könige und Feldherren, sondern
das Reich in voller Blüte bekämpft hatte, in den Schlachten
des Erfolges nicht sicher, im Kriege unbesiegt. Auf siebenunddreißig
Jahre brachte er sein leben; zwölf Jahre behauptete er seine macht;
und noch wird von ihm gesungen bei den barbarischen Stämmen.
Quelle: Aus Germanischer Urzeit, Hermann Schaffstein Verlag, Erstes der
Grünen Bändchen, Jadu 2000.
|