Abgesehen von den verschiedenen Bestattungssitten
vollzog sich das Leben der Illyrer, Kelten und Germanen in den gleichen
Formen, abgewandelt lediglich durch die verschiedenen klimatischen
Verhältnisse und gewisse Naturgegebenheiten, wie Meer, Wald,
Gebirge, fruchtbaren oder weniger fruchtbaren Boden, und dergleichen.
Diese Gleichheit darf um so mehr vorausgesetzt werden, als es sich,
wie schon erwähnt, um urverwandte Völker handelt, deren
nordischer Einschlag in Gewalt und Lebensgewohnheiten unverkennbar
ist.
Dieses Bild im großen und ganzen aber
kann nicht nur für die genannte Zeit als geltend betrachtet werden,
sondern man kann es auch für die nachfolgenden Jahrhunderte als
zutreffend ansehen, wie denn überhaupt die bäuerliche Grundeinstellung
und die in Sitte und Gewohnheiten sich ergebenden Ausstrahlungen bei
allen diesen nordischen Völkern, wie es Illyrer, Kelten und Germanen
waren, ohne wesentliche Änderungen durch Jahrtausende gehen.
Unsere Vorfahren waren ein wehrhaftes Volk von Bauern, das sich von
dem Ertrag der heimlichen Scholle nährte und allzeit gerüstet
war, diese Scholle mit Einsatz des eigenen Lebens zu schützen
und zu verteidigen. Sie wohnten einzeln und in geschlossenen Dörfern,
die Angehörigen einer Sippe meist in engster Nachbarschaft.
Unser
Bild 125/1 zeigt uns ein Gehöft, wie es uns heute auf Grund von
Ausgrabungen ziemlich genau vorstellen können, und wie man es
an manchen Orten, z. B. in Örlingshausen, als eine Art Freilichtmuseum
aufgebaut hat. Wir sehen, daß das Haus ein Holzbau ist, die
Wände sind mit Lehm verputzt, das Dach ist mit Stroh gedeckt.
Im Giebel des einen Hauses sehen wir die Öffnung, durch die der
Rauch der offenen Feuerstelle abzieht. Im übrigen bemerken wir,
daß der germanische Bauer im wesentlichen unter denselben Bedingungen
lebte wie der heutige (wenn wir einmal von dem Vorhandensein der Städte
und ihrer Zivilisation absehen, die natürlich einen großen
Einfluß auf das Bauerntum ausüben). Pferd, Rind, Schaf,
Ziege und Schwein sind ihm schon wie diesem die wichtigsten Haustiere,
er hält schon dasselbe Geflügel wie sein Nachfahr, und er
kennt sogar schon den Gartenbau, der ihm aller Gemüse liefert.
Auch die Bienenzucht war den Germanen bekannt.
Das
folgende Bild 125/2 versetzt uns in das Reich der Frau innerhalb des
germanischen Hauswesens. Wir sind hier in einer cheruskischen Spinnstube,
etwa aus der gleichen Zeit wie das vorhergesehende Bild. Hier wurde
an den langen Winterabenden das Garn gesponnen, aus dem man dann selber
das Tuch für die Kleidung webte (Abb. 10). Die Frau rechts vorne
ist mit dem Sticken beschäftigt und unterweist die Kinder darin.
Das junge Mädchen, das im Hintergrund steht, spinnt nach dem
einfachen Verfahren jener Zeit, also ohne Spinnrad, indem es mehrere
Fasern aus dem Flachsbündel zieht und mit Hilfe des am Ende hängenden
Spinnwirtels dreht, den wir am dadurch entstehenden Faden von ihrer
Hand herunterhängen sehen. Solche Spinnwirtel sind bei Ausgrabungen
vielfach gefunden worden.
Beachtenswert ist die Stellung der Frau bei
den Germanen. Sie ist nicht Dienerin, sondern Gefährtin des Mannes
in allen Lebenslagen, und wenn auch in der Form der Mitgift der bei
den indogermanischen Völkern übliche Kauf der Frau in abgewandter
Form noch in Erscheinung tritt, so ist die Mitgift selbst etwas bezeichnend
Germanisches. Der Mann bringt ihr Kinder, ein gezäumtes Roß,
einen Schild mit Speer und Schwert, die Frau schenkt ihm ein Waffenstück.
Diese Gaben sollen sinnbildlich die unlösbare Verbundenheit von
Mann und Frau im Frieden und im Krieg dartun, und auch die Frau soll
sich am Tage der Eheschließung bewußt sein, daß
sie die Gefahren ebenso mit ihrem Manne teilen muß wie glückliche
Zeiten. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus schildert mit
Bewunderung, die Sittenreinheit und das Eheleben der Germanen und
sagt, daß ihre Ehe streng sei und kein Gebiet ihrer Sitten höheres
Lob verdiene, und daß dortzulande gute Sitten mehr vermöchten
als anderswo gute Gesetze.
Diese Stellung der Frau drückt sich auch
in der Einrichtung aus, daß die Sippe der Frau ihre Ehre und
ihr Ansehen, ihre Geltung und ihr Recht selbst dem Ehemann gegenüber
zu vertreten hatte, so daß die Frau also keineswegs schutzlos
war.
Die
Knaben auf dem Bilde schnitzen sich Schwert und Schild zum Spiel;
später, wenn sie herangewachsen sind, wird aus dem Spiel Ernst.
Dann nimmt man sie im Landesthing [sprich: -ding] in die Gemeinschaft
der Männer auf. Diesen Vorgang zeigt Bild 125/4. In feierlicher
Weise empfangen sie Speer und Schild als Zeichen der Waffenfähigkeit.
Damit sind sie Krieger geworden, die für sich und die Ihren einzustehen
haben und zu bestimmen haben. "Bisher galten sie als Glieder
der Familie, nun gehören sie der Volksgemeinschaft", berichtet
Tacitus. Sie üben sich in den Waffen, treiben Leibesübungen
und zeigen beim Schwimmen und Reiten, bei Pferde- und Wagenrennen
und beim Schwertertanz ihre Kraft, ihren Mut und ihre Geschicklichkeit.
Eine
wichtige Seite der Volkswirtschaft ist die Rechtsprechung, aus der
unser Bild 125/3 uns eine Einzelheit vor Augen führt. Ein Schwerverbrecher
wird hier, an eine Art Kreuz gebunden, ins Moor versenkt. Diese Strafe
wurde nur in besonders schweren Fällen angewandt, wie bei Feigheit
vor dem Feinde; Verräter wurden gehängt. Kleinere Vergehen
wurden mit Bußen in Pferden, Kindern und dgl. bestraft. Die
Rechtsprechung erfolgte durch das Thing, bei geringfügigen Vergehen
durch den Sippenältesten oder Sippenführer.
Die sittlichen Gesetze, nach denen Recht gesprochen
wurde, vererbten sich mündlich von Geschlecht zu Geschlecht.
Schriftliche Aufzeichnungen finden wir erst später.
Aus
dieser Schriftlosigkeit hat man schließen wollen, daß
es mit den geistigen Fähigkeiten der Germanen nicht weit hergewesen
sei. Das aber ist falsch. Menschen, die vor Tausenden von Jahren schon
ihre Gedanken über die von ihnen verehrten Gottheiten in den
Felsbildern in Schweden auszudrücken vermochten, die eine so
herrliche Bronzebearbeitung auszuüben verstanden, die den Räderpflug
erfanden (Abb. 9), wären sicher auch zur Schaffung einer Schrift
befähigt gewesen, sie waren aber so sehr in ihrer bäuerlichen
Kultur gebunden und seelisch so mit ihr ausgeglichen, daß sie
das Bedürfnis nach einer Schrift nicht hatten.
Besitz stirbt, Sippen sterben, du selbst stirbst
wie sie; eines weiß ich, das ewig lebt: des Toten Tatenruhm.
(Edda [altnordisch],
übertragen von Felix Genzmer.)
Das erbte sich fort vom Vater zu den Söhnen,
von der Mutter zu den Töchtern. Dazu bedurfte es nicht der
Schrift!
(Quelle:
Aus Deutschlands Vor- und Frühzeit, Ein Erdal-Bilderbuch, herausgegeben
von der Erdal-Fabrik, Werner & Merk AG, Mainz am Rhein, Mainz
im Sommer 1938, von björn, copyright by Jadu 2000)
siehe auch germanische
Religion
Weihnacht vor 2000 Jahren