HOME Aus germanischer Urzeit Die Welt der Wikinger, Normannen und Waränger Die Germanen

Die skandinavischen Stämme vor und während der "deutschen" Völkerwanderung

Am Rande des Inlandeises, dort wo der Kampf mit den rauen Gewalten der Natur die höchsten Anforderungen an die körperlichen und geistigen Fähigkeiten der Bewohner stellte, ist die nordische Rasse erwachsen, und in jahrtausendelangem Ringen mit einem unwirtlichen Klima hat sie sich zu vollkommensten Verkörperung des Menschengeschlechts entwickelt. Eine kräftige Rasse pflegt nun nicht nur eine körperlich starke, sondern auch eine zahlreiche Nachkommenschaft zu haben. Die Heimat des nordischen Urvolkes konnte aber nur einer verhältnismäßig geringen Bewohnerzahl Unterhalt gewähren. Der Bevölkerungsüberschuß mußte sich anderswo nach neuen Wohnsitzen umsehen. Das führte zu den sogenannten indogermanischen Wanderungen, die Teile der nordischen Rasse nach südlichen Klimaten führten, wo sie sich als Herrenschicht über unterworfenen Urbevölkerungen niederließen, hohe Kulturen erzeugten, aber schließlich mit der Masse verschmelzend untergingen.

 

Die letzte nordische Völkerwelle, die einzige, deren Verlauf wir geschichtlich genauer verfolgen können, war die germanische. Wir sprechen meist von der "deutschen" Völkerwanderung, lassen sie mit dem Jahre 375 beginnen und setzen ihr als spätere nordische Parallele die Wikingerzüge gegenüber. Das ist zum mindesten ungenau. An der "deutschen" Wanderung waren keineswegs nur die deutschen oder richtiger die süd- und westgermanischen Stämme beteiligt, sondern in ganz hervorragendem Grade auch die nordgermanischen, und was die Zeit anlangt, so war, als der Hunnensturm das Reich Ermanarichs traf, die germanische Völkerwelt längst im Wandern.

Die Wiege der Germanen hat - daran ist nach den Untersuchungen vor allem des schwedischen Prähistorikers Oskar Montelius nicht mehr zu zweifeln - im Westbaltikum gestanden, d.h. Südschweden, die dänischen Inseln, die südliche Ostseeküste und ein Teil der deutschen Nordseeküste haben seit Jahrtausenden vor Beginn unserer Zeitrechnung eine ziemlich rein nordische Bevölkerung gehabt; zahlreich sind die Überreste, die sich aus der Kjökkenmöddingerperiode vor allem im heutigen Dänemark erhalten haben. Bei zunehmender Volksvermehrung hatten es die südlich des Meeres Wohnenden am einfachsten. Sie konnten, den Flüssen folgend, jagend und rodend in das weite Hinterland eindringen. Den auf den dänischen Inseln und auf der Skaninavischen Halbinsel Wohnenden boten bald Meer und Klima Halt. Ja, bisweilen mußte schon besetztes Gebiet wieder aufgegeben werden. Einbrechende Sturmfluten vertrieben die Kimbern aus ihre Heimat, und ebenso wie das Meeresniveau hat auch das Klima des Ostseegebietes geschwankt. Die verschwommene germanische Sage vom Fimbulwinter leitet ihren Ursprung daher. Tatsächlich ist das Klima Skandinaviens schon einmal viel milder gewesen. In den Moore Lapplands finden sich Haselnüsse und andere Reste von Pflanzen, die seit Menschengedenken in diesen Gegenden nicht mehr vorkommen.

Wenn der Bevölkerungsüberschuß hier an Auswanderung denken wollte, dann stand dafür nur der Seeweg offen. Und in der Tat finden wir auf der Skandinavischen Halbinsel schon in vorgeschichtlicher Zeit Spuren eines auffallend hochentwickelten Schiffswesens. Auf den von den Gletschern der Eiszeit glattgeschliffenen Granitflächen des skandinavischen Urgebirges haben sich zahlreiche Steinzeichnungen (hällristningar) aus der Zeit von etwa 1500 bis 500 v. Chr. erhalten. Sie stellen menschliche Figuren bis zu Lebensgröße dar, Tiere, symbolische Zeichen, wie Sonnenräder, Hakenkreuze, ganz besonders aber Schiffe, und zwar nicht nur einzelne, sondern vielfach ganze Flotten. Oft ist die Bemannung eingezeichnet und der Häuptling durch seine Größe oder einen hörnergeschmückten Helm hervorgehoben (BILD 1). Über die Deutung dieser Hällristningar ist man sich noch nicht ganz einig. Bisweilen kann man deutlich Kampf- und Jagdszenen, auch Landungsmanöver erkennen, so daß die Vermutung naheliegt, es handle sich um Darstellungen geschichtlicher Ereignisse. Vielleicht haben wir es aber auch mit einer Art Bilderschrift zu tun, vergleichbar den Hieroglyphen der Ägypter oder den Piktographen mancher nordamerikanischer Indianerstämme. Wie dem auch sei, sie sind uns ein Beweis für die hohe Entwicklung des nordischen Seewesens schon in dieser frühgermanischen Zeit. In der Tat läßt sich auch nur durch sehr langes Vertrautsein mit dem Meere erklären, daß die Germanen sich bald nach ihrem Eingreifen in die Geschichte auch schon als "verwegene Meister der See" zeigen. Wiederholt können wir in der Völkerwanderung verfolgen, wie vor allem die aus dem skandinavischen Norden kommenden Stämme immer nach der Küste streben, um durch Schaffung einer Flotte ihre Stoßkraft zu verdoppeln, gleich dem Riesen der Sage, dem die Berührung mit dem heimischen Element neue Stärke gab. Und wo sich heute bei den europäischen Völkern Seefahrergeist zeigt, da geht er überall auf germanischen Einschlag zurück. Die Römer waren mehr vorsichtige als kühne Seefahrer, und in den romanischen Sprachen sind, wie schon Wackernagel nachgewiesen, die meisten Schiffahrtsbezeichnungen germanischen Ursprungs.

Schon der erste antike Schriftsteller, der eine nicht nur auf Fabeln und Schiffergeschichten begründete Vorstellung von Skandinavien hatte, Tacitius, hebt bei den "Volksstämmen der Schweden" ausdrücklich ihren Reichtum an Schiffen hervor und gibt eine anschauliche Beschreibung ihrer Fahrzeuge:
"Sie sind mächtig nicht nur durch Männer und Waffen, sondern auch durch Flotten. Die Form ihrer Schiffe fällt dadurch auf, daß Bug und Achter gleich gebaut sind, so daß das Schiff stets imstande ist zu landen. Sie führen keine Segel, und die Ruder sind nicht fest, sondern frei, wie vielfach bei der Flußschiffahrt; je nach Bedarf können sie auf beiden Seiten gebraucht werden."
Der Schiffstypus der Skandinavier zu Tacitus' Zeit steht danach etwa in der Mitte zwischen dem der Hällristningar und den späteren Wikingerschiffen, die neben Ruder bereits Segel führten.
Mit ihren Ruderschiffen haben die Skandinavier, den Funden nach zu urteilen, schon in der Steinzeit die Ostsee überquert und an der finnischen Küste Niederlassungen gegründet. Ruderleute nannten sich die ältesten Wikinger,und in Rudergruppen waren sie daheim eingeteilt, woran noch die Landschaftsnamen Roslagen und Roden nördlich von Stockholm erinnern. Die Finnen und Slawen nahmen die Bezeichnung auf, und noch heute heißt "Schweden" im Finnischen "Ruotsia".

Ebenso wie die Sviones hat der andere Hauptstamm Schwedens, den auch schon Tacitus kennt, die Gutones, sich frühzeitig durch seemännischen Unternehmungsgeist ausgezeichnet. Sie überquerten etwas später als die Schweden die Ostsee sogar an der breitesten Stelle, wo ihnen höchstens die Insel Gotland einen Ruhepunkt auf der Fahrt bot, und siedelten sich im Gebiet der Weichselmündung an. Es war kein Zufall, daß sie sich gerade diese Gegend aussuchten. Die preußischen Küsten sind noch heute die wichtigsten Fundstätten des im Altertum so außerordentlich hochgeschätzten Bernsteins. Bernstein war der Hauptausfuhrartikel des Nordens, gegen den man damals besonders Bronze eintauschte. Die ersten Fahrten der Goten nach der preußischen Küste sind wahrscheinlich ganz ähnlich wie später die Wikingerzüge Handels- und Plünderungsfahrten gewesen. Die reiche Beute sowie die militärische Unterlegenheit der Bewohner lockte dann einen Schwarm nach dem anderen dorthin. Die verschiedensten germanischen Völkernamen tauchen auf. Selbst von der norwegischen Küste kamen Stämme, so die Rugier, die die Insel Rügen den Namen gaben, aus dem norwegischen Rogaland. Je mehr Germanen über die Ostsee kamen, desto enger wurde es in den Küstengegenden. Man drängte sich gegenseitig aus den eingenommenen Sitzen, und die Vertriebenen mußten weiter drinnen im Lande neue Ansiedlungsgebiete suchen. Die Ausdehnungsrichtung war vorgeschrieben. Der Bernsteinhandel kannte seit alters drei Wege von Preußen nach dem Mittelmeer:

1. An der Ost- und Nordseeküste endlang rheinaufwärts und rhoneabwärts;

2. Weichsel und Warthe abwärts durch Pannonien nach Carnutum (Wien), von dort nach der Po-Ebene oder nach Dazien;

3. Düna oder Beresina aufwärts, Dnjepr abwärts nach dem Schwarzen Meer.

Von diesen Wegen war für die Goten nur der letzte gangbar. Die beiden anderen führten in das Gebiet der Westgermanen, die damals selbst krampfhaft bemüht waren, neues Siedlungsland zu erobern, sich aber zunächst vor den noch nicht überwundenen römischen Grenzwällen stauten. Bis zum Beginn des dritten Jahrhunderts dauerte es indessen, bis die ersten Scharen der gotischen oder, wie sie auch bezeichnet werden, ostgermanischen Stämme das Nordufer des Schwarzen Meeres erreichten. Hier kamen sie in reiches Land mit alter Kultur, die Kornkammer der Mittelmeerländer, wo einst die griechischen Kolonien erblüht waren. Jetzt herrschte Rom an den Gestaden des Pontus Euxeinos". Im Jahre 214 erfolgte der erste Zusammenstoß. Die Folge war, daß die Römer die Provinz Dazien aufgaben. Die Kunde von dem Erfolg muß sich schnell in der germanischen Welt verbreitet haben; denn außer neuen Gotenscharen strömen nun eine ganze Menge germanischer Völker nach dem Schwarzen Meere, meist, soweit wir feststellen können, aus Skandinavien: Rugier, Heruler, Gepiden, Burgunder, Vandalen, Taifalen und wie sie alle heißen mögen. Jetzt kommt Leben in den trägen Orient. Während der westliche Teil der gotischen Völker über die Balkanhalbinsel herfällt, macht der östliche, Erinnerungen aus der Ostseeheimat auffrischend, das Meer zu seiner Operationsbasis. Trapezunt, Phasis, Chalcedon und Nikäa gehen in Flammen auf. 263 durchziehen die Gotenscharen Kleinasien, brennen Ilion und Ephesus nieder und schleppen Abertausende christlicher Gefangener mit sich nach der Krim, unter ihnen die mütterlichen Großeltern des Wulfila.

Auf die Auswanderung der Goten aus Skandinavien haben anscheinend die beständigen Grenzkämpfe der Goten und Schweden eingewirkt, von denen in etwas späterer Zeit das Beowulfslied erzählt. Die Schweden, denen die Natur eine Ausdehnung in nördlicher Richtung verwehrte, drängten mit Gewalt nach Süden. Ein ursprünglich schwedischer Stamm scheinen auch die Dänen gewesen zu sein, deren Name im 5. Jahrhundert zum ersten Male auftaucht, Sie vertrieben damals, offenbar von Norden kommend, die den Goten verwandten Heruler, die nunmehr als unstetester und reckenhaftester aller Germanenstämme der Völkerwanderungszeit bald hier, bald da erscheinen, bis ihre Reste schließlich nach langem Wanderleben den Weg nach der Heimat zurückfanden. Dabei marschieren die Heruler durch dänisches Gebiet, das jetzt aber, um 512, bereits Südschweden und die Inseln zwischen dem Sund und den Belten umfaßt. Die Dänen setzten um diese Zeit auch nach Jütland über und vertrieben die offenbar westgermanischen Euten oder Jüten, die dann zusammen mit den deutschen Nordseestämmen sich gegen England wandten.

Schon um 265 waren Herulerscharen am Schwarzen Meer erschienen. Ihrem eintreffen mag es zuzuschreiben sein, wenn die Plünderungsfahrten der Goten nunmehr einen Zug ins Großartige erhalten. Byzanz und Skutari werden überrumpelt, die klassischen Stätten von Athen, Korinth, Sparta und Argos niedergebrannt. Der Sieg des Kaisers Claudius bei Nisch im Jahre 269 stellte das Gleichgewicht wieder her, und seine Nachfolger haben durch geschicktes Ausnutzen der germanischen Uneinigkeit und gegebenenfalls durch kluges Nachgeben die Gefahr zu bannen gewußt. Auch trug die Einführung des Christentums und die innere Festigung des Gotenreiches zur Dämpfung des Kriegsfeuers bei.
Wir wissen nicht allzuviel von dem riesigen Gotenreich am Schwarzen Meer. Sein innerer Zusammenhang scheint nur ein loser gewesen zu sein. Seine Verfassung war wohl ähnlich der Schwedens zur Wikingerzeit, wo unter dem Upsalakönig eine ganze Reihe von Stammeskönigen standen. Bei den Goten übte das ostgotische Königsgeschlecht der Amaler eine ähnliche Oberhoheit aus, doch mußte er seine Ansprüche wiederholt gegen das westgotische Baltengeschlecht sowie gegen Aufstandsversuche der Taifalen, Burgunder, Alanen und anderer Stämme verteidigen.
Um die Mitte des vierten Jahrhunderts tauchte an den östlichen Grenzen des Reiches ein Reitervolk auf, das sich ursprünglich gegen Osten gewandt hatte, aber durch den Bau der chinesischen Mauer nach Westen abgelenkt worden war. Ganz so plötzlich wie in der Sage kamen die Hunnen nicht. Schon im Jahre 335 überwältigten sie die nur in losem Untertanenverhältnis zum Gotenreich stehenden Alanen, und erst 20 Jahre später brach das Reich des alternden Ermanarich zusammen.

Damit begann nicht die Völkerwanderung als solche, wohl aber ein neuer Abschnitt in der germanischen Völkerbewegung. Die nord(ost)germanische Gruppe, die bisher mehr an der Peripherie der Mittelmeerwelt gekämpft hatte, wurde durch die Hunnen mit nach Westen gerissen und griff in den Kampf um das Erbe des Römerreiches ein. Westgoten durchzogen alle drei Halbinseln Südeuropas, um sich in Spanien und Südfrankreich ein Reich zu gründen; die Ostgoten machten Rom selbst zur Hauptstadt ihres Reiches, und den Überlieferungen der Ewigen Stadt wie denen des zerstörten Reiches am Pontus folgend, fühlte sich Theoderich der Große als Haupt der neuerstandenen germanischen Staatenwelt; Karthago wurde unter der kurzen Vandalenherrschaft noch einmal zur seegewaltigen Herrscherin des Mittelmeeres; an den Westhängen der Alpen erhob sich das Reich der Burgunder, und als letzter Nordgermanenstamm errichteten die Langobarden ihr italienisches Reich.
Aber die Herrlichkeit war nur von kurzer Dauer. Weniger die Kriegskunst der Byzantiener, als Vermischung mit der zahlenmäßig weit überlegenen Bevölkerung der Mittelmeerländer und der verweichlichende Einfluß der südlichen Sonne wie der spätrömischen Kultur brach die nordische Kraft. Indessen nicht Ostrom trat ihr Erbe an, sondern die von ihren deutschen Sitzen nur langsam und in steter Fühlung mit ihrer Heimat vorgedrungenen südgermanischen Stämme, die sich im Frankenreiche zu staatlicher Einheit zusammengeschlossen hatten. Schon in den Jahren 530 - 532 wurde das Burgunderreich eine fränkische Provinz. Das Westgotenreich verlor seine gallischen Besitzungen, und im Jahre 774 setzte sich Karl der Große die eiserne Krone der Langobarden aufs Haupt. Damit war das letzte der in der Völkerwanderungszeit gegründete Nordgermanenreich verschwunden.

Deutlich unterscheidet sich das Auftreten der Nordgermanen in diesem Zeitabschnitt von dem der übrigen germanischen Stämme. Die Nordgermanen brachen schon mit dem Übersetzen über die Ostsee die Brücken zur Heimat ab und stießen dann, nur ihren Kielen und Schwertern vertrauend, mitten hinein in die feindliche Welt. Von Osten her rollten sie das römische Weltreich auf. Immer aufs Ganze gehend, kämpften sie um Byzanz, stürmten das ewige Rom, stellten die ganze Mittelmeerwelt auf den Kopf und suchten sich die reichsten und fettesten Provinzen aus. Dem Hirn ihres größten Königs entsprang der Gedanke, das Imperium Romanum durch einen germanischen Bundesstaat zu ersetzen. Aber gewaltig wie ihre Erfolge waren auch die Katastrophen, die über die Nordgermanenreiche hereinbrachen.
Mit minder hastigen Pulsschlag, weniger großzügig und weniger heroisch, verlief die Bewegung bei den Westgermanen. Nach dem die Goten durch ihre Stöße gegen die Mittelpunkte der Römerherrschaft diese erschüttert hatten, schoben die deutschen Stämme, nie die Fühlung mit der Heimat aufgebend, ihre Grenzen nach Süden und Westen vor und gingen nur ein einziges Mal über das Meer. Statt mit Kaisern um den Besitz von Reichen, kämpften sie mit Statthaltern um Grenzberichtigungen.
Aber das Ergebnis des Ganzen? Die großartigen Gründungen der Nordgermanen verschwanden nach wenigen Jahrhunderten, die Eroberung der Westgermanen wurde festgehalten, ja, diese traten sogar das Erbe der Burgunder, teilweise auch das der Goten und der Langobarden an, und auf den Trümmern des von den Goten zerschlagenen Römerreiches errichteten die Franken, den Gedanken Theoderichs in etwas veränderter Form wieder aufnehmend, das deutsche Kaisertum, die erste Großmacht des Mittelalters.

Woher stammt dieser Unterschied der beiden nahe verwandten Völkergruppen? Er dürfte damit zusammenhängen, daß die Nordgermanen länger und inniger mit dem Meere in Verbindung geblieben sind. Die Ostsee blieb ihr Tummelplatz, während die Südgermanen als Jäger und Ackerbauer ins Innere Deutschlands eindrangen. Daher ihre kühne Unternehmungslust, ihr Streben ins Weite. Die scheinbare Ausnahme, die die Eroberung Englands durch Angeln und Sachsen darstellt, bestätigt nur die Regel; denn sie ging von den einzigen deutschen Stämmen aus, die ähnlich wie die Skandinavier dauernd mit dem Meere in Fühlung geblieben waren. Die Franken dagegen, die später als Erben der nordgermanischen Reiche auch ans Meer vordrangen, haben es nie zu einer Seemacht gebracht, und die zum größten Teile aus Süddeutschen bestehenden Heere der deutschen Kaiser, die jahrhundertelang nach Italien zogen, haben, von einer Ausnahme abgesehen, niemals den Versuch gemacht, das Land von der Seeseite her zu beherrschen. Diese eine Ausnahme in der Stauferzeit hat ihren Grund in unmittelbarer nordgermanischer Einwirkung. ( s. Wikingerzüge)

Der Einsatz der Nordgermanen in der deutschen Völkerwanderung ist also ein ganz gewaltiger. Sie waren die eigentlich treibenden Kräfte, sie stürzten den Mittelbau des Römerreiches, aber sie waren die Sturmtruppe, die den Sieg mit Selbstaufopferung bezahlte. Vom skandinavischen Standpunkte aus war das erste Eingreifen der nordischen Völker in die Weltgeschichte eine Kraftanspannung, die dem Norden selbst keine dauernden politischen Erfolge brachte, sondern nur eine gewaltige Blutabzapfung bedeutete, und für die Germanen insgesamt führte es in gewisser Beziehung sogar einen politischen Rückschritt mit sich. Vor der Völkerwanderung hatte die Germanenwelt eine Einheit dargestellt. Die ersten Züge der Skandinavier nach der Ostküste der Ostsee machten diese zu einem germanischen Binnenmeer. Dieser Erfolg ging verloren. Die gotischen Stämme rissen bei ihrem Marsch nach dem Schwarzen Meer die übrigen germanischen Küstenstämme mit sich, so daß eine Lücke entstand, in die sich der Keil der Slawenwelt einschob. Die Slawen sperrten fortan die wichtige Weichselstraße, die in der Völkerwanderungszeit die Hauptverbindungslinie zwischen den im Süden kämpfenden Stämmen und der Ostseeheimat darstellte, auf der Nachschübe nach den Mittelmeerländern zogen und auf der die Goldschätze, die die Goten von den römischen Kaisern erpreßten, nach dem Norden wanderten, wo wir sie heute in der Erde Gotlands, Ölands, Bornholms und der ganzen skandinavischen Ostküste wiederfinden.

Der Blutverlust des Nordens, der Slawenwall und die großen Aufgaben, denen sich die Südgermanen zuwandten, die zur Ausbildung eines Großreiches mit immer weiterer Südwärtsverlegung des Schwerpunktes führten, das alles wirkte in der selben Richtung: die Verbindung zwischen Nord und Süd riß ab. Jetzt erst, in den Jahrhunderten nach der deutschen Völkerwanderung, bilden sich bei den skandinavischen Stämmen die sie kennzeichnenden Sonderzüge aus. Wie die nordische Sprache und Dichtung, so gewinnt auch die nordische Ornamentik je länger je mehr einen bizarren Formenreichtum, der sich immer weiter von den ursprünglichen Vorbildern entfernt. Und diese Entwicklung geht auffallend schnell; denn alle Kräfte, die sich vorher anderweitig betätigten, wenden sich jetzt nach innen. Dabei ist keineswegs gesagt, daß diese Entwicklung in jeder Hinsicht einen Fortschritt bedeutete. Im Gegenteil, das Aufhören der Verbindung mit dem Süden machte den Nordmann in vielem wieder zu Barbaren. Im Kampfe mit der rauhen Natur seiner Heimat, mit Wolf und Bär, beim fangen des Wals, erprobt er seine Stärke und wird zum wilden, unbändigen Wiking. Man kann ihn mit dem Sagenhelden Sinfjötli vergleichen, der als Knabe in den Wald geschickt war, "um als Wolf zu leben", auf daß er abgehärtet werde für die großtaten, die seiner warten.

Quelle: Jedermanns Bücherei; Nordische Geschichte, © 1924 by Ferdinand Hirt in Breslau, Jadu 2000


Die Wikingerzüge

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Nachtrag:

Sehr geehrte Damen oder Herren,

bitte teilen sie doch dem Verfasser über die Völkerwanderung der Wikinger mit, sich mit der Klimageschichte zu befassen. Aus dieser geht hervor, dass nicht die der 'reiche Kindersegen eines gesunden Naturvolk auslöser der Völkerwanderungen war, sondern die nicht mehr ertragbaren Zustände (Kälte) in den Nordregionen.

Die Kinderzahl war übrigens bei den Germanen ebenfalls auf 2-3 Kinder begrenzt. Einfache Verhütungsmittel und grundlegende medizinische Kenntnisse, waren vor der Inquisition noch vorhanden.

Anbei ist ein Bild mit den Klimaverhältnissen ein paar tausende zurückgeblickt. Aus denen geht in Verbindung mit Klimakarten eigentlich der Rest hervor.

Mit freundlichen Grüßen
Martin Wenzlaff
mwenzlaff@web.de

Name: Peter Lutter

Datum: Donnerstag, 18 Oktober, 2001 um 15:45:07
Kommentar:
In Ihrem Betrag ueber die Voelkerwanderung haben sich viele unrichtigkeiten eingeschlichen. Dabei liegt das Problem darin, dass Sie sich auf alte und veraltete Literatur stuetzen. Zum Beispiel nennen Sie Oskar Montelius, der als Vertreter von 'nordischen' Theorien eine beruechtigte Bekanntheit erlangt hat. Wenn Sie die neueste Literatur zu Rate ziehen (z.b. R. Hachmann, Skandinavian und die Goten, oder die Studienausgabe des Reallexikon der Germ. Altertumskunde) werden Sie feststellen, dass heute niemand mehr ernsthaft von einer Herkunft der Goten aus Skandinavian spricht. Auch lag die 'Urheimat' der Germanen nicht in Skandinavien, sondern nach linguisitischen Studien von J. Udolph, and der mittleren Elbe. Ueberdies, ist die Vorstellung von 'Voelkerwellen' die gegen die Grenzen des roemischen Reiches brandeten voellig ueberholt. Dies sind nur einige Beispiele, leider ist der Text voll on fehlerhaften Aussagen. beste Gruesse Peter Lutter M.A. (Historiker)

 



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