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Altsteinzeit
Die Sammler- und Jägervölker,
die während der letzten Eiszeit die eisfreien Gebiete Europas durchstreiften,
standen auf der Kulturstufe der Altsteinzeit. Aus Stein, Knochen oder
Holz stellten sie ihre einfachen Gerätschaften und Waffen her. Zu
deren reiner Zweckmäßigkeit scheint nun die Kunst dieser Völker
einen unbegreiflichen Gegensatz zu bilden. Wände und Decken der südfranzösischen
und spanischen Höhlen, besonders die Höhle von Altamira, sind
mit Malereien bedeckt, deren Naturwahrheit so überraschend ist, daß
zunächst niemand für möglich hielt, sie seien Werke jener
eiszeitlichen Jäger. Mammut und Wisent, Rentier und Wildpferd, alle
Jagdtiere jener Zeit sind in verblüffender Treue abgebildet und in
ihren Bewegungen meisterhaft erfaßt. Schnitzereien und Ritzzeichnungen
auf Knochen und Elfenbein zeigen die gleiche Vollkommenheit. Auch auf
deutschem Boden, im Keßlerloch bei Thaingen nahe Schaffhausen, fand
man solche Tierdarstellungen. Auf einem sogenannten Kommandostab aus Rentiergeweih
ist das oben abgebildete weidende Rentier eingeritzt. Meisterhaft ist
das äsende Tier wiedergegeben; trefflich das beim Fressen am Halse
herabhängende Fell und das ungeduldige Scharren des Tieres beobachtet.
So naturwahr
und überraschend all diese Bilder sind - sie sind doch noch keine
echten Kunstwerke, denn der Steinzeitmensch schuf sie nicht zu seiner
Freude, aus einem Schmuckbedürfnis heraus, sondern zu einem ganz
bestimmten Zwecke. Sie werden uns erst verständlich aus der geistigen
Haltung des damals lebenden Menschen. Wie viele Naturvölker noch
heute, so glaubten auch jene Jäger an Zauberkräfte, mit deren
Hilfe man Feinde besiegen und Tiere erlegen konnte. Das gemalte, gezeichnete
oder geschnitzte Abbild wirkt magisch, d.h. es bezaubert das im Bild festgehaltene
Tier, so daß es der Jäger sicher erlegen kann. Je größer
die Naturtreue der Darstellung ist, um so stärker wirkt der Zauber.
Zur Schärfe der Beobachtung des Jägers kommt die Sicherheit
der geübten Hand, aber es kam dem Menschen jener Zeit kaum zum Bewußtsein,
etwas Schönes gestaltet zu haben. Diese Altsteinzeitkunst kennt keine
Weiterentwicklung. Als mit dem abschmelzenden Eise die Jäger dem
Rentier nach Norden folgten, verschwand auch allmählich die Kunst
der Altsteinzeit aus Europa.
Verbreitung
der Michelsberger Kultur
Jungsteinzeit. Die Michelsberger Kultur.
Bandkeramik
Erst seit
der jüngeren Steinzeit ist eine echte bildende Kunst auf deutschem
Boden nachweisbar. Sie wird von Bauern und Viehzüchtern ausgeübt,
die zum Teil aus den altsteinzeitlichen Sammler- und Jägervölkern
hervorgingen. Die jungsteinzeitliche Kunst ist reines Kunstgewerbe, das
sich in der Hauptsache der Töpferei widmet. Schlichte Tongefäße
mit spitzem Boden und meist ohne Verzierung sind bereits aus der mittleren
Steinzeit bekannt. Alle Gefäße werden dicht an die geschichtliche
Zeit heran mit der Hand, ohne Benutzung der Töpferscheibe hergestellt.
Sicher gehen den Erzeugnissen der Töpferei Gefäße aus
Holz, Leder, mit Lehm gedichtete Körbe, Kürbisflaschen und -schalen
voraus. Daß diese jedoch die späteren Tongefäße
in ihrer Form beeinflußt haben , ist wenig wahrscheinlich.
Die Form eines
Gefäßes kann über seine Zweckmäßigkeit hinaus
künstlerisch gestaltet und seine Oberfläche durch Schmuck verschönt
werden. Ordnet man die zahlreich erhaltenen jungsteinzeitlichen Gefäße
nach Form und Schmuck und berücksichtigt die zugehörigen Funde
an Waffen und Geräten und die Bestattungsart der Toten, so erhält
man bestimmte Kulturkreise, deren Verbreitung man in Karten eintragen
kann. Die oben abgebildeten kleinen Karten zeigen vier besonders wichtige
jungsteinzeitliche Kulturen, die ihre Spuren auf dem Boden unseres Vaterlandes
zurückgelassen haben. Kulturen lassen sich nicht von ihren Trägern
trennen, und so sind diese kleinen Karten zugleich Völker- und Stammeskarten,
ja in dieser frühen Zeit menschlicher Geschichte wahrscheinlich sogar
Rassenkarten: Die Menschen des nordischen Kreises und die Schnurkeramiker
gehörten der nordischen Rasse an. Über die Rassezugehörigkeit
der beiden anderen Kulturkreise läßt sich noch nichts Endgültiges
aussagen. Der Michelsberger Kulturkreis wird nach einem Hauptfundplatz,
dem Michelsberg bei Bruchsal, genannt. Er reicht von Westen her nach Deutschland
herein. Seine Keramik ist einfach und meist ungeschmückt. Besonders
bezeichnend ist für sie der tulpenartig geformte Becher.
Für die
Bandkeramik sind eigenartige, kugelartige Näpfe und Fläschchen
kennzeichnend. Spirallinien, die manchmal ziemlich regelmäßig,
mitunter aber auch recht willkürlich die Gefäßwand überziehen,
zerlegen sie in geschwungene, handartige Streifen. Diese sind entweder
eingeritzt oder plastisch aufgelegt oder auch aufgemalt. Das Volk der
Bandkeramiker breitete sich, der Donau folgend, weit nach Westen hin aus.
Je weiter die Fundstellen der Bandkeramik im Südosten liegen. um
so ähnlicher sind die Verzierungen natürlichen Ranken. Es liegt
der Gedanke nahe, daß die auf deutschem Boden auftretenden Bandkeramikmuster
letzte Ausläufer, "Abbauformen" einer südlichen Kunst
sind, die Formen der lebendigen Natur als Schmuck verwendete.
Der nordische Kreis. Rössener
Keramik
Der nordische
Kreis stößt von der Ostsee her nach Norddeutschland vor. Sein
Verbreitungsgebiet geben bis auf die südlichen und östlichen
Ausläufer heute noch die Hünengräber (Megalith- oder Großsteingräber)
an. Das sind die Erbbegräbnisse des alten nordischen Bauernadels.
Die Gefäße, die zu dieser Kultur gehören, haben im Gegensatz
zu den rundlichen, weichen Formen der Bandkeramik einen mehr eckigen,
die Kanten betonenden, charaktervollen Umriß. Besonders häufig
kommen Kugelamphoren, Trichterbecher, Kragenflaschen und schüsselartige
Gefäße vor. Auch ihre Verzierungen sind völlig verschieden
von denen der Bandkeramik. Bereits die ältesten Stücke der Megalithkeramik
zeigen, daß ihr Schmuck rein geometrisch ist, also keinerlei Naturformen
als Vorbild verwendet. In den gebrannten Ton werden Punkte, kurze Striche,
später auch kleine Winkel oder Kreuze eingeritzt. Nach der Herstellung
der Muster bezeichnet man daher die so geschmückten Gefäße
auch als Tiefstichkeramik (Abb. 1). Die Einstiche wurden oft noch
mit Gips oder Kalk ausgestrichen, um sie recht deutlich hervorzuheben.
Die Striche und Punkte liegen dicht nebeneinander, so daß sie als
Linien oder Bänder das Gefäß umziehen. Bestimmte Stellen
werden bei den Verzierungen bevorzugt, so der Rand, der größte
und kleinste Umfang und die Schulter des Gefäßes. Seine Gliederung
wird also durch das Ornament noch besonders betont. Die gleiche Wirkung
erreichte man durch Linien, die, dicht nebeneinander von oben nach unten
verlaufend, einen Gefäßteil, etwa das bauchige Unterteil eines
Trichterbechers, überziehen. Die allzu große Härte, die
im Zusammentreffen der waagerechten und senkrechten Linien liegt, überwand
man durch das Zickzackornament. In der Frühzeit der Megalithkeramik
bestanden die das Gefäß umziehenden, schmückenden Linien
und Streifen einheitlich aus den gleichen Elementen, etwa kurzen Strichen.
In jüngerer Zeit werden diese Streifen oft in gleiche Stücke
geteilt, die abwechselnd aus Zickzackmustern, senkrechten oder waagerechten
Strichen bestehen. Der Schmuck wird feiner und reicher als der der Frühstufe,
aber immer bleibt er reiner Linienschmuck, der große Teile der Gefäßwand
frei läßt. Bei einigen Sondergruppen der nordischen Keramik
erfolgt eine Weiterentwicklung. Während die Walternienburger Gefäße
(Abb. 2) Vertreter des alten strengen Stiles sind, stellen die Rössener
etwas Neues dar. Die Formen sind runder, weicher als die Megalithkeramik.
Vielleicht gehen sie auf Einwirkungen des benachbarten bandkeramischen
Kreises zurück. Das Muster bedeckt fast die ganze Gefäßoberfläche
(Abb. 3). Durch dicht nebeneinander eingestochene Punkte entsteht ein
neuer Grund. Das auf ihm liegende Ornament aber ist nichts anderes als
der Rest der alten Oberfläche. Es hat also eine Umkehrung von Grund
und Muster stattgefunden. Noch mehr entfernt sich die Molkenberger Gruppe
von dem strengen Linienstil. Fast gleichmäßig sind die Molkenberger
Gefäße mit einem eingedrückten Kreuzmuster überzogen.
Die wichtigen Stellen werden nicht mehr betont, und neben dem alten Linienstil
tritt ein neuer Flächenstil auf.
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Abb. 1
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Abb. 2
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Abb. 3
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Abb. 3
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Schnurkeramiker. Stichbandkeramik
Einen ausgeprägten
Flächenstil zeigen auch die Gefäße der Schnurkeramik
(Abb. 4 und 5). Ihr Kerngebiet ist Mitteldeutschland, und von da breitete
sie sich nach allen Himmelsrichtungen hin aus. In den Gräbern fanden
sich Amphoren mit zwei oder vier Schnurösen, eigenartig geschweifte
Becher und als Besonderheit walzenförmige Dosen mit Deckel und zueinander
passenden Ösen als Verschluß. Schnurkeramik nennt man diese
Töpferkunst nach der Herstellung der Muster (Abb. 4). Um das Gefäß
wird eine Schnur gelegt, so daß sie in dem weichen Ton einen Abdruck
hinterläßt. Folgen die Abdrücke dicht hintereinander,
so wird die Gefäßwand gleichmäßig gemustert. Die
Schnureindrücke können auch durch Strichelreihen nachgeahmt
werden; man spricht dann von falschem Schnurmuster.
Das Schnurmuster
ist, entsprechend seiner Entstehung, recht eintönig. Damit es abwechslungsreicher
wurde, sparte man Teile des Grundes aus. Es bleiben Dreiecke und Zickzackstreifen
stehen, die nun das eigentliche Muster bilden, das auf dem neuen Grund
der Schnureindrücke erscheint. Also auch bei der Schnurkeramik tritt
die Umkehrung von Grund und Muster auf.
In den Randgebieten
berührten sich die nordischen Kulturen vielfach mit der Bandkeramik.
In diesen Zonen fand zweifellos eine gegenseitige Beeinflussung statt.
Aber in den wenigsten Fällen wird eine einfache Nachahmung des Fremden
erfolgt sein. In der Keramik wurden die neuen Formen dem eigenen Kunstwollen
angeglichen, sie wurden "abgebaut", ehe man sie verwendete.
Die schöne Hinkelstein-Stichbandkeramik (nach der Fundstelle,
dem Hinkelstein bei Worms, genannt; Abb. 6 und 7) ist nach Ansicht der
meisten Forscher bandkeramisch, und auf diesen Kulturkreis weisen auch
die oft rundlichen Formen hin, aber in den geradlinigen Mustern lebt viel
von der nordischen Schmuckkunst.
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Abb. 4
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Abb. 5
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Abb. 6
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Abb. 6
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Abb.7
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Bronzezeit
Während
der Jungsteinzeit stand die Töpferkunst auf erstaunlicher Höhe.
Im nächsten Abschnitt der Entwicklung aber erfolgte ein Rückschlag.
Man suchte nach neuen Formen für die Gefäße. Ihre Oberfläche
wurde plastisch gestaltet oder durch Kerbschnittmuster aufgelöst
oder überhaupt glatt gelassen. Aber es kam lange Zeit nichts der
früheren Keramik Gleichwertiges zustande. Seit der Entdeckung des
Metalls, besonders seit der Erfindung der Bronze, wandte man sich nämlich
so nachdrücklich der Metallbearbeitung zu, daß alle andere
kunstgewerbliche Tätigkeit dahinter zurücktrat. Waffen und Geräte
lassen sich im allgemeinen erst verzieren, seit sie aus Metall hergestellt
werden,und auch Körper- und Gewandschmuck sind erst seit der Bronzezeit
Gegenstand künstlerischer Betätigung.
Die Bestandteile
der Bronze, Kupfer und Zinn, wurden nur an wenigen Stellen des vorgeschichtlichen
Europas gefunden. Für das deutsche Gebiet waren damals die mitteldeutschen
Kupfererzlager am Harz, im Thüringer Becken und im Vogtland, ferner
auch die Fundstellen in Tirol und Salzburg besonders wertvoll. In Mitteldeutschland
kommt außerdem Kupfer ziemlich häufig zusammen mit Zinn in
dem gleichen Erz vor. - Lange dauerte es, bis man die für Waffen
und Geräte am besten geeignete Formen gefunden hatte. Für die
Verzierungen aber standen die jungsteinzeitlichen Töpfereimuster
zur Verfügung. Es ist erstaunlich, wie ähnlich die Muster der
ältesten Bronzewerkzeuge und -waffen denen der alten Töpferkunst
sind. Es treten eingeritzte Stichelreihen, die Ränder begleitende
Linien und Dreiecksmuster auf wie bei den Gefäßen der Jungsteinzeit.
Gar bald mußte
es sich jedoch herausstellen, daß diese geradlinigen Muster nicht
ohne weiteres für die neuen Geräte und Waffen, erst recht nicht
für den Schmuck geeignet waren, denn immer mehr verschwand bei den
Bronzegeräten die gerade Linie. Die Schneiden der Schwert- und Dolchklingen
z.B. wurden immer feiner geschwungen und ihre Griffe der Hand angepaßt.
Oft gibt es an den Bronzeschwertern nicht eine einzige gerade Linie mehr.
Die Feinheit der Schwingungen forderte nicht hartes, eckiges, sondern
weiches, fließendes Zierwerk.
Am Schwert
selbst tritt die Grundform der neuen Verzierung auf: Der Griff ist an
der Klinge festgenietet, und die hervorstehenden, halbkugeligen Nietköpfe
bilden den ersten Schmuck. Werden Griff und Schwert in einem gegossen,
so werden die Nietköpfe überflüssig, aber man deutete ihre
Stelle oft durch eingravierte Kreise an. So wird der Kreis das Grundelement
für die Verzierungen der frühen Bronzezeit. Da der Einzelkreis
leer wirkte, füllte man ihn mit konzentrischen Kreisen. Dieses innerlich
richtungslose Muster läßt sich überall anbringen; nebeneinandergesetzt
bildet es einen Schmuck, der sich jeder Umrißlinie anschmiegt, ganz
gleich, ob sie gerade oder gekrümmt ist. Durch Bogen lassen sich
die Kreiselemente zu neuer Einheit verbinden, ebenso durch innere Tangenten,
und die Ruhe, die im Wesen des für sich allein stehenden Kreises
liegt, wird so zu gleitender Bewegung. Von der durch innere Tangenten
miteinander verbundenen Kreisreihe führt ein kurzer Weg zu der sich
auf- und abwickelnden Spirale. Es ist nicht nötig, eine Beeinflussung
von Süden her anzunehmen, wo die Spirallinien auf den Grabstelen
von Mykenä vorkommen. Das Spiralornament der älteren Bronzezeit
ist im Norden durchaus wurzelecht. Es entsteht ja auch fast von selbst
bei der Art des Körperschmuckes: dem Armreifen. Seine einfache
Form ist der um den Arm mehrfach gewundene Bronzedraht. Von ganz allein
ergibt sich die Einrollung der Enden in Spiralenform (vgl. Abb. 11).
Besonders
schön ist der Schmuck der Gürtelplatten (Abb. 8). Diese
wurden von den Frauen als Zierde und Schutz am Gürtel getragen. Sie
sind wie die Werkzeuge gegossen, nicht aus Blech getrieben. Die Verzierungen
sind sorgfältig eingepunzt. Streng folgen abwechselnd parallele Linien-
und Spiralenbänder der Kreisform der Platte. Die Schönheit der
Metalloberfläche wird um den Schimmer und Glanz der Spiralen bereichert.
Der Gesamteindruck ist von ausgeglichener Ruhe und Harmonie. Auch wirken
die Spiralen außerordentlich zart; es fehlt ihnen die vorwärtsstürmende
Kraft, die etwa eine barocke Volute hat.
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Abb. 8
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Abb. 9
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Abb. 10
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Abb. 11
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Die jüngere Bronzezeit
In der jüngeren
Bronzezeit wird das Schmuckwerk lebendiger. Das zeigen besonders schön
die bronzenen Hängegefäße (Abb. 9 und 10). Sie
dienten wahrscheinlich zur Aufbewahrung von Schmuck. Der Boden, der zwar
stärker gewölbt ist als eine Gürtelplatte, bietet im Grunde
die gleiche Aufgabe. Die Anordnung des Zierates ist ähnlich wie bei
einer Gürtelplatte, aber an Stelle der eng gewickelten Spirale treten
jetzt Wellenbandmuster. Die kaum spürbare Bewegung der alten Spirale
wird abgelöst durch das ungestüme Vorwärtsdrängen
des neuen Ornaments, und selbst in der Mitte des Beckenbodens bleibt oft
die ruhende symmetrische Form nicht erhalten. Beim Bronzehängebecken
von Sophienhof (Kreis Demmin) biegen sich die vier Zacken des Sternes
schlangenartig nach einer Seite, so daß sich nun das Ganze zu drehen
scheint. Umgeben wird es von einem Kranze züngelnder Linien. Auf
dieser Entwicklungsstufe ist es auch begreiflich, daß die nordische
Bronzekunst eine Naturform aus dem Süden übernimmt, nämlich
den Kopf eines seltsamen Vogels, der sich auf eingeführten Metallgefäßen
findet. Er verschmilzt mit den sich windenden Linien zu einem neuen Drachenornament.
Auch das Wellenbandornament
ist eingepunzt und nicht tief eingegraben. So bekommt dieOberfläche
des verzierten Gegenstandes einen feinen Schimmer und die Farbe der Bronze
eine malerische Tönung. Licht und Schatten helfen mit zu der Schönheit
des Gesamteindrucks. Das gilt auch von den eigenartigen Wendelringen
(Abb. 12). Sie sind nicht verziert, sondern plastisch gestaltet, und im
Spiel von Licht und Schatten zwischen den scharfen gewundenen Kanten liegt
ihr Hauptreiz. Als Schmuck spielte in der Bronzezeit auch das Gold eine
bedeutende Rolle. Es wurde meist eingeführt. Da es sehr kostbar ist,
tritt bei der Verarbeitung der Guß hinter der Treibarbeit zurück.
Die schönsten erhaltenen Goldarbeiten sind die aus dünnem
Goldblech hergestellten Becher (Abb.13 bis 15), die wahrscheinlich
als Tischschmuck verwendet wurden. Die eingeschlagenen Verzierungen entsprechen
denen der Bronzegegenstände. Gold konnte auch auf Bronze aufgehämmert
werden, wie es z.B. bei der Scheibe des Sonnenwagens von Trundholm
(Abb. 16) geschehen ist, denn die Sonnenscheibe sollte in goldenem Glanze
leuchten. Der Wagen, auf dem sie steht, wird von einem aus Bronze gegossenen
Pferde gezogen. An ihm erkennt man deutlich, wie fern auch die nordische
Bronzezeit aller Nachahmung steht. Der Künstler,der mit sicherer
Hand und feinem Geschmack die Sonnenscheibe verziert, ist gegenüber
der neuen Aufgabe, ein Pferd zu gestalten, geradezu schüchtern und
unbeholfen. Die Arbeit ihm so fremd, daß er gar nicht an ihre künstlerische
Gestaltung denkt, sondern sogar ins Unkünstlerische gerät: Die
Augen bestehen aus eingesetztem Bernstein, und die Schwanztülle sollte
ohne Zweifel eine Schweif aus echtem Pferdehaar aufnehmen. Auch die zahlreichen
bronzezeitlichen Felsritzbilder, die in Südschweden erhalten blieben,
sind mehr erzählende Niederschrift als künstlerisch geformte
Darstellung.
Die hohe Kultur
der nordischen Bronzezeit mit ihrem meisterhaften Kunstgewerbe ist Ausdruck
eines starken, seiner Bedeutung sich bewußt werdenden Volkes, der
Germanen. Mit dem Ende der Bronzezeit dringen sie aus ihrem Kerngebiet
um die westliche Ostsee nach Süden, Osten und Westen vor, und kurz
vor der Zeitwende stehen sie am Kanal, an der mittleren Donau und jenseits
der oberen Weichsel. Damals war der weitaus größte Teil des
deutschen Bodens bereits von Germanen besetzt.
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Abb. 12
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Abb. 13
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Abb. 14
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Abb.14
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Abb. 15
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Abb. 16
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Eisenzeit. Die Germanen
Die Kunst
der Bronzezeit klingt allmählich aus. Auf die hohe Blüte folgt
eine Zeit der Ruhe: die vorchristliche Eisenzeit. Die Töpferkunst
brachte es noch zu einigen besonderen Leistungen, den westgermanischen
Hausurnen (Abb. 17) und den ostgermanischen Gesichtsurnen (Abb.
17 und 18), die in ihrer Mischung von Natur- und Kunstform, mit ihren
dämonischen Gesichtern, Werke echter Ausdruckskraft sind. Das neue
Metall aber wurde nur zögernd vom germanischen Handwerk aufgenommen.
Denn das Eisen ist ganz im Gegensatz zur Bronze ein schmuckfeindliches
Metall und läßt sich nur durch besondere Technik, etwa durch
Aufhämmern eines anderen Metalles (Tauschieren, vgl. Abb.
25, Plattieren) oder durch Ätzen verzieren.
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Abb. 17
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Abb. 17
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Abb. 18
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Abb. 25
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Viel rascher
wandten sich die Kelten, das Nachbarvolk der Germanen, dem Eisen zu. Ihrer
eigenartigen Kultur (La-Tene-Kunst) drohte dauernd die Gefahr der Überfremdung,
denn die Mittelmeerkulturen rückten immer weiter nach Norden vor
und überschwemmten seit dem fünften vorchristlichen Jahrhundert
die Nachbargebiete mehr und mehr mt ihrer Kunstware. Diese unaufhörlich
einströmende fremde Formenwelt vermochten die Kelten nicht auf die
Dauer ihrer eigenen anzugleichen, und so erlagen sie schließlich
dem südlichen Einfluß.
Die Germanen
wurden schließlich durch die im Süden von ihnen wohnenden Kelten
vor einer unmittelbaren Berührung mit den Mittelmeerkulturen bewahrt
und empfingen daher manches Kunstgut ihrer eigenen Formensprache angenähert.
Erst seit der römischen Kaiserzeit treffen germanische und Mittelmeerkultur
aufeinander. Vom Rhein her überflutet der Handel Germanien mit römischen
Waren, Germanen treten in römischen Dienst und kommen weit im Weltreich
herum, und in der Völkerwanderungszeit ergießen sich germanische
Völkerschaften in das alternde Römerreich. Sie lernen römische
Kultur und Kunst gründlich kennen, aber sie übernehmen nicht
wahllos, was ihnen entgegentritt. Geräte und Werkzeuge, die in ihrer
Vollkommenheit nicht mehr zu überbieten waren, fanden bei ihnen am
leichtesten Eingang, der hohen Kunst gegenüber verhielten sich die
Germanen sehr zurückhaltend. Dagegen fand vom Kunstgewerbe vieles
ihren Beifall.
Die spätantike
Kunst vertrat ein anderes Schönheitsideal als die alte klassische
Kunst. Das Gefühl für Klarheit der Flächenteilung, Schönheit
der Linienführung, für das Zusammenklingen von Zweck- und Kunstform
schwand auch beim Schmuck. Beliebt wurden bei der spätrömischen
Kunstindustrie Kerbschnitt-, Filigran- und Durchbruchsarbeiten, Zellenschmelz,
prunkvoller Reichtum an Edelsteinen. Dieser spätantike Zierat entsprach
der Entwicklungsstufe, auf der die germanische Kunst damals stand; er
wurde daher übernommen, umgebildet und verfeinert (Abb. 19-29).
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Abb. 19
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Abb. 20
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Abb. 21
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Abb. 22
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Abb. 23
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Abb. 24
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Abb. 26
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Abb. 27
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Abb. 28
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Abb. 29
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Die schönen
südgermanischen Fibeln bestehen meist aus reinem Gold. Bei der einen
Gruppe sind dem Grund feine Stege aufgelötet und die Zwischenräume
mit Glasflüssen oder Almandinen ausgefüllt. Der ostgotische
Schmuck von Cesena (Abb. 19) bietet dafür ein gutes Beispiel.
Bei einer anderen Art wird der Goldgrund mit feinem Filigran überzogen.
Es werden große Edel- oder Halbedelsteine eingesetzt, und es entsteht
so ein Zierstück von glitzerndem, gleißendem Prunk. Gleicht
die Technik dieser Fibeln auch der spätantiken, so atmet diese südgermanische
Schmuck doch eigenes Leben (Abb. 20-22).
Die Nordgermanen. Der Osebergfund
Die Nordgermanen
waren römischem Einfluß nicht im gleichen Maße ausgesetzt
wie die Südgermanen. Sie vermochten daher leichter eine eigene, ihrem
Wesen gemäße Schmuckweise, die nordische Tierornamentik,
zu entwickeln. Eine eigenartige Tierornamentik gab es auch in anderen
Kulturen jener Zeit, so in der Spätantike, aber es wäre verfehlt,
in solchen Schmuckformen Vorbilder für das nordische Tierornament
zu suchen. Es geht auch nicht von bestimmten Tieren der Wirklichkeit aus,
Naturnachahmung lag ja dem Norden immer fern, sondern die Tierkörper
sind nur Symbole für die Verlebendigung des Ornamentes. Es entsteht
ein Strudel aus Linien und Bändern, ineinander verschlungen, verknotet
und verbissen, ein einziges wogendes Meer. Aber diese Flut ist eingedämmt,
scharfe Ränder bilden stets eine deutliche Grenze. Das Tierornament
paßt sich jeder Form an, es eignet sich als Zierde für gradlinig
und krummlinig begrenzte Flächen, für Körper- und Gewandschmuck,
zur Verzierung von Waffen und Geräten (Abb. 30-39). Manchmal sind
die Tierleiber flach auf den Grund aufgebüglelt, so daß er
hier und da hervorschimmert, mitunter liegen sie so dicht nebeneinander,
daß sie die ganze Fläche füllen (Abb. 39), in der Spätzeit
des Stiles kann sogar der ganze verzierende Körper in Schlingwerk
aufgelöst werden. DasTierornament widersetzt sich auch nicht strengerer
Ordnung, es gibt gleichmäßig fortlaufende Bänder- und
Schlingmuster, symmetrisch angeordnete Tierschnörkel, und als Füllung
des Kreises tritt der seine Mitte umspielende Tierwirbel auf. Am
wildesten werden die Formen in der Wikingerzeit; in ihnen scheint sich
die ganze Fahrten- und Abentuerlust dieser Nordgermanen zu spiegeln.
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Abb. 30
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Abb. 31
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Abb. 31
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Abb. 32
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Abb. 32
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Abb. 33
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Abb. 34
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Abb. 35
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Abb. 36
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Abb. 37
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Abb. 38
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Abb. 39
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Welche große
Bedeutung das Tierornament damals hatte, lehrt uns am besten dieHolzschnitzkunst
des Osebergfundes. Ende des 7. Jahrhunderts wanderten die Ynglinge,
die Fürsten der Vestvold-Dynastie, in das Land am Oslofjord ein.
Zu ihrem Geschlecht gehörte auch die Königin Aasa, die Mutter
König Halvdans des Schwarzen und die Großmutter des ersten
Reichskönigs der Norweger, Harald Haarsagers. Sie starb um das Jahr
850 n. Chr. und wurde mit fürstlichen Ehren bestattet. Vom Oslofjord
wurde ihre Lustjacht 5 Kilometer landeinwärts bis zum Königshofe
Oseberg gerudert. Dort zog man das Schiff an Land und vertäute es
an einem mächtigen Steinblock.Dann baute man am Mast aus dicken Eichenbohlen
eine Grabkammer. Darin legte man auf einem Holzbett mit prächtig
verzierten Pfosten die tote Königin, wahrscheinlich völllig
angekleidet, zur letzten Ruhe nieder und auf einem zweiten Bett ihre alte
Dienerin, die ihrer Herrin freiwillig in den Tod gefolgt war. In der Grabkammer
wurden mehrere Truhen niedergesetzt, von denen eine besonders schöne,
aus Eichenholz gefertigt, mit Eisenbeschlägen und verzinnten Nägeln
verziert und mit Schlüssel und Schloß versehen ist. Vier schöne
Holzeimer gab man der Toten mit; einer diente als Weinbehälter, in
den anderen fand man Heidelbeeren und Äpfel. Ein Kasten enthielt
Weizen zum Brotbacken. Viele gewebte Stoffe mit Bildern aus der Göttersage
fanden sich in der Grabkammer, und auch der aus Buchenholz gefertigte
Webstuhl fehlte nicht.
Im Achterschiff
wurden Küchengeräte untergebracht: eiserne Kessel und Töpfe,
Schüsseln, Holzgefäße, Lampen und eine Handmühle.
Auch einen frisch geschlachteten Ochsen gab man der Königin mit -
sie sollte auf ihrer Fahrt ins Totenland nichts entbehren.
Im Vorderschiff
erhielt der herrliche Wagen der Königin seinen Platz, dorthin stellte
man auch die vier Schlitten, drei weitere Betten und viele andere Gegenstände.
Ferner legte man vierzehn getötete Pferde hier nieder, dann packte
man das Schiff in große Steinblöcke ein und häufte über
das Ganze einen Hügel von Tonerde, der fünfzig Meter im Durchmesser
erreichte.
1903 entdeckte
ein Bauer das Grab, und 1904 grub es Professor Gustafson kunstgerecht
aus. Zwar ist schon sehr früh ein Einbruch in das Grab verübt
worden; die Räuber haben allen Schmuck aus Edelmetall gestohlen und
die beiden Leichen verschleppt, aber der Fund ist trotzdem noch wegen
seines Reichtums an Geräten sehr wichtig für die Kulturgeschichte
der Nordgermanen.
Auch
über das Kunstgewerbe der Wikinger erfahren wir vielerlei. Das Schiff
selbst (Abb. 40) ist ein Meisterwerk des Holzbaus. Es ist als breites,
nicht tiefgehendes Ruderboot gebaut und wurde mit dreißig Riemen
vorwärtsgetrieben. Es besaß aber auch einen Mast zum Segeln.
Vor dem Wind muß das Schiff eine außerordentlich schnelles,
bewegliches und elegantes Fahrzeug gewesen sein. Außer seiner Zweckmäßigkeit
müssen wir aber auch seine Schönheit bewundern. Wie prächtig
schwingen die Linien in der Mitte des Schiffes aus und vereinigen sich
dann in dem stolzen Steven! Von keiner Seite wird der geschmeidige Linienfluß
durch irgendeine Härte gestört.
Vorder- und
Hintersteven sind mit Schnitzereien geschmückt. Die zum Schiffsschnabel
aufsteigenden Planken tragen in flachem Relief geschnitzte Bänder.
Aus der Nähe betrachtet, zeigen sie die ganze Wildheit des nordischen
Ornaments, ineinander verknäulte Tiere, bald mit kräftigen,
schwellenden, bald mit fadendünnen Leibern und Gliedern. Aber die
Schnitzerei bleibt noch durchaus in einer Ebene; der Grund schimmert in
geringer Tiefe als ruhige Fläche durch die Schlingungen des Ornamentes
hindurch. Da das ganze Schnitzwerk in die beiden festen Grenzlinien der
Streifen gebannt ist, entsteht im ganzen kein Eindruck von Unruhe, sondern
von vornehmen Reichtum.
Über
und über ist der Kasten des beigegebenen Wagens beschnitzt. Das altertümliche
Band- und Schlingwerk wird von figürlichen Szenen unterbrochen. Aber
auch sie sind mehr Muster als Darstellung. Die einzelne Gestalt ist nicht
abgeschriebene Natur, sondern Erzeugnis einer eigenwilligen Phantasie.
So wird auch die Figurenszene zum Linienstrudel, der schwer für unser
ungeübtes Auge zu entziffern ist und darum voller Geheimnisse bleibt.
Die Träger des Wagenkastens, die Eckpfosten der Schlittenkästen
und die meist prächtig verzierten Ansatzstücke für die
Schlittendeichseln zeigen als besonderen Schmuck vollplastische Köpfe
von Tieren und Menschen. Auch sie kennen keine Naturnähe; der Schnitzer
arbeitet an einer Aufgabe, die ihm noch wenig vertraut ist, und darum
wirken diese Köpfe mehr als Skizzen, denn als fertige Werke. Aber
sie sind doch voller dämonischen Lebens.
 Der
Schmuck der Schlitten (Abb. 41) ist von verschiedener Art. Das
in feste Grenzen eingefangene Tierornament kommt neben einem viel
strengerem Bandornament vor, das in gleichmäßigen, geometrischen
Figuren die Fläche überzieht. Hier mag eine Anregung aus dem
Süden vorliegen, doch wird sie von den nordischen Schnitzern sehr
bald umgewandelt; die Grundfläche, die das neue Ornament trägt,
wird aufgelöst in Flechtwerk, dann wird die neue Grundfläche
auch zerstört, und so liegen drei Schichten Flecht- und Bandwerk
übereinander. Es entsteht abermals ein sinnverwirrender Reichtum,
der durch eingeschlagene, verzinnte Nägel noch verstärkt wird
(Abb. 42).
Die Kunstwerke
des Osebergfundes sind in ihrer Erscheinung nicht einheitlich. Wir können
verschiedene Künstlerhände unterscheiden, wir erfassen darüber
hinaus verschiedene Künstlergenerationen, verschiedene "Stile".
Das zeigen am besten die fünf Tierkopfpfosten, die man im Osebergschiff
fand. Welchem Zweck sie dienten, ist bisher noch nicht bekannt. Der Hals
der Pfosten zeigt meist reichen plastischen Schmuck und endet in einem
plastischen Tierkopf. Es soll ein wildes Untier sein - aber es fehlt das
Vorbild, und so entstehen ins Bestialische gesteigerte Hundsköpfe
mit weit aufgerissenem Rachen und fletschenden Zähnen. Der eine Tierpfosten
(Abb. 43) ist völlig von Bandwerk umflochten und übersät
mit weißen Sternchen, das sind verzinnte Nagelkuppen. Die Augen
bestehen aus Metallblättchen mit aufgesetzten blauen Steinen. Auch
die Hauer sind mit dreieckigen Metallplatten beschlagen. Der Tierkopf
Abb. 44 bildet dazu einen starken Gegensatz. Der größte Teil
des Halses ist glatt. Unten umschließt ihn ein Art Halsband, durch
dessen quadratische Gitterung sich die Haut des Halses gewissermaßen
leicht durchdrückt. Der Kopf ist mit feiner Bänderung überzogen,
und vorn ist die Haut schachbrettartig gemustert. Die Schnauze selbst
ist ein Stück schärfster Naturbeobachtung; man denkt bei den
geblähten Nüstern sofort an eine Dogge. Diese Zurückhaltung
und Strenge in der Ausführung kommt im Osebergfund nur einmal vor.
Man nennt darum den Schnitzer den akademischen oder klassischen Meister.
Ihren Höhepunkt
erreicht die Schnitzkunst des Osebergfundes in dem letzten Tierpfosten
(Abb. 45). Er scheint völlig aus Tierleibern geflochten zu sein.
Nicht wie bei dem einen Schlittenkasten liegen einzelne Schichten von
Flechtwerk hintereinander, sondern aus dunkler Tiefe tauchen die Schlangenleiber
hervor, winden sich durcheinander und glotzen uns schließlich aus
seltsam tier- oder menschenähnlichen Gesichtern an. Die verwirrende
Fülle wird aber gebändigt durch diese Tierleiber selbst. In
der äußeren Schicht krümmen sie sich zu ovalen Rahmen,
die, regelmäßig aneinandergereiht, diese Tierknäuel zu
einem Ganzen festigen. Die Körper sind sorgfältig mit kleinen
Mustern überzogen, so daß ein Werk von quirlender, flimmender
Pracht entsteht. Mit Recht nennt man darum diesen Künstler den barocken
Meister des Osebergschiffes.
Baukunst. Die Holzbaukunst der Germanen
Das Kunstgewerbe
war während des nordischen Altertums die beherrschende Kunstübung;
Malerei und Plastik standen ganz in seinem Dienst und brachten es nicht
zu eigenen Leistungen. Welche Rolle spielte nun die Baukunst? Die
ältesten uns erhaltenen Bauwerke des Nordens sind die Hünengräber
der jüngeren Steinzeit. Die nordischen Bauern errichteten sie aus
Findlingsblöcken, dem einzigen Baustein, der im Lehm- und Sandboden
der Tiefländer um die westliche Ostsee vorkommt.
Hünengrab von Thuine, Prov. Hannover (33 m lang)
Die Anordnung
der Steine zeugt vom Verständnis für die Gesetze der Baukunst.
Auch sind die Wände der Grabkammern oftdurch Bearbeitung der nach
innen gerichteten Blockflächen und durch Trockenmauerwerk so regelmäßig
als möglich gestaltet; selbst Lehm-, Holz- oder Fachwerkauskleidung
des Grabraumes sind wahrscheinlich vorhanden gewesen. Im übrigen
erschöpfte sich die nordische Baukunst lange Zeit im Hausbau, und
bei ihm war die zweckmäßige Gestaltung dieHauptsache. Ob das
Haus auch künstlerischen Schmuck erhielt, wissen wir nicht. Denn
Mitteleuropa und die nordischen Länder waren während der Bronze-
und Eisenzeit Waldland, und Holz war in jener Zeit der gegebene Baustoff.
Von seiner Vergänglichkeit sind die Überreste des Hausbaus bis
weit in die geschichtliche Zeit hinein recht bescheiden; über künstlerische
Gestaltung sagen sie nichts aus. Erst nach der Völkerwanderungszeit
erfahren wir Genaueres von dem Holzbau, und zwar durch schriftliche Überlieferung.
Aus der germanischen Dichtung lernen wir die langgestreckte Königshalle
mit ihrem von einer Doppelreihe von Stützen getragenen Dach kennen.
Stützen und Wände,Giebel und Tor waren reich geschmückt.
Die ersten Kirchenbauten auf germanischem Boden bestanden meist aus Holz;
manchem Steinbau, so dem Straßburger Münster, ging eine Holzkirche
voraus. Wie sie aussahen, wissen wir leider nicht. Der Wohnbau muß
in der Merowinger- und Karolingerzeit in einigen Teilen Deutschlands auf
beachtlicher Höhe gestanden haben. Begeistert spricht sich über
die Holzbauten der rheinischen Städte der fränkische Bischof
Venantius Fortunatus in seinen um 560 n. Chr. geschriebenen Versen aus:
| Cede parum paries, lapidos structu metallo, |
| Artificis merito praefero ligna tibi. |
| Aethera mole sua tabulata palatia pulsant, |
| Quo neque rima patet consolidnte manu. |
| Quidquid saxa sablo, calces, argilla tuentur, |
| Singula silva favens aedificavit opus. |
| Altiori innititur, quadrataque porticus ambit, |
| Et sculpturata lusit in arte faber. |
| |
| Weg mit euch, mit den Wänden von Quadersteinen! Viel höher |
| Scheint mir ein meisterlich Werk, hier der gezimmerte Bau. |
| Schützend verwahren vor Wetter und Wind uns getäfelte
Stuben, |
| Nirgends klaffenden Spalt duldet des Zimmermanns Hand. |
| Sonst nur gewähren uns Schutz das Gestein und der Mörtel
zusammen, |
| Hier aber bietet ihn uns freundlich der heimische Wald. |
| Luftig umziehen den Bau ins Gevierte die stattlichen Lauben; |
| Reich von des Meisters Hand, spielend und künstlich geschnitzt.
|
| (Übertragung nach A. Haupt.) |
Zu hoher Vollkommenheit
entwickelte sich auf deutschem Boden eine besondere Art des Holzbaus,
nämlich der Fachwerkbau. Wir können uns aus Hessen- und
Frankenland die reizvollen bäuerlichen und städtischen Fachwerkbauten
gar nicht wegdenken. Das Fachwerk ist aber seit alter Zeit im Brauch;
findet man doch eine Andeutung von Fachwerk bereits auf einigen westgermanischen
Hausurnen der frühen Eisenzeit. Auch die unvergeßlich schönen
Holzhäuser der Städte des Harzvorlandes und Wesergebietes, mit
ihrem eigenartigen Aufbau und dem seltsam reichen Zierwerk sind letzte
Glieder einer langen Entwicklung, die in ihren Wurzeln ohne Zweifel bis
in germanisches Altertum reicht.
Von der Höhe
germanischer Holzbaukunst zeugen auch die Stabkirchen Norwegens.
Sie stammen aus dem 11. bis 13. Jahrhundert.
Ihr Grundriß
ist völlig verschieden von dem der meisten gleichzeitigen deutschen
oder französischen Kirchen. Unter dem Fußboden des Bauwerkes
liegen vier mächtige Schwellen, die sich in den Ecken rechtwinklig
schneiden. In diesen Schnittpunkten sind vier Holzmasten errichtet, die
das Dach tragen. Zur Unterstützung erhält jeder Hauptmast zwei
Nebenmasten, die links und rechts von ihm im gleichen Abstand auf den
Schwellen aufgestellt werden. Man nennt diese Stabkirchen auch Zwölfmastenkirchen.
Da der Grundriß meist ein breites Rechteck ist, können wohl
vier von diesen Masten gleichweit voneinander entfernt in einer Reihe
stehen, wie zum Beispiel an der Schmalseite der Kirche von Borgund, aber
an ihrer Längsseite ist dann der Abstand zwischen den beiden Nebenmasten
größer. Die Masten sind also ganz anders angeordnet als die
Säulen der südlichen Basilika. Alle anderen wichtigen Stützen
sind aufgestellte Pfosten. Die Holzwände zwischen ihnen tragen nichts,
sondern sind reine Füllung. Der Hauptraum ist ein rechteckiger Saal
mit einem gleichbreiten allseitigen Umgang. An einer Schmalseite ist der
Chor angebaut. Er verschmilzt in der ältesten Zeit nicht mit dem
Hauptraum, weil zwei Masten den Blick nach dem Altar zu versperren. Die
einzelnen Masten sind gewöhnlich durch Halbkreisbogen miteinander
verbunden, in Gol sind sie außerdem durch Querhölzer und Andreaskreuze
verstrebt, so daß eine umlaufende Galerie entsteht. Auf den Masten
stehen oben die Dachsparren auf. Den Übergang von der Stütze
zum Bogen bilden in Urnes schöne Würfelkapitälle. Sind
diese aus dem südlichen Steinbau übernommen oder haben wir es
mit einer Form der heimischen Holzbaukunst zu tun? Wenn sich auch der
Ursprung des Würfelkapitells aus der Zimmermannskunst noch nicht
beweisen läßt, so gewinnt diese Annahme durch die Stabkirchen
an Wahrscheinlichkeit. In manchen Teilen, wie der Galerie über dem
Bogen, den Diensten, die die Dachsparren tragen, und der reichen Verstrebung
sind bereits gewisse Konstruktionsgedanken der gotischen Baukunst vorweggenommen.
 Die
Außenansicht einer Stabkirche (Abb. 46) beherrschen die sich
übereinanderstürmenden Giebel und Dächer. Unter sie duckt
sich ein niedriger, nach außen offener Umgang. In einzelnen Stufen
schwingen sich die Umrißlinien dieser nordischen Zentralbauten zur
Spitze des Dachreiters auf, phantastisch unterbrochen durch die auf den
Giebeln befestigten Drachenköpfe. Das ganze Bauwerk verschmilzt durch
den einen Baustoff Schindeldach und Holzwand zu untrennbarer Einheit.
Holzschnitzerei
ließ sich an vielen Stellen anbringen, am meisten reizten aber dazu
die Eingangstüren. Das aus einer älteren Stabkirche übernommene
Tor von Urns (Abb. 47) zeigt das nordische Tierornament noch in
seiner frischen ursprünglichen Art. Das Schnitzwerk der späteren
Türumrandungen wird mehr und mehr verfeinert; es wird regelmäßig
verteilt und geordnet, und die Bandverzierungen werden südlichem
Rankenwerk oft recht ähnlich. Auch der Grundriß der Kirchen
wird immer mehr der dem der Basilika angenähert; doch geschieht das
nicht aus Neigung zu dieser Bauform, sondern nach dem Willen der christlichen
Kirche.
Viel früher
schon war bei den Südgermanen die arteigene Kunstentwicklung unterbrochen
worden. Durch die Karolingische Renaissance wird die fremde spätantike
Kunst zur Hofkunst erhoben. Staat und Kirche bestimmen, was als schön
zu gelten hat. Die germanische Kunst aber stirbt nicht ab, sie führt,
eine Stufe tiefer, als Volkskunst ein bescheidenes Dasein. Ihre Zierweisen
bleiben bei den Bauern und Handwerkern unvergessen und leben als Schmuck
an Geräten und Möbeln, als Muster in Weberei und Stickerei,
im bäuerlichen Hausbau weiter. Von da aus dringt germanisches Formempfinden
immer wieder in die hohe Kunst ein.
Quelle: Germanische Kunst, Johannes Arndt, Bibliographisches Institut
Leipzig, 1935, von rado jadu 2000
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