Mittelalter
Germanen

Aus Germanischer Urzeit

Julius Cäsar und der Germanenkönig Ariovist

Der römische Feldherr Julius Cäsar unterwarf in den Jahren 58 - 50 v. Chr. ganz Gallien und kam bei diesen Kämpfen auch wiederholt mit germanischen Völkern in Berührung.Über seinen Kampf gegen Ariovist schreibt Cäsar im "Gallischen Kriege":
(58 v. Chr.) Abgesandte der gallischen Staaten erschienen bei Cäsar und klagten, daß der Germanenkönig Ariovist sich in ihrem Gebiete festgesetzt und den dritten Teil des sequanischen Ackerlandes, des besten von ganz Gallien, weggenommenhätte, und nun sollten die Sequaner auch noch das zweite Drittel den Harudern zur Wohnung und zum Aufenthalt einräumen, die 24. 000 Mann stark vor einigen Monaten zu ihm gestoßen wären. In kurzer Zeit würden sie also allesamt aus Gallien gejagt werden und alle Germanen über den Rhein kommen, denn weder Boden noch Lebensweise in germanien käme der gallischen gleich. Ariovist aber herrsche seit dem Hauptsiege, den er über die gallische Macht erfochten, stolz und grausam; er verlange die Kinder des ersten Adels zu Geiseln und übe alle Arten von Härte und Grausamkeit gegen sie aus, wenn nicht alles nach seinem Wink und Willen geschähe. Er sei ein Barbar, ein jähzorniger, tollkühner Mann; seine Herrschaft sei nicht länger zu ertragen.
Cäsar erkannte die Gefahr für Rom, die darin lag, wenn die Germanen sich allmählich gewöhnten, über den Rhein zu ziehen, und in Gallien sich ansammelten. Denn er glaubte nicht, daß diese wilden Barbaren, sobald sie im Besitze von Gallien wären, sich damit begnügen würden; vielmehr wäre zu erwarten, daß sie wie vor ihnen die Kimbern und Teutonen nach Italien eindringen würden. Er hielt also für gut, die schleunigsten Vorkehrungen dagegen zu treffen; des Ariovist Stolz und Anmaßungen gingen ja schon so weit, daß er ihm selbst unerträglich schien.

Cäsar fand es also für gut, Abgesandte an Ariovist zu schicken mit der Forderung, er sollte einen Ort zu ihrer beiderseitigen Unterredung bestimmen; er wolle sich mit ihm über einige Staatsangelegenheiten von größter Wichtigkeit besprechen. Ariovist gab diesen Abgesandten den Bescheid: "Wenn er etwas von Cäsar wolle, würde er zu ihm kommen; verlange aber Cäsar etwas von ihm, so müsse auch er zu ihm kommen. Außerdem getraue er sich nicht, ohne Heer in die Teile Galliens zu gehen, die Cäsar besetzt habe, und das könne er nicht ohne viele Beschwerden zusammenziehen. Überhaupt erschien es ihm sonderbar, was Cäsar besetzt habe oder gar das römische Volk in seinem Gallien, das er durch Recht des Krieges erworben hätte, zu schaffen habe. Kriegsrecht sei es, daß der Sieger dem Besiegten Befehle erteilen könne; auch das römische Volk pflege mit seinen unterjochten Völkern nach eigenem gefallen, nicht nach der Vorschrift eines anderen zu verfahren. Wenn er also den Römern in der Ausübung ihrer rechte keine Vorschriften mache, so dürften auch sie ihn in seinen Gerechtsamen nicht kränken. Die Äduer hätten ihr Waffenglück versuchen wollen, hätten Schlachten gewagt und wären überwunden worden. Sie zahlten ihm infolgedessen Tribut. Cäsar aber handle sehr ungerecht, daß er durch seine Einmischung ihm seine Einkünfte schmälere. wenn er Luft hätte, solle er nur gegen ihn anrücken; noch niemand habe sich ohne sein verderben in Krieg mit ihm eingelassen. Er werde die Tapferkeit seiner unüberwindlichen Germanen fühlen, die so geübt in den Waffen und seit vierzehn Jahren unter kein Obdach gekommen wären."

Gerade als Cäsar diese Antwort erhielt, brachten gesandte der Trevirer die Nachricht, hundert Gaue der Sueven ständen am Rheine und wollten übersetzen. Durch diese nachricht gerit Cäsar in große Unruhe und dachte, er müsse schleunig zu Werke gehen, damit ihm nicht durch die Vereinigung des neuen Germanenhaufens mit Ariovists altem Heere der Widerstand erschwert werde. Er legte daher in möglichster Geschwindigkeit Getreidevorräte an und ging in Eilmärschen auf Ariovist los.
Am dritten Tage nach dem Aufbruche lief die Nachricht ein, Ariovist mache mit seinem ganzen Heere eine Bewegung, um Vesontio, die hauptstadt im sequanischen Gebiete, zu besetzen. Cäsar glaubte das verhindern zu müssen; denn es lag in der Stadt ein sehr großer Vorrat von allen Kriegsbedürfnissen, und eilte deshalb in großen Tag- und Nachtmärschen dahin, nahm den Ort und legte eine Besatzung hinein.

Während der kurzen Zeit, in der Cäsar des Getreides und der Zufuhr wegen bei Vesontio stand, breitete sich durch die Erkundigungen unserer Soldaten, sowie durch geschwätz der Gallier und der Kaufleute das Gerücht aus, die Germanen seien ungeheuer groß, unglaublich tapfer, geübt in den Waffen; man könne in den Schlachten mit ihnen nicht einmal ihre Blicke und das Funkeln ihrer Augen ertragen. Und dies Gerücht veranlaßte plötzlich einen solchen Kleinmut und eine solche Verzagtheit im ganzen Lager, daß alles aus der Fassung kam. Diese Furcht aber ging zuerst von den Kriegstribunen (Obersten), sonstigen Offizieren und den übrigen aus, die dem Cäsar nur aus Freundschaft von Rom gefolgt waren und nun bei ihren geringen Kriegserfahrungen über die große Gefahr jammerten, und von denen jeder unter einem Vorwand sich zu einer notwendigen Reise die Einwilligung Cäsars erbat. Einige hielten zwar aus Scham, um dem verdachte der Feigheit zu entgehen, stand; allein sie konnten doch ihre Mienen nicht verstellen, noch die Tränen zurückhalten. In den Zelten versteckt, beklagten sie entweder ihr Mißgeschick oder bejammerten mit ihren Vertrauten die allgemeine Gefahr. Im ganzen Lager machte man durchgängig sein Testament. Durch ihr Geschwätz und ihre Zaghaftigkeit wurden nach und nach auch die Soldaten, die schon viele Erfahrungen im Kriege hatten, die Hauptleute und die Führer der Reiterei beunruhigt. Die noch am unerschrockensten sein wollten, gaben vor, nicht der Feind mache sie so bange; nur die Engpässe, die ungeheuren Waldungen zwischen ihnen und Ariovist seien bedenklich, und auch, daß man die Lebensmittel nicht leicht genug berbeischaffen könne. Einige erklärten sogar Cäsar, die Soldaten würden bei dem Befehle zum Aufbruche und Marsche nicht gehorchen und aus Furcht nicht vorrücken.

Als Cäsar das gehört hatte, hielt er einen Kriegsrat, zu dem er auch die Hauptleute des ganzen Heeres hatte rufen lassen, und gab ihnen einen harten Verweis.
Was sie denn eigentlich befürchten? Und warum sie Mißtrauen in ihre Tapferkeit oder in seine Fürsorge setzten? Man habe schon zu unserer Väter Zeiten diesen Feind kennen gelernt, und bei den Siegen des Marius über die Kimbern und Teutonen hätten Heer und Feldherr großen Siegesruhm erworben. Auch jüngst erst habe man ihn in Italien bei dem Aufstande der Sklaven kennen gelernt, denen doch römische Erfahrung und Kriegszucht einigermaßen zustatten gekommen wären. Hieraus könne man beurteilen, was für Vorteile Geistesentschlossenheit gewähre; denn zuletzt habe man dieselben Feinde, welche man eine Zeitlang ohne Grund waffenlos gefürchtet habe, vollkommen bewaffnet und als Sieger dennoch geschlagen.
Das Gerede, der Soldat würde nicht gehorchen und auf seinen Befehl aufbrechen, beunruhige ihngar nicht; denn er wisse wohl, die Führer, denen ihre Truppen nicht gehorchten, hätten entweder ihre Sache schlecht gemacht und kein Glück gehabt, oder man sei von ihrer Habsucht überzeugt gewesen. Er werde nun sogleich in der nächsten vierten Nachtwache aufbrechen, um so bald als möglich zuwissen, ob Ehrgefühl und Pflicht oder Angst bei ihnen mehr vermöge. Folge ihm auch niemand, so werde er doch mit der zehnten Legion allein vorrücken, an deren Folgsamkeit er nicht zweifle, diese solle ihm Leibwache sein. Diese legion hatte nämlich Cäsar immer besonders begünstigt, und in sie setzte er wegen ihrer Tapferkeit das größte Vertrauen.

Durch diese Rede wurde das ganze Heer wunderbar umgestimmt und es entstand größte Bereitwilligkeit und Luft zum Kriege. Vor allem aber stattete die zehnte Legion durch ihre Tribunen (Majore) dem Cäsar für das geäußerte günstige Urteil Dank ab, mit der Versicherung, sie bräche mit größtem Eifer gegen den Feind auf. Hierauf verhandelten auch die übrigen Legionen durch ihre Tribunen und Hauptleute, wie sie den Cäsar besänftigen möchten. Sie versicherten, sie wären ja nie unschlüssig oder furchtsam gewesen und hätten nie geglaubt, daß ihnen ein Urteil über die allgemeine Leitung des Krieges zustehe. sondern dies sei die Sache des Feldherrn. Cäsar nahm ihre Entschuldigung an und brach um die vierte nachtwache auf. Nach sieben Tagesmärschen ohne Rasttag erhielt er von seinen kundschaftern die Nachricht: Ariovist stände mit seinem Heer 24. 000 Schritte entfernt.
Nachdem eine Unterredung zwischen Cäsar und Ariovist ohne Ergebnis geblieben war, rückte Ariovist vor und lagerte sich 6. 000 Schritte von Cäsar entfernt am Fuße eines Berges. Tags darauf zog er an Cäsars Lager vorbei und lagerte sich 2. 000 Schritte jenseits desselben, um Cäsar die Getreidezufuhr, die er von den Sequanern und Äduern erhielt, abzuschneiden. Von diesem Tage an rückte Cäsar fünf Tage nacheinander aus und stellte sich vor das Lager in Schlachtordnung, damit Ariovist, wenn er sich mit ihm in ein Treffen einlassen wollte, dazu Gelegenheit hätte. Dieser aber blieb die Zeit über mit seinem Fußvolke ruhig im Lager stehen und ließ nur die Reiterei sich täglich mit uns versuchen. In dieser Art von Gefecht hatten die Germanen viel Fertigkeit. 6. 000 Reiter hatten sich eben so viele der behendsten und stärksten Fußgänger aus dem ganzen Heere, jeder seinem Mann, zum Beistande ausgesucht. Diese Reiter und Fußgänger hielten sich in den Schlachten zusammen: zu den Fußgängern zogen sich die Reiter zurück, oder sie eilten selbst, wenn es scharf herging, herbei. Fiel ein reiter schwer verwundet vom Pferde, so nahmen sie ihn in die Mitte; mußte man etwas weit vorrücken oder sich eilends zurückziehen, so hatten sie durch Übung eine solche Geschwindigkeit, daß sie, mit den Händen an den Pferdemänen sich haltend, so schnell wie die Pferde selbst liefen.

Als Cäsar sah, das Ariovist nicht aus seinem Lager rückte, ließ er, um nicht länger von der Zufuhr abgeschnitten zu werden, ungefäht 600 Schritte hinter dem Standort der Germanen an einem bequemen Ort ein Lager abstechen und marschierte in einer dreifachen Schlachreihe dahin. Die erste und zweite ließ er unter den Waffenstehen, die dritte das Lager schlagen. Wie schon gesagt, der Ort war ungefähr 600 Schritte von dem feindlichen Lager entfernt. Dahin schickte also Ariovist gegen 16. 000 mann leichter Truppen mit seiner ganzen reiterei, um uns zu erschrecken und an der Befestigung zu behindern. Trotzdem ließ Cäsar, wie er es angeordnet hatte, nur die beiden ersten reiehen den Feind zurückwerfen, die dritte die arbeit vollenden. Als das Lager fertig war, besetzte er es mit zwei Legionen und einem Haufen von Hilfsvölkern. Mit den vier übrigen Völkern ging er in das Hauptlager zurück.
Am folgenden Tage rückte Cäsar nach seiner Gewohnheit aus den beiden Lagern, stellte, sich in einer kleinen Entfernung vor dem Hauptlager in Schlachtordnung und bot dem Feinde ein Treffen an. Als er aber auch jetzt keine Bewegung des Feindes zum Treffen sah, ließ er gegen Mittag seine Völker ihre Lager beziehen. Da griff dann endlich Ariovist mit einer Abteilung seines Heres das kleine Lager an. Auf beiden Seiten wurde hitzig bis gegen Sonnenuntergang gekämpft. Gegen Abend führte Ariovist nach vielen Verwundungen auf beiden Seiten seine Truppen ins Lager zurück. Cäsar erkundigte sich bei den Kriegsgefangenen, warum Ariovist ein Haupttreffen vermied, und vernahm, bei den Germanen entschieden gewöhnlich die Frauen durch Lose und Weissagungen, ob es vorteilhaft sei zu schlagen, und diese hätten verkündet: " in einer Schlacht vor dem Neumonde könnten sie nicht siegen."

Am folgenden Tage ließ Cäsar in beiden lagern so viel Volk zurück, als nach seinem Gutdünken zu ihrer Sicherheit hinreichte. Hierauf stellte er die sämtlichen Hilfstruppen im Angesichte der Feinde vor das kleine Lager, um sich ihrer nur zum Scheine zu bedienen, weil er im Verhältnis zu der Stärke des Feindes zu Schwach an Legionen war, und zog in drei Treffen vor das feindliche lager. Nun waren endlich die Germanen genötigt, auszurücken. Sie stellten sich nach den einzelnen Völkerschaften in abgeteilte Haufen auf, in gleichen Zwischenräumen, und umschlossen ihre ganze Schlachtordnung mit einer Wagenburg, um jede Aussicht zur Flucht zu benehmen. Von dieser Wagenburg herab baten die Weiber, die man bei dem Aufmarsche zum Treffen hatte hinaufsteigen lassen, die Krieger mit fliegenden Haaren und unter Tränen, sie doch ja nicht in die Knechtheit der Römer fallen zu lassen.
Cäsar selbst begann auf dem rechten Flügel, weil er hier den Feind am schwächsten fand, den Angriff. Auf das gegebene Zeichen stürmten unsere Soldaten so hitzig auf die Feinde los, und auch die Feinde stürzten so plötzlich und geschwind auf uns ein, daß man die Wurfwaffen nicht mehr brauchen konnte. man warf sie also weg und kämpfte mit dem Schwerte. Allein die Germanen schlossen nach ihrer Gewohnheit sofort eine Phalanx und deckten sich gegen unsere Schwerter. Viele von unsern Leuten sprangen aber auf die Phalanx hinauf, rissen die Schilde voneinander und verwundeten von oben herab die Feinde. Der linke Flügel war geworfen und in die Flucht geschlagen; dagegen bedrängte der rechte mit seiner Überzahl unsere Schlachtreihe sehr heftig. Das nahm der Anführer der Reiterei, der junge Publius Crassius, wahr, weil er selbst nicht so im Gedränge war wie die, die in der Schlachtreihe standen, und sandte die dritte Schlachtreihe der Unsrigen in der Not zu Hilfe.

So ward die Schlacht wiederhergestellt: die Feinde wandten sich sämtlich zur Flucht und hörten nicht eher auf zu fliehen, als bis sie an den Rheinstrom - von jener Stelle ungefähr 5. 000 Schritt - gelangten. Nur wenige waren es, die dort entweder im vertrauen auf ihre kräfte hinüber zuschwimmen sich bemühten, oder dadurch, daß sie Kähne auffanden, ihr leben retteten. Unter letzteren war Ariovist, der ein kleines Boot am Ufer antraf und auf ihm entkam; die übrigen alle holten unsere reiter durch Schnelligkeit ein und töteten sie.

Quelle: Aus Germanischer Urzeit, Hermann Schaffstein Verlag, Erstes der Grünen Bändchen, Jadu 2000.

 

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