Kuning Hartfest

von Dr. David Friedrich Weinland

I. Klinglari

Es war im Jahre acht nach Christi Geburt - ein Frühmorgen im Ostaramonat. Eben schießen die ersten Sonnenstrahlen von flachen Boyerlande herüber über die Sueben-Alb, und wie mit einem Zauberschlag treten die kühnen Gipfel des langen Gebirgsgrats glänzend heraus aus dem grauen Morgenduft. Weithin aber leuchten vor allem bis fern in das Hügelland des Rittergaus hinab - der Fürst der Berge, der Rifa. Schon ist Leben oben auf Rifaburg. Der Turmwart hat längst auf dumpftönendem Wisenthorn Stinfaxis, des Lichtrosses, Morgenlied geblasen, das Hofgesinde aus sorglosem Schlaf zur Schalksarbeit rufend.


Weit offen stehen die Türen des Marestalls. Klinglari, der alte Mareschalk, der Gebieter im Stalle, erteilt brummend einsilbige Befehle an die Mannen und Roßbuben. Unruhig stampfen die Pferde in den Ständen denn soeben wird der Morgenhafer eingegeben, und die schweren Halfterketten rasseln auf den nägelbeschlagenen, eichenen Krippen, herüber, hinübergerissen von den gierig fressenden, schnaubenden Tieren. Es sind schwere Rittergäule mit starken Köpfen, dicken Schwanenhälsen mit breiten, zu beiden Seiten abfallenden Känzen (Mähnen), gespaltenem Kreuz und massigen grobhaarigen fast zum Boden reichenden Schweifen.


Buccho, der schwarze, "koppete" ( hornlose ) Ziegenbock, schreitet gar selbstbewußt durch den Stall dahin, hinüber nach der großen, mittleren Türe zu Klinglari. Zutraulich reibt er an ihm seinen zottigen Kopf, den der Mareschalk gutmütig kraut. Die beiden sind alte Freunde. Ist doch auch Buccho ein gar wichtig Wesen im Marestall, denn er steht im Dienste des Gottes Duonar und bewahrt den Stall vor Loki-Zauber und Neidingswerk.

Auch im hohen Hallenbau - dem Herrenhause, das, stattlich aus gekreuztem Eichenfachwerk gebaut, in der Mitte des Hofes sich erhebt - ist man schon wach. Dort in der Ecke nach Osten, weit droben, wo der Efeu bis unter das steile Giebeldach hinaufrankt, schiebt sich ein eichener Laden zurück - langsam, knarrend, unsicher wie von Frauenhand. Ein feiner, weißer Arm arbeitet an dem Vorhang - einem schweren Linnenteppich - und bald erscheint in der hohen, efeuumrankten Fensteröffnung eine rosige, blondlockige Jungfrau. Der volle Sonnenschein fällt auf die liebliche, vom Grün umrahmte Gestalt. Sie beschattet mit der Rechten die Augen und blickt hinaus in den duftigen Morgen, hinunter in das weite, noch dunkle Tal.

Klinglari, hinaufschauend, lüpft ehrerbietig das schwarze Lederkäppchen, das die langen grauen Haare auf dem Scheitel zusammenhält. Mit freundlichem Nicken erwidert die Maid den Gruß. Dann wenden sich die hellen Augen der Gebieterin - denn das ist sie auf der Burg - hinüber in den nördlichen Hofraum.

Dort laufen geschäftig dunkelhaarige Mägde in groben, hoch aufgeschürzten Zwillichröcken mit vollen Milchkübeln vom Rinderstall nach dem rasenbedeckten Milchkeller. Muntere Morgengrüße schallen von ihnen hinüber zu den Mannen und Roßbuben, und derbe Schalkswitze fliegen von diesen zurück. -

Zwei scharfe, kurze Horntöne und dann ein dritter, breit, langgedehnt, erschallen jetzt von dem hölzernen Wartturm an der Westecke. Es ist das Zeichen, das Reisige in Sicht sind.

Die zottigen Wolfshunde schlagen an. Alles im Hofe steht und horcht, auch der alte Klinglari erhebt den Kopf und blickt von dem Marestallgiebel, wo er soeben mit kundigem Blick seine Bienenkörbe gemustert, hinauf nach der Wart, der höchsten aller Bauten der Burg. Scharf lugt unter den langen weißen Wimpern das blaue Auge des Greises.

Eine Stange mit weißem Fähnlein erscheint hoch über die Warte und schwingt dreimal wuchtig nach Süden. Die weiße Farbe zeigt Freunde an. "Wird die Marktwache sein von der Duonawe (Donau), die sich auf gestrigen Vollmond abgelöst. Laß fahri, Klinglari." So brummt der Mareschalk halblaut in den Bart.

Die Mannen und Mägde laufen zusammen im Hofe, und herzlich froh über die Unterbrechung der Arbeit, schnattern sie mit wichtigen Mienen ihre Vermutungen hin und her, was wohl neues kommen werde und was der alte Ralf, der Türmer auf dem "Mehlsack" droben - so nannte der Schalkswitz den runden Wartturm - wohl erspäht habe.

Klinglari aber schreitet über den Hof hin nach dem schwatzenden Gesinde zu: "Schlampen, Slorken!" ruft er und deutet die Leute, ohne weiter ein Wort zu verlieren, mit erhobenen Arm auseinander und zurück an die Arbeit. Dann blickt er hinauf nach dem Herrenhaus und murmelt: "Schläft lange heute, mein Ulflein. War ein scharfer Ritt gestern, 's ist wahr, für den Buben, hinüber zum Buring nach der Stufa-Alb im Filisgau und wieder heim in der Mondnacht. - Was das Herrenvolk nur vor hat? Das ewige Botenreiten hin und her! - Und immer nur der Ulf? warum keiner der Mannen? - Muß doch nicht torecht Minnegepfeif nur sein, das von unserer schönen Herrenmaid, der Berchta, zu dem Feuerbrand Agilolf, dem Buring, hin und wider schwirrt. Der Ulf darf's mir nicht sagen. Will's auch nicht wissen; doch druckt es mir das Herz schier ab, daß sie meinem Ulflein Heimlichkeit aufgebunden, die der alte Klinglari nicht wissen soll. - Laß fahri, Klinglari. Bist doch wahrlich zu alt dazu, Heuschrecken zu satteln und Mücken aufzuzäumen." Er pfeift scharf zwischen die nach innen gebogene Zeige- und Ringfinger hinein.

"Klinglari, ich komme", antwortet sofort eine helle Knabenstimme von dem ersten Stockwerk, und bald hört man die hohe Eichentreppe herunter leichte Tritte und einige Reime munter und lustig wie von einem Waldvögelein gesungen, daß es kaum zum Inhalt passen will:


Die Rosse scharren, das Eisen glänzt,
Wohlauf zum Jagen und Schlagen!
Die blasse Norne den Helm uns kränzt,
Des Sueben Leben heißt: Wagen

"Du bist ja heute gar kühn aufgelegt, kleiner Kuning"; redet Klinglari den goldlockigen Jungen an, der auf ihn zufliegt und ihm jetzt mit seinen großen blauen Augen fröhlich ins Antlitz schaut. "Das nenn' ich brav nach der harten Bergfahrt von gestern. Gelhaar, dein gut Rößlein, ist nicht so munter - ist bös geschunden an den Knien! Bist du denn niedergefallen mit ihm vor dem stolzen Agilolf? Hab' ihm Wohlverleihsalbe aufgestrichen und dann dreimal den kleinen Pferdesegen darauf gesprochen. Wird bald heil sein. Aber weiße Haare am Knie sind doch nicht schön, und die kriegt der Gelhaar. Schlechter kleiner Ritter!" "Hättest du doch den großen Pferdesegen darauf gesprochen", versetzt Ulf ernst und fast ärgerlich und eilt hinein in den Stall. Langsam folgt ihm der Mareschalk. Mit liebreichen Worten tröstet Ulf seinen Gelhaar, der den Kopf traurig zu Boden senkt,

Klinglari aber ruft ihm munter zu: "Komm nur, die Gäule haben das erste Futter auf, wir reiten zur Tränke und Schwemme nach den Loersee, ehe noch die Sonne das Wasser wärmt und die Blutegel aus den Löchern lockt. Kannst den Grane heute reiten, des alten Herrn Schimmel. Tut ihm gut, dem Grane, die alten Beine im Wasser und Schlamm zu fühlen und die morschen Hufe zu schwellen. Klagt doch Boslori, der Schmied, die Nägel wollen nicht mehr halten drin, und meint, es sei vom langen Trockenstehen im Winterstall. Laß fahri, Klinglari! - Wird eben alt, der gute Graue, wie der Mareschalk und der Kuning." Dabei berührt Klinglari ehrfurchtsvoll sein Käpplein.

Ulf freut sich gar sehr über den Ausritt und erwidert schnell: "Halt, Klinglari! Auf dem Eichenstumpf am Loersee haben Wildenten gebrütet, die müssen Junge haben jetzt. Ich habe sie Berchta versprochen. Ich schieß die Alten weg und fange dann die Jungen mit den Roßbuben. Laß mich rasch den kleinen Hornbogen holen, den ich gestern mitgebracht aus der Rüstkammer des Buring. Hab' ihn wohlfeil bekommen; muß der Berchta einen Kuß dafür bringen von ihrem Bräutigam, dem Agilolf. Er hat ihn indessen mir gegeben. Hab' ihn aber abgewischt!"

Klinglari schmollt pfiffig. Fort ist Ulf und bald zurück mit einem prächtigen Bogen, aus Wisenthorn kunstreich gefügt. "Ein Hornbogen", brummt Klinglari. "Du kleiner Wicht, kannst ihn ja nicht einmal spannen! Sind dir die Schwarzdornbogen nicht mehr gut genug, die dir dein Mareschalk macht? Gehörst halt auch zum Herrenvolk, wirst auch bald über mich hinauswachsen, kleiner Kuning, wie die Berchta, die ich so oft einst vor mir auf dem Roß gehabt als kleine Maid, und die mir jetzt kaum noch so zunickt, so ganz von der Ferne. Laß fahri, Klinglari!" Er klatscht in die Hände, und bald drängen sich aus den drei Türen des Marestalls heraus die Pferde und trotten in schwerem Trab über den gepflasterten Hof. "Holla ho ho! Grane!" ruft der Mareschalk mit eigentümlich singendem Stimmfall. Munter wiehert antwortend der Kuningsschimmel, trabt auf den Alten zu und schüttelt vor ihm dumpf grölend den schweren Kopf hin und her.

"Ja, guter Grane", meint der Alte, ihm über Stirn und Nase streichelnd, "darfst auch mit heute, den kleinen Kuning tragen. Ist nicht so schwer wie der alte Herr droben". Dabei lüpft er wieder sein Käpplein. "Kannst dich auch wälzen mit ihm im Wasser: schadet ihm nichts, dem kleinen Reiter".-
Ulf hat sich Bogen und Köcher über den Rücken geworfen, fast rasch die Mähne des Grane am Widerrist, wohin er eben reichen kann, und sitzt mit einem Sprung und Schwung oben auf dem hohen Hengst, die Beine weit ausgespreizt über dessen breiten Rücken.
Die Pferde trotten ab. An der Strecke des Herrenhauses ruft Ulf laut hinauf: "Berchta, Berchta!" Die Jungfrau erscheint am Fenster. Schelmich führt Ulf die Hand zum Mund und wirft ihr zierlich einen Kuß hinauf: "Vom Buring für dich, Berchta, nicht von mir!"
Schnell verschwindet die Maid vom Fenster.

"Berchta, Berchta!" ruft Ulf laut zum zweitenmal, "sei mir gut; sag dem Kuning beim Frühmet, ich sei mit Klinglari nach dem Loersee geritten."
Am Tor der Ringmauer murmelt der Mareschalk den gewohnten Torsegen, den jeder Reiter dort sprechen soll, der die Burg verläßt. Dann geht's hinunter auf den schmalen Berghals, der den freistehenden Risa mit der Hochfläche der Alb verbindet.
Voran trottet der schwarze, langbärtige Buccho, der Bewahrer des Stalls vor Lokizauber und Neidingswerk. Dann der Mareschalk auf mächtigem Rappenhengst, neben ihm Grane mit Ulf, dem Knaben. Dahinter an die dreißig Kuningsmannen auf ihren Rossen. Endlich Roßbuben mit den Fohlen - unter großem Gelärm.

Quelle:Weinland, D. F.: Kuning Hartfest. Ein Lebensbild aus der Geschichte unserer deutschen Ahnen, als sie noch Wuodan und Duonar opferten. Neufeld und Henius Verlag, Berlin 1904 . (sechste, unveränderte Auflage), Jadu 2000


II. Die Risa Halle
III. Ein alter Kuning


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