Der nordische Schiffbau

Aus der Stein -, Bronze- und Eisenzeit stammende Felszeichnung an der norwegisch-schwedischen Küste weisen bereits auf das lange bestehen einer hochentwickelten schiffbaulichen Erfahrung hin. Doch handelt es sich bei diesen Zeichnungen nicht um technische, sondern um allegorische Darstellungen zur Heldenverehrung. Deswegen sind Rekonstruktionen sehr unsicher und leicht irreführend. Der scheinbar doppelte Kiel der dargestellten Schiffe beweist keinesfalls, daß es sich durchweg um Fellboote handelt, zumal einzelne Boote bis zehn Spanten zählen, alle schon eine bedeutende, für Fellboote nicht mögliche Länge besitzen.

Die gegen 1600 v Ztr. enstandene schwedische Felszeichnung des Brandskogenbootes mit seinen Drachenhäuptern, dem Branderbug und seinen zwölf Rojern (Ruderern) zeigt uns ein sieben bis acht Meter langes Spantenboot mit Klinkerbeplankung. Das älteste bisher auf der Welt gefundene Schiff, das Hirschsprungboot von Alsen, ist zur gleichen Zeit gebaut. Es ist zehn Meter lang und besteht aus einer sehr breiten Bodenplanke sowie je zwei Seitenplanken, die miteinander vernäht sind. Die Besatzung dieses Fahrzeuges betrug gegen 20 Mann.

Etwas jüngeren Datums sind wahrscheinlich die zahlreichen an der deutschen Ostseeküste ausgegrabenen, aber nicht mehr gut erhaltene Boote. Von diesen hat das aus Frauenburg in Ostpreußen stammende bei 17 Meter Länge und 2 Metern Breite ein Verhältnis von 1: 8,5. Das bei Ohra in der nähe von Danzig entdeckte ist 12,76 Meter lang und trug 36 Ruderer.

Das gegen 300 n. Ztr. gebaute, im Nydamer Moor am Alsensund aufgefundene und im Museum zu Kiel befindliche Nydamer Boot besitzt außer dem Kiel bereits je fünf Planken, die mit Eisennägeln verbunden sind. Das Verhältnis von Länge (22,84) zu Breite (3,26) beträgt 1:7. Das von 28 Rojern fortbewegte Boot war also sehr schnell, und auf seine Verwendung als Kampfboot deuten auch die vielen in ihm gefundenen Waffen hin. Das Seitenruder besaß übrigens eine ganz moderne Stromlinienform!

Königliche Jachten, selbst von der Schönheit und Schnelligkeit unserer heutigen Rennjachten noch nicht übertroffen, waren das in dem Grabhügel einer norwegischen Fürstin aufgefundene Osebergschiff und ein anderes Schiff, das im Grabe des norwegischen Königs Olaf Geirstadaalf in Gokstad am Sandefjord entdeckt wurde. Das gegen 750 n. Ztr. erbaute, 21,44 Meter lange und 5,10 Meter breite Osebergschiff besaß 12 Planken, 15 Ruderpaare und einen etwa 13 Meter hohen Mast. Die Klinker waren untereinander mit Nägeln, mit den Spanten durch Walbarte verbunden. In dem prächtig geschnitzten und bemalten Schiff fand man u.a. ein herrlichen Wagen und zwei Schlitten.

Das aus dem Jahre 850 n. Ztr stammende Gokstadschiff (23,8 Meter lang, 5,05 Meter breit, 1,2 Meter tief) war aus 16 Planken erbaut und trug 32 Rojer. Dieses schöne Schiff bewies eine hohe Seetüchtigkeit, so daß sich eine naturgetreue Nachbildung 1893 auf der Fahrt von Norwegen nach Amerika zur Weltausstellung von Chicago auf hoher See bei schwerem Wetter glänzend bewährte.

Bei all den vorstehenden Ausgrabungen handelt es sich um Zufallsfunde. Über den hohen Stand des Schiffbaues an der germanischen Nordseeküste wissen wir bis jetzt noch wenig, denn die römischen Berichte sind darin unklar und tendenziös abfällig aufgemacht. Bedeutend mehr Hinweise befinden sich aber in den nordischen Sagas, die aber nicht die West-, sondern nur die Nordgermanen behandeln.

Hierbei darf vergessen werden, daß die Kenntnisse des Schiffbaues, wie die ganze Kultur, fast stets vom Südrande der Ost- und Nordsee nach den Norden gedrungen sind und daß die Angeln, Jüten und Sachsen nicht nur nach England (449 n. Ztr.) sondern auch nach Südnorwegen (wahrscheinlich auch nach den dänischen Inseln) ausgewandert waren und ihre Fertigkeiten dorthin verbreitet hatten. Und die angelsächsischen, also westgermanischen Schiffe, mit denen die sagenhaften Hengist und Horsa nach England fuhren, trugen bereits 300 Jahre vor Erbauung des Osebergschiffes je 150 Mann, eine große Anzahl von Pferden und umfangreiche Ausrüstung an Waffen und Verpflegung.

Schon in den frühesten Zeiten besaßen die großgermanischen Völker die verschiedenartigsten Schiffstypen, deren Unterschiede sich im Laufe der Zeit immer mehr herausbildeten. Neben Fischerei- und Küstenboote (Ostseeküste- und Nydamboot) und Königsjachten (Oseberg- und Golkstadtboot) wurden Kampf- und Handelsschiffe verwendet, deren Güte natürlich je nach dem Können des einzelnen Schiffbauers und dem Wohlstande des Bestellers verschiedenartig war.

Zu den Kriegsschiffen, die teilweise auch dem Verkehr und Handel dienten, zählten die Langschiffe, die Drachen und die noch größeren Skeidhs. Das Flaggschiff des norwegischen Königs Hakon Hakonson, der gegen 1250 Island und Grönland seinem Reiche einverleibte, trug 120 Mann, der Drache Knuts des Großen allein 60 Paar Rojer. Er war "fürchterlich groß" und "mit hohen Bollwerken, wie eine Festung" (Vorläufern der späteren Kastelle) versehen.

"Ormen Lange", "der Lange Wurm" des im Jahre 1000 n. Ztr. in der Seeschlacht gefallenen Königs Olaf Trygvasson, besaß eine Länge von 43 Metern; eine Nachbildung des Schiffes ist 1938/39 in Norwegen gebaut worden. Die Abmessungen des größten uns bekannten Wikingerschiffes betrugen 95 Meter Länge bei 17 Metern Breite.
Während alle nordische Kampfschiffe schlanke, elegante Linien, ein hohes und scharfes Vor- und Achterschiff und ein breiteres, flacheres Mittelschiff besaßen, waren die Handelsschiffe. Die "Knorre", völliger gebaut, ihr Tiefgang war größer, und die Form des Bugs war abgerundet. Durch diese Bauart erhielten die Schiffe eine größere Seefähigkeit, allerdings war ihre Geschwindigkeit bedeutend geringer als die der Kampfschiffe. Sie benutzten auch als erste einfache Segel, um die Kosten einer allzu hohen Ruderbesatzung zu sparen. Von einem Skalden kennen wir die Besatzung eines dieser Knorre, sie betrug 18 Mann.

Nur mit Hilfe dieser seetüchtigen geräumigen Knorre, nicht aber, wie man früher annahm, mit Schiffen vom Osebergtyp, waren die großen ununterbrochenen Seefahrten und Transporte zwischen dem Festlande des Nordens und England, Irland, den Orkneys und Shetlandinseln, den Färöer, Island, Grönland und Vinland (Amerika) möglich. Denn auf diesen oft vier bis sechs Wochen langen Fahrten mußten für Menschen, Pferde, Rinder, Schafe und Schweine ganz beträchtliche Mengen von Verpflegung, Futter und Wasser an Bord untergebracht werden.

Quelle: Volk und Seefahrt, Paul Kuntze, Verlag Georg Dollheimer, 1939, von rado jadu 2000.

 


© Copyright 2000 by JADU

www.jadu.de

 

Webmaster