Aus Germanischer Urzeit

Tiberius

Über ihn erzählen Vellejus und andere:
(7 v.Chr.). nach Drusus' Tode ward die schwere Bürde des Krieges Tiberius auferlegt, Er wußte sie mit der Tüchtigkeit und dem Glücke, wie es ihm eigentümlich war zu tragen. Alle Teile Germaniens durchzog er siegreich, ohne daß das ihm anvertraute Heer den mindesten Verlust erlitt. Er hat das Land so durch und durch bewältigt, daß es sich kaum noch von einer steuerpflichtigen Provinz unterschied. Vierzigtausend Germanen, die sich ihm ergeben hatten, führte er nach Gallien über und siedelte sie am Rheinufer an, wo er ihnen Wohnsitze zuwies. Deshalb zog er in feierlichem Zuge und zu Wagen in Rom ein. Während so das Glück von allen Seiten ihn lächelte, beschloß er plötzlich, in kräftigem Alter und bei kräftiger Gesundheit, sich zurückziehen und sich möglichst weit von dem Herde der Staatsleitung zu entfernen.

Von Tiberius' Tätigkeit in den Jahren 5 und 6 n. Chr. erzählt Vellejus als Augenzeuge:
Welch einen Band könnten die Taten füllen, die wir in dem folgenden Sommer unter Tiberius Cäsars* Führung vollbracht! Durch ganz Germanien haben sich unsere Waffen den Sieg gebahnt; besiegt wurden Völkerschaften, deren Namen fast unbekannt waren. Auch die Stämme der Chauker wurde gewonnen. Ihre gesamte junge Mannschaft, unermeßlich an Zahl, riesenhaft an Gestalt, sicher vor jeder Gefahr durch die Lage ihre Wohnsitze, beugte sich vor dem Imperator, rings umgeben von der Schar unserer Soldaten in hellem Waffenglanz. Gebrochen wurde auch die Gewalt der Langobarden, eines Volkes, wilder als die germanische Wildheit selbst. Endlich - was kein Gedanke zu hoffen, keine Tat zu verwirklichen gewagt hatte - 400 Meilen weit, vom Rhein bis an die Elbe ward ein römisches Heer unter seinen Fahnen geführt. Sieger bei allen Völkern und an allen Orten, führte Cäsar die Legionen in das Winterlager zurück und eilte nach Rom.

Der Sieg konnte schon keine Arbeit mehr in Germanien finden, außer bei dem Stamme der Markomannen, die, von Marbod geführt, aus ihren Wohnsitzen aufgebrochen waren und sich in das Innere des Landes zurückzogen. Marbod, von edlem Geschlecht, kraftvollem Körper, wildem Sinne, hatte die Gedanken auf ein fest begründetes Reich und die Königsgewalt gerichtet, und daher beschlossen, seinem Stamm weit aus dem Gesichtskreise der Römer zu rücken und bis zu einem Punkte vorzudringen, wo er, selbst vor mächtigeren Waffen gewichen, seine Waffen zu den mächtigsten machen könnte. Als er daher das bezeichnete Land in Besitz genommen hatte, unterwarf er sämtliche Grenznachbarn durch Krieg oder gewann sie durch Bedingungen für seine Botmäßigkeit.

Nachdem er sich persönlich durch eine Leibwache gesichert hatte, führte er seine Macht durch stete Übungen, indem er auch in das Heer eine fast römische Mannszucht brachte, Tiberius Staatsgaleerein kurzer Zeit auf eine bedeutende, auch für unser Reich bedenkliche Höhe. Mit den Römern hielt er es so, daß er uns nicht zum Kriege reizte, aber merken ließ, es fehle ihm nicht an kraft und Lust zum Widerstand. Alle Völker, alle einzelnen Männer, die uns untreu wurden, hatten bei ihm eine Zuflucht; mit allen Kräften spielte er den Nebenbuhler. Das Heer, das er auf 70 000 Mann zu Fuß und 4000 Reiter gebracht hatte, übte er durch stete Kämpfe gegen die Nachbarn und bereitete es zu künftigen Taten vor, größer als die, welche die Gegenwart bot.

Diesen Mann und dieses Land beschloß Tiberius Cäsar im nächsten Jahre von verschiedenen Seiten anzugreifen. Aber das Geschick zerstört oder hemmt bisweilen der Menschen Pläne. Schon hatte Cäsar an der Donau das Winterlager vorbereitet, und - da das Heer nicht weiter als fünf Tage Wegs von der feindlichen Grenze entfernt stand - beschlossen, Saturnius solle mit seinen Truppen anrücken. Durch eine fast gleichen Abstand vom Feinde getrennt, waren sie im Begriff, sich binnen weniger Tage zu vereinigen, als ganz Pannonien (Ungarn und Dalmatien), durch die Segnungen des langen Friedens übermutig gemacht und im Vollgefühle seiner Kraft, zu den Waffen griff. Da mußte der Ruhm der Notwendigkeit nachstehen; es schien nicht unbedenklich, das Heer tief im Binnenlande gleichsam zu verstecken und Italien ohne Schutz einem so nahen Feinde auszusetzen.

So schloß Tiberius mit Marbod einen Friedensvertrag.

*) Da Tiberius später Kaiser wurde, nennt Vellejus ihn stets Cäsar, d.h. Kaiser, oder auch mit seinem Ehrentitel Imperator.

Quelle: Aus Germanischer Urzeit, Hermann Schaffstein Verlag, Erstes der Grünen Bändchen, Jadu 2000.

 

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