Burgen, Festungen und Schlösser
Die Hansa
Zunft, Gilde und Heraldik


Die Hansa

Mit der Weiterentwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse im hohen Mittelalter reichte auch in Deutschland die bisherige Naturalwissenschaft (bedarfsdeckung durch eigene Erzeugung) für die Bedürfnisse der Menschen nicht mehr aus. Dies erklärt sich aus der Höherentwicklung der Produktivkräfte: die Besiedlung des Landes war im 12. Jahrhundert im wesentlichen abgeschlossen und ständig steigende Bevölkerungszahl konnte nunmehr durch die extensive Kultivierung unbebauten Bodens nicht mehr ernährt werden. Deshalb mußte man zu einer intensiveren Bearbeitung des vorhandenen Bodens und zu einer besseren Organisation der Landarbeit übergehen. Durch diese Intensivierung des Ackerbaus, die neue und bessere Geräte erforderte, bildete sich eine Schicht von Handwerkern heraus, die sich auf bestimmte Arbeiten spezialisierten. So entstand zunächst ein Tauschhandel innerhalb Deutschlands. Ferner brachte die Verbindung mit Italien (durch die Romzüge der deutschen Kaiser) und weiter mit dem Orient (durch die Kreuzzüge) einen starken Warenaustausch mit sich.
Die Träger des nun im späten Mittelalter aufblühenden Handwerks und des einsetzenden Handels in Deutschland wurden die Städte, die an verkehrswirtschaftlich günstigen Umschlagplätzen und Märkten entstanden, oder, vor allem am Rhein, noch aus der Römerzeit erhalten geblieben waren und bisher als Bischofssitze gedient hatten. Mit dem städtischen Bürgertum trat eine neue Klasse in Erscheinung. Diese Klasse wurde das fortschrittlichste Element in der mittelalterlichen Feudalgesellschaft. Da sich in den Städten sehr schnell Wohlstand und sogar Reichtum anhäufte, versuchten Ritter und Fürsten, die in ihrem Bereich liegenden Städte zu unterwerfen. Dem gegenüber schlossen sich die oberdeutschen Städte im 13. und 14. Jahrhundert zu Städtebünden, so zu dem Rheinischen und Schwäbischen Städtebund, zusammen, wurden jedoch von den Fürsten besiegt und auf Drängen der Fürsten durch kaiserliche Erlasse aufgelöst.
Im Norden Deutschlands dagegen gelang es den handeltreibenden Küstenstädten, sich in der Hanse eine Vereinigung der Fernhändler zu schaffen, die mehrere Jahrhunderte hindurch nicht nur alle Angriffe des Adels und der Fürsten in Deutschland abwehren konnte und einen erfolgreichen Kampf gegen Land- und Seeraub führte, sondern sich auch zur herrschenden wirtschaftlichen und politischen Macht an der Ostsee entwickelte.
Das Bündnis zwischen Hamburg und Lübeck 1241 wird allgemein als der Ursprung der Hanse angesehen.

Mehr als 400 Jahre übte der Bund der freien Hansestädte einen gewaltigen Einfluß in Europa aus und als 1669 die von den Zeitverhältnissen überholte Hansa sich auflöste, blieben als eine Art reliquie die drei Hauptstädte als souveräne Reichsstädte übrig. Anfangs lebten sie in treuer Bundesgenossenschaft, zu welchen Verhältnisse allerdings die gemeinschaftliche freie reichsstädtische Stellung dieselben hingedrängt hatte. Aber mit der Gewalt ihrer Sonderinteressen hatte die neue Zeit das Freundschaftsband der drei Hansestädte gelöst und verwies jede derselben auf eigenen Weg.

Mittlerweile hat aber die geschichte die Rollen unter den drei Hauptstädten verteilt. Nicht mehr die Ostsee, sondern die Nordsee und der Atlantische Ozean ist der Lebensnerv. Das alte Haupt der Hansa, Lübeck, sank und dem geographisch günstig gelegenen Hamburg war beschieden, die Führerrolle zu übernehmen. Aber nicht seine geographische Lage allein, sondern seine historische und politische Entwicklung und die unentwegte Tatkraft seiner Bewohner haben im gleichem Maße den Grund zu seiner Bedeutung gelegt.

Quelle: Das deutsche Volk im Mittelalter; Volk und Wissen Verlags GmbH - Berlin/ Leipzig 1949; "Die Flotte", 9. Jahrgang, April 1906; Jadu 2000

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Hanse, Ostkolonisation und Ordensstaat


Burgen, Festungen und Schlösser


 

Zunft, Gilde und Heraldik

Deutsche Gilden

Von der jetzigen Bedeutung des Wortes Gilde, das heißt Zunft, müssen wir, als von einer abgeleiteten, völlig absehen. Es waren frei zusammengetretene Vereine freier Städtebewohner zu einer Rechtsgenossenschaft, mit der Verpflichtung gemeinsamen Schutzes für die öffentliche Sicherheit und für Wahrung der Rechte. Nie galt der Schutz einem Frevler, die gemeinsame Ehre der Gilde forderte, daß ein solcher durch den Frevel selbst ausgeschlossen war. Ja, das vielleicht ursprüngliche band, welches die Mitglieder einer Gilde umschloß, war nicht nur ein sittliches, sondern auch religiöses; an gewissen Tagen versammelten sich alle Mitglieder samt ihren Familien zu gemeinsamen Gottesdienste; dann folgte ein festliches Gelag in dem Gildehause. Eine gemeinsame Kasse, durch regelmäßige Beiträge und durch Bußen gebildet, mußte die Unkosten, besonders die glänzenden Schmäuse und Gelage, decken. Die Gilde übte Gericht über Streitigkeiten ihrer Mitglieder, wobei nach den alten Volksrechten verfahren wurde. Stritt ein Gildenbruder mit einem Nichtteilnehmer, so begleitete die ganze Gilde jenen vor das öffentliche Gericht und half ihm beim Eide.

Ebenso erschien sie auch, wenn ein Mitglied beerdigt wurde; sie ließ Seelenmessen lesen und gedachte des Verstorbenen bei ihren Gottesdiensten.
Anfangs, als die Städte noch minder bedeutend waren, mochte wohl nur eine Gilde in jeder Stadt bestehen, welche natürlich alle einigermaßen begüterten und unabhängigen Einwohner umfaßte; so verlangte es das überquellende Bedürfnis nach engem städtischen Zusammenhalt, dem das bloße Zusammenwohnen innerhalb der Ringmauer und das vielleicht kaum erst erwachende städtische Schöffengericht nicht genügen konnten.

Aber die Städte wuchsen; neue, oft ebenfalls sehr reiche Ankömmlinge fanden schon eine geschlossene Gesellschaft vor, welche von alten Zeiten her den meisten oder den gesamten Grundbesitz in Händen hatte; es blieb ihnen nichts übrig, als eine zweite Gilde zu bilden. Nach ihnen kamen andere, welche eine dritte, vierte, fünfte usw. Gilde gründeten. Ihnen allen trat nun die erste Gilde als Altbürgergilde, als Patriziat gegenüber; der fast ausschließliche freie Besitz des städtischen Grundes und Bodens gab ihr nach altgermanischer Ansicht das größte Recht im öffentlichen Leben. In manchen Städten hielt sie sich nach und nach für ebenbürtig mit dem Ritterstande; andererseits verschmähten es auch umwohnende Dynasten nicht, in die Stadt zu ziehen und an der Altbürgergilde teilzunehmen. So erwuchsen in den deutschen Städten die sogenannten wehrständischen Geschlechter oder die Geschlechter im engeren Sinne. Hier und da entschlugen sie sich nach und nach den Geschäften und Gewerben; Deutsche Stadt im 16. Jahrhundertes wurde Pflicht, nach Art der Ritter "müßig zu gehen". In Köln jedoch, wo Handel und Gewerbe der Lebenspuls der Stadt waren und blieben, wo schon im 11. Jahrhundert die reichen Kaufleute als die höchste Blüte der Bürgerschaft - im Streit gegen den heiligen Hanno - auftraten, behielten die Geschlechter ihre alten Beschäftigungen bei und ließen ihre Waren, wenn auch durch Vorstände, fortwährend in ihren "Gaddemen" am Heumarkt und Altenmarkt zum Kauf ausbieten. Das kölnische Patriziat beruhte also auf Grundbesitz und Handel zugleich.

Die wichtigste, aber nirgends in ihrem ganzen Umfange zu beantwortende Frage ist nun dies: Welchen Einfluß hat die erste Gilde auf die Stadtverfassung und diese wiederum auf jene geübt? - In manchen deutschen Städten entwickeln sich beide so mit- und durcheinander und bedingen sich so wesentlich und unaufhörlich, daß jene Scheidung unmöglich wird, zumal bei der Spärlichkeit und Unverständlichkeit der Nachrichten. Für jetzt bemerken wir bloß soviel: Die Blüte des städtischen Patriziats fällt überall in das 13. Jahrhundert; in dieser Zeit besetzt es die Schöffenstühle und die Verwaltung und drängt die landesherrlichen oder kaiserlichen Beamten auf einen kleinen Rest ihrer ursprünglichen Befugnisse zurück. Nun aber steigt eine neue, im Laufe der Zeiten mit Notwendigkeit erwachsene Macht, die Gewerke (besonders die Weber), hinter dem Patriziat empor und stürzt dasselbe in den meisten deutschen Städten während des merkwürdigen 14. Jahrhunderts, in welchem alle jene reichen idealen Gebilde, die im 13. Jahrhundert ihren Gipfelpunkt fanden, in einem kräftigen, aber zersplitterten Realismus untergehen. Man vergleiche zum Beispiel Kaiser Friedrich II. mit Karl IV., das Rittertum der Kreuzzüge mit dem des 14. Jahrhunderts, Schützenfestdie großen hierarchisch-kaiserlichen Weltkämpfe um Ideen mit den deutschen Fehden unter den luxemburgischen Königen, endlich den Minnegesang mit dem Meistergesang, die ideale Kunst des 13. Jahrhunderts mit dem eindringenden Realismus am Ende des folgenden - überall wendet sich der deutsche Geist von den großen gemeinsamen Bestrebungen zum Besonderen, Handgreiflichen, Verständigen in Staat, Kunst und Leben.

Jakob Burkhardt

Quelle: Lebensgut aus germanischer und altdeutscher Zeit; Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt a. M., 1928, Jadu 2000

 

 



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