Drei kleinere Sagen von Karl dem Großen
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Dieses schöne Sage ist in der Reimchronik, im cod. pal. 336 aufbewahrt. Sie ist wohl aus der blutigen Kriegsperiode der letzten Jahrzehnte des 8. Jahrhunderts, in der Karl gegen die Avaren und gegen die Wilzen, Sorben und Böhmen kämpfte. Gegen die Avaren stritt er mit drei Heeren zu gleicher Zeit in zehn, für beide Teile außerordentlich blutigen Feldzügen. Sie wurden besiegt und das verwüstete Land ward bis zur Rab und bis zur Mündung der Theiß unter die Gewalt fränkischer Grafen gegeben. Die Sage ist deshalb interessant, weil aus ihr hervorgeht, daß das Volk überzeugt war, daß seinem großen Kaiser nichts unmöglich sei, und Karl rechtfertigte diese Meinung, das Höchste war ihm erreichbar und das Schwierigste seinem gegen alle Anstrengungen und Entbehrungen gestählten Körper überwindbar. |
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Kaiser Karls Heimkehr
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Kaiser Karls Heimkehr aus dem Ungarland
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Als Kaiser Karl seinen Heereszug nach dem Ungarland und der Walachei unternahm, um auch dort die Heiden zu unterwerfen und zum Christentum zu bekehren, gelobte er seiner geliebten, vielgetreuen Frau Hildegard, spätestens innerhalb zehn Jahren heimzukehren; wenn er nach deren Verfluß nicht wieder zur Heimat gekommen sei, so möge sie nur seinen Tod für gewiß halten. Zugleich versprach er, da Hildegard beim Abschied untröstlich war, daß er ihr jedenfalls Botschaft zukommen lassen werde, damit sie wisse, wie alles ergangen sei; er werde ihr seinen goldenen Fingerring übersenden, wer diesen bringe, dem möge sie vertrauen und alles glauben, was dieser Bote ihr künde. Mit diesem Gelöbnis zog er fort, und bald hörte man am Rhein von Karls Heldentaten, aber Jahr um Jahr verstrich, ohne daß der geliebte Herr und Kaiser zurückgekommen oder aber der versprochene Bote eingetroffen wäre. Es ging nun schon ins neunte Jahr, daß der teure Held fern war, und plötzlich erhoben sich Gerüchte, die von verlorenen Schlachten im Ungarland und von der Gefangeschaft oder gar dem Tode Karls verstohlene Kunde brachten. Niemand wußte zwar Sicheres hierüber, aber das eine wenigstens war gewiß, daß der Kaiser immer noch nichts von sich hatte hören lassen, und die wilden, aufrührerischen Sachsen benützten die traurige Lage, in der die arme Kaiserin samt den ganzen Reich sich befand, um sich wiederum zu empören und Raub und Brand bis an den Rhein zu tragen. Da gingen die Großen des Reiches zu der Herrin und baten sie, sich einen neuen Gemahl zu küren, der das Reich gegen den Ansturm der grimmen Feinde beschützen könne, da man jetzt ja als sicher und gewiß annehmen dürfe, daß der Kaiser nicht mehr zurückkehre. Die hohe Frau in ihrer Treue war aber nicht dieser Meinung. Sie Sprach: "Wie möchte ich auch so wider meinem Herrn und Gemahl sündigen und ihm die geschworenen Eide brechen! Er hat mir bis heute das Wahrzeichen nicht gesandt, daß er mir zugehen zu lassen gelobte, als er von hinnen schied." Ihr Widerspruch frommte wenig; die Herren redeten ihr so lange von den gefahren, in denen das ganze Reich schwebe, vor, bis sie schweren Herzens endlich ihren Willen zu befolgen versprach. Darüber war große Freude bei allen, und es ward sogleich eine Versammlung einberufen, die den reichsten unter den Fürsten des Reichs auswählte, mit dem die Kaiserin nach drei Tagen vermählt werden sollte. Der starke Herr des Himmels aber hatte es anders im Sinn. Kaiser Karl war nicht tot, sondern lag mit seinem Heer schon seit Jahr und Tag vor einer festen Stadt im Ungarland, die er nicht erobern konnte und die ihm doch zur vollständigen Unterwerfung der Heiden sehr von Nöten gewesen wäre. Da sandte der Herr der Herrscharen einen Engel als Boten nach Ungarland und ließ ihm im Traum der Nacht die Kümmernisse künden, in denen seine Frau schwebte. Als Karl die Botschaft vernommen hatte, sprach er seufzend: "Wie soll ich in drei Tagen hinkommen und einen Weg zurücklegen, der hundertfünfzig Rasten lang ist?" Da entgegnete der Engel: "Weißt du nicht, daß Gott Gewalt hat über alle Dinge im Himmel und auf Erden? Vertraue auf ihn und tue, was ich dir sage! Dein Geheimschreiber, der hat gestern ein windschnelles, starkes Roßeingehandelt, das läßt du dir geben und reitest mit dem frühesten. Das Roß wird dich in einem Tage durch Holz und Heide bis in die Stadt Rab tragen. Das sei deine erste Tagesreise! Den andern Morgen sollst du wiederum mit der Frührot abreiten die Donau hinauf bis gen Passau, und das sei die zweite Tagereise! Zu Passau sollst du dein müdes Roß lassen; der Wirt, bei dem du Einkehr hälst, hat ein schönes, kräftiges Füllen, das kauf' ihm ab! Es wird dich den dritten Tag bis zur Stadt Aachen tragen." Der Kaiser erwachte und stand sogleich auf, um zu erkunden, ob das, was ihm der Traum gekündet, wohl war sei. Er schritt zu seinem Schreiber und frug den um das Roß, und siehe da, es war so, wie der Engel berichtet hatte. Der Schreiber hatte gestern von einem Landmann ein prächtiges, junges Tier erstanden, das er seinem Herrn und Gebieter mit freuden zur Verfügung stellte. Da erkannte Karl, daß der Traum ihm von Gott gesandt sei und tat alsbald, wie ihm geboten war. Er ritt auf dem Roß, das Flügel zu haben schien, durch Holz und Heide in einem Tage bis Rab, ruhte über Nacht und gelangte dem zweiten beim Abendschein nach Passau, wo ihm der Wirt gute Herberge in der Halle bot. Während er beim Abendbrot saß, ging die Herde ein, und da sah er gleich das starke Füllen, griff's bei der Mähne und sprach zu dem Wirt: "Gebet mir das junge Roß, Herr Wirt! Ich will es morgen über Feld reiten." Der Wirt weigerte sich aber und sagte: "Das Tier ist noch zu jung, als daß es einen so schweren Mann, wie Ihr seid, tragen könnte." Da aber der Kaiser ihn zu wiederholtenmalen bat und er sah, daß dem Gast das Tier ganz besonders lieb wäre, so ließ er es ihm endlich ab, nachdem ihm Karl dafür sein eigenes Roß und noch einen Goldgulden in den Kauf gegeben hatte. Karl machte sich wiederum mit dem frühesten auf und ritt auf dem Füllen, das ihn ohne Beschwerde trug, rasch und unaufhaltsam bis nach Aachen vor das Burgtor, wo er wieder bei einem Wirte einkehrte. Es war heute ein großer Verkehr in der Stadt. Überall wurden die Häuser und Fenster mit Kränzen und Tüchern geschmückt, und großer Schall war von den fahrenden Spielleuten mit Flöten und Singen und Tanzen. Da fragte er, was das wäre, und der Wirt erzählte ihm nun von der bevorstehenden Festlichkeit. "Eine große Hochzeit wird morgen zu Aachen ergehen," sprach er, "denn unseres verschollenen Kaisers Frau wird morgen einem reichen König vermählt; da wird großer Aufwand gemacht, und Jung und Alt, und Arm und Reich Wein und Brot gereicht, und die Rosse erhalten ungemessenen Haber, alles ohne Entgelt." "Weiset mir mein Gemach!" sprach da der fremdling, "ich bekümmere mich wenig um die Kost, die sie in der Stadt austeilen, kaufet ihr mir nur für main eigen Geld, was ich nötig habe, und sorget, daß es gut und reichlich sei!" Als der Wirt das viele Gold sah, das der Gast dabei auf den Tisch geworfen, sagte er bei sich selbst: "Das ist ein feiner Edelmann, desgleichen noch nie bei mir eingekehrt ist." Er tat nach des Fremdlings Gebot und ließ ihm ein kostbares, reichliches Mahl zurichten. Nachdem Karl sich gelabt hatte, begehrte er von dem Wirt einen Wächter, der seiner des Nachts über pflegen und ihn zeitig erwecken möge. Als er nun im Bette lag, ermahnte er den Wächter, wenn man zum erstenmal im Dom läute, so solle er ihn wecken, und versprach ihm dafür eine goldene Spange als Lohn. Als nun der Wächter früh morgens die Glocke vernahm, weckte er den Schlafenden und kündete ihm, daß das Geläute im Dom begonnen habe. Alsbald erhob sich da Karl, legte ein reiches Gewand an und schritt, seine Krone unter dem übergeworfenen Mantel verbergend, im Geleite des Wächters zum Burgtor. Dieses war aber noch geschlossen, und es lagen starke Riegel davor. Der dankbare Wächter aber, der die versprochenen Spange pünktlich erhalten hatte, wußte Rat. "Wenn es Euch nicht um Euer Gewand leid tut, das kotig werden könnte," sprach er, "so könnten wir unten durchschlüpfen." "Darum kümmer' ich mich wenig," entgegnete Karl und machte sich alsbald daran. Sie kamen glücklich durch, und der Kaiser hieß den Wächter vor dem Dom warten, während er selber durch die offene Pforte hinein und zu dem goldenen Stuhl schritt. Es war nämlich das alte Recht der Franken, daß auf diesem Stuhl nur der König sitzen sollte. Da setzte sich denn Karl auf den Stul und legte sein Schwert über seine Kniee. Bald darauf trat der Meßner in den Dom und wollte die heiligen Bücher zum Altar vortragen; als er aber auf dem Königsstuhl den hohen Mann mit dem bloßen Schwert in ernstem Schweigen sah, zog er sich scheu zurück und verkündete das wundersame Ereignis seinen Vorgesetzten. Die Domherrn meinten, der Meßner habe sich wohl bei der nächtlichen Dämmerung getäuscht; sie hörten unglaubig die Märe, und einer von ihnen ergriff ein Licht und schritt nochmals hinüber zum Dom. Als er aber in Wahrheit den Gewaltigen auf dem Stuhl sah, warf er erschrocken das Licht weg und floh voll Zagens zum Bischof. Da befahl der Bischof zwei vertrauten Dienern, ihm mit Kerzen zum Dom zu leuchten, und als er den kaiserlichen Helden in würdevollem Schweigen auf dem Stuhl sitzend gewahrte, sprach er in geziemender Scheue: "Kündet mir, Herr, wer Ihr seid, geheuer oder ungeheuer, und wie es gekommen ist, daß Ihr nächtlicherweile hier an dieser Stelle sitzet?" Da begann der Fremdling zu reden: "Ich war Euch wohl bekannt dereinstens, da ich zu Aachen auf dem Stuhl saß, keiner war an Gewalt über mir." Mit diesen Worten erhob er sich, so daß ihn der Bischof genauer betrachten konnte. Da gewahrte der fromme Mann alsbald, daß es in Wahrheit der totgesagte Kaiser Karl sei, und rief voll Freude: "Willkommen, teuerster Herr! Eurer Ankunft dürfen wir froh sein!" Er küßte ihm die Hände und geleitete ihn in das Domherrnhaus, indes er zugleich befahl, daß alle Glocken geläutet werden. Als die Hochzeitsgäste den zu dieser Zeit ungewohnten Schall der Glocken hörten, frugen sie, was dies bedeute, und als sie vernahmen, daß Kaiser Karl in der Nacht zurückgekehrt sei, stoben sie in wilder Flucht auseinander, da sie nicht mit Unrecht vermuteten, daß der Kaiser ob ihres voreiligen Tuns wohl ein strenges Gericht halten dürfte. Hildegard aber, die kummergebeugte Gemahlin des Kaisers, eilte sogleich aus ihrem Gadem herüber ins Domherrnhaus und warf sich ihrem geliebten Herrn und Gemahl zu Füßen. Mit vielen Tränen berichtete sie ihm, wie alles gekommen sei und wie sie nur um des Volkes und des Reiches willen dem Drängen der Fürsten nachgegeben habe. Karl hob sie alsbald empor und schloß sie innig an seine Brust; er wußte, daß sein vielgeprüftes Weib in alter Liebe und Treue an ihm hing. Auf die Fürbitte des Bischofs verzieh er auch den voreiligen Veranstaltern des Vorkommnisses und befahl, daß die Feste der Hochzeit nun zu Ehren seiner glücklichen Zurückkunft abgehalten werden sollten. Es ist unmöglich, den Jubel zu beschreiben, der am ganzen rhein herrschte, als es allgemein bekannt wurde, daß der geliebte Kaiser nicht im Ungarland gefallen, sondern mit Gottes Gnade gesund zurückgekehrt sei. Einen ganzen Monat lang dauerten die Feste und Kampfspiele; die Brunnen sprangen zu Aachen mit Wein statt mit Wasser; gar mancher Keller und gar manches Stückfaß wurden leer getrunken zu des Herren Heil, und die Fahrenden verkündeten in allen Landen die Märe von der wundersamen Heimkehr des Kaisers Karl, von der gesagt und gesungen wird bis auf den heutigen Tag. Quelle: Germania's Sagenborn, Emil Engelmann, Paul Neff Verlag, 1889, von rado jadu 2001 |
| Der Stricker: Karl der Große |