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Eine Belagerung im Mittelalter

Da die Festungsmauern der Burgen und Städte im allgemeinen einander gleich waren, gestalte auch eine Belagerung sich im wesentlichen bei beiden gleich. Nur war es natürlich, daß die Belagerung einer Stadt mehr Krieger und Belagerungswerke erforderte; das Bild einer belagerten Stadt war darum ein unendlich viel lebendigeres.

Der Feind hat die Stadt umringt; die Zelte der Fürsten und Edlen sind aufgeschlagen, und stolz flattern überall die vielfarbenen Banner. Der gemeine Krieger hat sich aus Brettern, Stroh, Buschwerk und Ästen, wie er den Stoff gerade finden mochte, eine notdürftige Hütte erbaut. Einzelne Führer reiten gegen die Stadtmauer, um einen schwachen Punkt zu erspähen; sie nehmen sich aber in acht, auf Schußweite nahe zu kommen; sie wissen gar wohl, was für scharfe Grüße von der Mauer fliegen. Unterdessen rüstet der Anführer alles zur förmlichen Belagerung; mancherlei Sturmzeug hat er auf Heerwagen mitgeführt, und anderes wird an Ort und Stelle gefertigt. Viele tausende Hände zimmern, bohren, nageln, von kundigen Werkmeistern geordnet und befehligt.

Die erste Aufgabe des Belagerers war, einen Posten zu fassen der nahe genug an der Mauer war, um sie beschießen zu können; ohne Blutvergießen wurde er nicht besetzt und nicht behauptet. War dies gelungen, d.h. hatte man sich durch Verpfählungen und Erdaufwürfe, durch Weidengeflechte, Bretter u. dgl. einigermaßen gegen die Anfälle und Geschosse der Belagerten geschützt, so begann die Aufrichtung der Antwerke oder, wie sie häufig genannt wurden, der Blyden, Maschinen, deren Verwendung unsere Vorfahren von den Römern kennen gelernt hatten. Zwischen zwei senkrecht gegenüberstehenden Stützen aus starken Eichenholz hing wageähnlich ein langer Balken; an dem einer gegen den Feind gekehrten Ende war ein war ein mit Blei oder einer Steinlast beschwerten Kasten befestigt; an dem andern Ende aber wurde mit Ketten oder starken Seilen eine Art Schale oder ein eiserner Löffel angebracht, in den das Geschoß gelegt wurde. Vermittels einer Vorrichtung am Gestelle wurde das belastete Ende in die Höhe gewunden und so das andere Ende zur Erde herabgesenkt, das man in dieser Lage mit Ketten und Seilen festhielt.

Nun wurde das Geschoß in die Schale der Schleuder gelegt, das eingepföckte Spannseil durch einen tüchtigen Hammerschlag gelöst, und der beschwerte Kasten schlug mit Blitzesschnelle herab auf seine Unterlage, die aus Wollsäcken, Rasen u.dgl. bestand, während der andere Arm des Balkens ebenso schnell emporflog und sein Geschoß im Bogenwurf auf das Ziel schleuderte. Diese Maschinen hatten eigene Namen, und es gab einige, die zwölf Zentner schwere Steine warfen. Man zertrümmerte mit ihnen schwächere Mauern oder Zinnen und zerschmetterte die Verteidiger. Die Belagerten indessen bekämpfen die Blyde mit gleicher Waffe, oder sie suchten sie in einem raschen Ausfalle zu verbrennen oder wenigstens unbrauchbar zu machen. Während die Blyden auf die Mauer spielten, suchten die Schützen eine gedeckte Stellung hinter den sog. Blenden, um die Verteidiger mit den tödlichen Pfeilen erreichen zu können; andere rannten an den Stadtgraben und füllten ihn mit Reisbündeln und ähnlichem Material. —

Die eigentliche Bestürmung der Festung geschah auf mancherlei Weise, je nach Lage und Beschaffenheit des Bodens und der Werke. Oft grub der Feind einen unterirdischen Gang in die Stadt und wartete die Nacht oder einen allgemeinen Sturm ab; dann öffnete sich plötzlich der Stollen, und die Krieger stiegen mit wildem Geschrei aus dem Schoße der Erde. So drangen Kaiser Friedrichs I. Krieger in das lombardische Alessandria; so untergruben die Türken 1453 die Mauern Konstantinopels. Gewöhnlicher war es jedoch, den Stollen nur bis unter die Grundfesten der Mauer zu treiben; diese stützte man mit Balken, damit sie die Grabenden nicht erdrückte, füllte dann die Höhle mit Torf und langsam brennenden Stoffen, zündete diese an und wartete, bis die verkohlten Stützbalken vom Gewichte der Mauer zusammenbrachen; natürlich stürzte die Mauer nach, und die Bresche oder Sturmlücke war geöffnet. Oft entdeckten aber die Belagerten die Mine; sie gruben entgegen und trieben den Feind mit Rauch oder Feuer aus der Höhle.


Belagerungsmaschinen des Mittelalters
A. Katze  B. Mauerbrecher mit Winde  C. Wurfmaschine  D. Fahrbare Blenden  E. Belagerungsturm

Damit aber hatte die Not der Stadt noch kein Ende; der Feind versuchte es auch mit anderen Werkzeugen: er rückte mit Katzen gegen die Mauer. Dies waren Schirmdächer, aus starken eichenen Balken zusammengefügt, und zwanzig bis hundert Mann hatten Platz unter ihnen. Eine solche Maschine nahte langsam und schwer auf Rollen, von der darunter befindlichen Mannschaft vorwärts geschoben; auf der Mauer der bedrängten Feste lagen indessen große Blöcke bereit, zu denen die Kirchen selbst die Altarquadern hergeben mußten; auch hatte man Fässer mit Steinen gefüllt, die auf das Ungetüm hinuntergestürzt wurden, daß es knirschte und stöhnte. Aber es wurde nur selten gebrochen, weil es zu feste Eisenrippen hatte. Auch Feuer wollte nicht dagegen helfen; den die Katze war mit frischem Weidengeflechte überzogen und dies wieder mit ungegerbten Fellen überspannt. Unter der Katze arbeitete der Sturmbock; dies war ein langer, fester und wuchtiger Balken, vorn mit einer starken Eisenspitze versehen, der gewöhnlich die Form eines Widderkopfes gegeben wurde; er hing in Ketten, wurde von den Soldaten im Takte der Sturmlieder oder unter wildem Kriegsgeschrei in Schwung gesetzt und stieß gegen die Mauer, daß diese zitterte und die stärksten Steine zermalmt wurden.

Doch die gewaltigste aller Maschinen war der Turm; er wurde der Höhe der zu bestürmenden Mauer gleich gemacht, weshalb er in Oberdeutschland Ebenhöchin genannt wurde. In den unteren Stöcken arbeiteten die Krieger mit Sturmböcken oder mit Keilhauen und Brecheisen; im oberen standen Bogenschützen und schwerbewaffnete Streiter. Auf Rädern oder Walzen wurde die ungeheure Last gegen die Mauer geschoben. Ist die Maschine trotz aller Anstrengungen der Belagerten dicht an die Mauer gerückt, so ist die Zeit der höchsten Not gekommen, denn jetzt wird der Feind einen allgemeinen Sturm wagen.

Alle Blyden sind in Tätigkeit und schleudern große Steine, zu denen oft selbst die Grabsteine von den Gottesäckern der umliegenden Dörfer genommen wurden, auf Mauern und Häuser oder werfen Feuerballen, die ein günstiger Wind lodernd dahinträgt, in die Stadt. Sternschnuppen ähnlich fliegen geräuschlos in langsameren Bogen die Feuerpfeile. Im Lager braust es wie fernes Windestosen; man hört Waffenklirren und den fernen Ruf der Befehlshaber, Signale von Hörnern und Trompeten. In der Stadt weiß man, was das bedeutet; da ist alles ruhig. Die Schützen haben ihre Posten an den Schießscharten eingenommen; die Werkmeister stehen mit den Gesellen an den Blyden und haben sich ihr Ziel ausersehen; der tödliche Pfeil liegt auf der Rinne der Katapulte, einer großen Armbrust, die auf einem Gerüste steht und durch eine Maschine gespannt wird; die Männer auf der Mauer haben große Steinhaufen neben sich, und gewaltige Balken ragen über die Brustwehr, zum zerschmetternden Falle bereit gelegt.

Auch große Haken, wie man sie bei Feuersbrünsten gebraucht, sind da und dort verteilt; daneben dampfen Gruben, in denen Kalk gelöscht wird, und die Weiber heizen mit unermüdlicher Hast unter Kesseln, in denen Wasser oder Öl siedet. Da plötzlich schmettert die Trompeten, die Harsthörner gellen, und himmelan schallt das Schlachtgeschrei des anstürmenden Feindes. Die Ebenhöchinnen und Katzen zerreißen die Mauern; große und kleine Steine, aus Blyden und Männerhänden geschleudert, Bolzen und Pfeile fliegen hin und her. Kühne Feinde nahen unter der Tartsche, einem großen geflochtenen Schilde, der mehrere Mann deckt; andere tragen Sturmleitern herbei und legen sie an, wo die Mauer am schwächsten zu sein scheint. Am gefährlichsten ist der Angriff der Ebenhöchin; gegen sie werden die schwersten Steine geschleudert, Pechfackeln und Feuerkugeln geworfen, auch Bienenkörbe, mit Linnen umwickelt, damit die zornigen Insekten, wenn sie ihre Umhüllung los sind, ihren eigenen Rachekrieg gegen die Männer im Streitturm beginnen.

Gelingt es, die Fallbrücke zu zerschmettern, die vom obersten Stockwerke des feindlichen Turmes auf die Mauer niedergelassen wird, dann ist die größte Gefahr abgewendet, und wird das oberste Stockwerk vom Feinde gesäubert, so ist der Streitturm verloren, den die Belagerten mit Haken fassen, zerreißen und verbrennen. Gegen Katze und Tartsche wird ebenfalls der Feuerhaken angewendet, um sie umzuwerfen und die Mannschaft mit Steinen und Balken zu zerschmettern. Die aber mit Leitern die Mauern ersteigen oder einander emporhelfen, werden mit jedem möglichen Geschosse begrüßt, mit heißem Kalk und siedendem Wasser, mit allem, was zur Hand ist, und bald stöhnen zerschmetterte und verwundete Männer am Fuße der Mauer.

Mißlingt dem Feinde auf diese Weise jeder Versuch, so muß er am Ende vom Sturme ablassen, und er hat nun kein anderes Mittel, als die Stadt auszuhungern, vorausgesetzt, daß er sich selber Lebensmittel zu verschaffen weiß. So wurden z. B. Mailand, Tortono, Faenza, Viterbo und andere italienische Städte, nachdem sie der Kriegskunst der Hohenstaufenkaiser tapfer und glücklich Widerstand geleistet, am Ende durch Hungersnot gezwungen, sich zu ergeben. Dagegen fiel Jerusalem durch Sturm in die Hände der Kreuzfahrer, als es den Männern eines Streitturmes gelungen war, die Fallbrücke auf den Mauerkranz niederzulassen; Konstantinopel nahmen die Kreuzfahrer 1204 durch einen Leitersturm. Indessen wird kaum ein Beispiel angeführt werden können, daß eine etwas bedeutende deutsche Stadt vor der Anwendung des Schießpulvers durch Sturm in Feindeshand gefallen wäre, wenn sie nicht durch Verrat geöffnet wurde, oder wenn nicht innere Zwietracht die Bürger an rüstiger Verteidigung hinderte.

Quelle: Kulturbilder aus Deutschlands Vergangenheit, Verlag Gustav Gräber, 1904, von rado jadu 2001

Klammer´s kleine Heraldik



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