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ROGER BACON (1214-1294) Ohne Erfahrung kann der Mensch nichts sicher wissen. ROGER BACON Wie Albert und andere seiner Zeitgenossen, so gründete auch der Franziskaner Roger Bacon sein Wissen auf die aristotelische Philosophie. Und auch er kam zu seinen Erkenntnissen nicht nur durch philosophische Methoden, d. h. durch Beobachten und logisches Schließen, sondern er betonte wie Albert die Wichtigkeit des Experiments. Man muß jedoch im Auge behalten, daß das, was wir heute Erfahrung nennen, wenig mit dem mittelalterlichen Begriff der Erfahrung zu tun hat. Bacon sagt zum Beispiel: Wir haben durch Erfahrung festgestellt, daß die Gestirne Zeugung und Verfall auf der Erde verursachen, wie jeder leicht erkennen kann." Dies ist für uns nicht so einleuchtend, und wir dürfen auch fragen, wie Bacon die geheimnisvollen Kräfte der Planeten, die angeblich des Menschen Leben und Tod beeinflussen, denn durch Erfahrung feststellen konnte. Kurzerhand kommt der Mönch zu dem Schluß: Da wir also durch Erfahrung festgestellt haben, was frühere Philosophen deduziert haben, so folgt daraus unmittelbar, daß alle Erkenntnis auf dieser Welt auf der Macht der Mathematik beruht." Bacons Schriften zeichnen sich durch eine Lebendigkeit aus, wie wir sie selten in der Hochscholastik finden, und seine Ungeduld, die sich mit rätselhafter Klarsicht paart, läßt ihn zuweilen wahrhaft erstaunliche Voraussagen machen: Zuerst will ich Dir", sagt er in einem seiner Briefe, von den wunderbaren Werken der Kunst und der Natur erzählen; dann werde ich Dir ihre Ursachen und ihre Form beschreiben. Dies hat nichts mit Magie zu tun, denn die Magie steht weit unter solchen Dingen und ist ihrer nicht würdig. So können z. B. Wasserfahrzeuge hergestellt werden, riesige Schiffe für Flüsse und Meere. Sie bewegen sich ohne Ruder, und ein einziger Mann kann sie besser lenken, als wenn sie voll bemannt wären. - Dann gibt es auch Wagen, die sich ohne Pferde und mit ungeheurer Geschwindigkeit bewegen; wir glauben, daß solcherart die Kampfwagen des Altertums waren, die mit Sicheln versehen waren. - Auch Flugmaschinen können gebaut werden. Ein Mann sitzt in der Mitte und bedient etwas, das die künstlichen Flügel der Maschine wie bei den Vögeln flattern läßt. - Man kann auch ein kleines Gerät zum Herablassen schwerer Lasten machen, das in Notfällen höchst nützlich ist; denn mit einer Maschine, die nur drei Finger hoch, drei Finger breit und noch weniger dick ist, könnte ein Mensch sich und seine Freunde aus Gefängnishaft befreien und sich hinauf- und wieder hinunterbewegen. - Ferner kann man eine Maschine bauen für Unterwasserfahrten auf Flüssen und Meeren. Sie taucht auf den Grund ohne Gefahr für den Menschen. Alexander der Große hat eine solche Maschine benutzt, wie wir von dem Astronomen Ethicus wissen. Derartige Maschinen wurden schon vor langer Zeit und werden auch heute noch gebaut, ausgenommen vielleicht die Flugmaschine . .. Noch unendlich viele andere solche Dinge können verfertigt werden: Brücken, die ohne Pfeiler Flüsse überspannen, oder andere kunstvolle und neuartige Stützen und Vorrichtungen." So ist es nicht verwunderlich, daß man Bacon zahlreiche Erfindungen und Entdeckungen zugeschrieben hat: das Schießpulver, die Brille, das Fernrohr usw. An der Echtheit der Magie zweifelte er ebensowenig wie seine Zeitgenossen; es sei aber schwierig, zwischen Wissenschaft und schwarzer Kunst zu unterscheiden. Die natürliche Magie, die als solche nicht böse sei, ließ er gelten. Wenn wir seine Argumente ihrer Spitzfindigkeiten und Vergröberungen entkleiden, so finden wir, daß er ähnliche Vorstellungen hatte wie die Philosophen: die natürliche Magie, die auf das Gute abzielt, ist erlaubt; abzulehnen dagegen sind die schwarzen Künste, die dem Bösen dienen. Die Alchimie ist mit der Physik verwandt. Sie handelt von Farben und anderen Substanzen, von brennendem Erdpech, Salz und Schwefel, von Gold und anderen Metallen, und wenn auch Aristoteles nichts über die alchimistische Kunst geschrieben hat, so ist sie doch zum Studium der Naturphilosophie und der spekulativen Medizin nötig. Mit der Alchimie kann man Gold herstellen, und so kann die hermetische Kunst dem Staate die nötigen Geldmittel beschaffen. Sie verlängert auch das Leben der Menschen. Es gibt aber nur wenige, die alchimistisch arbeiten, und noch weniger, die etwas herstellen können, was wirklich das Leben verlängert. Geeignet sind aber für diese Kunst nur die Weisesten, die die Bedeutung des Adlers, des Hirsches, der Schlange und des Phönix, also solcher Geschöpfe kennen, die ihr Leben mit Hilfe der Kräfte von Pflanze und Stein erneuern. Trinkbares Gold muß in einer geheimnisvollen Flüssigkeit aufgelöst werden, in einem Wasser, das nur besonders eingeweihte Gelehrte herstellen können. Solches Gold ist besser als das natürliche. Wenn es richtig aufgelöst wird, hat es höchst wunderbare Eigenschaften. Dieser Lösung müssen aber viele Dinge beigemischt werden: das,was im Meere schwimmt... und auch das, was in der Luft wächst, eine Blüte des Seetaus." Dazu kommt die Dianthee,eine Mischung von Blättern und Holzstückchen mit einer kleinen Menge Blüten, und außerdem das, was die See auswirft: Ambra. Und endlich ist eine wichtige Zutat die von Aristoteles erwähnte Schlange - die Tyrer aßen sie, wenn sie richtig mit Gewürzen zubereitet war. Als letztes muß ein Knochen, der in dem Herzen eines Hirsches wächst, hinzugefügt werden, denn der Hirsch ist ein besonders langlebiges Tier. (Hier geht Bacon in der Medizin nach dem alten magischen Prinzip vor, daß Gleiches Gleiches hervorbringt: das langlebige Tier überträgt seine Leistungsfähigkeit auf den Menschen.) Dieses Präparat soll ein ausgezeichnetes Heilmittel gegen das Altern und überhaupt gegen alle körperlichen Gebrechen sein. Man könne damit sein Leben um mehrere hundert Jahre verlängern. - Was Bacon über die spekulative Alchimie sagt, klingt für den, der ihre chaotische Welt erforschen will, nicht gerade ermutigend: nach seiner Meinung gibt es nur sehr wenige, die sich in dieser Kunst auskennen; diese sind daher nicht geneigt, ihre Kenntnisse ändern mitzuteilen oder sich für Leute halten zu lassen, die sie selber als Narren bezeichnen; außerdem sind alchimistische Operationen schwierig und kostspielig, so daß viele, die mit der Kunst vertraut sind, sie wegen Geldmangels nicht ausüben können. Alles menschliche Wissen beruht auf der Mathematik, deren vornehmster Zweig die Astrologie ist. Von ihr sollten Medizin, Alchimie und Zukunftsdeutung Gebrauch machen. - Bei der Geburt eines Menschen bestimmen die Himmelskörper seinen physischen Charakter und dessen Veränderungen. Mit jeder Stunde unterliegen sie dann dem Einfluß neuer Konstellationen, und das Handeln des Menschen ändert sich entsprechend den ewigen himmlischen Bewegungen. Aber diese bestimmen nur die Richtung des menschlichen Schicksals, sie entscheiden nicht darüber: der menschliche Wille ist frei. In Übereinstimmung mit der Tatsache, daß gewisse Himmelszeichen feurig, heiß und trocken sind, haben auch manche Dinge ein feuriges "Wesen. Man nennt sie nach dem Planeten ,martialische, und sie gehören ihrer Natur nach zu Widder, Löwen und Schützen. Dasselbe Prinzip herrscht auch hinsichtlich anderer Eigenschaften von Dingen, Zeichen und Planeten. Dinge jedoch im einzelnen nach ihrem Verhältnis zu den Planeten und Zeichen zu benennen und zu kennzeichnen, ist außerordentlich schwierig und nur mit Hilfe der Bücher der Hebräer möglich." Wie für Maimonides (Rabbi Mose ben Maimon, 1135-1204), so ist auch für Roger Bacon die Bibel die eigentliche Quelle der Astrologie - was das Studium der Gestirne und ihrer Einflüsse rechtfertigt. Diese Meinung Bacons wurde nicht von allen geteilt, denn trotz des wachsenden Einflusses der Astrologie auf die mittelalterliche Wissenschaft nahm die Kirche eine ziemlich feindliche Haltung gegen sie ein. Wie dem auch sei, Bacon ist der Ansicht, daß die Philosophie, die er mit Mathematik und Astrologie gleichsetzt, zuletzt zur Theologie führen und diese stützen sollte. Er geht sogar noch weiter: ohne Astrologie oder Philosophie sei die kirchliche Lehre unvollständig. In seinem Opus Malus heißt es: Wenn die Wahrheit der Philosophie beeinträchtigt wird, so leidet die Theologie Schaden; denn es ist ihre Aufgabe, die Macht der Philosophie zu gebrauchen, nicht als Selbstzweck, sondern um die Kirche zu lenken, die Gemeinde der Gläubigen zu führen und bei der Bekehrung der Ungläubigen zu helfen..." Von den Theologen, die Gegner solcher Gedanken sind, sagt er: Sie irren nicht nur darin, daß sie aus Unwissenheit die mit Hilfe der Mathematik erworbene Kenntnis der Zukunft ablehnen, sondern auch darin, daß sie wegen eines Teiles, den sie aus Unkenntnis verabscheuen, das Ganze verurteilen." Das gesprochene Wort war für Bacon eine Macht; er sagt darüber folgendes: Wir dürfen nie vergessen, daß das Wort eine große Kraft besitzt; alle Wunder am Anfang der Welt geschahen durch das Wort. Und die eigentliche Leistung der vernünftigen Seele ist das Wort, an dem die Seele sich erfreut. Worten ist eine große Macht eigen; wenn sie mit Konzentration und starkem Verlangen, in der richtigen Absicht und mit gläubiger Zuversicht gesprochen werden. Denn wenn diese vier Dinge zusammentreffen, wird die vernünftige Seele schnell dazu gebracht, gemäß ihrem Wert und Wesen zu wirken, und zwar sowohl auf sich selbst als auch auf die äußeren Dinge." Häufig läßt er uns seinen Gelehrtenstolz spüren und seine Verachtung gegen alles, was nicht klar ausgedrückt und geordnet ist. Widersprüche läßt er nur in theologischen Fragen gelten. So erwähnt er z. B. als Geheimnis, das im Widerspruch zur Vernunft steht: Christus sei der Eckstein, er sei aber auch der Mittelpunkt, in dem die zwölf Apostel sich begegneten". In religiösen Dingen war er streng orthodox, wie überhaupt sein Leben und Denken der Kirche gewidmet war. Was er auch entdeckte, diente dem Zwecke, das Ansehen der Kirche zu mehren und ihr Planen und Wirken zu erleichtern. In seinem Buche Über die experimentelle Wissenschaft heißt es, die Kirche solle wissenschaftliche Erkenntnisse gegen Ungläubige und Aufständische einsetzen, um christliches Blut zu schonen, und besonders sollte sie dies angesichts der künftigen Gefahren in den Zeiten des Antichrist tun, denen man mit der Gnade Gottes leicht begegnen könnte, wenn die geistlichen Würdenträger und die Fürsten die Wissenschaft förderten und die Geheimnisse der Natur erforschten". Als Ganzes betrachtet, hat Roger Bacons Lehre nichts von dem faustischen Geist, den schwärmerische Forscher darin zu erkennen glauben. Er war nicht der glänzende Vorläufer einer wissenschaftlichen Zeit, dessen Stimme in der scholastischen Wüste ungehört verhallte. In seinem tiefen Drang, Wissen, Weisheit und Glauben zu einer Einheit zusammenzufassen, hat er ein einzigartiges Werk verfaßt, das Opus Mains, das vielen seiner Zeit bekannten Wissensstoff enthält, den er aber nach eigenen originellen Gesichtspunkten zusammengestellt und gegliedert hat. |
| Quelle: Das Weltreich der Magie;© 1948 by Panheon Books Inc., New York;R. Löwit GmbH Wiesbaden; bjfe jadu 2001 |
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