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Die Vitalienbrüder

Freunde Gottes und aller Welt Feinde
Vor 600 Jahren rollten die Köpfe von Störtebeker und Godeke Michels

Wer kennt die Geschichte nicht vom Störtebeker, der seinen Becher in einem Zug hinunterstürzen konnte? Oder wie er siebzehn seiner Mannen vor dem sicheren Tode durch das Henkersschwert bewahrte, indem er ohne Kopf an seinen Kameraden vorbeilief? Wer ihm wohl ein Bein gestellt hat oder vielleicht einen Klotz vor die Füße geworfen, dass er stürzen musste? Ein Henkersknecht, eine alte Frau, ein Kaufmann? Das werden wir heute nicht mehr beantworten können. Aber ob Störtebeker und Godeke Michels wirklich die Helden der Meere und Freunde der Armen waren - davon lest.

Als die politischen Verworrenheiten begannen, die zu der größten Ansammlung von Seeräubern auf engem Raum führten, müssen Störtebeker und Godeke Michels wohl noch Kinder gewesen sein. Sie stammten beide höchstwahrscheinlich aus Wismar und werden vielleicht vom Tod des großen dänischen König Waldemar IV. Atterdag 1375 gehört haben. Als nun der Sohn Waldemars jüngster Tochter zum König ausgerufen wurde, vergaß er wohl, daß seine älteste Tochter auch einen Sohn hat.

Dessen Großvater väterlicherseits Albrecht II., Herzog von Mecklenburg, begann daraufhin einen Krieg gegen Dänemark für seinen noch unmündigen Enkel. Aber Albrecht hatte nicht genug Kriegsschiffe und Truppen. So kam er auf die geniale Idee, sich die auf der Ostsee kreuzenden serovere - Seeräuber - zu Hilfe zu holen. Doch Albrecht II. starb, bevor er Dänemark besiegen konnte. Sein Nachfolger Heinrich schien nicht viel Lust zu haben, um den Thron seines Sohnes zu kämpfen. Aber die Geister, die sein Vater gerufen hatte, wurde die Ostsee trotz Friedensschluß nicht wieder los.

Von Störtebeker hatte die Geschichtsschreibung bis dahin noch nichts verlauten lassen. 1380 findet sich das erste festgehaltene Lebenszeichen des Draufgängers Störtebeker. Damals hatte er bei einer Schlägerei tüchtig eins abbekommen - verschiedene Brüche und Beulen verzeichnete das Wismarer Verfestungsbuch bei dem Opfer Nicolae Stortebeker. Seine Widersacher wurden aus der Stadt ausgewiesen. In einem Verfestungsbuch, das wir heuzutage als eine Art Gerichtsprotokollbuch bezeichnen würden, hielten die Schreiber Ausweisungen aus der Stadt, Strafen, Begnadigungen und Beschwerden fest.

Jedenfalls gehörten Störtebeker und Godeke Michels nicht zur ersten Generation der Piraten-Hauptleute, die damals noch nicht Vitalienbrüder hießen.

Der schwedische König war auch ein Mecklenburger. Dies passte vielen schwedischen Adligen nicht. Margarete, Königin von Dänemark und Norwegen, zog diese Adligen auf ihre Seite, weil sie die drei Königreiche vereinen wollte. Das ließ sich natürlich der Mecklenburger nicht gefallen. Allerdings hatte er kein Glück im Kampf. Sein Heer erlitt 1389 eine vernichtende Niederlage. Dabei geriet Albrecht III. selbst mit seinem Sohn Erich in dänische Gefangenschaft. Nur die Festung Stockholm blieb deutsch. Damit war die zweite Phase der Seeräuberplage eingeläutet.

Lose Haufen gegen Dänemark und Norwegen

Der Mecklenburger Herren gab es viele. Herzog Johann I. von Stargard - nach der Gefangennahme Albrecht III. nun amtierender schwedischer König - befand, es wäre jetzt zuviel des Schlechten für das Hause Mecklenburg gewesen. Ob nun davor oder danach, ist nicht genau bekannt: Mecklenburg öffnete die Hansehäfen Rostock und Wismar für die Seeräuber:

"In demselben Jahr, als die Schiffe von Rostock und Wismar mit Herzog Johann nach Stockholm unterwegs waren, da ließen die von Rostock und Wismar ausrufen, dass derjenige, der auf seine freie Beute und auf seine eigenen Kosten sein Glück versuchen wolle, um die Reiche Dänemark und Norwegen zu schädigen, sich in den Städten Rostock und Wismar einfinden solle, um Kaperbriefe zu empfangen, wo es ihnen auch erlaubt sei, frei zu teilen, zu tauschen und die geraubten Waren zu verkaufen. Der Fürst ließ das Gleiche ausrufen, dass die Häfen Ribnitz und Golwitz für alle, die die eben genannten Reiche schädigen wollten, geöffnet werden sollten."

Würden wir heutige Moral- und Rechtsvorstellungen anwenden, so hieße das ja, dass die Seeräuber zu diesem Zeitpunkt gar keine Seeräuber mehr waren, sondern Soldaten im Dienste eines Königs in einem rechtmäßigen Kaperkrieg. Anfangs brachten sie hauptsächlich dänische und norwegische Schiffe auf, aber bald überfielen sie alle, derer sie habhaft wurden. Die Hanse musste intervenieren, waren es doch ihre Kaufleute, die zu Schaden kamen. Rostock und Wismar befanden sich als Hansestädte mit gleichzeitiger Zugehörigkeit zum Herzogtum Mecklenburg in einer Zwickmühle. Mit der Ausrede, sie hätten die Häfen nur unter Zwang geöffnet, rechtfertigten sie sich 1391 vor der Hanse. 1394 beschwerten sie sich dann sogar offen, dass die Hanse nichts gegen den Machthunger von Dänens Königin Margarete unternehmen würde. Eigentlich seien sie die wahren Interessenvertreter der Hanse, wenn sie den Krieg gegen Margarete unterstützten.

Irgendwann in den neunziger Jahren wurden aus den gemeinen Seeräubern die Vitalienbrüder oder auch Likedeeler (Gleichteiler), vereinzelt auch Hattebröder genannt. Wer waren sie eigentlich, diese Vitalienbrüder? Nur rechtlose, vaterlandslose, obdachlose Gestalten, Betrüger und Räuber überhaupt? Die Mannschaften setzten sich sicherlich auch aus "bösem und losem Volk" zusammen. Ihre Anführer jedoch stammten oftmals aus dem niederen Adel Mecklenburgs. Historischen Vermutungen zufolge litten sie unter einer infausta paupertas - einer unglücklichen Armut. Einige haben sogar ihr letztes Land oder ihre Adelssitze verkauft, um das Geld für eine Kogge zusammenzubekommen, wie z.B. Bosse van dem Kalende. Unter den damals bekannten Namen fehlten die von Störtebeker und Godeke Michels immer noch. Zwei berühmte Hauptleute waren Arnd Stuke und Nikolaus Milies.

Über Störtebekers Abstammung gibt es zwei Theorien: Die eine besagt, er wäre ein einfacher Fischersohn aus Wismar gewesen. Die zweite, daß Stortebeker einer der letzten Herren von Alkun war. Sie hatten bei Barth ihren Stammsitz und besaßen das Braurecht. Nach Streitigkeiten mit den Bürgern floh Niklas von Alkun und wurde Seeräuber wie viele seiner Standesgenossen. Im Wappen führte die Familie von Alkun einen Trinkpokal, woraus sich sein Deckname Störtebeker abgeleitet haben soll. Wegen seiner ritterlichen Ausbildung konnte er später Piratenhauptmann werden. Die Wahrheit aber hat er mit in sein Grab genommen.

Hier noch ein Auszug aus Die Wappen des Adels in Pommern und Mecklenburg. Submacher's Wappenbuch. Band 18: "Es heißt, daß dieses alte Adelsgeschlecht von der Insel Rügen in Mecklenburg eingewandert und hier bald nach 1400 erloschen ist. In Mecklenburg zeigt es sich urkundlich erst seit dem Anfange des 14. Jahrhunderts, zuerst der Mecklenburgische Ober-Kämmerer Knappe Heinrich Alkun, dann der Mekl. Rath, Kämmerer und Vogt Knappe Bernhard A. auf Marne und sein Bruder, der Knappe Vicke A. 1331, 1353, 1362, welche Beide siegelten. Zuletzt zeigt sich Ritter Niklas A. 1400."

Handel auf der Ostsee völlig lahmgelegt

Trotz einiger militärischer Geplänkel, unergiebigen Verhandlungsversuchen zwischen Dänen, Mecklenburgern und der Hanse und vielfacher Beschwerden wegen der Seeräuberei passierte bis 1392 nichts Wesentliches. 1393 überfielen Vitalienbrüder die norwegische Stadt Bergen und raubten sie aus. Bis 1395 führte die Piraterie fast zu einem völligen Erliegen der Handelsschiffahrt auf der Ostsee. Bis weit ins Binnenland schnellten die Lebensmittelpreise, besonders natürlich für Fisch, in die Höhe. Bis über das Zehnfache kostete der Hering. Schließlich drängte die Hanse Königin Margarete an den Verhandlungstisch. Ein Vorschlag, den sie sich überlegen wollte, war, Stockholm als Pfand zu erhalten und dafür König Albrecht III. (der Mecklenburger, der König von Schweden war) und Prinz Erich frei zu lassen.

Doch kaum zuhause, leitete die machthungrige Königin (durch den Tod ihres Mannes herrschte sie seit 1380 auch über Norwegen) die Großoffensive gegen Stockholm ein und bescherte der Nachwelt eine der berühmtesten Geschichten über die Vitalienbrüder: Mit acht großen Schiffen, beladen mit Lebensmitteln, Waffen und kühnen Helden wollten sie Stockholm zu Hilfe kommen. Doch kurz vor ihrem Ziel in der Furt von Dalerne froren sie im Eise fest. Die Seeleute, nicht dumm, liefen zum Ufer, holten Stämme, bauten Bollwerke um ihre Schiffe herum, indem sie Wasser über die Stämme gossen und hackten nachts heimlich Löcher ins Eis, das bis zum Morgengrauen wieder leicht zugefroren war. Und die Dänen fielen haufenweise in das Wasser und ertranken. Gott schickte dann ein wärmeres Wetter, die Schiffe kamen frei, und die Vitalienbrüder konnten Stockholm retten. Eine Theorie besagt, daß sie ab der Rettung Stockholms Vitalienbrüder hießen, weil sie Vitalien - Lebensmittel- gebracht hätten.

Ob Störtebeker und Godeke Michels dabei waren? Wir wissen es nicht, aber es ist wahrscheinlich, da sie beide aus Wismar stammen und die Reise dort begann. Erstmals werden sie gegen Ende 1394 in Schriftstücken als Hauptleute der Vitalienbrüder genannt. Sie kaperten besonders gerne englische Schiffe, vielleicht wegen der besonders reichlichen Beute oder weil sie häufig deren Wasserwege kreuzten.

Im März 1394 wurden etwa 1200 Vitalienbrüder in Golwitz gesichtet, teils auf See. Daß sie aber nach Stockholm wollten, um dort aus Dankbarkeit wegen der Rettung vor Stockholm eine ewige Messe zu stiften, ahnte kein Uneingeweihter. Im September stellten die Herrscher bei Verhandlungen die Weiche auf Frieden. Ein Verbündeter Margaretes kidnappte kurz vor dem zweiten Verhandlungstag im November den Vertreter des Hochmeisters des Deutschen Ordens. Der Krieg flammte wieder auf zum Nutzen der Vitalienbrüder, die von Stockholm aus einen Teil Gotlands mit der Stadt Visby eroberten. Doch schlossen die Herrscher nun Frieden gegen die Übergabe Stockholms an die Hanse, die Verpfändung mecklenburgischer Städte an Königin Margarete und die Freilassung König Albrechts und dessen Sohn Erich.

Nun hätte ja wohl die Seeräuberei ein Ende haben müssen. Doch wo hätten die Vitalienbrüder leben können, und wovon? Natürlich von der Seeräuberei! Allerdings verteilten sie sich jetzt bis in die Nordsee und suchten auch den Weg nach Russland, Spanien und andere Gegenden. Ihr Hauptstützpunkt wurde die Insel Gotland, die halb mecklenburgisch, halb dänisch war und deren Hauptleute sich unterschiedlicher Mannschaften der Likedeeler bedienten, die sich sogar gegenseitig bekriegten. Das heißt, sie waren apolitisch und hatten als Vitalienbrüder kein Zusammengehörigkeitsgefühl. Ob sie wirklich Rebellen waren und als Likedeeler - Gleichteiler - auch wirklich gleich teilten? Jedenfalls nahmen sie die Pfeffersäcke gehörig aus. Sie deshalb als Robin Hoods der Ostsee zu bezeichnen, steht jedoch nur Sagen und Legenden zu, nicht den Historikern.

Anfang 1397 besetzte der Mecklenburger Erich ganz Gotland und besiegte Sven Sture, den dänischen Statthalter und Schirmherrn der Seeräuber. Als Erich bald starb, setzte seine Witwe genau denselben Sven Sture zum Oberbefehlshaber Gotlands ein. Von dort störten die Piraten besonders empfindlich die preußischen Händler, bis dem Hochmeister des Deutschen Ordens der Kragen platzte und er ohne Unterstützung der Hanse oder anderer die Seeräuber von Gotland und aus der Ostsee vertrieb.

Unruhige Zeiten in Ostfriesland

Die Vitalienbrüder fanden aber in diesen unruhigen Zeiten wieder Unterschlupf und Arbeit. Sie unterstützten die vielen zerstrittenen ostfriesischen Häuptlinge bei ihren Kämpfen gegeneinander und im Konflikt gegen die Niederländer. Doch mit dem Einzug der Vitalienbrüder nach Ostfriesland wurden die kleinen regionalen Streitereien der Häuptlinge zu einem internationalen Problem. Hamburg, Bremen, Lübeck, alle nach Westeuropa fahrenden Händler litten unter diesen Verhältnissen. Godeke Michels und Störtebeker schienen schon seit 1398, vielleicht sogar schon 1395, in Ostfriesland gewesen zu sein, Wichmann und Wigbold waren auf jeden Fall ab 1399 dort.

Aus dieser Zeit stammt auch der Ausspruch, dass die Vitalienbrüder "Gottes Freunde und aller Welt Feinde" seien. Dem Schiffer Egghert Schoeff, dem sie sein eigenes Schiff, nachdem sie es erbeutet hatten, wieder zurückverkauften, befahlen sie, dies der Hanse auszurichten.

Um die Zeit in Ostfriesland ranken sich viele Legenden und Geschichten über versteckte Schätze, Piratennester, Spionage und Verrat. Zwei Häuptlinge, die zu Komplizen der Piraten wurden, waren Widzel tom Brok und Edo Wiemken. Letzterer hatte 1383 seine Edenburg, nach seinem Sohn dann umbenannt in Sibetsburg, auf dem Territorium des heutigen Wilhelmshaven erbaut: das legendenträchtigste Piratennest. Störtebeker soll womöglich mit seiner Tochter verheiratet gewesen sein. Edo hatte schon vor den Vitalienbrüdern sein Konto durch Seeräuberei aufgefrischt, sein Sohn Sibet Lubbenson tat es ihm bis 1433 nach.

Die Hansestädte setzten Edo stark zu, und er versprach ihnen im Juli 1398 vertraglich, dass er die Piraten von seinem Grund weisen würde, was er wie andere Häuptlinge nach solchen Versprechen nicht tat. Dazu waren sie alle viel zu sehr von der Unterstützung der Seeräuber abhängig. England als einer der Hauptleidtragenden beschwerte sich so eindringlich bei der Hanse und drohte ihr mit dem Entzug von Privilegien, daß sie sich endlich zu einer Strafexpedition gegen die Vitalienbrüder und Ostfriesland entschließen konnte.

Schiffe aus Bremen, Hamburg und Lübeck brachen am 22. April von Hamburg aus auf und kamen am 5. Mai in der Westerems an. Von dort jagten sie den Piraten in die Osterems hinterher. In der folgenden Schlacht verloren gleich 80 Piraten ihr Leben. Bei der Verfolgung zu Lande fielen den Söldnern der Hanse noch 25 weitere in die Hände, die sie am 11. Mai hinrichteten. Von Emden aus, besetzten oder zerstörten sie die Nester der Piraten, wie Schloß Larrelt, Loquard, Grootmund und Wittmund. Außerdem musste der Häuptling Keno tom Brok auf Geheiß der Hanse den strategisch wichtigen Turm von Marienfelde abbrechen. Allerdings begnadigten die Piratenjäger auch einige Seeräuber, besonders jene ostfriesischer Abstammung.

Hansische Strafexpedition gegen die letzten Piraten

Danach schien es, als sei Ostfriesland piratenfrei. Godeke Michels und Wigbold hatten mit 200 Mann nach Norwegen fliehen können, Störtebeker hatte sich mit 114 Mann unter den Schutz von Herzog Albrecht von Holland gestellt. Übrigens erwähnte die Hanse zumeist und zuerst immer Godeke Michels, weil er als der Anführer der Vitalienbrüder galt und Störtebeker, wie es schien, immer nur ein Hauptmann unter anderen war. Außerdem versteckten die ostfriesischen Häuptlinge mehr Vitalienbrüder, als die Hanse hätte ahnen können. Mit der Seeräuberei war noch lange kein Ende.

Wie nun Störtebeker und Michels besiegt wurden, darüber gibt es keine genauen Angaben, hier deshalb die einleuchtendste Version: In den Hamburger Kämmereirechnungen findet sich folgender Eintrag: "Für die Reise der Herren Hermann Lange und Nikolaus Schoken nach Helgoland im vergangenen Jahr gegen die Vitalienbrüder: zusammen 57 Pfund." Dies war der Sieg gegen Störtebeker! Eine andere Chronik weiß zu berichten, dass sie ungefähr 40 totgeschlagen hätten und 70 gefangen, denen sollen die Köpfe abgeschlagen worden sein und auf einer Wiese an der Elbe aufgespießt, dem Grasbrook. Ein Eintrag aus dem Jahre 1401 in den Rechnungsbüchern bezieht sich auf die Hinrichtungskosten, so daß wir davon ausgehen können, dass Störtebeker und 29 seiner Mannen im September/Oktober des Jahres 1400 besiegt und hingerichtet worden sind. In vielen Legenden heißt es, dass Störtebeker und Godeke Michels gemeinsam besiegt worden wären. Dies ist aber nicht der Fall. Godekes Gefangennahme und Tod erfolgte erst ein Jahr nach der Hinrichtung Störtebekers.

Ein Schuh aus Gold und die letzte Gnade

Stolz schreitet Störtebeker mit seinen Gesellen in den besten Feiertagsgewändern unter dem Klang von Trommeln und Pfeifen zum Richtplatz. Auf dem Weg zum Grasbrook schleudert einer der Seeräuber einem jungen Mädchen seinen Pantoffel hin. Als dieses ihn aufhebt, ist er ganz mit Gold ausgegossen. Vor dem Henker darf der Held der Meere seine letzte Bitte äußern: "Ich bitte darum, all meine treuen Gefährten zu verschonen, an denen ich ohne Kopf vorbeilaufe." Erstaunt blicken sich die Ratsherren an und gewähren sie ihm. Ohne Kopf läuft Störtebeker dann an 13 seiner Kameraden vorbei, bis ihm eine trauernde Witwe, deren Mann er auf dem Gewissen hat, ein Bein stellt. Oder wirft ihm vielleicht der Henkersknecht einen Klotz vor die Füße?

"Nicht lange danach (der Überwältigung Störtebekers - d. Red.) trafen dieselben Englandfahrer auf einen Haufen der Seeräuber und schlugen sich mit ihnen. Gott gab seinen Segen den guten Helden gegen diese, sodaß sie viele töteten. Und achtzig von ihnen mit nach Hamburg führten; da wurden sie enthauptet und neben ihre Kumpane auf die Wiese gesetzet. Die Hauptleute hießen Godeke Michels und Wigbold, ein Meister der sieben Künste", wie in der Rufus-Chronik geschildert wird. Den Winter über war wohl Michels mit seinen Leuten in Norwegen gewesen. Im Frühjahr tauchte er in Ostfriesland wieder auf. Der Kampf gegen Michels hat aber auf der Weser stattgefunden, also ganz in der Nähe Hamburgs. Die Sieger hießen Nicolaus Schoke und Hinrik Jenevelt. Sie hatten zuerst Godeke Michels überwältigt und seine Kogge in Besitz genommen, darauf fanden sie Lubbert Overdik vor, mit dessen gestohlener Kogge sich der Rest von Godekes Mannschaft in die Jade geflüchtet hatte. Aber es half der Koggenbesatzung nicht, dass sie erbeutete Bierfässer von Bord warf, um leichter und schneller zu werden. Die Hamburger kriegten sie am Ende doch, und sie erhielten als Lohn den dritten Teil der Ware, die sie den Seeräubern abgenommen hatten.

In den Legenden ist die Piraterie auf der Ostsee mit dem Sieg über Störtebeker und Godeke Michels beendet, aber in allen späteren Jahren bis 1435 gab es noch genügend Piraten, die Schiffahrt und Handel beeinträchtigten. Allerdings waren dies normale Seeräuber und keine Vitalienbrüder mehr, die aus dem mecklenburgisch-dänischen Krieg hervorgegangen waren. 1433 hatte Hamburg eine große Strafexpedition nach Ostfriesland ausgerüstet, um die letzten Piratennester auszuheben. Mit 21 Schiffen unter der Führung Simons von Utrecht brachten sie Emden unter ihre Kontrolle und belagerten dann die Sibetsburg, die 1435 völlig zerstört wurde. Die Vitalienbrüder verschwanden mit der Zerstörung der Sibetsburg aus der Geschichtsschreibung - ohne dass damit die Tradition der Kaperei und Seeräuberei beendet gewesen wäre.

von Marion Schulzke, jadu 2001

Literaturhinweise: Puhle, Matthias: Die Vitalienbrüder: Klaus Störtebeker und die Seeräuber der Hansezeit. Campus Verlag. Frankfurt/Main, New York 1994.
Dgl.. Vitalienbrüder, Likedeeler, Seeräuber aus: Ein Jahrtausend Mecklenburg und Vorpommern. Biographie einer Norddeutschen Region in Einzeldarstellungen
www.HamburgMuseum.de
Sonderausstellung "Gottes Freund - aller Welt Feind" bis zum 2.9.2001

Hansekogge aus dem Ende des 15. Jahrhunderts (Kupferstich, Wien, Albertina) alle aus Pagel, Karl: Die Hanse. Deutsche Buch-Gemeinschaft Berlin 1942
Flugblatt Foto: Fischer-Daber, Museum für Hamburgische Geschichte

Zeiten und Herrscher

1361 Dänenkönig Waldemar Atterdag IV. besetzt widerrechtlich Gotland und muß 1370 im "Stralsunder Frieden" der Hanse ein Mitspracherecht bei der Königswahl einräumen
1375 Waldemar stirbt und hinterlässt zwei Töchter mit zwei erbberechtigten Enkeln:
Ingeborg, die ältere, verheiratet mit dem Mecklenburger Herzog Heinrich III. und Sohn Albrecht IV.
Margarete, die jüngere, verheiratet mit dem norwegischen König und Sohn Olaf IV.
Die Hanse entscheidet sich für Olaf IV. als Thronfolger.
Albrecht II. von Mecklenburg, Großvater von Albrecht IV., ruft den Krieg gegen Dänemark aus, holt die Seeräuber 1376/77 zu Hilfe und stirbt 1379.
Margarete übernimmt nach dem Tod von Mann und Sohn 1380 die Herrschaft über Norwegen und Dänemark.
1380 Erste Erwähnung eines Nicolao Störtebeker
80er Jahre immer wieder Ausrüstung von Friedeschiffen durch die Hanse
Albrecht III. Herzog von Mecklenburg, Bruder von Heinrich, und König von Schweden, kämpft ab 1388 gegen Dänemark und gerät 1389 in dänische Gefangenschaft gemeinsam mit seinem Sohn Erich.
Herzog Johann I. von Stargard übernimmt die Herrschaft über Schweden.
Rostock und Wismar öffnen ihre Häfen für die Seeräuber.
Winter 1393/94 Großoffensive der Dänenkönigin gegen das mecklenburgisch-schwedische Stockholm, das durch die Vitalienbrüder (ggf. hier einen Vermerk auf die Stelle einfügen, an der "Vitalienbrüder" erklärt wird) gerettet wird
Ende 1394 Störtebeker und Godeke werden erstmals als Hauptleute namentlich genannt
Bis 1395 Handel auf der Ostsee durch Seeräuberei fast lahmgelegt.
Die Vitalienbrüder bauen Gotland zu ihrer Operationsbasis aus.
26.9.1395 Friedensvertrag zwischen Dänemark und Mecklenburg: Freilassung von König Albrecht und Sohn Erich
1397 Erich besetzt Gotland und stirbt bald darauf - Gotland unter Sven Sture wieder Piratennest
Frühling 1398 Der Deutsche Orden vertreibt die Piraten von Gotland.
1398 Die einzelnen Verbände der Vitalienbrüder verteilen sich auf Ostfriesland und unterstützen die Häuptlinge
1399 Strafexpedition deutscher Hansestädte gegen die Piraten in Ostfriesland
Godeke flieht nach Norwegen, Störtebeker nach Holland
Herbst 1400 Störtebeker wird gefasst und mit seinen Leuten hingerichtet
1401 Godeke Michels und Wigbold gefangen und hingerichtet
Piraterie im Ost- und Nordseeraum 1433 bis 35 mit großer Strafexpedition beendet


Stoertebeker


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