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Roland, der Paladin Kaiser Karls des Großen

 

Der König von Babilon. Rolands Bestattung

Wörter - Erklärung


Der König von Babilon.     Rolands Bestattung

Der Morgen war angebrochen, und der Kaiser gewahrte, daß die Heiden alle verschwunden waren. Er hätte den verräterischen Marsilias gerne verfolgt und gefangen, aber die Wogen des Stroms waren von dem Gewitter angeschwollen und die Brücken zerstört, so daß er diesen Plan aufgeben mußte. Marsilias war unterdessen nach Saragossa gelangt. Halbtod vor Erschöpfung und Blutverlust lag er stöhnend auf seinem Schmerzenslager. Seine ihn pflegende Gattin Braimunda weinte und schluchzte mit lauter Stimme: "Weh' dir, Saragossa! Dir ist dein Herr geraubt, der dich in Hut hielt; unsre Götter haben uns verraten. Fluch euch, Allah und Mahomet! Wer euch dient, dem gebt ihr schlechten Lohn!"

Als die Saragossaner diese Rede ihrer Herrin vernahmen, liefen sie in den Tempel, rissen die Götzenbilder von den Altären und stießen sie hinab in den Wallgraben, wo die Schweine weideten und nun straflos die Götter besudelten. Am Tag darauf jedoch kam eine Botschaft nach nach Saragossa, durch die rasch die Verzweiflung sich wieder in Hoffnung und Freude verwandelte. Marsilias hatte gleich bei Beginn des Krieges Boten an den König von Babilon, den gewaltigen Baligan, dem er lehensplichtig war, gesandt und ihn um Hilfe gebeten. Bei der großen Entfernung war es jedoch den Babiloniern nicht möglich gewesen, rechtzeitig in Hispanien einzutreffen, und so waren die Heerscharen jetzt erst am Strande des Ebro angelangt.

Baligan ließ eine gar stolze Botschaft dem Marsilias entbieten. Der Kaiser Karl, ließ er ihm sagen, habe in großem Übermut sich erkühnt, Hispanien mit Krieg zu überziehen. Deshalb wolle er nun ins Frankenland ziehen und nicht ruhen und rasten, bis der freche Frankenfürst tot oder unterworfen sei. Wenn er nicht gnadeflehend ihm zu Füßen falle und vom Christenglaube lasse, so werde er ihm die Kaiserkrone vom Haupt reißen. Marsilias möge deshalb mit all seiner waffenfähigen Mannschaft zu seinem Heer stoßen und mit ihm ziehen.

Den Boten, die dem kranken Marsilias dieses kündeten, erwiderte der verwundete König: "Ihr seht mich hier zum Tod verwundert liegen; meine Kriegshelden und dabei mein eigner Sohn die sind erschlagen, und mein Land ist verwüstet, und all dieses durch Karl, den grimmen Frankenkaiser und seinen Neffen Roland; sagt euerm Herrn, dem König Baligan, er brauche nicht ins ferne Frankenland zu ziehen; die Franken seien kaum sieben Meilen weit von hier am Strand des Ebro heute Nacht noch gewesen, dorthin möge der König seine Heere führen und die Feinde schlagen. Mein ganzes Land steht ihm offen."

Als Baligan dies erfuhr, sprang er freudig von dem Feldstuhl, auf dem er ruhte, empor und rief: "Auf, schwingt euch alle schnell zu Roß, die Franken dürfen uns nicht entfliehen, Marsilias soll blutig gerächt werden!" Er selbst mit seinem Gefolge sprengte hinauf nach Saragossa, um den kranken König zu sehen und zu trösten.

Als Marsilias seinen Lehensherrn erblickte, ließ er sich von seinem Schmerzenslager aufrichten uns sprach, mit der unverwundeten Linken ihm seinen Handschuh darbietend, traurig: "Hiermit übergebe ich mein ganzes Land in Eure Hände, ich habe meinen Sohn und all mein Volk verloren."

"Ich nehme diesen Handschuh an," erwiderte Baligan, "und will Eure Sache gegen den grimmen Frankenkaiser nach Gebühr verfechten, doch kann ich leider heute nicht langer Reden mit Euch pflegen, ich habe Eile, auf daß die Feinde mir nicht fliehen. Lebt wohl, bald sollt Ihr von mir hören!" Er eilte zu seinem Heer zurück und ließ, nachdem er mit seinen Feldherrn alles reiflich erwogen, die Scharen, zur Schlacht gerüstet, marschieren, um den Kampf beginnen zu können, sobald Karl mit seinen Franken ihm vor Augen käme.

Kaiser Karl war, dem Zug seines Herzens folgend, mit dem Heer nach Ronceval zurückgekehrt, um den Toten die letzte Ehre zu erweisen."Haltet kurzen Schritt mit euren Rossen!" rief er, als sie auf der Walstatt angelangt waren, "ich will voraus reiten, um Roland, meinen getreuen Neffen, im Tod zuerst zu begrüßen. Er wird, das Haupt zum Feindesland gerichtet, daliegen auf dem Felde der Ehre, wie es dem Sieger geziemt: So Schwur er einst zu Aachen, als wir beim frohen Mahle saßen und künftiger Ruhmestat gedachten, und so wird er es sicherlich im Tal zu Ronceval gehalten haben."

Der Kaiser stieg vom Roß und schritt langsam durch die mit Toten besäte Halde, deren Gräser und Blumen vom Blut rot gefärbt waren. Mit eifrigen Blicken spähte er hierhin und dorthin, bis er endlich die Stelle entdeckte, wo Roland tot zwischen den Felsen lag. Er ruhte, das Haupt gegen Saragossa gerichtet, wie schlummernd im grase. Die Linke hielt krampfhaft den von Geschossen durchbohrten Schild, und die Rechte war wie zum Gruße ausgestreckt. Zu seinen Füßen lag der Sarazene, den er mit Olifant, seinem guten Horn, niedergeschmettert hatte. Dieses selbst lag zerspellt, wie mit klaffender Todeswunde, im grünen Moos, und die abgesprungenen Edelsteine funkelten wie Tautropfen im Morgenlicht.

Lange saß der Kaiser und betrachtete, auf sein Schwert gestützt, kummervollen Blicks den Toten, dessen Antlitz infolge der übermenschlichen Anstrengung des letzten Schlachtgas wohl um dreißig Jahre älter erschien und faltig gefurcht wie das eines bejahrten Mannes geworden war. "Gott sei mir und dir gnädig, teurer Neffe!" flüsterte er mit trüber Stimme, "nie mehr wird solch ein Held für mich treu bis zum Tode stehn, ach! meine Ehren neigen sich mit dir zum Fall. Ich hatte auf Erden keinen treueren Freund als dich, und alle Tage meines Lebens werd' ich dich betrauern."

Er verhüllte sein Haupt und weinte bitterlich, und mit ihm weinte sein ganzes Heer, denn niemand war bei den Kriegsscharen so geliebt und verehrt als der edle Roland. Auch die Leichen der andern Paladine, die Roland so brüderlich vor seinem Tod noch zusammengebracht hatte, begrüßte und beweinte der getreue Kaiser und gebot, daß sie allesamt einbalsamiert und nach Frankreich zurückgebracht werden sollten.

Dies wurde alsbald getan, die Herzen der Helden wurden mit Wein und Pigment gewaschen und in Mamorkapseln geborgen, die Körper aber in Hirschhäute und in besonders zubereitete alexandrinische Tücher gehüllt und auf Wagen geladen, damit sie alsbald voraus zur Heimat gesandt werden können.

Quelle: Germania's Sagenborn, Emil Engelmann, 1889, Verlag Paul Neff, von rado jadu 2001


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