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Roland, der Paladin Kaiser Karls des Großen

 

Die Fahrt nach Hispanien

Wörter - Erklärung


Die Fahrt nach Hispanien

Sobald die Sarazenen die Runde von dem Herannahen Kaiser Karls und seine Heerscharen erhalten hatte, zogen sie sich hinter dem Fluß Gerunde zurück, auf dem sie die Brücken abbrachen und alle Schiffe entfernten, um es so dem Heere unmöglich zu machen, ihnen zu folgen. Im Gefühl ihrer Sicherheit überließen sie sich nun allgemeiner Ausgelassenheit und hielten Festgelage mit Gesang und Tänzen. Die Krieger Karls aber fanden einen Mann, der eine Fuhrt durch den breiten Strom kannte und sie dem Heere gegen reichen Lohn wies. Da setzten sie beim Morgengrauen über und kamen so unbelästigt und ungefährdet mit Mann und Roß an das andere Ufer in das Gebiet der Stadt Tortolosa, welche die Heiden befestigt hatten. Als sie sich dem Weichbild der Stadt näherten, ritt Roland mit einem Knappen den waldigen Uferrand entlang als Kundschafter kühnlich voran und gewahrte bald, daß die Heiden zur Gegenwehr wenig vorbereitet waren.

Da gab er dem im Wald harrenden Heer das Zeichen mit seinem Horn Olifant; das hatte einen solch gewaltigen Ton, daß Tal und Strom wiederhallten und die Mauern erzitterten. Die Heiden erschraken gewaltig, und viele der kühnsten Prahler sanken verzagt in die Knie und sprachen von Übergabe der Stadt ohne Gegenwehr; denn sie erkannten an dem Schall das Kriegshorn des sturmgewaltigen Roland, des kühnsten Paladins des gefürchteten Kaisers und gewahrten im Wald den Waffenblitz der herannahenden Christenscharen. Einer ihrer Heerführer aber, der greise Josias, rief: "Schämet euch, ihr Memmen, daß ihr ohne Schwertstreich die Stadt und die Gauen hingeben wollt, die eure Väter mit dem Schwert in der Hand errungen haben. Wenn ihr das tut, seid ihr nicht länger wert, Krieger und Helden zu heißen; darum ermannet euch und jaget diesen Hornbläser des Frankenkaisers, der vielleicht nur mit einer kleinen Heerschar vorangeeilt ist, mit Schimpf und Schande von den Toren."

Da schämten sich die meisten ihrer Furcht, sie ordneten rasch die Scharen und stürmten mit erhobenen Schwertern hinaus den heranziehenden Kriegern Karls entgegen. Aber ihr unbedachter Eifer kam ihnen nicht zu statten. Held Ottfried, der Bannerträger des Kaisers, hatte nach Rolands Anordnung eine eine starke Schar der erlesensten Kämpen hinter einer Anhöhe unbemerkt von der andern Seite herangeführt und fiel den blindlings vorwärts Stürmenden in der Nähe des Burggrabens in die Flanke.

In den wilden Kampfgetümmel, das sich nun erhob, gelang es den Kriegern Karls, zugleich mit den fliehenden Heiden durch die Tore in die Stadt zu dringen und sich da festzusetzen. Vergeblich stürzten die Heiden in ihre Tempel und flehten die Götter um Hilfe an, die Götzenbilder erwiesen sich als machtlos gegen die siegreich vordringenden Christen. Da verzagten die meisten von den Heidenkriegern, sie schlugen die unmächtigen Steinbilder in den Tempeln zusammen und erboten sich, den Glauben der Sieger anzunehmen. So kam die feste Stadt ohne große Verluste durch Rolands Umsicht in die Gewalt Kaiser Karls, und die Einwohner wurden von dem Erzbischof Turpin in ganzen Scharen getauft; denn wer sich zum Christenglauben bekehrte, dem ward Gnade zu teil, wer aber in seinem Troß und Unglauben beharrte, der ward mit dem Schwert gerichtet.

Nach diesem Siege zog Karl vor die Stadt Nagera, da ihm gemeldet worden war, daß dorthin ein Riese Namen Feracut von den syrischen Küste ein Heer geführt habe, um den Sarazenen Hilfe zu bringen. Als das Frankenheer vor den Mauern Nageras angekommen war, trat Feracut, der zehn Ellen hoch war und die stärke von zwanzig Männern hatte, vor das Tor und forderte die Frankenritter zum Zweikampf. Karl sandte da die größten und stärksten seiner Recken gegen den Unhold, aber Feracut, dessen Rüstung kein Gewaffen durchdringen konnte, nahm sie wie Lämmer unter den Arm und brachte sie so einen nach dem andern gefangen in die Stadt.

Voll Ingrimms ob dieser Schmach meldete sich da auch Roland zum Kampf. Karl wollte es durchaus nicht gestatten, aber den dringenden Bitten des kühnen Helden konnte er nicht widerstehen, und so ritt denn der kühne Paladin, auf Gottes Hilfe vertrauend, wider den Riesen.

Als sie gegen einander sprengten, erfaßte Feracut mit einem kunstgewandten Griff seiner gewaltigen Faust den Gegner und warf ihn vor sich auf das Roß. Aber Roland gab sich nicht gefangen, er ergriff den Riesen beim Bart und riß ihn mit sich vom Pferde.

Da kämpften sie nun bis gegen Mittag zu Fuß weiter und keiner vermochte den andern zu besiegen. Da die Sonne heiß hernieder brannte, wünschte der Riese einen Schlaf zu tun, und der edelmütige Roland legte ihm selbst einen Stein und weiches Moos unter das Haupt. Als Feracut ausgeschlafen hatte, war er von der Rittertugend und Treue seines Gegners, der ihm seinem Schlummer gehütet hatte, so gerührt, daß er sich von Roland die Lehren und Mysterien des Christenglaubens mitteilen ließ. Roland vermochte jedoch nicht ihn völlig zu überzeugen, und Feracut kam mit ihm überein, daß der Ausgang des Zweikampfes darüber entscheiden solle, ob die Lehre der Christen die wahre sei. Die Fortsetzung desselben wurde daher auf den nächsten Tag verschoben und Kaiser Karl und die erlesensten Helden dazu eingeladen. Sie kämpften wiederum zu Fuß, und stundenlang blieb der Sieg unentschieden, aber endlich gelang es dem Riesen, Roland zu umfassen und mit der Stärke seines gewaltigen Arms unter sich zu bringen, so daß Karl und die Franken laut aufschrieen, da sie den edeln Helden für verloren hielten. Roland aber riß im Fallen blitzgeschwind das Halbschwert, das nach Heidenbrauch dem Riesen an der rechten Seite hing, aus der Scheide heraus und stieß es Feracut mit aller Macht durch die Fugen seines Erzpanzers, so daß er schwer verwundet zu Boden sank und den Christenritter und Christenglauben als siegreich anerkennen mußte.

Die Franken drangen nun mit den Sarazenen, die den auf den Tod verwundeten Feracut in die Stadt trugen, durch die Tore ein und besetzten so die Stadt ohne Blutvergießen. Die gefangenen Christenritter wurden befreit und den Einwohnern ward von Karl Gnade zuerkannt, sofern sie sich taufen lassen wollten. Dies geschah von den meisten, und so waren zwei der festesten und reichsten Städte durch Rolands Klugheit und Stärke mit leichter Mühe den Heiden entrissen worden.

In ähnlicher Weise sank eine Feste der Heiden nach der andern vor Karls gewaltigen Paladinen, und das Kreuz der Christen ragte siegreich überall in Hispanien auf Zinnen und Türmen. Eine einzige, in den Bergen gelegene Stadt nur war noch im Besitz der Ungläubigen; Saragossa war sie genannt, und Marsilias hieß der tapfere Heidenkönig, der in ihr herrschte.

Kaiser Karl hatte mit seinem Heer in dem eroberten Cordova Rast gemacht und war voll Eifers damit beschäftigt, alles aufs sorgfältigste zur Belagerung der überaus starken Bergveste vorzubereiten.

Als Marsilias dies vernahm, berief er alle seine Heerführer und Räte zusammen und sprach zu ihnen: "Binnen weniger Wochen wird der Frankenkaiser vor unsern Toren stehen, und ich habe kein Volk, das ihm in offener Feldschlacht Trotz zu bieten, und kein Heer, welches das seinige zu überwinden vermöchte; darum ratet, wie wir uns vor Tod und Schade schützen."

Tiefes schweigen herrschte in der kühlen Marmorhalle, in welcher die Fürsten versammelt waren, und keiner wußte einen Vorschlag zu machen. Endlich nach langer Stille erhob sich Blancandrin, ein narbenbedeckter, graubärtiger Heidenfürst mit listig funkelnden Augen und trat zu Marsilias, der auf einem kostbaren bläulich schimmernden Thron ruhte, also sprechend: "Wenn Ihr mein Wort hören wollt, erhabener Herr, so rate ich Euch, List zu brauchen gegen diesen hochmütigen Kaiser Karl. Entbietet ihm Freundschaft und getreue Dienste und so viel Schätze und Güter, als er nur verlangen mag, auf daß er seine Söldner ablohnen und wieder heimwärts ziehen lassen kann. Versprecht ihm ferner, ihm nach Aachen nachzufolgen auf das St. Michaels Fest und mit Euern Vasallen dort die Taufe zu empfangen, da Ihr ihm in allem zu Willen sein wolltet. Auch edle Jünglinge als Geiseln mögt Ihr senden, soviel er fordert; dann werdet Ihr bald sehen, wie sich alles zu Euern Gunsten entwickelt: Das Fest des heiligen Michael wird kommen und wird vergehen, Karl aber wird vergeblich auf unsere Ankunft harren; er wird zornig werden und unsere Geiseln töten; doch sei es drum! Besser ist's, unsere Söhne verlieren das Leben, als wir das schöne Hispanien, das auf diese Weise sicher gerettet sein wird; den das gewaltige Heer Karls wird sich inzwischen aufgelöst haben, wir aber haben unsere Völker gesammelt und sind dann gerüstet, jedem Sturm zu widerstehen, da uns sicherlich auch von den befreundeten Königen in Afrika Hilfsvölker zugesandt werden."

Der listige Rat gefiel dem König und der ganzen Versammlung, und es ward beschlossen, daß Blancandrin mit reichem Gefolge als Abgesandter zu Karl nach Cordova ziehen solle. Alsbald wurde die Fahrt gerüstet, und nach wenigen Tagen stand der Heide vor dem Christenkaiser zu Cordova.

Karl empfing ihn, umgeben von seinen Paladinen, in einem prächtigen, schattenreichen Hain unter einer Fichte. Er saß auf einem Thron von lautrem Golde und seine Fürsten auf Sesseln von weißer Seide. Hochragend war Karls Gestalt und königlich sein Antlitz, das weiße Locken und ein langer weißer Bart wie Blütenschnee umwallten. Blancandrin erkannte ihn deshalb, obgleich er ihn niemals gesehen hatte, sogleich an seiner ehrfurchtgebietenden Erscheinung und neigte sich vor ihm bis zur Erde.

"Geruhet in Gnaden, hehrer Kaiser," begann er, "die Botschaft zu vernehmen, die Euch mein Herr durch mich entbieten läßt! Er wünscht in Frieden mit Euch zu leben und bietet Euch siebenhundert Kamele und vierhundert Maultiere, alle beladen mit Gold und Silber, tausend Falken und Windspiele und dreitausend Fässer edeln Weins als Sühne dar, auch dürstet er nach dem Christenglauben und wird Euch, wenn ihr ins Frankenland heimzieht, gen Aachen nachfolgen, um sich dort mit all den Seinen taufen zu lassen.

Karl senkte das Haupt nachdenklich zu Boden, dann plötzlich richtete er sich hoch auf und sprach mit ernstem, forschendem Blick zu den Gesandten; "Ihr wisset Eure Worte gut zu setzen, doch wie soll ich mich versichern, daß es Eurem König Ernst ist mit dem, was er mir künden läßt?"

"Marsilias, mein hoher Herr, stellt Euch Geiseln, so viel Ihr verlangt," entgegnete Blancandrin, "zwanzig Söhne der edelsten Geschlechter stehen Euch zur Verfügung und darunter mein eigener Sohn. Ihr sollt sie töten dürfen, wenn Euch der König nicht in Eure Bäder nach Aachen nachfolgt, um sich taufen zu lassen, denn sein höchstes Sehnen ist, Christ zu werden."

Karl mochte seine entscheidende Antwort nicht geben, ehe er mit seinen Paladinen alles reiflich erwogen hatte, darum gebot er, dem Gesandten des Heidenkönigs ein Zelt zur Herberge anzuweisen, wo er bis zum andern Tag Rast halten könne.

Am andern Morgen rief er wiederum seine Barone zusammen, um ihren Rat zu vernehmen. Die einen war für die Annahme der Vorschläge des Marsilias, die andern wider dieselbe. Unter den letzteren befand sich auch Roland, der durchaus gegen den Abschluß des Friedens mit dem verräterischen Heiden war. "Gedenkt daran," rief er, "Daß das, was Marsilias bietet, nach dem Fall Saragossas doch unser wird und noch hundertmal mehr dazu! Darum bringt den Krieg zu Ende, so wie wir ihn begonnen! Laßt mich Euern Heerbann nach Saragossa führen und es belagern! Ich gelobe Euch, daß gar bald Eure Fahne von den erstürmten Zinnen flattern soll."

Der Kaiser strich bedächtig seinen weißen Bart, ohne ein Wort zu erwidern, aber desto eifriger entgegnete Genelon, der Stiefvater Rolands, dem Sohne, mit dem er nicht im besten Einvernehmen stand. "Höret nicht auf die Worte dieses ungestümen Knaben," rief er, "höret auf den Rat eines erfahrenen Mannes und auf Euern eigenen Vorteil! Weshalb sollten wir nicht dem Blutvergießen ein Ende und die Heiden zu Christen machen? Wer Euch rät, den Antrag des Marsilias zu verwerfen, den kümmert es wenig, ob auch noch Tausende von den Unsern und wir selber vor den Mauern Saragossas fallen. Darum laßt Euch nicht bereden von dem Toren, sondern tut in Weisheit das, was uns allen zum Wohl und Nutzen ist!"

Auch der Baiern Herzog Reimes, einer der mächtigsten Vasallen Karls, ließ sich gleichermaßen vernehmen. "Weise Rede haben wir von Genelon gehört," sprach er. "König Marsilias ist besiegt und unschädlich gemacht; wenn er nun demütig um Schonung fleht, so wäre es Sünde, ihm dies zu verweigern, zumal wenn er uns durch Geiseln Bürgschaft bietet. Laßt den blutigen Krieg jetzt sein Ende haben und schickt mit Blancandrin einen der Barone zu Marsilias, um den Vertrag ins Reine zu bringen! Ihr könnt ihm ja noch ein beliebiges Stück seines Reiches abverlangen, wenn Ihr noch weitere Friedensbürgschaft wünscht."

Die Mehrzahl der Anwesenden zollte dieser Rede Beifall, und Kaiser Karl nickte ebenfalls zustimmend. "Ihr Herren Barone," frug er, "wer wird der Abgesandte zu Marsilias?"

"Laßt mich es sein!" riefen Graf Olivier, Reimes von Baiern, Roland und Erzbischof Turpin fast mit einer Stimme, aber Karl schüttelte das Haupt: "Von meinen zwölf Paladinen kann ich keinen hier entbehren, nennet die Namen anderer erfahrener Männer!"
"So wählet Genelon, mein Stiefvater!" riet Roland, "Ihr findet keinen Besseren, als ihn, der diesen Beschluß veranlaßt hat."
Da auch die andern zustimmend nickten, so sprach Karl: "Kommet näher, Herr Genelon, und nehmet aus meinen Händen Stab und Handschuh. Euch soll die Ehre werden, den Vertrag zum Abschluß zu bringen!"

Genelon war wenig erbaut von diesem Auftrag; Marsilias war als ein heißblütiger, jähzorniger Fürst bekannt, mit dem äußerst schwer zu verkehren war, da er in seiner plötzlich auflodernde Wut schon gar manchen Boten erschlagen hatte, wenn er gerade übel gelaunt war. Voll Unmuts erwiderte er deshalb dem Kaiser: "Wenig dank ich meinem Stiefsohn diesen Rat; wer nach Saragossa geht, kommt nimmer wieder. Darum bitt' ich Euch, erhabener Herr und Kaiser, daß Ihr, wenn ich erschlagen werde, für meinen Sohn Balduin sorget. Beschirmet mir den Knaben wohl, denn ich werde ihn nie mehr wiedersehen."

"Euer Sinn ist allzu ängstlich und sorglich," erwiderte Karl, "Ihr geht in meinem Gebot und Auftrag, und niemand wird sich erkühnen, Euch ein Leid anzutun." — Er schritt hinweg, und Genelon wagte nicht, nochmals ein Wort zu äußern; als der Kaiser aber fort war, riß er voll Grimms seinen Mantel ab und trat mit geballter Faust vor Roland: "Wie konntest du es wagen, Schurke, dem Kaiser solches zu raten und deinen Stiefvater in den Tod zu senden? Ich sage dir und den Paladinen die Treue auf, und wenn Gottes Gnade mich wiederkehren läßt, so werde ich dir solches Leid bereiten, daß du samt deinen Freunden das ganze Leben an mich denken sollst." Roland entgegnete vollernster Würde: "Stolz und Torheit ist es, was aus dir spricht. Ich habe mich, wie du vorhin hörtest, selbst als Bote angeboten, doch der Kaiser weigerte es. Wünscht er es aber, so vollführe ich es auch jetzt noch mit Freuden an deiner Statt." — " Für mich brauchst du nicht zu gehen," rief Genelon, "ich bin so kühngemut wie du, und du sollst mich nicht der Feigheit zeihen können."

Inzwischen war Karl zurückgekehrt, um Genelon nach Brauch Brief, Stab und Handschuh für den Sarazenenkönig zu überreichen, aber der zürnende Ritter war so erregt, daß der Handschuh, als er ihn nehmen wollte, zur Erde fiel. Erschreckt sahen es die Anwesenden. Das war ein schlimmes Vorzeichen, und viele flüsterten: "Gott! Was soll daraus werden! Aus dieser Gesandtschaft wird uns schweres Unheil kommen!" — Genelon aber sprach trotzig: "Gebt mir Urlaub, Herr! Da ich fort muß, darf ich nicht mehr säumen." — "Geht mit Gott!" sprach der Kaiser und übergab ihm Brief und Stab, die Genelon mit Verneigung empfing und sich schweigend entfernte.

Er begab sich alsobald zu seiner Herberge und waffnete sich mit seinem besten Rüstzeug. Er schnallte goldene Sporen an, gürtete sein Schlachtschwert Murgalir um die Hüften und schwang sich auf Tachebrun, sein erprobtes Streitroß. Blancandrin, den der Kaiser den Entscheid der Ratsversammlung hatte wissen lassen, war schon zum Wegritt bereit und wartete unter einem Ölbaum mit seinem Gefolge auf den Fahrtgenossen. Er ritt an Genelons Seite und versuchte, ihn in kluger Weise auszuforschen. — "Die Franken sind tapfer und edelmütig," begann er, "aber nicht alle; diejenigen, die dem Kaiser zur Fortsetzung des Krieges geraten haben, sind grausam und töricht, denn sie bringen sich und andre ins Verderben." "Wenige nur sind, die also denken und sprechen," erwiderte Genelon, "und auch sie würden ihren Sinn ändern, wenn nicht Roland wäre. Der tollkühne Jüngling ist an allem schuld; er spielt jeden Tag mit dem Tod, aber bisher gelang seinem Übermut alles, darum wird er immer ungestümer; wenn er erschlagen wäre, hätten wir bald Frieden." — "Das ist richtig," sprach Blancandrin; der schlimmste Feind für uns ist Roland. Er will sich alles unterwerfen, und sein Stolz und Übermut kennt keine Grenzen. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß er beim Heer fast mehr gilt, als der Kaiser, und daß Karl alles nach seinem Willen tut. Wenn dieser grimme Mann nicht mehr lebte, wäre es für uns und auch für Euch besser bestellt."

Sie fanden in dieser Weise gar bald heraus, daß sie bezüglich des Hasses auf Roland eines Sinnes waren, und es dauerte nicht allzulang, so waren sie darüber einig, daß sie beiden dahin streben wollten, daß Roland auf irgend eine Weise aus dem Wege geräumt werde. Genelon war sich seiner verräterischen Handlungsweise wohl bewußt; aber sein Leben, das ihm auf diese Art bei seiner Begegnung mit dem gefürchteten Sarazenenfürsten sicher gewahrt bleiben mußte, galt ihm mehr als die Ehre, und so entblödete er sich nicht, mit dem Heiden sich zum Untergang seines Stiefsohnes, des edeln Roland, zu verbinden. Sie verpfändeten sich gegenseitig das Wort, den Marsilias für ihr Vorhaben zu gewinnen und es so bald wie tunlich auszuführen, und kamen unter solchen Gesprächen vor den Mauern Saragossas an.

Quelle: Germania's Sagenborn, Emil Engelmann, 1889, Verlag Paul Neff, von rado jadu 2001

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