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Roland, der Paladin Kaiser Karls des Großen

 

Genelons Bestrafung. Hildas Treue

Wörter - Erklärung


Genelons Bestrafung.     Hildas Treue

Nach kurzer Rast wurde nun die Heimfahrt gerüstet. Die Leichen der Paladine wurden im Grenzkloster Sankt Roman in Marmorsärgen beigesetzt, und Rolands Horn Olifant ward, mit Gold gefüllt, vom Kaiser dem Kloster vermacht und auf den Altar des heiligen Severin niedergelegt, die Herzen der Helden aber wurden mit in die Heimat genommen. Ohne Aufenthalt ging es nun weiter nach Aachen, da Karl sich keine Ruhe gönnen mochte, bis er über den Verräter Genelon Gericht gehalten hatte.

Als er in seinem Schlosse angekommen war, ließ er durch Boten alsbald die Weisesten der Bayern, Sachsen, Lothringer, Burgunden, Alemannen und der Bretonen laden, auf daß sie mit ihm Genelons Urteil fällen sollten.

Als die Geladenen versammelt waren, sprach der Kaiser: "Nun gebt dem Herzog Genelon sein Recht. Er zog mit mir im Heer nach Spanien und ist schuld daran, daß ich meinen Neffen Roland, meine Paladine und ein Heer von zwanzigtausend tapfern Männern verloren habe, denn der Schurke verriet sie um Gold an die Sarazenen."

Genelon, der gefesselt vor die Gerichtsversammlung geführt worden war, bat nun um das Wort zur Verteidigung und begann also: "Um Gottes Erbarmen willen, hört mich, ihr Herren! Ich diente unserm großmächtigen Kaiser Karl in Treue, aber Roland grollte von jeher mit mir, da er mich als seinen Stiefvater nicht leiden mochte. Er war schuld daran, daß mir die Fahrt zu Marsilias übertragen wurde, obgleich ich mich dieses Botenamtes geweigert hatte. Ich sagte ihm und den Paladinen infolge dessen öffentlich vor allen Rittern die Treue auf und schwur Rache. Darum kann bei mir von keinem Verrat die Rede sein, und ihr werdet mich nicht verdammen, ihr edeln Herren Barone und Richter!"

Mit ernster Stimme erwiderte der Kaiser: Es bedarf keiner weitern Worte, aus deiner eigenen Rede geht hervor, das du meine Helden, sei es nun aus Verräterei oder aus Rachsucht, ins Verderben gebracht hast, darum kann dir von meinen Baronen keine Gnade zu teil werden."

Ob dieser Worte des Kaisers erhob sich ein eifriges Geflüster unter den Anwesenden. Genelon hatte mächtige Freunde, denen der Verräter Schätze in Hülle und Fülle versprochen hatte, wenn sie ihm in seiner Not beistünden. So kam es, daß die Mehrzahl der Richter für Genelon war und den Kaiser ersuchte, ihn frei zu geben. "Wir bitten Euch, den Herzog loszusprechen," riefen sie, "er ist ein edler Mann und Euer Schwager, laßt ihn am Leben! Roland und seine Genossen sind nun einmal tot, wir sehen sie nimmermehr und erwecken sie auch mit Genelons Blut nicht zum Leben."

Als Karl diesen Spruch vernahm, ward er unmutig und sprach: "Eure Rede ist mir leid, nicht um alle Schätze der Welt möchte ich diesen Mann frei lassen, der mich und das ganze Frankenland so in Not und Trauer versetzt hat."

Da erhob sich Graf Pinabal, ein Freund und Verwandter Genelons, der schon vorhin bei der Beratung über schuld oder Unschuld sich auf das lebhafteste den Angeklagten angenommen hatte, und sprach: "Wir halten den Herzog Genelon für unschuldig und ich bin bereit, mit meinem Schwert gegen jedermann die Wahrheit dieser Meinung zu erweisen." Pinabal war ein riesengroßer Mann von ausnehmender Stärke und im Kampf so gut erfahren, daß sich von jeher jedermann gehütet hatte, mit ihm anzubinden.

Der Kaiser war schwer betroffen von dieser kecken Rede, sein Antlitz verfärbte sich und er sprach, sich im Kreis der Barone umsehend, mit tiefen Kummer: "Wenn Genelons Tat unbestraft bleiben sollte, so möchte ich solche Schmach nicht länger tragen und lieber gleich meinem Neffen Roland sterben." Die Trauer und das Leid des Kaisers ging einem der Barone, dem jugendlichen Dietrich von Anjou, tief zu Herzen, er trat mit blitzenden Augen vor und rief: "Wenn auch alle untreu werden sollten, ich bleibe Euch getreu, Herr Kaiser, ich will den Vätern gleich mein Schwert gegen Eure Widersacher führen. Genelon ist ein Schurke, der Euch verriet, und darum ist er des Todes schuldig. Hat er Freunde, die dies bestreiten, so will ich gegen sie mein Wort mit diesem meinem guten Schwert verfechten."

Alsbald trat nun Pinabal vor Karls Stuhl und sprach, dem Kaiser seinen rechten Handschuh reichend: "Was Dietrich von Anjou behauptet, ist eitel Knabenwort, ich heiß es lügnerisch und falsch und will im Kampfe dies allezeit beweisen." Auf dieses hin nahm der Kaiser auch von Dietrich den Handschuh entgegen und der Zweikampf ward hiermit nach Brauch und Recht beschlossen. Auf einem weiten Anger unterhalb Aachen trafen sich die beiden Helden noch an demselben Tag im Kampf. Beide waren vortreffliche Kämpfer, Pinabal ein breitschulteriger, riesengewaltiger Recke, dessen Schwertschläge Felsen zu spalten vermochten, Dietrich dagegen ein dunkellockiger, schlanker Jüngling von zierlicher Gestalt, der aber durch Schnelle und Gewandtheit das ersetzte, was ihm an Stärke abging.

Die Speere der beiden Gegner waren beim ersten Zusammenstoß krachend zersplittert, so daß die Ritter aus dem Sattel sprangen und den Kampf zu Fuß fortsetzten. Lange blieb der streit unentschieden, aber endlich gelang es dem straken Pinabal, die Halsberge Dieterichs bis auf die Brünne herab entzwei zu schlagen und den Jüngling an der Brust zu verwunden. "Gib nach Dieterich," rief Pinabal, "und flehe mit mir für Genelon beim Kaiser, dann laß ich dir das Leben und geb' dir Geld und Gut, so viel du willst."

"Ich wär' ein Schuft gleich Genelon, wenn ich also täte," erwiderte Dieterich, und schwang trotz seiner Verwundung von neuem das Schwert. Und siehe da! Gott der Herr war mit ihm und gab ihm kraft, so daß es ihm gelang, dem übermächtigen Feind mit einem kühnen Schwertschlag Helm und Haupt zu spalten, so daß er zum Tod getroffen zu Boden stürzte.

Voll freudigen Danks gewahrte der Kaiser Dieterichs Sieg. Er sandte alsbald Ritter in die Kampfbahn, die den von seiner Wunde matt Gewordenen aufs Sorglichste entwaffnen und in andere Gewande hüllen mußten, und ließ e´s sich nicht nehmen, dem vor ihn geführten Helden mit seinem eigenen Marderfelle das Blut abzuwischen. Auf diese Weise kam der Streit zu Ende, auch die Freunde Genelons mußten sich der himmlischen Macht beugen. Gott selbst, hieß es, hat entschieden, daß Genelon gestraft werde. Möge dem Verräter sein Recht geschehen!

Jetzt wurde nochmals Gericht gehalten und das Urteil gefällt, daß Genelon und mit ihm die Geiseln der Sarazenen des Todes sterben sollten. Das Urteil wurde alsbald vollstreckt, die Heiden wurden an dem Gerichtsbaum aufgehangen, Genelon aber mit Händen und Füßen wilden Hengsten an den Schweif gebunden und zu Tode geschleift.

Als der Kaiser den an Roland und den Paladinen begangenen Verrat so nach Pflicht gestraft hatte, erfüllte er auch noch die übrigen Obliegenheiten, die ihm am Herzen lagen. Die Königin Braimunde, die seit ihrer Gefangenschaft jeden Tag in der heiligen Lehre des Christentums unterwiesen worden war und die ein ernstliches Verlangen nach der Taufe trug, wurde in feierlicher Weise im Dom zu Aachen getauft und ihr der Name Juliane gegeben. Zu Hilda aber, der holden Braut Rolands, sandte Karl Boten, die jedoch nichts von Rolands Ende berichten durften, sondern die Jungfrau nur nach Aachen geleiten sollten, damit der Kaiser selbst ihr die Kunde von des Helden Tod mitteilen und sie nach Kräften trösten könne.

Die Boten wurden auf der Burg, auf die keinerlei Nachricht von dem Geschehenen gekommen war, wohl empfangen und verkündeten ihre Botschaft ganz so, wie es Karl befohlen hatte.

"Kaiser Karl ist mit seinem Heer," berichteten sie dem Vater Hildas, "siegreich aus Spanien heimgekehrt und läßt dir künden, du mögest deine Tochter Hilda mit uns nach Aachen senden, da ihr der Kaiser eine wichtige Botschaft mitzuteilen hat." Hilda war schnell zur Fahrt bereit, sie hoffte in Aachen ihren sieggekrönten Bräutigam zu finden und ritt freudigen Mutes mit den Boten hinweg.

Als sie zu dem Kaiser Palast kam, wunderte sie sich, daß ihr Roland nicht entgegen eilte und sie vom Rosse hob. Voll banger Ahnung schritt sie zum Saal empor, wo sie Kaiser Karl erwartete. Auch hier war Roland nicht zu schauen, so daß sie unter Tränen vor den thron trat und mit bebender Stimme fragte: "Hoher Herr, Ihr habt nach mir gesandt, o saget mir vor allem, wo ist Herzog Roland, der einst sich mir zum Ehgemahl zugeschworen hat?"

Mit ernster Stimme erwiderte der Kaiser: "Du fragst mich, Kind, um einen toten Mann, Roland ist nicht mehr." Er berichtete ihr nur alles aufs genaueste und suchte sie voll Mitleid zu trösten. Aber er vermochte den schmerz der Jungfrau, die so jammervoll aus all ihren Träumen und Hoffnungen gerissen wurde, nicht zu stillen.

Es war umsonst, daß er ihr sein eigenes Haus zur Heimat bot und zu ihr sprach: "Ich will dir, liebes Kind, den besten Ersatz geben, den ich vermag. Mein eigener Sohn Ludwig soll um deine Hand werben, er ist mein Thronerbe und erhält dereinstens meine Marken, darum fasse dich und werde wieder fröhlich!" — Hilda erwiderte: "Nicht woll' es Gott und seine heiligen Engel, daß ich mir nach Roland einen andern Mann küre. Ihm habe ich mich zugelobt und ihm bleibe ich treu im Leben und im Tod."

Als Karl sie so gesinnt erfand, drang er nicht weiter in sie; er versicherte sie seiner Huld und Gnade für alle Zeit und gelobte ihr, daß er stets alle ihre Wünsche erfüllen werde.

Da sprach Hilda: "Ich habe nur einen Wunsch, hoher Herr, schenket mir die Marmorkapsel mit dem Herzen Rolands und lasset mir eine Siedelei erbauen, wo ich das Herz bestatten und für mein heißgeliebten Bräutigam beten kann, bis ich selbst zur ewigen Ruhestatt eingehe."

Karl erfüllte diese Wünsche in kurzer Frist. Er lies alsbald Bauleute kommen, die auf einem Wörth im Rhein, nahe der Warte, die sich einst Roland hatte erbauen lassen, ein Nonnenkloster erbauen mußten. Dort in den stillen Räumen ward Rolands Herz feierlich bestattet, und jeden Tag flehte nun die vielgetreue Braut zum Himmel empor, bis von dem Herrn ihre Bitte erhört und sie im Himmel endlich mit dem vereinigt wurde, dem sie auf Erden nicht angehören durfte.

Der Sage nach ist Nonnenwörth die Stätte, wo das Kloster erbaut wurde, und heute noch schauen die Ruinen von Rolands Warte, jetzt Rolandseck genannt, von immergrünem Efeu umrankt, hinunter auf das Eiland, wo Hilda einst betete, die getreueste aller Bräute. Von ihm, dem kühnen Heidenbezwinger aber künden am Rhein und anderwärts in deutschen Landen Denksäulen und steinerne Brunnen, die zu seiner Ehre errichtet wurden, jetzt noch nach mehr als tausend Jahren.

Hier schließt die Sage von dem Helden Roland, dem edeln Paladine Kaiser Karl des Großen, dem gepriesenen Hort der Christenheit.

 

Quelle: Germania's Sagenborn, Emil Engelmann, 1889, Verlag Paul Neff, von rado jadu 2001


Die Gegend ist drei Ausrufezeichen werth
Oben auf dem Rolandseck (Gedicht von Heine)
View of the Rolandseck and the Drachenfels.

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