Mittelalter Seiten

zurück

Roland, der Paladin Kaiser Karls des Großen

 

Der Heldentod der letzten Paladine

Wörter - Erklärung

Der Heldentod der letzten Paladine

Nachdem Olivier sich gelabt und ausgeruht hatte, kam ihm noch einmal die Kraft zurück; auf seinen Speer gestützt, flehte er im Gebet zu Gott um Stärke, denn er gedachte, obgleich sein Auge schon ganz umnachtet war, wiederum in die Schlacht zurückzukehren, um dort zu sterben. Er schwang sich in der Tat nochmals auf sein Roß und ließ sich von demselben wieder hineintragen in das Getümmel, allwo er mit seinem Schwerte darein hieb, ohne zu sehen, wen und wohin er traf. Plötzlich vernahm er die Stimme Rolands vor sich, der ihn mit ernstem Ton fragte: "Tut Ihr das mit Willen, Olivier, daß Ihr mir den Helm zerhauet?"

Trauervoll erwiderte Olivier: "Gott möge mir vergeben, wenn ich Euch ein Leid tat, Freund! Mein Auge erkennt niemand mehr."

"Ich bin nicht verletzt," entgegnete Roland, "und vergebe Euch den Schlag herzlich gern, aber kommt doch hinweg aus den Getümmel!" Olivier ließ es willenlos geschehen, daß Roland sein Roß am Zügel nahm und ihn zu einer einsamen Stelle des nahen Gehölzes geleitete, wo er ihn sorglich vom Rosse hob und ins weiche Moos bettete.

Olivier lag mit gefalteten Händen wie im Traum, er beichtete laut seine Sünden und erflehte von Gott Gnade und sühne. Er segnete seinen Freund Roland, den Kaiser und das teure Heimatland, da plötzlich stockte sein Herzschlag, vornüber sank sein Haupt und im Tod streckten sich seine Glieder.

Weinend beugte sich Roland über den Entschlafenen und rief ihn laut bei Namen, aber Olivier erwachte nimmer, seine Seele weilte schon im Paradiese.

Da hob Roland voll Wehmut zu klagen an: "Weh mir! Der treueste und beste meiner Genossen ist dahin. O hätt' ich doch deinen Rat gefolgt, du kluger, treuer Freund! Nun da du tot bist, mag ich auch nicht mehr am Leben bleiben." Sein Schmerz war so grimm und stark, daß ihn eine Ohnmacht befiel und er neben dem Toten besinnungslos niedersank.

Als er wieder zu sich kam, standen Erzbischof Turpin und Graf Walter bei ihm und frischten ihm mit kühlem Trank Lippen und Kehle, so daß er bald neu gekräftigt aufsprang. Walter brachte traurige Kunde, er war von den Höhen als der letzte herab gekommen, all sein Volk lag erschlagen auf den Bergen, und er mußte wider Willen zum Tale fliehen. "Ihr seid mein einziger Trost," sprach er zu Roland, "dahin ist meine Kraft, ein Wurfspeer hat mich in die Brust getroffen. Mit Euch vereint will ich den letzten Kampf bestehen und sterben."

Auch Turpin berichtete Ähnliches. Nach dem Wegritt Rolands mit Olivier vom Schlachtfeld waren die wenigen noch kampffähigen Franken schnell erschlagen worden, und er und Walter und Roland waren so die letzten, die noch übrig blieben von der ganzen tapfern Nachhut der Franken; alle andern lagen tot oder verwundet auf dem Schlachtfeld. Da beschlossen die drei Helden, vereint zu sterben. Der Ort, an dem sie sich befanden, war günstig zur Verteidigung auf Tod und Leben, eine umbuschte Felswand deckte ihren Rücken und die beiden Seiten, so daß die Feinde nur von vorne nahen konnten. Lange wagte sich keiner derselben gegen die gewaltigen stahlgepanzerten Helden, die wie eherne Wächter in dem Felsentor standen. Mit finstern Blicken schaute Roland auf die Feinde, die ganz langsam näher schlichen und hinter Büschen und Bäumen Wurfspeere und Pfeile hervorsandten, und brach nun mit einmal wie der Blitz in den nächsten Haufen ein. In einem Augenblick hatte er zwanzig Mohren niedergestreckt und die andern in die Flucht gejagt, und dreimal wiederholte er mit den zwei Freunden, die ihm den Rücken deckten, diesen Angriff mit gleichem Erfolg. Beim vierten Ausfall aber fielen Walter und Turpin, deren Schilde und Panzer schon vorher von zahllosen Würfen und Schüssen durchbohrt waren, schwer verwundet zu Boden, und so mußte Roland wieder zurückweichen, um nach den Freunden zu schauen. Der schon vorher todeswunde Walter war von einem Speerwurf in den Hals getroffen und hauchte, den letzten Blick auf Roland gerichtet, wortlos seine tapfere Seele aus, Turpin aber raffte sich, obgleich ihm drei Sarazenenlanzen im Panzer und Leib staken, nochmals auf und stellte sich, sein gutes Schwert Almace schwingend, neben seinen Waffenbruder Roland. "Blast noch einmal in Euer Horn, teurer Freund!" sprach er, "Vielleicht hört uns der Kaiser und beschleunigt sein Nahen."

Roland erfüllte seinen Wunsch, obgleich von dem unausgesetzten Kämpfen auch seine Kräfte aufs äußerste erschöpft waren. Sein Leib in der Rüstung war schweißbedeckt und glühend heiß, sein Haupt und Gehirn flammte, und seine Zunge war wie dürres Laub, aber trotzdem blies er so gewaltig, daß ihm die Haut der Schläfenader sprang. Gell und zitternd klang der Hornruf wie der Seufzer eines Sterbenden, aber er drang zu Karls Ohren, der mit seinen flinksten Reitern dem Hauptheer voraus geeilt und dem Tal von Ronceval nicht mehr allzu fern war. Der Kaiser hielt lauschend sein Roß an, als er den Klang vernahm, und sprach dann zu seinen Begleitern: "Leid widerfährt uns, ihr Herren, mein Neffe ist in Todesnot, er lebt nicht lange mehr, ich hör's am Blasen. Wer ihn noch lebend treffen will, der reite fort im Flug! Auf! stoßt mit Macht in die Hörner, daß die Paladine es vernehmen!"   — Da bliesen alle zusammen wie mit einem Laut, das Berg und Tal widerhallten und der Schall wie ein ferner Donner sich gen Ronceval schwang.

Die zwei Helden vernahmen den Hornruf freudig bewegt, die Heiden aber riefen angsterfüllt: "Weh uns! Das ist der Franken Schlachtruf, der vom Berg her schallt. Der Kaiser kehrt zurück. Auf! laßt uns den Roland und seinen Genossen noch rasch erschlagen und dann fliehen!"

Augenblicks sammelten sich da vierhundert erlesene, trefflich bewaffnete Heidenritter und schwangen mit wildem Geschrei die Waffen gegen die beiden Helden. Da bestieg Roland, dem die Hoffnung neue Kräfte ´gab, nochmals sein Roß Baillantif und sprengte mitten in den Haufen hinein. Als die Heiden gewahrten, daß der furchtbare Frankenritter in ungeschwächter Heldenkraft gegen sie reite, zerstoben sie nach allen Seiten und nicht einer wagte, seinen Ansturm zu stehen. "Von Riesenstärke ist Graf Roland," riefen sie, "kein Mensch von Fleisch und Blut kann ihn bestehen, doch werft nach ihm und seinem Roß nochmals mit Speeren und Geschossen, eh' das Feld wir räumen!" Da regnete es von allen Seiten Pfeile und Wurfspeere, Lanzen und Spieße, so daß des Helden Schild wie ein Sieb durchlöchert und seine Halsberge und Brünne zerrissen und zerfetzt wurden. Baillantif, der getreue Kampfgenosse, ward von zwanzig Speeren getroffen und sank tot nieder, Roland aber blieb, wenn er auch aus einem Dutzend Wunden blutete, doch aufrecht und sandte den davonsprengenden Heiden ihre eigenen Speere nach.

Er konnte nicht daran denken, sie zu verfolgen, da er kein Roß mehr hatte und durch den Blutverlust, wie er wohl fühlte, seine letzten Kräfte vollends dahinsanken. Deshalb schritt er zurück zu Turpin, der kraftlos im Grase lag und nicht einmal mehr im stande war, den schweren Helm vom Haupt zu lösen. Roland schnallte ihn dem Freund los, löste die beengende Halsberge und verband mit einem Teil seines Untergewandes die klaffenden blutigen Wunden Turpins. Dann legte er ihn sanft in das weiche Moos und sprach: "Gebt mir Urlaub für eine Stunde, vieledler Freund! Ich will die toten Genossen, die wir so lieb hatten, zusammen suchen und sie hier vor Euch niederlegen, auf daß ihnen der heilige Segen der Kirche im Tod nicht fehle."

"Geht mit Gott und kehret bald zurück!" erwiderte Turpin, "Das Feld ist unser und kein Heide läßt sich mehr blicken."

Roland schritt nun mit spähenden Blicken eilends dahin durch das Schlachtfeld und fand gar bald die edeln Helden Gerin und Gere, Engelir, Ottfried und Berengar, Samson und Anseis, Gerhard, Walter und Olivier. Er trug sie mit unendlicher Mühe einzeln hin zu dem Erzbischof, der die Tränen beim Anblick der zerhauenen Leichname nicht bezwingen konnte. Weinend hob er die Hände auf und segnete sie. "Möge eure Seelen der glorreiche Gott ins Paradies aufnehmen," sprach er, "und die meinigen dazu, denn ich werde heute noch mit euch vereinigt sein!"

Roland faßte tiefe Wehmut bei diesen Worten des todwunden Freundes, sein Antlitz war infolge des mühevollen Dienstes für die gefallenen Genossen ganz entfärbt, und in grenzenloser Schwäche sank er neben den Toten ins Moos hin. "O hätt' ich nur einen Tropfen Wasser!" seufzte er.

Als Turpin dies vernahm, raffte er sich mühsam auf und nahm Rolands Horn Olifant, um dasselbe an einem nahen Waldbach zu füllen. Langsam und mit schwankem Schritte versuchte er den Quell zu erreichen, aber er war so schwach, daß er nicht vorwärts kam, und ehe er noch eine Ackerlänge weit gegangen war, kam die Bedrängnis des Todes über ihn, sein Herzschlag stockte, und tiefaufseufzend sank er mit gekreuzten Händen rücklings ins Gras.

Da Turpin nicht zurückkam, hob sich Roland von dem Rasen empor und sah nun den Genossen regungslos zwischen den Bäumen liegen. Mühsam wankte er zu ihm hin; Turpin hatte die schönen weißen Hände mitten auf der Brust gekreuzt und blickte mit den gebrochenen Augen gen Himmel empor, gleich als wollte er Gott um den Eingang in sein ewiges Reich bitten. Wehklagend kniete Roland neben ihn nieder und sprach: "Solch einen getreuen Knecht des Herrn gibt's nimmer in der ganzen Christenheit; ein echter Streiter Gottes und des Kaisers warst du, Turpin, im Predigen und in den Schlachten, drum steht das Paradieses Pforte dir sicherlich weit geöffnet."

Er nahm den Olifant aus des Toten Händen und holte sich nun selbst das Wasser, aber es erquickte ihn nicht wie sonst, es rann mit eisiger Kälte durch sein Gebein, und er fühlte deutlich, daß es jetzt auch mit ihm zu Ende gehe. Er schritt, auf sein Schwert gestützt, zu einer nahen Lichtung, auf der vier verwitterte Felsblöcke Schutz vor den stechenden Sonne gewährten, und setzte sich dort, an einem derselben gelehnt, nieder, um den Tod zu erwarten.

Quelle: Germania's Sagenborn, Emil Engelmann, 1889, Verlag Paul Neff, von rado jadu 2001


Mail