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Roland, der Paladin Kaiser Karls des Großen

 

Rolands Jugend
Die Verwundung des Marsilias und Oliviers
Die Fahrt nach Hispanien
Der Heldentod der letzten Paladine
Genelons Verrat
Rolands Tod
Der Abzug des Kaisers
Der König von Babilon. Rolands Bestattung
Die Kämpfe mit Marsilias
Karls Sieg über Baligan. Der Tod des Marsilias
Der Rat Blancandrins
Genelons Bestrafung. Hildas Treue

 

Wörter - Erklärung

Rolands Jugend

Als Kaiser Karl der Große zu Aachen Hof hielt, verweilten dort die erlesensten seiner Recken, und unter anderen auch der jugendschöne, kühe Held Roland, der sich schon in manchem Kampfe Preis und Ruhm errungen hatte und der deshalb vom Kaiser trotz seiner Jugend in den Kreis der Paladine aufgenommen worden war, welchen Namen die zwölf hervorragendsten und kühnsten Recken und Heerführer Karls trugen.

Roland war der Neffe des Kaisers, der Sohn seiner Schwester Bertha und des Herzogs Milan von Anglant, der bald nach Rolands Geburt in Hispanien, auf der Ebene am Flusse Tera, im Kampf gegen die Heiden den Heldentod gestorben war. Bertha, die voll Grams und Leids die Schuld an dem Tod des geliebten Gemahls dem kaiserlichen Bruder, der ihn nach Hispanien gesandt hatte, zumaß, hatte den Hof verlassen und sich mit ihrem Kind in die Einsamkeit zurückgezogen, wo sie, mit der ganzen Welt grollend, in einer Waldhütte lebte und jede Annäherung von seiten ihres Bruders zurückwies. Karl zog infolge dessen seine Hand ganz von ihr ab, und als Roland größer wurde, hatte sie kaum so viel, um ihn zu bekleiden, und der edle Fürstensohn mußte in Lumpen wie ein Bettler umhergehen. Das kümmerte ihn aber nicht viel; er hatte sich durch seine ausnehmende Stärke schon längst die Knaben in der benachbarten Stadt untertänig gemacht, und wenn ihn hungerte oder fror, mußten sie ihm Speise oder Kleider als Lehenszins, wie er es im Scherz nannte, bringen. Eines Tages nun gab der Kaiser ein großes Festgelage, dem Spielleute und Bettler in großer Zahl zuströmten. Alle diese armen Leute wurden reichlich bewirtet, und Roland gedachte bei dieser Veranlassung auch für sich und seine Mutter einige Stücke von den köstlichen Braten zu erhaschen. Da er aber im Hof, wo die Fahrenden saßen, nichts erlangen konnte, schritt er kühnen Muts in den Saal, nahm eine volle Schüssel von der Tafel und trug sie hinaus. Der Kaiser gewahrte es, weil er es aber schweigend geschehen ließ, so schwiegen auch die anderen, und der kühne Knabe kehrte darum nach einer Weile wieder und wollte jetzt auch einen mit Wein gefüllten Goldpokal ergreifen und forttragen.

Das war aber dem Kaiser, der den kecken Jungen nicht erkannte, doch zu viel, er rief: "Heda! Du kecker Wicht, den goldnen Becher kann ich nicht entbehren, von dem laß die Hände!" Der schöne Knabe aber ließ den Becher nicht fahren, er sah den Kaiser mit solch köstlicher Verwunderung an, daß Karl lachen mußte und ihn frug: "Sag' an, wie nennst du dich, Bursche, der du in des Kaisers Saal trittst, als ob es die grüne Wiese wäre, und Schüsseln und Becher vom Tisch nimmst, wie man einen Apfel vom Baum bricht und Wasser vom Brunnen holt?" Unerschrocken entgegnete Roland: "Die Bauersfrau bricht Äpfel vom Baum und schöpft Trank aus dem Brunnen, mir aber und meiner Mutter gezihmt Fürstenkost." — "Wenn dein Mutter eine so edle Dame ist," entgegnete gutgelaunt der Kaiser, "so sag', wo hat sie denn ihr Hofgesinde, wer ist ihr Schenk und Truchfeß?" — "Meine rechte Hand ist ihr Truchfeß," antwortete schlagfertig Roland, "meine linke ihr Schenk und meine Augen sind ihre getreuen Wächter." — "Die Dame hat fürwahr wackeres Gesinde," lachte der Kaiser, "aber sondre Kleidung gibt sie demselben; dein Gewand hat so viele Farben wie der Regenbogen." — "Ich habe sieben Knaben von jedem Stadtviertel bezwungen, die haben mir dafür Tuch als Zins gebracht," berichtete Roland. — "Deine Mutter hat in dir den allerbesten Diener," rief Karl, "sie ist wohl die Königin der Bettler; es lüstet mich, diese edle Dame kennen zu lernen. Wohlauf! Drei Damen und drei Herren meines Hofstaates mögen sich mit dir aufmachen, um die wundersame Fürstin vor uns zu geleiten."

Alsbald geschah es so, aber wie war der Kaiser erstaunt, als die Boten nach einiger Zeit mit einer, in ein abgetragenes Pilgergewand gehüllten, wankenden Frauengestalt zurückkehrten. "Hilf, Himmel!" rief er, "Schwester Bertha! Du kommst zu mir , den Bettelstab in der Hand?"

Frau Bertha stand schweigend, sie getraute sich nicht zu reden, und schon wollte sich in Kaiser Karl wieder der alte Zwiespalt regen, als Roland zu seinen Füßen sank und mit beweglichem Flehen das Herz des Oheims rührte. Mit mildem Ton sprach da Karl: "Bertha, teure Schwester, um deines lieben Sohnes willen soll alles Vergangene vergeben und vergessen sein." Voll Dankes sank ihm Bertha zu Füßen, er aber zog sie an seine Brust, und von der Stunde an war Roland der erklärte Liebling des Kaisers. Unter seiner Aufsicht wuchs er herrlich empor und es kam ihm keiner gleich an Stärke, so daß er bald die andern Helden in allen ritterlichen Künsten weit übertraf.

Infolge seines jahrelangen Aufenthalts im Wald war und blieb er ein großer Freund der Jagd und des Umherschweifens; er verweilte, nachdem er Ritter geworden war, selten lang bei Hofe, lag meistens zu Feld gegen des Kaisers Feinde, oder ritt durch Holz und Heide, um Abenteuer zu suchen.

Als nach einigen Jahren seine Mutter sich wieder mit einem der Lehensträger Kaiser Karls, dem Herzog Genelon, verheiratete, ließ er sich auf einem Felsen des Waldes, der zum Rhein vorsprang, ein Warte bauen und unternahm von dort aus, so oft ihm der Kriegsdienst hiezu Zeit ließ, seine Fahrten und Jagdzüge, die ihn oft Wochen lang von Aachen fernhielten.

Es vergingen viele Jahre und Roland stand nun in dem Alter, in welchem tugendliche Helden daran denken, sich ein Ehgemahl zu küren. Der Held war bis jetzt den Frauen ferngeblieben, aber auch für ihn sollte die Zeit kommen, in der er der allmächtigen Siegerin, der Minne, untertan wurde.

Eines Abends hatte er sich im Wald verirrt und wollte sich schon unter einem moosigen Stein ein Nachtlager bereiten, als er auf einer gegenüberliegenden Höhe ein Licht aufflammen sah. Alsbald stieg er durch Dick und Dünn des finstern Bergwalds der Richtung des Lichtes nach und kam so vor das Tor einer Ritterburg, das sich dem Verirrten auf sein Pochen gastlich öffnete. Er wurde zum Saal geführt, wo er den Burgherrn mit seiner Tochter noch beim Abendmahl sitzend fand. Seine Bitte um Nachtherberge ward freundlich gewillfahrt und der Fremdling eingeladen, Gast bei der Mahlzeit zu sein. Die holde Jungfrau, Hilda nannte sie sich, kredenzte ihm lächelnd den Goldpokal mit firnem Rheinwein, und der alte Ritter freute sich daß, daß dem müden Jäger Trank und Speise so trefflich mundeten.

Am andern Morgen kündete Roland, der sich hier gleich ganz zu Hause fühlte, dem Wirte Namen und Herkunft. Der Burgherr war sehr geehrt, einen solch edeln, vornehmen Gast bei sich zu haben und lud ihn ein, so oft es ihm beliebe, auf der Burg vorzusprechen. Roland nahm dies Anerbieten an und war von nun an ein gerngesehener Gast, und insbesondere die edle Hilda freute sich von ganzem Herzen, wenn der hochgewachsene Heldenjüngling wiederum den Mauern nahte. Sie ahnte es wohl, daß er nur ihr zu lieb kam, wenn er auch zumeist mit ihrem Vater redete; und gar bald war ihr junges Herz von sehnender Mine erfüllt. Als Roland, dem Hilda schon beim ersten Begegnen teuer geworden war, gewahrte, daß ihm die Jungfrau nicht abgeneigt sei, nahm er eines Tages , als er sie im Wurzgärtlein der Burg allein unter einem Apfelbaum sitzend fand, die Gelegenheit wahr und gestand ihr seine Minne. Sie gelobten sich ewige Treue, und nun begann eine Zeit hohen Glückes und reiner Wonne für die beiden, denn der Vater Hildas war durchaus einverstanden und pries das Glück seiner Tochter, die ein so trefflichen Held seiner Liebe wert gefunden hatte.

Aber Liebe bringt zumeist Leid, das mußten auch diese beiden erfahren. An Kaiser Karl war Botschaft gelangt, daß die ungläubigen Sarazenen wiederum in die hispanischen Gauen eingedrungen wären und einen großen Teil derselben erobert hätten. Das bekümmerte ihn sehr, und Tag und Nacht kam ihm das Schicksal seiner fernen Untertanen, deren Leben und Glauben gefährdet war, nicht aus dem Sinn. Als er nun in stiller Nacht im Gebete lag, auf daß Gott, der Herr der Welten, ihm rate, was er tun solle, da erschien ihm im Traum ein Engel des Himmels, der sprach: "Kaiser Karl, du frommer Dienstmann Gottes, auf, ziehe nach Hispanien!" Der Wille des Himmelsherrn ist es, daß du die Christen dort aus den Banden der Ungläubigen lösest und das ganze Land dem Wort der Herrn untertan machest." Der Kaiser freute sich des ihm durch den Traum gewordenen Auftrags des Himmelsherrn und lud am andern Tage seine Paladine und die erlesensten Ritter seines Hofes zu sich, um mit ihnen Rat zu halten. Als die Helden Karls Vorhaben und die göttliche Genehmigung durch den Traum vernommen hatten, waren sie alle einverstanden und gelobten ihm einmütig, daß sie in den bevorstehenden Kämpfen treu zu ihm halten wollten. Roland war besonders erfreut, denn er gedachte nach edler Heldensitte zu Ehren seiner geliebten Hilda neuen Ruhm und Siegespreis zu erwerben, und frohgemut rief er: "Ich bin hochbeglückt, daß ich an dieser Heerfahrt teilnehmen kann, denn ich weiß, Gott ist mit uns und wird uns unsere Tapferkeit reichlich lohnen."

Während der Kaiser Boten ins Reich sandte, die allenthalben Kämpen herbeirufen mußten, nahm Roland nochmals einen Tag Urlaub, um seiner Braut Lebewohl zu sagen. Er kündete ihr, daß er dem Rufe seines Kaisers, wie es Ritterplicht und Ehre gebiete, folgen müsse, und Hilda und ihr Vater sahen wohl ein, daß sie ihn nicht zurückhalten durften und konnten. Mit heißen Tränen nahm sie von ihm Abschied und schüttelte wehmütig das Haupt, da er von fröhlichem Wiedersehen nach siegreicher Rückkehr sprach. Als er schon zum Tor hinausgeritten war, schaute Hilda ihm noch vom Göller nach und winkte ihm Grüße zu, bis er im Dickicht des Waldes verschwunden war. Dann warf sie sich auf die Knie und flehte in brünstigem Gebet hinauf zum Herrn des Himmels, daß er den Geliebten ihrer Seele schützen und erhalten möge. Roland aber ritt stracks gen Aachen und rüstete voll Eifers gemeinsam mit den andern Paladinen die Heerfahrt. Als nun die Scharen versammelt waren, trat der Kaiser auf einen Hügel und sprach zu seinem Kriegsheer ernste Worte. "Die Heiden," rief er, "wollen das fromme Volk der Christen vernichten, sie sengen und brennen in Hispanien die Dörfer und die Kirchen und führen das Volk Gottes in die Gefangenschaft. Drum ist es der Wille des Herrn, daß wir gegen sie ziehen!"

Da schlug das ganze Heer die Schwerter und Schilde zusammen zum Zeichen des Einverständnisses, der Erzbischof Turpin aber erhob sich auf Karls Wink und breitete die Hände über die Scharen, um sie für die Ausfahrt zu segnen, die nun alsbald angetreten wurde.

Quelle: Germania's Sagenborn, Emil Engelmann, 1889, Verlag Paul Neff, von rado jadu 2001

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