Mittelalter Seiten

zurück

Roland, der Paladin Kaiser Karls des Großen

 

Rolands Jugend
Die Verwundung des Marsilias und Oliviers
Die Fahrt nach Hispanien
Der Heldentod der letzten Paladine
Genelons Verrat
Rolands Tod
Der Abzug des Kaisers
Der König von Babilon. Rolands Bestattung
Die Kämpfe mit Marsilias
Karls Sieg über Baligan. Der Tod des Marsilias
Der Rat Blancandrins
Genelons Bestrafung. Hildas Treue

Wörter - Erklärung

Die Kämpfe mit Marsilias

Inzwischen war Marsilias nicht müßig gewesen, er hatte gleich nach dem Wegritt Genelons seine Fürsten und Vasallen besendet und ihnen geboten, unverzüglich mit all ihrer kampffähigen Mannschaft zu ihm zu stoßen. So brachte er in wenigen Tagen mehr als hunderttausend Mann zusammen und entbot nun die Heerführer in die hohe, säulengeschmückte Gartenhalle seines Palastes, um ihnen seinen Plan mitzuteilen. Würdevoll schritt er versammelten entgegen und sprach zu ihnen in wohlüberlegter Weise: "Ich habe Karl und die Franken mit List zur Heimfahrt gebracht, sie sind fort, und nur Graf Roland und die andern Paladine weilen noch mit zwanzigtausend Mann im Tal von Ronceval. Diese müssen wir vernichten, denn Roland nur und seine Freunde fügen es, daß der alte Kaiser uns immer wieder aufs neue mit Krieg überzieht. Es sind zwar erlesene, kühne Degen, aber wenn Allah mit uns ist, so muß der Sieg im Kampfe unser bleiben, denn wir haben die Überzahl und Mahomet vermag mehr, als St. Peter zu Rom. Wir müssen dafür sorgen, daß unsere Hallen und Tempel niemals mehr von diesen unreinen Christenhorden entweiht werden, darum will ich selber euch führen und in des Streites Not nicht von euch weichen, das schwör' ich euch bei meinem Schwert. Seht hier die blanke Klinge von Toledo! Die soll mit Rolands Durendal im Kampf sich kreuzen und bald könnt ihr erfahren, welche schärfer ist. Seid kühn und mutig und der Sieg ist unser!"

Alle die Sarazenen zollten seinen Worten Beifall und riefen: "Führe uns, Marsilias, wir folgen dir! Die Franken sollen sterben und ihrem Kaiser soll es fürderhin für immer an guten Rittern mangeln."

Sie begaben sich zu ihren Gezelten und rüsteten sich alsbald zum Kampfe. Als sie weg waren, blieb Marsilias noch mit Blancandrin vertraulich in der Halle zusammen, und dieser riet ihm, die Kämpen ja gut mit Wehr und Waffen zu versehen, damit sie den eisengepanzerten Franken nicht nachstünden. Da stellte Marsilias allen doppelte Ringpanzer und Eisenhelme aus seinen Waffenhäusern in Saragossa zur Verfügung, dazu scharfe Schwerter von Biane und Speere und Schilde von Valencia, so daß sie den Christen mehr als ebenbürtig waren. Hoch wallten die blau-weiß-grünen Heidenbanner, und mit verhängten Zügeln sprengten die Kampfbereiten unter der Führung des Marsilias dem Paß von Sizer zu.

Der Tag war klar, die Sonne schien, und die Luft wehte so rein, daß sie den Schall viele Meilen weit trug. So kam es, daß die Helden zu Ronceval die Hörner der Sarazenen vernahmen, ehe sie die Feinde nur sahen. Olivier war der erste, welcher den Schall hörte, er machte Roland darauf aufmerksam, indem er sprach: "Herr Kampfgenoß, ich glaube, wir müssen nochmals unsre Schwerter färben, ich höre die Kriegshörner der Sarazenen."

Sie stiegen nun zu Walter auf einen ins Land vorspringenden Felsenhügel und sahen in weiter Ferne unabsehbare, weißgepanzerte Scharen, die den ganzen Horizont bedeckten und deren Helme in der Sonne wie Feuer glühten.

"Ha! seht nur den verräterischen Marsilias!" rief Olivier. "Das ist nicht die Schar, die ihn nach Aachen zur Taufe geleiten soll, das ist ein Kriegsheer von mehr als hunderttausend Mann, das in Eile naht, um uns zu überfallen. Mag Gott uns gnaden, daß wir der Überzahl nicht unterliegen! Blast Euer Horn mit Macht, Freund Roland! Vielleicht hört es der Kaiser, und das Frankenheer kehrt um, uns Hilfe zu bringen."

"Ein Feigling wär ich, wenn ich dieses täte," rief Roland, "verloren wär für immer unser Ruhm im ganzen Reiche, wenn wir diese Heiden nicht zu bestehen wagten. Wenn wir fest zusammenhalten, so werden wir siegen, ich schwöre es Euch; die verräterischen Schurken, die gegen uns reiten, sind alle dem Tode verfallen."

"Und doch möchte ich Euch nochmals bitten," entgegnete Olivier, "Euer gutes Horn Olifant zu blasen. Schaut nur! Die Sarazenen sind überall; auf allen Hügeln und Bergen blinkt's von Waffen; sie scheinen unsere Stellung gut zu kennen, mir ist, als ob uns Genelon verraten hätte; darum gilt es, vorsichtig zu sein und den Kaiser zur Hilfe herbei zu rufen, so lang es noch Zeit ist."

"Nicht kann ich's dulden, daß Ihr so von Genelon sprecht," rief Roland; "er ist mein Stiefvater, und wenn er auch oftmals mit mir hadert, ein Schurke und Verräter ist er nicht. Die Heiden rotten sich umsonst zusammen, mit meinem guten Schwerte Durendal will ich sie schon zusammenhauen."

Olivier versuchte vergeblich den Sinn des tollkühnen Helden zu bewegen, Roland blieb unerbittlich. Selbst die Erinnerung an Hilda, seine holde Braut, deren unsäglichen Schmerz, wenn er nicht mehr zurückkehren würde, Olivier ihm eindringlich schilderte, war nicht vermögend, ihn zu erschüttern.

"Den Tod ertrag' ich leichter, als den Hohn meiner Feinde, die mich der Feigheit zeihen würden," sprach er, "darum laßt es bewenden, Herr Olivier! Wir werden mit Gottes Hilfe als sieggekrönte Helden zur Heimat kommen."

Er ließ die anderen Paladine zusammenrufen und gab jedem die nötigen Befehle, wie die Heerscharen in passender Weise gegen die Übermächtigen Feinde verteilt werden sollten. Ehe sie auseinandergingen, segnete noch der Erzbischof Turpin die Scharen, dann stiegen sie insgesamt zu Roß und nahmen die angewiesenen Stellungen ein, was beim Einbruch der Dämmerung vollendet war.

Roland und Olivier blieben die Nacht durch beisammen und ritten am andern Morgen zum Ausgang des Tales, von wo der Zug nach dem Paß von Sizer erfolgen mußte, um auch dort alle wichtigen Punkte zu besetzen. Sie mußten aber voll Schreckens entdecken, daß die Höhen schon von Bewaffneten wimmelten. Es waren feindliche Bergvölker aus den Pyrenäen selbst, die, aus verborgenen Schlupfwinkeln herbeigeschlichen, an dieser Stelle die Waldhöhen besetzt hatten und so den Rückzug schwer gefährdeten. Trübgemut machte Olivier seine Genossen darauf aufmerksam. "Geht nur, Roland, hinauf zu den Hispanischen Pässen," sprach er, "da könnt Ihr unser Geschick schauen, das wir Genelon verdanken! Mir ahnt, das ist die letzte Nachhut, die wir in unserm Leben halten werden."

"Ich muß Euch jetzt recht geben, Olivier," erwiderte Roland, "mein Stiefvater hat uns verraten, Marsilias hat wahrscheinlich um unser Leben mit ihm gemarktet, und der schnöde Schurke hat sich bestechen lassen. Wenn ich aber gleich jetzt in mein Horn bliese, so würde es doch wenig helfen, denn der Kaiser ist zu fern; ich bleibe aber guten Mutes, den Heiden wird der Sieg nimmer zu Teil werden."

Sie kamen nun überein, daß sie dem Angriff der Sarazenen zuvorkommen und denselben so schnell als möglich entgegenreiten wollten, um sie im offenen Feld zu treffen und so den Kampf in den engen Gebirgspässen tunlichst zu vermeiden.

Roland war ohne jegliche Furcht, er vertraute seiner Heldenkraft und seinen guten Waffen, die ihn bisher in allen Stürmen so wohl geschirmt hatten; sein Roß Baillantif war ein Renner, der die besten Sarazenenrosse an Stärke und Schnelligkeit übertraf, und sein Schwert Durendal zerschnitt die festesten Brünnen und Schilde. Er schwang seinen scharfen Speer hochauf, daß das weiße Banner daran im Winde flatterte, und rief seinen Scharen zu: "Reitet an, ihr Freund, so schnell ihr vermögt! Die Heiden kommen, sich den Tod zu holen; viel köstliche Beute wird euch werden, wenn ihr tapfer seid. Vergeßt den Schlachtruf unsers Kaisers nicht! Mont-joie!"

Bei diesem Wort riefen die Franken alle: "Mont-joie!" daß es wie Donner durch die Lüfte hallte und die Heiden bestürzt aufschauten. Die Heiden aber, mit Roland an der Spitze, spornten ihre Rosse und ritten wie Sturm und Ungewitter auf die Sarazenen los.

Diesen voran kam auf einem windschnellen Berberhengst Adolart, der Neffe des Marsilias hergesprengt, ein ausnehmend behender, tollkühner Heidenritter, der in früheren Kämpfen manchen Frankensattel leer gemacht hatte und der heute wiederum mit kecken Worten die Gegner höhnte. "Heute treffen wie euch, ihr Tölpel," rief er, "Karl war ein Narr, daß er dem Rat Genelons, der die Sarazenen mehr liebt als die Franken, folgte und euch hier zurückließ. Heut wird das Frankenreich seinen Siegesruhm verlieren und der Kaiser Karl seinen rechten Arm, seinen teuren Neffen Roland."

Als Roland diese höhnende Rede vernahm, stachelte er, ohne ein Wort zu sprechen, sein Roß zum schnellsten Lauf und rannte mit eingelegten Speer den Heiden an. In wucht'gem Stoß zerschellte er ihm Schild und Panzerhemd und rannte ihm das Speereisen so tief in den Leib, daß das Rückgrat zerbrach und der blutende Körper über eine Lanzenlänge weit hinaus auf einen Felsstein flog, wodurch das Genick zerschellte wurde, so daß Adolart sofort tot war. "Fahr hin, du Schuft!" rief grimmig Roland. "Der Kaiser ist kein Narr, und unser Ruhm geht nicht verloren! Haut ein, ihr Freunde, führt den ersten Schlag! Wir siegen heut, mein Speer hat es bewiesen."

Jubelnd drängten die Franken vorwärts, aber auch die Sarazenen wichen nicht zurück. Einer ihrer Heerführer, der Bruder des Marsilias, Falfaron von Abirun mit Namen, sprengte gegen Olivier an und hieb mit den Worten: "Jubelt nicht zu früh, eure Ehre wird gar bald erbleichen," wütend auf den Genossen Rolands ein.

Olivier aber setzte seinem Roß die Goldsporen ein und stieß mit einem gewaltigen Stoß seine Lanze dem Heiden durch das doppelringige Kettenhemd, daß des Lanzenfähnleins Wimpel mit dem Speereisen in dem Leib des Sarazenen verschwand und Falfaron sterbend zu Boden stürzte.
"Nicht kümmr' ich mich um all dein Drohen, du Schurke," rief er, "hauet ein, ihr Freunde! Unser ist der Sieg."

Da sausten die Speere und klirrten die Schwerter wie Hagelschauer und Schlossengeprall und rechts und links stoben die Heiden wie die Spreu im Wind auseinander. Wer nicht weichen wollte, ward erschlagen, und die Frankenrosse wateten im Blut bis über die Knöchel. So währte die Schlacht schon stundenlang, denn immer neue Scharen der Sarazenen drängten heran, und auch mancher Franke sank, von der Überzahl überwältigt, tot oder verwundet zusammen.

Von den Paladinen war noch keiner gefallen, ihre wunderguten Panzer schirmten sie aufs trefflichste und insbesondere Roland war unermüdlich im Ansturm. Seine Speerschaft war ihm, nachdem er hundert Feinde damit niedergerannt, in Stücke gegangen, und nun kämpfte er mit seinem scharfen Schwert Durendal, das wie ein Blitzstrahl bei jedem Hieb aufflammte. Jeder Schlag war Tod, und die Leichen türmten sich vor ihm wie ein Berg in die Höhe. Olivier und Turpin kämpften an seiner Seite, und niemand konnte ihnen widerstehen, wenn sie alle drei zumal in die Feinde brachen; tausendweise sanken die Heiden, denn auch die andern Paladine erwiesen sich als gleich gute Helden, so daß die Sarazenen, da sie einsahen, daß sie trotz aller Tapferkeit nichts auszurichten vermochten, sich gegen Mittag zur Flucht wandten und das Schlachtfeld den Franken überließen.

Quelle: Germania's Sagenborn, Emil Engelmann, 1889, Verlag Paul Neff, von rado jadu 2001