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Roland, der Paladin Kaiser Karls des Großen

 

Karls Sieg über Baligan. Der Tod des Marsilias

Wörter - Erklärung


Karls Sieg über Baligan.     Der Tod des Marsilias

Die Bestattung der übrigen Gefallenen wollte Kaiser Karl ebenfalls vornehmen lassen und dann mit dem Heer nachfolgen, aber er konnte diesen Beschluß nicht zur Ausführung bringen, denn schon tauchte in der Ferne die Vorhut der Babilonier auf, und zu gleicher Zeit wurden ihm zwei Gesandte gemeldet, die ihm eine Botschaft König Baligans überbringen sollten. Mit trotziger Geberde traten sie vor ihn und sprachen: "Wir künden dir, du stolzer Fürst der Franken, daß König Baligan von Babilon hinter dir reitet. Er ist gekommen, mit dir zu kämpfen und dich lehenspflichtig zu machen. Wenn du kühnen Mutes bist, so reitest du nicht von dannen, sondern erwartest ihn zum Kampf, auf daß die Welt erfahre, wer der gewaltigste Kriegsheld sei."

Mit stolzem Gruße sprengten sie, ohne des Kaisers Bescheid abzuwarten, wieder dem Heidenheer zu, Karl aber ließ alsbald die Hörner blasen und rief seinen Helden zu: "Wohlauf, ihr Herren, zu Pferd und zu den Waffen!"

Das fromme Werk der Totenbestattung ward unterbrochen, die Ritter legten ohne zögern das Erzgewand an und schnallten die Helme fest. Karl selbst bestieg sein erprobtes Schlachtroß Tancandur, nahm sein scharfes Schwert Joyeuse zur Hand und sprengte allen voran durch's Gefilde. Mit verhängten Zügeln ging es den Heiden entgegen, und Rolands Schwert Durendal ward nun von Ogier von Dänemark, dem es der Kaiser übergeben hatte, getragen, um so auch nach dem Tod des Helden noch den Heiden furchtbar zu werden, Gottfried von Anjou aber trug das Banner der Franken, die heilige Oriflamme, unter der das Heer seither immer Sieg errungen hatte.

Ehe Karl sein in zehn Scharen geteiltes Heer zum Kampf führte, hielt er nochmals sein Roß an und rief, das Antlitz der Morgensonne zugekehrt, zu Gott um Hilfe: "Du unser aller Vater!" betete er mit seinen Streitern, "schirm uns diesen Tag und laß deine starke Hand über mir und meinen Heere sein, auf daß wir, wenn es deiner Macht gefällt, unsere erschlagenen Freunde rächen können!" Voll freudigen Schlachtenmuts ritt er jetzt gegen die am nahen Wald aufgestellte Vorhut Baligans. Er hatte das Visier aufgeschlagen und den langen, blütenweißen Bart herausgelegt auf die Brünne, daß er im Morgenwind wallte, und gleich ihm taten alle seine Helden.

Als die Späher Baligans dies gewahrten, kündeten sie es ihrem Herrn, indem sie sprachen: "Wir sahen das Antlitz Karls und seiner Franken, sie schauen grimmig drein und denken nicht ans Fliehen."

"So rüstet euch!" rief Baligan seinen Heerführern zu, "es freut mich, daß unsere Gegner Heldensinn zeigen; auf, blast die Hörner, das die Schlacht beginne!"

Dies geschah, und Baligan durchschritt seine Scharen, um sie zum Kampf anzuspornen. "Seid guten Muts," sprach er, "die besten Ritter der Franken, Roland und die Paladine sind gestern gefallen, die andern da drüben sind keinen Handschuh wert, ihr könnt sie leicht besiegen, wenn ihr tapfer seid, drum stürmt nur mutig an!"

Er ließ das Drachenbanner Babilons und die Standarten mit dem Bildnisse Mahomets vorantragen, und rückte nun mit seinen Scharen vorwärts. Die Ebene, auf der die Gegner zusammen stießen, war weit gestreckt; es war weder Berg noch Strom dazwischen, und die beiden Heere konnten ihre Scharen in dem flachen Lande zur vollen Ausdehnung bringen. Preciosa hieß das Schwert Baligans und diesem nach war der Schlachtruf der Heiden: Presciosa! Mit wildem Geschrei schwangen sie sich auf die Rosse, und bald sollte gar mancher Frankenritter, von ihren spitzen Lanzen durchstochen, ins Gras sinken.

Baligan war gleich dem Kaiser, obwohl er schon im Greisenalter stand, noch ein gewaltiger Held. Seine Schultern waren breit, sein gebräuntes Haupt gräulich gelockt, und licht wie Maienblüte schimmerte sein weißer Bart, der ihm bis nieder auf den Gürtel floß. Im Rittertum war er gar wohl erprobt, und wie ein Jüngling sprengte er mit seinem Sohne Malprimis über die breitesten Gräben, die sein edles Roß gleich einem Falken überflog. Wenige lebten, die es wagen durften, sich ihm oder seinem ihm an Wuchs und Stärke ebenbürtige Sohne entgegenzustellen.

Der jugendkühne, kampffreudige Malprimis bat seinen Vater um den ersten Schlag in der heutigen Schlacht. — "Ich will deinen Wunsch gewähren," erwiderte Baligan, "nimm meinen Freund, den Perserkönig Torleus und seine tapfern Scharen mit dir und sieh', daß du den Franken Übermut zu Boden schlägst." Alsbald tat Malprimis nach diesen Worten und stürmte mit den streiterprobten Persern in wildem Ansturm gegen die Franken. Auf seinem schneeweißen Rosse war er weithin sichtbar, und Baligan rief, mit dem Schwert nach ihm deutend, den Scharen zu: "Auf, meine Helden, folgt meinem Sohn, er bahnt euch eine Gasse in die Feinde, helfet ihm mit euren scharfen Speeren!"

Gewaltig war der Kampf, der nun begann; Malprimis und die Heiden schlugen todesmutig drein, und gar mancher Frankenschild und Schädel war zerschellt und manches feste Panzerhemd durchhauen, und bald färbte sich das Gras der Heide rot von dem Blut der Erschlagenen. Hin und her wogte der Kampf; bald wurden die Franken zurückgedrängt, bald die Sarazenen. Malprimis war immer unter den vordersten, schon mancher Frankenritter war von seinem Schwert aus dem Sattel gesunken, und er trachte eifrig danach, mit Karl selbst, der inmitten seiner Reichsbarone hielt, ins Handgemenge zu kommen.

So war er allmählich ganz in der Nähe des Kaisers gelangt und wurde mit dem Herzog Reimes von Baiern, der eben den Perserkönig schwer verwundet hatte, handgemein. Mit einem gewaltigen Schlag seiner scharfen Damaszenerklinge hieb er dem Herzog den Stahlhelm in zwei Stücke, so daß ihn nur die schwere, seidengefütterte Netzhaube, die sein Haupt schirmend umschloß, vor dem Tod bewahrte, aber der wuchtige Schlag betäubte ihn so stark, daß ihm der Zügel entfiel und er seines Rosses Hals in dem Arme umfing.

Eben wollte Malprimis mit einem zweiten Hiebe dem Widerstandslosen das Haupt spalten, als Karl dies noch rechtzeitig wahrnahm. Mit einem gewaltigen Stoß seines Eschenspeers durchbohrte er des Heiden Schild und Panzerhemd, so daß der Sohn Baligans ins Herz getroffen tot aus dem Sattel stürzte. Da Baligan den Fall seines Sohnes vernahm, erfüllte ihn grimmer Zorn und Schmerz, er rief seine besten Helden zusammen und versuchte mit ihnen das Gewirre der Kämpfenden zu durchbrechen, um sich dem Frankenkaiser blutig zu rächen. Der tapfere Herzog Richard von der Normandie und zwei Grafen Gebuin und Loran sanken da unter dem Schwert des wutentbrannten Königs, und jubelnd riefen die Heiden: "Preciosa schneidet scharf, haut drein, haut drein, die Frankenhunde weichen!" — Aufs neue erhob sich da wütender Kampf, Schäfte splitterten und Schilde zerkrachten, die Klingen knirschten auf den harten Helmen, und das Erdreich war ganz bedeckt von toten und verwundeten Männern.

Die Franken konnten diesem wütenden Angriff Baligans und der erlesensten Heidenritter schwer widerstehen, und ihre Reihen begannen sich zu lichten. Als Graf Ogier von Dänemark, der an Heldentugend nur mit Roland verglichen werden konnte, diese gewahrte, rief er den Oribannerträger Gottfried von Anjou und den Herzog Thierry zu dem neben dem Herzog Reimes reitenden Kaiser her und sprach, auf die vordringenden Feinde weisend: "Seht nur, ihr Herren, wie dort die Heiden unsere besten töten, wir müssen allem aufbieten, um den Ansturm des wütenden Baligan zu brechen, wenn der Sieg unser bleiben soll."

Jeder mußte ihm Recht geben, und Karl gebot alsbald die Hörner zu blasen, und all die Helden ritten mit eingelegten Speeren spornstreichs nach dem Orte hin, wo Baligan kämpfte. Sobald die bedrängten Franken sahen, daß Karl selbst ihnen zur Hilfe nahe, wurden sie mit neuem Mut erfüllt und standen fest wie eine Mauer. Allen voran stürmte Graf Ogier auf die Feinde; er stieß mit seinem langen Speer den Fahnenträger Baligans vom Roß, daß der Drache Babilons in den Staub sank, und bereitete dem Heiden mit der Standarte Mahomets, der seinem Genossen beistehen wollte, das gleiche Schicksal.

Als Baligan seine Heerzeichen sinken sah, verließ ihn für einen Augenblick der kühne Siegesmut, aber es war nur ein Augenblick, er gedachte seines erschlagenen Sohnes, und aufs neue ließ er seinen Schlachtruf "Preciosa" erschallen, um die Seinen zu tapferstem Widerstande anzufeuern.

Aber auch Karl erhob mit mächtiger Stimme seinen Ruf "Mon-joie", und die Franken wiederholten ihn, daß es wie Donner über die Heide hinrollte. Sie ließen nicht nach im Kampf, und die Zahl der Heidenritter ward infolge ihrer scharfen Hieben kleiner. Da nahm Baligan seine letzte Schar zusammen und brach sich in todeskühnem Ansturm Bahn bis zu dem Kaiser Karl hin, so daß die beiden Heerkönige nun Mann gegen Mann einander gegenüberstanden. Mit gewaltigen Hieben zerschlugen sie sich da die Rüstungen, so daß die Nägel in die Luft stoben, die Schildbuckel splitterten und von den Helmen das lichte Feuer sprühte. —

Als nach einiger Zeit beide erschöpft einen Augenblick inne halten mußten, rief Baligan den Kaiser an und sprach: "Nimm meinen Glauben an, o Kaiser Karl, dann will ich vergessen, daß du meinen Sohn erschlagen hast und dir dein Frankenland als Lehen belassen.

"Nie tu' ich das," erwiderte Karl, "ich unterwerfe mich keinem Heiden, empfange du den wahren Glauben, den uns der Herr geschenkt hat und werde Christ, dann will ich Frieden mit dir schließen.

"Vergeblich ist solch töricht Reden," erwiderte Baligan, aufs neue sein Gewaffen schwingend, "das Schwert soll entscheiden, wessen Glauben der rechte ist." Er drang mit wuchtigen Schlägen auf den Kaiser ein, der sich noch nicht gehörig gedeckt hatte, und spaltete ihm den braunen Helm und die Netzhaube bis auf das Haupthaar, so daß Karl wie geschoren erschien und um ein kleines von dem Heiden gefällt worden wäre. Darob erfaßte ihn ein ungeheurer Grimm, er ergriff sein Schwert mit beiden Händen und schlug nun seinen Gegner so gewaltig aufs Haupt, daß er ihm mit einem Streich den edelsteingeschmückten Helm und den Schädel bis hernieder auf den weißen Bart spaltete, so daß Baligan alsbald tot vom Rosse stürzte.

Als die Heiden ihren König fallen sahen, erfaßte sie wildes Entsetzen; sie warfen ihre Rosse herum und begannen in Sturmeseile zu fliehen, so daß ihnen die Franken kaum folgen konnten. Die Sonne brannte gewaltig hernieder auf das schattenlose Gefild, die Hitze war groß, und doch wallte der Staub, aber Karl ließ sich die Verfolgung nicht verdrießen. Er rückte mit allen seinen Scharen den Flüchtlingen nach und kam fast zu gleicher Zeit mit ihnen vor Saragossa an.

Durch die scharenweise in die Stadt stürmenden Flüchtlinge ward dem Marsilias rasch die Kunde von dem Tod und der Niederlage seines Verbündeten geworden. Sinnlos vor Wut riß er den Verband von seinem wunden Arm, so daß mit dem Blut sein leben hinströmte und er seinen Geist aufgab, ehe seine weinende Gattin einen Arzt zur Hilfe hatte herbeirufen können. Da Braimunda wohl gewahrte, daß alles verloren war, ließ sie die Tore aufschließen und übergab sich und die Stadt auf Gnade und Ungnade dem Frankenkaiser. Karl erwies sich gnädiger, als die verräterischen Sarazenen es verdient hatten; allen, die ihren Göttern entsagten, wurde das Leben geschenkt, und so geschah es, daß sich am nächsten Tage hunderttausend Heiden taufen ließen. Braimunda aber führte Karl mit sich, um sie in Aachen, wie sie es wünschte, nach der Rückkehr friedlich in die Gemeinschaft der christlichen Kirche aufnehmen zu lassen.

Quelle: Germania's Sagenborn, Emil Engelmann, 1889, Verlag Paul Neff, von rado jadu 2001

 

Société de l'Oriflamme

in search of the Oriflamme

Charlemagne giving Roland a red gonfanon