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Roland, der Paladin Kaiser Karls des Großen

 

Der Rat Blancandrins

Wörter - Erklärung

Der Rat Blancandrins

Von den Heerführern der Heiden waren alle gefallen bis auf den Ratgeber des Marsilias, den alten Blancandrin, einen Mann von riesenhafter Kraft, dem allein es gelungen war, bei dem letzten Zusammenstoß einen der Paladine, den tapfern Olivier leicht am Bein zu verwunden. Olivier hatte es ihm jedoch gut vergolten, er hatte ihm den Speer zersplittert, den Schild zerschmettert, die Halsberge entzwei geschlagen und dem entsetzt davon Fliehenden einen Wurfspeer nachgesandt, der in seinem Rücken so fest saß, daß Blancandrin ihn nicht mehr heraus zu ziehen vermochte.

Mit dem Speerschaft im Leibe kam er blutberonnen zu Marsilias, der auf einem schwer zugänglichen Felshügel sein Standlager hatte, und berichtete ihm von dem blutigen Tag. Er verschwieg ihm nicht die Kunde von der unvergleichlichen Kühnheit und Heldenstärke Rolands und der Paladine, durch deren Arm tausende von Sarazenen gefallen seien, aber er teilte ihm auch mit, wie er es anzugreifen habe, um trotzdem den Sieg zu erringen."Befolget den letzten Rat, den ich Euch geben kann, ehe ich sterbe!" sprach er. "Ihr müßt morgen mit dem frühesten den Kampf wieder erneuern; die Franken sind müde und geschwächt von dem langen Kampf, ihre Waffen sind zerbrochen oder schartig, darum dürft Ihr ihnen keine Zeit lassen und müßt alsbald mit frischen Scharen nochmals gegen sie losbrechen, ehe ihnen Hilfe von Karls Hauptheer kommen kann."

Marsilias folgte seinem Rat und sandte sofort nach Saragossa und den andern Städten Eilboten, um neue Scharen herbeizurufen. Die ganze Nacht hindurch kamen da frische Kämpen auf flinken Rossen angeritten, und bei Sonnenaufgang war wiederum ein großes Heer versammelt, das Marsilias heute persönlich anführte. Er ließ mit tausend Kriegshörnern zum Angriff blasen, das Berg und Au von dem gewaltigen Schall wiedertönten und die todesmüden Franken bestürzt aus dem Schlummer auffuhren. Als sie hinaus spähten, sahen sie alle Höhen und Felder mit Heiden bedeckt, die mit großem Ungestüm heranstürmten. Sie hatten kaum Zeit sich zu waffnen, als schon die ersten Heidenritter sich mit wildem Geschrei näherten. Allen voran sprengte ein reicher Sarazene von Saragossa, Held Climorin, dessen unvergleichliches Roß Barbamusca schneller als Sperber und Schwalben einherflog. Er ließ ihm frei die Zügel und schwang mit dem braunen sehnigen Arm die lange, nadelscharfe Lanze gegen Herzog Engelir, der ihm in der Eile in seinem gestern mehrfach zerhauenen Panzerhemd entgegen geritten war. Nichts frommte da der schwere, dreifache Schild, Climorin stieß ihm durch denselben und die Lücken des zerschlitzten Panzers mit sichrer Faust die lange scharfe Lanzenspitze, daß sie am Rücken wieder herauskam und Engelir mit lautem Schrei tot zu Boden stürzte.
Mit wildem Jubel rief Climorin: "Die Christenhunde sind heut leicht zu schlagen, ihr Freunde mutig drauf, wir brechen ihre Reihen!"

Es war ein schlechtes Vorzeichen für die Franken, daß der erste Tote dieses Tages einer ihrer Paladine war, aber auch die Sarazenen sollte der Siegesruhm nicht lange bleiben. Mit grimmen Schmerz hatte Olivier den Fall des Freundes gewahrt. "Gerechter Gott, laß mich ihn rächen!" rief er und schwang seine gepriesene Klinge "Altevlare", die noch von dem Blut der gestern erschlagenen Feinde triefte. Mit gewaltigem Schlag durchhieb er des Sarazenen Helm und Schädel bis zum Nacken, daß Climorin ohne Laut von seinem Rosse sank, das vor Oliviers hochaufbäumendem Hengste scheuend mit wilden Sprüngen querfeldein jagte. In seinem Kampfzorn hieb Olivier noch sieben arabische Fürsten, die ihn umzingelten und mit den Lanzen bedrängten, Schlag auf Schlag vom Rosse, so daß ihm Roland zurief: "wenn mein Waffenbruder im Zorn ist, so steht er mir in Ruhmestaten weit voran! Nur immer zu, Olivier! Ich lieb Euch mehr um solcher Hiebe willen, als wenn verzagt Ihr mir zu unnützer Vorsicht ratet." Dem Freunde winkend, stürmte Olivier im Verein mit Herzog Sansun weiter hinein in die Feindesscharen, aber auch Sansun, dem edeln Paladin, war schon in der Morgenfrühe Tod beschieden. Die beiden Helden hatten schon verschiedene Rosse reiterlos gemacht, als plötzlich ein ausnehmend gut gerüsteter Heide, Baldabrun mit Namen, auf seinem Rosse Granimund dem Herzog entgegenritt und ihm, während Sansun einen reichen Saragossaner aus dem Sattel hieb, die Lanze durch den Unterleib stieß, daß er vom Pferde stürzte und sich in wilden Todeszuckungen im Grase wand.

Als Roland den Fall des Genossen erschaute, spornte er sein Roß, daß es in drei Sätzen auf den Sarazenen flog, und hieb ihm mit einem ungeheuern Streich Helm und Haupt und Lein entzwei, so daß sein Schwert noch durch den Sattel tief in des Rosses Rücken fuhr und Reiter und Roß tot zu Boden stürzten. Auch die andern Paladine, insbesondere Graf Walter und Erzbischof Turpin, verrichteten Wunder von Tapferkeit und mähten die Heiden mit ihren Schwerter wie reife Garben nieder. Als die Franken die Waffentaten ihrer Führer sahen, riefen sie ihr siegesfrohe Mont-joie und schlugen in Kraft und Ingrimm drauf und drein, daß das klare Blut in Strömen ins grüne Gras niederrieselte und den Sarazenen die Brünnen und Panzerringen bis auf die Haut zerhauen wurden.

Diesem wütenden Ansturm konnten die Heiden nicht widerstehen, und sie wandten sich wiederum wie am Tag zuvor, zur Flucht. Mit dem Ruf: "Mahomet hilf uns!" wälzte sich die ganze Masse der fliehenden dem Orte zu, an dem Marsilias mit einer Schar der erlesensten Helden hielt und die Schlacht lenkte. Der Sarazenekönig gewahrte wohl den Jammer seines Volks, er sah, wie die Franken die Fliehenden mit den blanken Speeren niederstießen und wie sie so viele seiner Streiter schwerwund oder tot, der eine über dem andern, hier auf dem Angesicht, dort auf dem Rücken, auf dem Schlachtfeld umher lagen. Jetzt galt es Mahomet oder St. Peter, drum ließ er die Hörner blasen und ritt mit seinem ganzen Heerbanne in eng geschlossener Ordnung den Christen entgegen. Die ersten Reihen seiner Ritter bestanden aus lauter riesenstarken Kämpen mit vortrefflicher Rüstung und falkenschnellen Pferden. Sie waren noch gar nicht zum Kampf gekommen und deshalb den von dem anderthalbtägigen, fast ununterbrochenen Handgemenge ermüdeten Christen an Kraft weit überlegen. So geschah es, daß jetzt, als die Heiden das Anrücken ihres Königs gewahrten, die regellose Flucht aufhörte und die wieder aufgenommene Schlacht eine neue Wendung nahm. Bald lagen vier der Paladine, Gere, Berengar, Ottfried und Anseis tot am Boden, und neben und mit ihnen eine große Zahl ihrer tapfersten Mannen.

Fast sinnlos vor Zorn und Schmerz sah Roland den Untergang der Seinen und rief zu Olivier und Turpin, die in seiner Nähe kämpften, hinüber: "Sagt an, was ist zu tun? Unsere besten Helden liegen am Boden. Soll ich den Olifant blasen, um den Kaiser zu Hilfe zu rufen, sonst erliegen wir am Ende noch der Übermacht? vielleicht tut Gott ein Wunder und Karl hörts."

"Jetzt wird es vergeblich sein," erwiderte Olivier, "wenn Ihr mir gestern gefolgt hättet, wäre nun der Kaiser unterwegs und unser würde der Sieg. Mein Rat war weder zag noch unnütz. Ihr sehet nun, mehr wert ist weises Maß als Übermut, doch jetzt ist es zu spät, jetzt würde man Euch das Blasen als Verzagtheit auslegen, und der Kaiser kann unmöglich heute mehr zu unsrer Hilfe eintreffen."

"Um Gotteswillen, streite nicht in dieser schweren Not! sprach da Turpin. "Wohl wird uns alles blasen nichts mehr helfen, und dennoch wird es besser sein, wenn's Roland tut, denn Kaiser Karl wird kommen und uns rächen; drum blaset, blaset, teurer Held! Dann finden morgen uns die fernen Freunde und heben treulich unsre toten Leiber voll Schmerz und Mittleid auf und betten im Frankenland uns in die Heimaterde, und mancher wird an unserm Grabe beten."

"Ihr redet wohl, Herr Erzbischof," sprach Roland und setze das Horn an den Mund. Mit gewaltiger Kraft blies er den Olifant, so daß ihm das Blut aus der Munde quoll und an den Schläfen fast die Adern sprangen. Ein markerschütternder gewaltiger Klang kam aus dem tönenden Elfenbein und schwang sich weithin über Berg und Tal bis zu dem Ort, wo sich eben Karl befand. Der Kaiser sprang empor und lauschte. Wie Klageruf klang aus weiter Ferne her ein langgezogener Ton, der gedämpft aber doch deutlich vernehmbar zum Ohre drang. "Ich höre Rolands Horn," rief Karl bewegt, "mein Neffe ist in Not, er bliese sicherlich nicht den Olifant so lang und bang, wenn er nicht schweren Kampf bestehen müßte."

Genelon suchte die Vermutung des Kaisers zu entkräften. "Wer sollte Roland wohl bekriegen!" sprach er. "Wie haben ja Frieden mit den Sarazenen geschlossen. Roland wird Langeweile haben und bläst zum Spaße seinen Olifant, vielleicht um Wild im Walde aufzuscheuchen."

Immer noch vernahm man den Hornruf, und Karl erwiderte, Genelon mit durchbohrenden Blicken aufschauend: "Nicht also ist es, Treuloser, Rolands Horn hat langen Atem heute, und mein Neffe bläst mit aller Macht, weil der von dir Verratene, du Schurke, im wilden Schlachtensturme steht, drum rüstet euch, ihr Helden, und kommt meinen Paladinen zu Hilfe!"

Alsbald wappneten sich die Franken und die Scharen eilten zurück durch die Pässe, die sie eben verlassen hatten, Genelon aber ward auf Karls Befehl trotz seiner Beteuerungen gebunden auf ein Maultier festgeschnallt und so unter guter Bewachungen über das Gebirge mitgeführt.

Quelle: Germania's Sagenborn, Emil Engelmann, 1889, Verlag Paul Neff, von rado jadu 2001

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