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Roland, der Paladin Kaiser Karls des Großen

 

Genelons Verrat

Wörter - Erklärung

Genelons Verrat

An einem Fichtenhain, in dem die Vorhut des Kriegsheeres, gegen zwanzigtausend erlesene Sarazenen, das Lager aufgeschlagen hatte, erwartete Marsilias die Boten, und ließ Blancandrin und den Gesandten des Frankenkaisers sogleich vor sich führen.

Von Blancandrin geleitet, schritt Genelon vor des Sarazenenkönigs Thron und neigte sich tief bis zur Erde. Blancandrin aber sprach: "Heil komme Euch von Mahomet und Allah, hoher Herr! Ich brachte Eure Botschaft vor den Frankenkaiser. Er hörte sie und schien voll Freuden, doch gab er mir keine bestimmte Antwort. Hier schickt er einen seiner Reichsbarone, von dem Ihr den Entscheid, ob Frieden oder Krieg, vernehmen werdet."

Genelon hatte sich alles klüglich ausgedacht und hub nun mit großer Würde also zu reden an: "Seid gesegnet, erhabener König, auch von dem Gott der Christen, und vernehmet in Gnaden, was ich Euch künde! Dies entbietet Euch Karl, der große Frankenkaiser: Wenn Ihr den Christenglauben annehmet, will er Euch die Hälfte von Hispanien als Lehen belassen; wenn Ihr aber nicht nach seinem Willen tut, so wird er Euch gefangen nach Aachen führen und dort mit Schimpf und Schande durch den Henker zum Tode bringen."

Marsilias geriet bei dieser Rede in große Wut und schüttelte ingrimmig seinen Wurfspeer, als ihm aber Blancandrin leis zuflüsterte, ließ er die Waffe wieder sinken und gebot dem Franken weiter zu reden. Genelon fuhr darauf, die Hand ans Schwert gelegt, also fort: "Nicht um mein Leben ließe ich mir es nehmen, alles das auszurichten, was mein erhabener Kaiser Euch künden läßt. Die Hälfte Eures Reiches wird er seinem Neffen Roland geben, an dem Ihr fürderhin einen stolzen und kühngemuten Genossen haben werdet. Hier ist der Brief des Kaisers, der den Vertrag enthält.

Marsilias war blaß vor Zorn, er zerbrach den Siegel und warf das Wachs zu Boden, aber er schaute doch in den Brief, um zu erkunden, was ihm Karl geschrieben. "Es ist so, wie du sagst," sprach er zu Genelon, nachdem er den Brief gelesen hatte. "Ich soll als Sicherheit für die mir verbleibende Hälfte meines Reiches zwölf Geiseln stellen, darunter einen meiner eigenen Söhne. Das sind harte Bedingungen, die muß ich mir mit meinen Räten erst reiflich überlegen."

Er schritt hinweg, gefolgt von seinen vertrautesten Würdenträgern, denen sich auch Blancandrin beigesellte. In einer nahe gelegenen Gartenhalle hielten sie nun Rat, und Blancandrin offenbarte da dem Marsilias, daß er den Genelon für ihre Sache gewonnen und daß derselbe feierlich gelobt habe, ihnen beizustehen, deshalb rate er, daß Genelon aufs beste und zuvorkommendste behandelt werde. Marsilias verstand jetzt erst recht die Zuflüsterung, die ihm Blancandrin vorhin gemacht hatte. Er sandte alsbald zu Genelon und ließ ihn bitten, daß er sogleich zu ihm komme, er sei bereit, durch reiche Geschenke die ihm vorhin widerfahrne Unbill gut zu machen.

Als Genelon erschien, sprach er: "Ich habe unrecht gegen Euch gehandelt, als ich vorhin den Speer auf Euch werfen wollte, nehmt hier diesen goldgestickten Mantel zur Sühne und vertrauet mir! Ich gelobe Euch Sicherheit und will Euch halten wie meinen eigenen Bruder, wenn Ihr mir alles genau von Kaiser Karl verkündet. Er ist jetzt doch schon uralt, und seine Zeit ist um; wann endlich will er denn die Heerfahrten unterlassen?" — "So lang sein Neffe Roland lebt," sprach Genelon, "wird er's nicht tun; es gibt keinen so grimmen, kriegslustigen Recken mehr, wie diesen, und Kaiser Karl wird von Rolands Ungestüm immer wieder aufs neue fortgerissen." — Wie fangen wir's da an," frug Marsilias, "daß wir diesen Roland schlagen? Ich habe viele Tausend erlesene Streiter, soll ich ihn von diesen überfallen lassen?" — "Alles wäre verloren, wenn Ihr dieses jetzt tätet," erwiderte Genelon; "Roland ist Führer der Vorhut und hat mehr als zwanzigtausend der besten Kämpen bei sich und hinter sich das ganze Heer. Bei der Vorhut sind so starke Recken und so scharfe Klingen, daß von ihnen Eure Kämpen davon flöhen, wie der Staub vor dem Wind. Prüft zum Beweis der Wahrheit nur mein Schwert! Den schwersten Stahlhelm spaltet er mit einem Streich."

Marsilias ließ alsbald einen seiner eigenen fest geschmiedeten Helme herbeiholen, und siehe da! Genelon zerhieb ihn mit einem Schlag in zwei Stücke, so daß die Heiden voll Furcht und Staunen dastanden. "Ihr seht nun, daß ich wahr spreche," rief er, "darum laßt von diesem Vorhaben, und sendet dem Kaiser die verlangten Geiseln und dazu so viele reiche Habe, daß die Franken sicher auf Eure Unterwerfung und Treue vertrauen! Dann fährt Karl heim ins Frankenland, und der starke Held Roland wird, wie er jetzt die Vorhut hat, mit der Nachhut unter den letzten sein, die durch die Pyrenäen ziehen. Erst dann ist Eure Zeit gekommen, dann aber habt Ihr leichtes Spiel, und Roland nebst seinen Freunden wird fallen, wenn Ihr meinen Rat befolgt." — "Wie aber meint Ihr," frug Marsilias, "daß wir dies am besten ins Werk setzen?" — "Das kann ich Euch genau sagen," entgegnete Genelon. "Der Paß von Sizer ist im Kriegsrat als Straße für die Rückkehr bestimmt worden. Diesen wird vermutlich Roland und sein Freund Olivier mit der Nachhut hüten und bewachen. Ihre Zahl wird wohl höchstens zwanzigtausend Mann betragen, Ihr aber sendet ein Heer von sechzigtausend Mann gegen sie und greifet sie von allen Seiten an. Wenn nun dieses erste Heer besiegt werden sollte, so schickt Ihr ein zweites und ein drittes und greifet sie immer wieder von neuem an, bis sie alle gefallen sind. Dann habt Ihr dem Frankenkaiser seine erlesensten Kämpen erschlagen und werdet zeitlebens keinen Krieg mehr haben; denn wer es dahin bringt, daß Graf Roland fällt, der raubt dem Kaiser seinen rechten Arm."

Marsilias hörte diese Worte mit großem Wohlgefallen. Er umarmte den treulosen und ließ sich von ihm eidlich geloben, daß er zu dem Verrat gegen Roland in jeder Weise behilflich sein wolle. Sie beschworen gegenseitig diesen Bund, und Marsilias ließ nun dem neuen Genossen die reichsten und köstlichsten Geschenke reichen und ihn seiner Gemahlin, der schönen Braimunda, vorstellen. Ein herrliches Mahl beschloß das frevlerische Bündnis, und während dieser Zeit wurden die Geschenke und Geiseln für den Kaiser Karl bereit gestellt.

Quelle: Germania's Sagenborn, Emil Engelmann, 1889, Verlag Paul Neff, von rado jadu 2001

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