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Roland, der Paladin Kaiser Karls des Großen

 

Die Verwundung des Marsilias und Oliviers

Wörter - Erklärung

Die Verwundung des Marsilias und Oliviers

Zu Ronceval tobte indessen der Kampf weiter, Roland hatte den riesengewaltigen Heidenfürsten Falderun, unter dessen Speer Gere und Berengar gefallen waren, erschlagen und so eine Lücke in die Schlachtreihe der Sarazenen gehauen.

Blutberonnen mähte er nun, furchtbar wie der Fürst des Todes, mit rastlosem Arm die Heiden haufenweise zu Boden und hatte im Verein mit Olivier dreiundzwanzig der besten Sarazenenritter erlegt, so daß die Heiden wie die Hirsche vor den Hunden vor den beiden Paladinen davon flohen. "Haut drein und schont keinen!" rief Olivier den Franken zu, die jetzt mit erneutem Ungestüm wie wütende Löwen auf die Feinde stürzten und keinem Gnade zu teil werden ließen.

Roland hatte trotz seines eifrigen Spähens den König Marsilias nicht vor's Schwert bekommen können, aber jetzt endlich sollte es ihm gelingen. Marsilias hatte den schon vorher durch einen Speerwurf verwundeten Herzog Gerhard von Rousillon nach tapferer Gegenwehr von Roß gestochen und war bei diesem Kampf in Rolands Nähe gekommen.

Voll Zorn gewahrte der Frankenheld den Fall des Freundes und sprengte alsbald auf Marsilias los. "Geb Gott dir Unheil, Verräter!" sprach er und hieb so ingrimmig auf ihn ein, daß Marsilias, dem der Helm vom Haupt geschlagen war, in schwere Not kam. Aber sein kühner Sohn, der blonde Turfalu, sprengte mit lautem Schlachtruf zwischen seinem Vater und Roland und suchte den Frankenritter zurückzudrängen, jedoch sein tollkühnes Gebaren sollte ihm nicht zum Segen werden. Roland spaltete mit einem wohlgezielten Streich seines Schwertes das lockige Haupt Turfalus, daß das rote Lebensblut des Jünglings den Marsilias bespritzte und die Heiden entsetzt aufschrieen. Marsilias hatte schon den Speer gegen Roland erhoben, um den Sohn zu rächen, aber Roland war schneller, wie ein Blitzstrahl fuhr seine Klinge nochmals hernieder, und die Rechte des Marsilias sank, am Gelenke abgehauen, mit dem Speerschaft in das Gras. Heulend wandte sich da der König zur Flucht und mit ihm die letzten Scharen, die noch stand gehalten hatten.

Eine Zeit lang schien es, als ob dem tapfren Häuflein der Christen doch jetzt endlich der Sieg zu teil werden sollte, denn das gesamte Heer des Marsilias war auf dem Rückzug begriffen, aber diese Hoffnung wurde leider bald zu nichte. Vom Waldrand her erscholl plötzlich ein gewaltiger Schall von Hörnern und Posaunen, und binnen Kurzem zeigte sich ein neues großes Heer, das den Sarazenen zu Hilfe herbei gezogen kam und alle die Flüchtlingen in sich aufnahm. Es waren die Könige von Äthiopien und Karthago, die mit ihren dunkelfarbigen Scharen nach langer Meerfahrt angelangt waren, den verhaßten Frankenkaiser zu bekriegen. Gegen fünfzigtausend frische Kämpfer kamen so gegen das zusammengeschmolzene und todesmatte Heer der Paladine herangezogen. Als Roland die schwarzen, tierischen Gesichter mit den weißen, blöckenden Zähnen erblickte, rief er: "Schlagt auf die schwarzen Teufel ein, ihr Franken! Wir wollen unser Leben teuer verkaufen, auf daß, wenn unser Herr und Kaiser naht und uns auf der Walstatt liegen sieht, auf einen toten Christen zwanzig Heiden kommen."

Todesmutig hieben die Franken ein, aber die Überzahl war zu groß, die Heiden strömten von allen Seiten herbei, von vorn und hinten und den beiden Flanken, so daß das kleine Frankenheer von Feinden ganz umringt war. — Da erhielt auch der tapfere Olivier einen tödlichen Stoß. Morganich, der König von Äthiopien, sprengte von hinten gegen ihn an und stieß ihm den Speer durch den Rücken, daß die Spitze an der Brust hervordrang, aber der riesenstarke Held sank, obwohl er sich zum Tode getroffen fühlte, doch nicht vom Rosse. Er wandte sich herum und hieb mit Alteklare, seiner guten Klinge, den goldbekrönten, edelsteingeschmückten Helm des Mohren in Stücke und spaltete mit einem zweiten Hieb den Schädel seines Gegners bis zu dem Unterkiefer, daß Blut und Hirn ihn auf den Panzer spritzten.

"Fahr hin, du Schurke!" rief er. "Du sollst sich meines Falls nicht in der Heimat rühmen." — Er stürzte sich von neuem in das Handgemenge und zerschmetterte wohl noch einem Dutzend der Mohren die Schädel, aber endlich erlahmte seine Kraft und er ritt zu Roland hin, um ihn sein Leid zu klagen. Roland erschrak auf den Tod, als er den Freund sah. Oliviers Antlitz war entfärbt und schwarz und blau gefleckt, vom Leibe strömte ihm dunkelschwarzes Blut und seine Hände zitterten wie die eines Greises. Roland ließ ihn aus dem Kampfgewühl bringen, ihm einen stärkenden Trank reichen, und seine Wunde verbunden, indes der Kampf rastlos weiter tobte.

Quelle: Germania's Sagenborn, Emil Engelmann, 1889, Verlag Paul Neff, von rado jadu 2001


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