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Streifzüge ins deutsche Mittelalter

Von J.E. Wessely

"Als Adam pflügte und Eva spann,
Wo war da ein Edelmann?"

Vom Landbau nahm alle menschliche Tätigkeit und Kultur ihren Anfang. Vieh und Frucht waren die ersten Bedingungen des Lebens und erst wenn diese in genügendem Maße erworben waren, konnte man nach höherem, idealen Zielen streben.

Als sich die Wogen der Völkerwanderung legten und das altgermanische Volk sich friedlich auf seinem Grund und Boden festsetzen konnte, war der Landbau der feste Kitt, der die Gesellschaft zu einer großen Familie vereinte. Neben dem Landbau wurde auch die Jagd betrieben, schon darum, um seinen Viehbestand gegen den Raub der wilden Tiere zu sichern. Ungleicher Fleiß, Todesfälle und andere Ursachen störten bald die demokratische Gleichheit; einzelne Grundbesitzer bereicherten sich auf Kosten anderer, neben dem minder Begüterten saß ein Reicher. Alle aber waren freie, unabhängige Leute. Nach und nach wuchsen einzelne zu mächtigen Herren heran, an die sich die kleineren Grundbesitzer, insbesondere in Zeiten der Fehde oder des Krieges, zur eigenen Sicherheit anschlossen. Da die letzteren von den ersteren auf diese Art manchen Vorteil und Nutzen empfingen, so suchten sie sich diesen damit zu sichern, daß sie an die mächtigen Geschlechter ihres Gaues einen bestimmten Zins entrichteten. Sie blieben aber freie Grundbesitzer.

Je größeren Bodenbesitz der Reiche erwarb, desto mehr Arbeitskräfte brauchte er zu dessen Bebauung. Er nahm darum Knechte und Mägde auf, die er aus der Schar der Verarmten oder Verschuldeten warb, denen er die im Kriege erbeuteten Gefangenen zugesellte. Alle diese waren leibeigen. Manchen dieser Unfreien schenkte oder lieh der reiche Grundherr zu eigener Verwendung ein Stück Land, um sich dessen Arbeit für seine Felder zu sichern. So entstanden die Fronen. Außerdem traten in ein abhängiges Verhältnis zu dem reichen Grundherrn verschiedene Handwerker, wie Schmiede, Schwertfeger, Müller und andere, welche hoffen konnten, unter dem Schutze eines Mächtigen ihr Gewerbe friedlich und einträglich betreiben zu können.


Monatsbilder aus einem alten Kalender

 

Seit den Kreuzzügen kam in die Adern der reichen Grundbesitzer ein neues Element hinein, das eine mächtige Scheidewand zwischen diesen und den niederen, kleineren Grundbesitzer aufstellte. Während diese in der friedlichen Arbeit des Feldes ihren Beruf erkannten, glaubte der zum Ritter gewordene Herr mit seinen Reisigen im wilden Kampfe des Krieges seine Bestimmung gefunden zu haben. Poesie verklärte diese blutige Arbeit und nun stehen sich Burg und Dorf in meist feindseligem Gegensatz gegenüber. Stolz sieht der Ritter von den Zinnen seiner festen Burg auf das Land und dessen Leute herab, erbittert und feindselig betrachtet der Bauer die festen Mauern, durch deren Tore die übermütige Gesellschaft zur Jagd ausreitet und ohne Erbarmen über die Saaten seiner Äcker dahin braust, den Segen eines Jahres mit den Hufen der Rosse zerstampfend. Jahrhundertelang dauert diese wechselseitige Feindseligkeit der beiden Stände, bis sie in der Kultur der Neuzeit ihre Versöhnung gefunden hat.

Der freie reiche Grundbesitzer saß in alter Zeit in stolzer Behäbigkeit auf seinem Grund und Boden. Wenn die Ernte seiner Felder reich ausgefallen ist, wenn die Haustiere gedeihen, keine Pest das Land heimsucht, so ist er ein gemachter Herr, wenn ihm der Adel auch diesen Titel nicht zuerkennt. Freilich legt er auch selbst überall mit Hand an und schämt sich der Arbeit nicht, auch wenn er über viele Knechte gebietet. Dies gilt insbesondere für einzelne Landstriche, wie die Schweiz, in den Marschen der Nordsee, auch in der Ostmark, kurz in den Ländern, wo der Adel nur spärlich hauste und nicht mit vereinter Kraft auf ihn einen harten Druck ausüben konnte. Es dauert freilich nicht lange diese Herrlichkeit, denn die Gesetze der Könige legten ihm verschiedene und große Lasten auf und wo diese nicht zu erschwingen waren, drohte ihm das Gesetz mit harten Strafen und oft ging die Frucht seines Fleißes eines ganzen Jahres in Kassen, aus denen ihm nichts zu holen möglich war.

Da gab es Zehnten, Waffendienst, Lieferungen und Vorspann bei Reisen des Königs und seiner Beamten. Da fand der Bauer kein Erbarmen, kein Recht und wenn er sich wehren wollte, wurde er selbst körperlich hart gequält. Es mußte die Bedrängnis schon einen hohen Grad erreicht haben, wenn sie ihn zur offenen Empörung gegen seine Peiniger entflammen konnte. Und diese wäre im 16. Jahrhundert kaum von solcher Ausdehnung gewesen, wenn sie nicht das Beispiel, der glücklich ausgefallene Aufstand der Schweitzer gegen ihre Zwingherrschaft ermutigt und mit Hoffnung auf einen ähnlichen Erfolg erfüllt hätte.

Wie traurig es in deutschen Dörfern zu Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts ausgesehen haben mag, ersehen wir aus der Schilderung des Bauernlebens, die sich in der Kosmographie von Sebastian Münster findet. Da heißt es: "Der viert Standt ist der Menschen, die auf dem Felde sitzen, und in Dörffern, Höfen und Wylerlin (Weilern), und werden genannt Bawern, darumb das sie das Feld bauwen. Diese fürn ein gar schlecht und niederträchtig (erbärmliches) Leben. Es ist ein jeder von dem andern abgeschieden und lebt für sich selbst mit seinem Gesind und Vieh. Ihre Häuser sind schlechte Häuser von Kot und Holz gemacht und mit Strow gedeckt. Ihre Speiß ist schwarz ruken (Roggen) Brot, Haberbrei oder gekocht Erbsen und Linsen. Wasser und Molken ist fast ihr Trank. Ein Twilchgippe, zwen Buntschuch und ein Filzhut ist ihre Kleidung. Diese Leut haben nimmer Ruh. Früh und spat hangen sie der Arbeit an. Sie tragen in die nechste Stadt zu verkauffen, was sie Nutzung überkommen auf dem Feld und von dem Vieh und kauffen ihn dagegen was sie bedörffe. Ihren Herren müssen sie oft durch das Jahr dienen, das Feld bawen, säen, die Frucht abschneiden und in die Schewer führen, Holz bawen und Gräwen machen. Was solch harte Dienstbarkeit in dem armen Volk gegen ihren Obern bringe, ist man in kurz verruckten Jaren wol innen worden."

Mit der letzten Bemerkung sind die Bauernkriege gemeint. Sebastian Frank nennt in seinem Weltbuch vom Jahre 1534 die Bauern "ein seer arbeitsam Volk, das mit fronen, Zinsen, steuern, zöllen hart beschwert und überladen ist, ein wild hinterlistig ungezempt volk." Letzteres hartes Urteil ist offenbar unter dem Eindrucke der Bauernkriege niedergeschrieben worden. Münster ist gerechter, da er die Ursache, die harte Bedrückung, nicht verschweigt.

Sehen wir uns nun die Behausung und das Leben in den Bauerhütten an. Als Grundform eines Bauernheims ist ein eingezäunter Hof zu nehmen, in dem sich die Wohn- und Wirtschaftsräume vereinigt befinden. In gewisser Hinsicht konnte also auch der Bauer das englische: My house is my castle auf sich anwenden. In der Zeit vor Karl d. Gr., als die Landwirtschaft noch sehr danieder lag, waren auch die bäuerischen Behausungen sehr elend. Einzelne haben sich bis zum 16. Jahrhundert in ihrer ärmlichen Gestalt erhalten; es waren dies die Hütten der Armen. Das Haus war aus Baumstämmen roh zusammengezimmert, die Fugen füllte man mit Lehm aus und deckte das Ganze mit Stroh. Solche Hütten muß Seb. Münster vor sich gehabt haben, als er sie in der Kosmographie beschrieb.

Die ältesten Hütten hatten keine Fenster, um der Kälte des Winters zu wehren; die Bewohner derselben waren genötigt, auch ihre Haustiere in dieselben aufzunehmen. Als sich der Landbau (im 10. Jahrhundert) zu entwickeln begann, nahmen auch die Bauernhäuser eine menschenwürdigere Gestalt an. Das eigentliche Wohnhaus erhielt neben einem umfangreichen Gemache, in dem sich die Familie versammelte, mehrere Nebenräume, die zu Schlafstätten oder Vorratskammern dienten. Wir finden hier also eine Nachbildung des Schloßgebäudes in alten Burgen, nur daß man das große Gemach nicht einen Saal nennen kann. An dieses Wohngebäude schlossen sich die Stallungen, Getreidekammern und andere Wirtschaftsräume an. Da diese Bauernhöfe ursprünglich in Verbindung mit den zu ihnen gehörigen Äckern standen, so bildeten sie abgesonderte Weiler und wenn sich später auch Hütten der Ärmeren in ihrer Nähe anpflanzten, so nahm man doch nie in der Anlage Rücksicht auf das Bestehende. Jeder stellte sein Haus nach Gutdünken, wie es ihm eben paßte, dahin und diese Willkür der Anlage ist allen alten Bauernhöfen eigen und hat sich bis auf die Gegenwart vererbt.

Wir geben hier in Abbildung die Ansicht eines Hofes, wie sie H. Burgkmair (für Petrarcas Glücksbuch) gezeichnet hat. Wie können voraussetzen, daß die Aufnahme nach der Wirklichkeit gemacht ist. Im Grunde ist das einfache Wohnhaus, mehr im Vordergrunde die Stallung, auf deren Dach sich zwei Katzen balgen, rechts davon die Bienenstöcke, auf dem Misthaufen die Hühner, dabei zwei kämpfende Hähne, dann Gänse, eine Schafherde mit dem Hirten, der zweien abseits sich verlierenden Ziegen nachläuft, ein Drescher, der im Freien arbeitet, denn das Gehöft hat keine Scheuer. Tief im Grunde links oben, am Rande des Waldes, hat ein Bär eine Kuh überfallen. Der Künstler schildert uns hier keineswegs einen idyllischen Frieden des Landlebens; wie die Tiere im Kampfe gegeneinander sind, so auch die Menschen; zwei Bauern führen mit Waffen einen Zweikampf, die Weiber prügeln sich, eine Bäuerin züchtigt ihr ungehorsames Kind und der Alte, der vor dem Stalle sitzend ruhen will, wird vom Bienenschwarm angefallen.


Ansicht eines Bauernhofes

Im Früher Mittelalter begannen die Bauern neben ihrem Besitztum auch Obstgärten anzulegen, in einzelnen Gegenden, wie an der Mosel, am Rhein, auch Weinberge. Auf den Äckern wurden die gewöhnlichen Getreidearten unserer Zone, Weizen, Roggen, Gerste und Hafers angebaut, daneben auch Erbsen, Linsen, Rüben, Bohnen und Flachs. Von Zuchttieren werden neben Schafen auch Schweine, Rinder und Pferde genannt. Hühner, Gänse und Enten vermehren den Bestand der Haustiere.

Wenn keine Hungersnot war, keine Pest, kein Mißwachs, keine Kriege das Land heimsuchten, so war der Anblick eines reichen Bauernhofes immerhin ein recht erfreulicher. Leider dezimierten oben angegeben Lasten bedeutend diesen Segen.

Bei allem Reichtum des Ertrages, der Frucht harter anstrengender Arbeit, war der Bauer genötigt, recht erbärmlich zu leben und das Geflügel, daß er zog, der Nutzen, den Kühe, Bienen und Schafe brachten, mußte nach auswärts wandern und er mit dem geringen Überschuß vorlieb nehmen. Gerstenbrei, Kraut, Erbsen und Linsen, zuweilen ein Stück Fleisch, das waren die fast alltäglichen Speisen, welche auf den Tisch des reicheren Bauern kamen. Wie armselig mag erst die Kost der unbemittelten gewesen sein. Ein Bauer Rüdiger bat, wie uns Seifried Helbling erzählt, seine Frau, ein Stück Rauchfleisch ins Kraut zu legen. Diese tat also, hing aber das Stückchen Fleisch an einem Faden auf, nahm es dann wieder heraus, um das Kraut mehrmals damit fett zu machen.

Auch die Tracht war ärmlich; schon ein Gesetz Karls des Großen schrieb den Bauern die Kleidung vor: Graue oder schwarze Röcke, rindslederne Schuhe. Während der Arbeit auf dem Felde konnten sie ohnehin einen langen Rock nicht brauchen. Aber das Gesetz war da, um übertreten zu werden; die armen Bauern konnten natürlich ihre Gewandung nicht oft wechseln und die reichen setzten sich über das Gesetz hinweg und unter diesen, besonders den jüngeren, gab es Stutzer, die ihre Kleider in ihrer Weise aufputzten, mit allerlei Stickereien versahen, so auch auf den Hauben gestickte Tauben oder Papageien anbrachten. Überdies hingen sie, wenn sie zum Tanz gingen, an den Staatsrock recht viel Schellen an. Es war den Bauern auch das Tragen von Waffen verboten, damit bei den üblichen Raufereien kein Menschenleben in Gefahr komme. Aber das Verbot machte die Bauern nach Waffen um so lüsterner und schon, um sich den Rittern und Vornehmen gleichzustellen, gehörte ein Schwert zu den höchsten Wünschen eines Bauernsohnes. So mancher verließ die väterliche Hütte und verdingte sich auf der Burg als reisiger Knecht, nur um das Schwert an der Seite tragen zu können.

Auch die Tracht der Bauernfrauen war einfach; Röcke von grobem Tuch, eine Jacke, ein Tuch, das den Kopf einschloß und die Tracht war fertig. Daß sich Bauernmädchen mehr aufputzten, ist natürlich; hierin blieben sich die Töchter Evas immer und überall gleich. Wir haben oben erwähnt, daß dem Bauern das wenigste von dem, was ihm die Landwirtschaft einbrachte, zum eigenen Verbrauch blieb. Dasjenige, was Zinsen und Fronen nicht verzehrte, ging in die Stadt, um hier auf dem Markt zu Gelde gemacht zu werden. Die Bauern sind die Proviantmeister der Städte. Da bringt der Bauer seine Kälber, Schweine, Gänse, Tauben und Hühner dahin; da wird er auch von der Bäuerin begleitet, welche Milch, Butter, Käse oder Eier hinschleppt, um mit dem Erlöse dafür Notwendiges fürs Haus einzukaufen.

Wir können uns diese Marktbauern sehr wohl vorstellen, da berühmte Künstler uns Abbildungen derselben hinterlassen haben. Wer kennt nicht Labenwolfs Standbild des Gänsemännchens in Nürnberg? So hat Martin Schongauer auf einem kleinen Blatte den Auszug nach dem Markte dargestellt: der Bauer trägt auf dem Rücken einen Sack und einen Korb mit Eiern; er führt den mageren Gaul, auf dem die Bäuerin mit dem Kinde sitzt. Albrecht Dürer fand in Nürnberg immer Gelegenheit, die Bauern auf dem Markte zu sehen; und er hat sie sich ordentlich angesehen und uns mit seinem Grabstichel wahre Typen dieser Menschengattung geschaffen. Da steht der Bauer, gedankenlos vor sich hinstarrend, dem man die Müdigkeit nach harter Arbeit ansieht. Wie ungleich pfiffiger sieht sein Weib drein. Sehen wir uns dann die drei Marktbauern in Unterredung an, welch ein köstliches, psychologisch wahres Lebensbild ist das. Man glaubt ordentlich ihr Gespräch zu vernehmen, wie sie sich über Landwirtschaft, Wetter oder auch schlechte Geschäfte am Markt besprechen, denn die Klage über schlechte Zeiten ist so alt wie die Menschheit. Trotzdem hat man immer etwas für den Genuß übrig gehabt.

Hans Sebald Beham hat zwei kleine Kupferstiche herausgegeben, welche zusammen gehören; auf dem einen steht der Bauer bei seinem Feldfrüchten, auf dem anderen das Bauernweib mit zwiebeln, Butterfaß und einem Korb voll Eier. Der Künstler hat uns auch das Zwiegespräch der beiden mitgeteilt. Er drückt den Wunsch aus: Deten (täten) wir verkaufen! Sie setzt hinzu: Zum Wein wollten wir laufen. Es mag eben nicht selten vorgekommen sein, daß der sauer erworbene ertrag im Wirtshause teilweise oder ganz draufging und der Bauer an Stelle des Geldes oder notwendiger Einkäufe einen rechten Rausch nach Hause brachte. Auf zwei anderen Blättchen führt uns derselbe geschätzte Nürnberger Künstler den Bauer und seinen Knecht vor. Letzterer ist zur Arbeit nicht aufgelegt und meint: Es ist kalt Wetter, worauf der Bauer kurz antwortet: Das schadet nit.

 

Besaß der Bauer einmal Waffen, so war es ihm nicht genug, sie nur zu tragen, er wollte sie auch brauchen. In manchen Gauen lebte ein tapferer Geist; besonders wenn der Druck von oben zu strak war, erzeugte er Gegendruck und sollte er einmal sein Hab und Gut, seine Familie gegen den feind verteidigen, so wußte er sich trotz einem Ritter mit seinen Knechten und Dorfgenossen zu wehren. In Kriegszeiten waren die Dorfbewohner der zuchtlosen Soldateska und ihrer Brandschatzung preisgegeben; ihre Stallungen wurden geplündert, sie selbst roh und grausam behandelt, das feste Schloß gegen Belagerer verrammelt und von daher keine Hilfe zu erwarten. Da griff der Bauer zu Waffen und auch zu Knütteln, Heugabeln, Dreschflegeln, Spaten und dergleichen, um sich zu verteidigen. Die Hunde seines Hofes halfen ihm dabei.


Kriegsgreuel in einem Dorfe.

Genannter Beham hat eine Holzschnittfolge mit den sieben Planeten veröffentlicht. Oben über Wolken ist die Planetengottheit dargestellt, unten werden uns Szenen aus dem Leben vorgeführt, die mit den Planeten in Beziehung gedacht wurden. Auf dem Blatte des Planeten Mars sehen wir unten eine solche Szene, wie im Kriege den Bauern mitgespielt wurden. Im Grunde wird die Ritterburg belagert, links am Rande des Waldes sieht man berittene Soldaten, von denen zwei Bauern nackt an den Baum festgebunden sind, rechts steht die brennende Bauernhütte, aus der ein Marodeur einen Sack fortträgt, die Bäuerin mag ihm auch nachlaufen und arg schreien. Mehr nach vorn treiben Berittene die Kuhherde fort, ein Bauer wird mi einer Lanze zu Boden geworfen; im Vordergrund packen Landsknechte die pralle Bäuerin und reißen ihr das Mieder entzwei. Ein Bauer sucht es, von zwei grimmigen Hunden unterstützt, zu wehren, indem er mit dem Spaten dreinschlägt, links zwei fliehende, weinende Kinder. Wir sehen da die ganze Misere, die in unruhiger Zeit den armen Bauer heimsuchte, er ist hier mit wenigen Zügen ein grausiges Dorfdrama drastisch geschildert. Auch unter den gestochenen Blättern des Meisters kommen Szenen des Kampfes vor.

Auch Dürer hat sich mit seiner Kunst mit diesem Gegenstande beschäftigt. Unter den Randzeichnungen, die er mit der Feder für das Gebetbuch Maximilians ausführte (die Originale in München), stellt eine auch eine Massenkampf zwischen Bauern und Soldaten dar. Die volle Wut, die höchstgesteigerte Leidenschaftlichkeit, die in solchen Augenblicken beiderseits herrschen mußte, ist ungemein lebendig geschildert, obwohl der Meister dazu die bescheidensten Mittel, fast nur den Umriß wählte. Dürer wie Beham mögen bei ihren Kompositionen zunächst von den Bauernkriegen und ihren wüsten Szenen beeinflußt worden sein, aber ein Rückschluß auf frühere Zeiten für ähnliche Lagen ist wohl gerechtfertigt.

Das Raubrittertum mag den Bauern schließlich alle Geduld geraubt haben, dazu kamen Karlstadts Hetzereien und die mißverstandene, schlecht gedeutete Lehre Luthers von der Geistesfreiheit des Menschen; sie hörten nur das Wort Freiheit und glaubten, jetzt sei ihre Zeit gekommen, sich von der vielhundertjährigen Last zu befreien. Wie groß muß die Ernüchterung gewesen sein, als sie endlich trotz tapferer Wehr unterlagen, um so größer, als die Sieger kein Mittel besaßen, die Unterdrückten zu versöhnen.

Indessen sind aus altdeutschen Dörfern nicht allein solche ernste und traurige Zustände zu berichten. Wenn Friede im Lande herrschte, so gab es auch Augenblicke, wo die Arbeit ruhte, die Sorge schwieg, Erholung des Tages Mühen. Besonders die Jugend ließ sich ihr Anrecht auf Vergnügen nicht verkümmern. Dieses Vergnügen war freilich kein idyllisch- zartes; für ein solches fehlte Verständnis und Empfänglichkeit.

So vereint der Sonntagnachmittag die Jugend unter der Dorflinde, die alten Mütter und Väter kommen auch herbei, um sich an den Spielen und dem Gesange der Jugend zu ergötzen. Da erscheint, wie gerufen, ein Fiedler und schon ist alles zum Tanz bereit. Bald ist der große Reihen geordnet, Tänzer und Zuschauer stimmen im Chor den Gesang an, zu dessen Rhythmus sich die Tanzenden im Kreise bewegen. Zuweilen wird der Tanz recht bewegt, sogar frei nach unseren heutigen Begriffen. Die Kirmesse bildet besonders die Gelegenheit zu den übermütigen Tänzen, wie auch die Hochzeitsfeste. Zu den wilden Tänzen wird insbesondere der Hoppeldei oder Hopelrei gehören; bei diesen zeigten die Burschen ihre Kraft, indem sie die Tänzerinnen hoben, daß diese die Röcke hinaufflogen und die Paare mit den Köpfen zusammenstießen. Neidhardt beschreibt oft die Bauernfestlichkeiten und deren Tänze.

Als im 14, Jahrhundert von Italien aus das Kartenspiel Eingang in deutschen Gauen fand und sich der deutsche Holzschnitt der Sache bemächtigte und die sonst mühsam gezeichneten Spielkarten mittels Druck vervielfältigte und darum ihren Preis erniedrigte, hatten auch die Bauern bald diese Art Glücksspiele gelernt und die Stunden der Ruhe mit denselben totgeschlagen. Die Obrigkeit mochte die Kartenspiele verbieten, soviel sie wollte, das Verbot gab dem Spiele größeren Wert und Reiz. Daß in der Natur des Spieles die Gefahr eines Zwistes und Streites lag, ist leicht begreiflich und alte Darstellungen legen darum auf dieses bedauerliche Finale den Nachdruck.

Die Kirchweih oder Kirmeß war für den Bauer das größte Fest des Jahres; ein solches mußte mit seinen Genüssen und Freuden ihn für alle Plagen des ganzen Jahres schadlos halten. Küche und Keller mußten den Tisch reichlich versorgen. Wie es bei einer Bauernhochzeit herging, darüber besitzen wir einen Bericht aus dem 14. Jahrhundert. Bei Kirmessen wird es nicht anders zugegangen sein. Der Hochzeitsschmaus begann mit Weißbrot, dann folgte Hirsebrei, Rüben mit Speck, Würste und Bratmus. Den folgenden Tag wird die Schmauserei fortgesetzt. Auch der Bauer will Abwechslung haben; es werden jetzt Erbsen mit Kraut, Gerste, Linsen und Würste aufgetragen. Das über Maß genossene Getränk macht die Festgenossen zanksüchtig, es kommt zum Streit, zur Schlägerei, zu Verwundungen. Nach der menge der letzteren bemißt man den Glanz des Festes.

Der Bauernstand war von jeher konservativ; einmal eingewurzelte Gebräuche hielten sich jahrhundertelang fast ganz unverändert. Die Feste mit ihren Freuden nicht minder. Wir werden uns daher nicht wundern, wenn auch im 16. Jahrhundert eine Kirmeß ganz dasselbe Bild bot, wie im 14. Hans Sachs beschreibt recht drastisch eine Bauernkirchweih in Megeldorf, der er selbst (1528) beiwohnte und die in gleichem Charakter sich abspielte. Auch hier wieder am Schlusse beim Tanze wegen eines Bauernmädchens Streit und Kampf.

Daß auch Künstler sich diesen Gegenstand nicht entgehen ließen, ist leicht begreiflich. Beham, der bereits genannte geniale Künstler der Dorfbewohner, der uns in drei Folgen einzelne Tanzende Bauernpaare hinterließ, hat auch in einem aus vier Blättern bestehenden Holzschnitt uns die Totalansicht einer Dorfkirchweih geliefert, die nicht deutlicher sein kann. Die Szene stellt das Innere des Dorfes dar, im Grunde die Kirche, vorn das Wirtshaus. Beide gehören zu einer Kirchweih und sollen die beiden Pole des Menschenlebens veranschaulichen. Vielleicht entstand aus diesem Umstande das Sprichwort: Wo man Gott zu Ehren eine Kirche erbaut, da baut sich der Teufel seine Kapelle (das Wirtshaus) daneben. Vom Turme der Kirche weht die Fahne, um die Kirchweihe anzuzeigen. Vor dem Eingange der Kirche hält ein Hochzeitszug und wird das Brautpaar eingesegnet. Der Künstler hat der Verständlichkeit wegen die Trauung am Altare vor die Kirchtüre verlegt. Links lockt die Krambude Käufer an. (Wir betrachten die Darstellung von links nach rechts.) Vorn wird Bier oder Wein abgezapft, auf den vier Bauern auf einer Bank sitzend zu warten scheinen. Hinter dieser Gruppe hat sich ein Quacksalber mit seinem ärmlichen Kram postiert. Wir erfahren, was er feil hat, auf einer Tafel steht: Hier guter Theriak und Wurmsamen. Beide bilden die Universalheilmittel der Bauern.

Während der Quacksalber einem Bauern den Zahn reißt, zieht diesem dessen Weib die Geldbörse aus der Tasche, dessen Schmerz schlau benutzend. In der Mitte der Darstellung sieht man das stattliche Wirtshaus, vor dem ein Tisch, scheinbar für die Honoratioren, steht. Bei demselben sitzt in der Mitte ein stattlicher Herr (ein reicher Bauer oder ein Bürger aus der Stadt?) im Gespräch mit einem neben ihm sitzenden Edelmann. Bei solchen Gelegenheiten taten arme Edelleute gern mit den Bauern mit, um sich sattzuessen. Ein zweiter Edelmann spricht links mit zwei Bauern, deren einer ihm seine Rechte vertraulich auf die Schulter legt. Vorn liegt ein Betrunkener Bauer auf der Bank und zahlt der Unmäßigkeit den Tribut. An einer Bank weiter rechts sitzen zwei Bauern mit ihren Weibern; ihnen nähert sich ein fahrender Geselle und sucht den einen Bauer zum Würfelspiel zu verleiten, der aber, wohl durch die Gegenwart des Weibes beeinflußt, der Sache nicht zu trauen scheint. Die ganze rechte Seite des Bildes ist voll Bewegung; im Grunde ein Ritt um die Wette, ein Wettlauf von Weibern, eine Prügelei von Jungen, die auch ihr Pläsir haben wollen, das Ersteigen eines Glücksbaums, ein Messertanz, eine Prügelei, bei der ein Bauernweib recht wacker dreinschlägt, Kegelspiel und ganz vorn der Tanz von fünf Paaren, dem sich zwei zu gleichem Zwecke nähern. Das eine Paar scheint uns den oben erwähnten Hoppeldei anzudeuten.

Ein einzelnes tanzendes Bauernpaar hat auch A. Dürer gestochen und die vierschrötigen Tänzer recht lebendig geschildert. Der Dudelsackbläser desselben Meisters bildet jedenfalls das Gegenstück zum vorigen Blatt. Im erwähnten Gebetbuche Maximilians hat derselbe zwei tanzende Bauerpaare gezeichnet; ein Bauer balanciert ein Gefäß auf dem Kopfe, um seine Fertigkeit zu zeigen. Ein Pfeifer, dem der Hahn accompagniert, besorgt die Musik, Ach noch Jost Amman, zu Ende des 16. Jahrhunderts, führt uns im Holzschnitt tanzende Bauern vor, die sich von ihren Großeltern in nichts unterscheiden.

Als Holbein seine Jugendzeit in Basel verlebte, stand er dem deutschen Volke noch nahe. In England fand er keine Gelegenheit, sich mit demselben in seiner Kunst zu beschäftigen. Er wurde auch in der Schweiz zum Ausmalen von Häuserfaçaden, wie es damals im Gebrauch war, herangezogen. So verschönte er mit seiner Kunst auch ein Haus der Eisengasse in Basel und brachte da in Friesform einen Bauerntanz dar, weshalb dasselbe das "Haus zum Tanz" genannt wurde. Die Malerei ist der Zeit zum Opfer gefallen, es haben sich aber Zeichnungen erhalten, so eine im Berliner Museum. Zwei dralle Jungen führen mit Flöte und Dudelsack die Musik auf und drei Bauernpaare tummeln sich in wild bewegtem Tanze. Man sieht, Holbein hat sich die Wirklichkeit gut angesehen und sie künstlerisch vollendet auf die Mauer gebannt.

So war das Leben des deutschen Bauernvolkes mit seinen Leiden und Freuden beschaffen. So dämmerte es mechanisch dahin, denn nach der Ernüchterung, die den Bauernkriegen folgte, war aller Mut und somit jeder Versuch, sich das Leben menschenwürdiger zu gestalten, gebrochen. Erst der Überfluß an Bildung und Aufklärung, der sich in den Städten sich anhäufte, begann nach und nach auch über das Land tropfenweise zu fallen und die Verhältnissee zu einer besseren Daseinsform umzuwandeln. Einem Bauern oder Ökonomen heutigestages ist es nun freilich nicht anzusehen, daß er ein Urenkel jenes Geschlechtes ist, das nach Münster"ein so schlechtes und erbärmliches Leben" zu führen gezwungen war.

Quelle: Vom Feld zum Meer, Verlag Spemmann, Stuttgart, 1887, von rado jadu 2001

 

Ernährung im Mittelalter



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