zurück

Nostradamus (1503 - 1566)

Er war schon zu Lebzeiten Legende: Michel de Notredame aus Saint-Rémy-de-Provence, geboren am 14. Oktober 1503
als Sohn einer konvertierten jüdischen Familie. Katharina von Medici berief ihn als Leibarzt des unmündigen Karl IX.
an den königlichen Hof, er lebte aber meist wie bisher in Salon-de-Provence, wo er am 2. Juli 1566 starb.

Nach meinen irdischen Tode wird, was ich geschrieben habe,
mehr wirken als zu meiner Lebenszeit.

Nostradamus (Michel de Nostre-Dame), der berühmteste aller Seher und Astrologen, wurde in Saint-Remy in der Provence geboren. Wenn auch seine Prophezeiungen in dem wunderlichen Stil der meisten Weissagungen abgefaßt sind, so bleibt doch die Tatsache bestehen, daß viele von ihnen als erstaunliche Deutungen von Ereignissen sich anboten, die erst Jahrhunderte nach dem Tode des Sterndeuters sich zugetragen haben. Selbst Namen, die der Seher erwähnte, sind manchmal identisch mit denen, die in den vorausgesagten Ereignissen vorkommen. Dazu ein Beispiel:

Dem getrennten Gatten wird eine Mitra aufgesetzt werden,
Zurückgekehrt — Kampf wird entstehen über dem Ziegel
Durch fünfhundert — ein Verräter wird Narben heißen
und Saulce Wärter über Ölfässern.

Dieser scheinbare Unsinn kann mühelos auf gewisse Ereignisse der Französischen Revolution bezogen werden: Ludwig XVI., von Marie-Antoinette getrennt, wurde von den Jakobinern mit der phrygischen Mütze (Mitra) und der Kokarde der Trikolore bekleidet. Dies geschah nach seiner Rückkehr von Varennes, wo die flüchtende königliche Familie verhaftet worden war. Der Konflikt brach zwei Monate später in den Tuilerien (ehemalige Ziegelei) aus. Er wurde ausgelöst durch den Widerstand der Schweizer Garde, durch fünfhundert Mann. Der Verräter, der Graf Narbonne-Lara, war der Kriegsminister, den Ludwig kurzerhand wegen Verdachts auf Landesverrat entlassen hatte. Sauce besaß einen Kramladen in Varennes. Er veranlaßte die Verhaftung der königlichen Familie. Marie-Antoinette saß zwischen Ölkannen und Kerzen in Sauces Laden, als sie verhaftet wurde. All dies ereignete sich in den Jahren 1791 und 1792, zweieinviertel Jahrhunderte nach Nostradamus' Tod. Die abweichenden Schreibungen der betreffenden Namen lassen sich durch die geänderte französische Orthographie erklären.

Man vergißt gewöhnlich, daß der große Seher außer seinen Voraussagungen auch ein häufig nachgedrucktes Werk über Kosmetik, Parfüme und über die Kunst, Marmelade mit Zucker, Honig und gekochtem Wein herzustellen, geschrieben hat. Dies deutet darauf hin, daß Doktor Nostradamus auch in der Kräuter- und Mineralienkunde sich wie sein Großvater, Jacques de Nostre-Dame, der Arzt am Hofe König Renes von Anjou (f 1480) gewesen war, gut auskannte. Nostradamus war einer der größten Ärzte seiner Zeit. Als Student an der Universität Montpellier unterbrach er seine medizinischen Studien, um bei der Bekämpfung des in mehreren Provinzen und Ländern gleichzeitig wütenden Schwarzen Todes zu helfen. Da er offensichtlich gegen die Pest immun war, reiste er von Stadt zu Stadt und hatte erstaunliche Heilerfolge. In Aix boten ihm die dankbaren Bürger eine Pension an, die er aber unter Waisen und Witwen verteilte, und nach einem sehr segensreichen Aufenthalt in Lyon ließ er sich in Salon in der Provence nieder. Seine Prophezeiungen, die er Centuries nannte, wurden 1555 veröffentlicht, also lange nach seinem Buche über die Kosmetik. Diese Voraussagen machten viel von sich reden, und Menschen aller Stände reisten nach Salon, um die Prophezeiungen zu hören und den Rat des Sehers zu suchen. Das bescheidene Städtchen wurde durch ihn berühmt.

Katharina von Medici, die sich stark zu den okkulten Wissenschaften und zur Magie hingezogen fühlte, hatte an ihrem Hofe mehrere Astrologen und Wahrsager, so auch den verdächtigen Ruggieri, der mehr Zauberer als Gelehrter war, und den Mathematiker Reignier, für den sie eine astrologische Säule errichten ließ, die noch heute in Paris zu sehen ist. Am Hofe befand sich auch der berühmte Süditaliener Lucas Gauricus, der König Heinrich II., Katharinas Gemahl, vor dem Zweikampf gewarnt hatte; denn den Gestirnen zufolge sei er von einer Kopfverwundung oder von Erblindung bedroht. Der ziemlich skeptische König hatte nicht: dagegen, daß Nostradamus im Jahre 1556 an den Hof gerufen wurde. Die Königin brannte darauf, die Zukunft ihrer drei Söhne, die in Blois lebten, zu erfahren, und Nostradamus wurde zu ihnen geschickt. Nach Paris zurückgekehrt, sagte er voraus, alle drei würden dereinst einen Thron einnehmen. Mehr wollte er nicht sagen, denn er erklärte wiederholt, daß et nicht gut sei, die volle Wahrheit zu wissen. Katharina glaubte an die Vorhersage; aber Nostradamus hatte wohl gemeint, daß die drei nacheinander auf demselben Thron sitzen würden wie es ja auch tatsächlich der Fall war.

Nostradamus hatte Feinde bei Hofe, und besonders hatte er unter denen zu leiden, die seinen Einfluß auf die Königin fürchteten. Ein Dichter, vielleicht Beze oder Jodelle, schrieb ein bissiges Gedicht gegen ihn, in dem auf den Namen des Sehers angespielt wurde:

Nostra damus cum falsa datnus, nam fallere nostrum est,
Sed cum falsa damus, nil nisi nostra damus.

Wir geben das unsrige, indem wir Lügen geben;
Denn uns ist eigen zu täuschen.
Aber wenn wir Falsches geben,
Geben wir nichts anderes als unser Eigenes.

Die Nörgler verstummten jedoch, als König Heinrich im folgenden Jahre unter seltsamen Umständen starb. Er hatte die Hochzeit seiner Schwester Margarete von Frankreich mit dem Herzog von Savoyen gefeiert, bei der auch ein Turnier stattfand. Heinrich forderte den jungen Grafen von Montgomery auf, mit ihm die Lanzen zu kreuzen. Dieser lehnte diese Ehre zunächst bescheiden ab, gab aber zuletzt dem Wunsche des Königs nach. Da ereignete sich ein seltsamer Unfall: die Lanze des Engländers durchstieß das Drahtnetz an Heinrichs goldenem Helm, drang in sein Auge und verwundete ihn schwer.

Nun erinnerte man sich an Lucas Gauricus' Warnung, aber auch an den 35. Vers im ersten Buche von Nostradamus' Centuries:

Der junge Löwe wird den alten besiegen
In einem Einzelkampf auf dem Rasen;
Er wird sein Auge in einem Käfig von Gold stechen,
Zwei Wunden eine, um einen grausamen Tod zu sterben.

Der 55. Vers des dritten Buches lautet:

In dem Jahre, wenn das eine Auge Frankreich regiert,
Wird der Hof in großer Unruhe sein,
Der Herr von Blois wird seinen Freund erschlagen,
Dem Königreiche wird es bös ergehen.

Daß Unruhe wegen des sterbenden „Einauges" vorhanden war, wußte jedermann am Hofe. Heinrich starb bald an seiner Wunde. Aber was bedeuteten die anderen Verse? Die drei jungen Prinzen, die nach Nostradamus' Worten alle einmal Könige sein sollten, sahen einem bösen Schicksal entgegen. Der erste, Franz II., war erst sechzehn Jahre alt. Er starb ein Jahr später. Der zweite, der zehnjährige Karl IX., bestieg den Thron unter der Regentschaft seiner Mutter. Aber Katharina ahnte allmählich, daß die prophezeiten königlichen Kronen ein und dieselbe waren. Im Jahre 1664 reiste sie mit Karl nach dem trostlosen, von der Pest befallenen Salon, um Nostradamus1 Rat zu erfragen. Wenig ist davon bekannt geworden, was der Seher der betrübten Mutter sagte. Der Hugenottensturm brach in Frankreich los und zerriß das Königtum in die Herrschaft einer intrigierenden Mutter und die eines Kindes. Die blutige Bartholomäusnacht schuf Haß und Entsetzen, und Karl starb mit zweiundzwanzig Jahren und ließ sein Land im Chaos zurück.

Der letzte der Prinzen wurde als Heinrich III. gekrönt. Er residierte in Vincennes und war der Zauberei und allem Okkulten zugetan. Manchmal zog er sich in den Pariser Turm in Vincennes zurück, und man erzählte sich entsetzliche Geschichten über seine Beschwörungen. Nach seinem Tode fand man die gegerbte Haut eines Kindes und teuflische Werkzeuge aus Silber, die seine Gegner sofort in einer Flugschrift abbildeten.

Heinrich III. hatte die Generalstaaten in Blois zusammengerufen. Dort ließ er seinen Freund, den Herzog von Guise, heimtückisch ermorden: „Der Herr von Blois wird seinen Freund erschlagen." Ein Bürgerkrieg brach aus, und in Paris kam es zum Aufstand. Eben als Heinrich im Begriffe war, die Stadt zu belagern (1589), ermordete ein Mönch namens Jacques Cle-ment den unfähigen König von Frankreich, und damit ging Nostradamus' Prophezeihung über Katharinas Familie in Erfüllung. Aber der Seher selbst sollte dies nicht mehr erleben; er starb 1566 unter Umständen, die er in seinen Centuries vorausgesagt hatte. Das letzte Gespräch mit einem Mitglied der königlichen Familie hatte er mit Karl IX., der ihm bei dieser Gelegenheit den Titel Hofrat und Leibarzt des Königs verlieh. Er hatte, an Wassersucht leidend, „zwischen Bett und Bank" (der Bank seines Schreibpultes) gelebt. Am 1. Juli 1566 morgens fand man ihn tot an seinem Schreibpult sitzend. Mehr als zehn Jahre vorher hatte der Prophet über sich geschrieben:

Zurück von der Gesandtschaft, Gabe des Königs, ans Zimmer gebunden,
Wird sie ihn nichts mehr nützen, wird er zu Gott gegangen sein,
Nächste Familie und Freunde,
Verwandte Finden schon tot ihn, nahe hei Bett und Bank.


Eine kleine Einführung in die seltsame Welt des Nostradamus-Deuters Manfred Dimde



© Copyright 2001 by JADU

www.jadu.de

Webmaster