
Erfurt nach einem Holzschnitt aus der Schedelschen Weltchronik 1493
Die deutsche Stadt im Mittelalter
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Im Straßenbild der heutigen Städte finden wir vielfach mittelalterliche Gebäude, Kirchen, Rathäuser und Bürgerbauten. Ganze Straßenzüge entsprechen dem Verlauf der mittelalterlichen Straßen. Teilweise können wir den Umfang und den Aufbau der Stadt auch heute noch abschreiten oder an den Resten von Mauern und Befestigungsanlagen uns ein Bild vom Aussehen unserer Heimatstadt in der Vergangenheit machen. Das Bürgertum trat in der Zeit vom 10.-15. Jahrhundert als neue Klasse neben der Hauptklasse der feudalen Gesellschaft, Adel und Bauern. Die Bürger waren in ihren Organisationsformen, ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihren Anschauungen Teile dieser Gesellschaftsordnung. Sie wurden zwar durch Abgaben, Steuern oder direkten Raub vom Feudaladel ausgebeutet; aber durch Warenproduktion und Geld brachten sie neue Züge in die Welt des Feudalismus. Eine Klasse freier Menschen, Kaufleuten und Handwerker entstand, wodurch das System der feudalen Abhängigkeiten durchbrochen wurde. Die selbstgenügsame Abgeschlossenheit der Naturalwirtschaft, in der jedes Dorf, jeder Fronhof fast alles, was zum Leben notwendig war, selbst herstellte, wurde durch den Warenverkehr überwunden. Die Ansammlung großer Kapitalien durch die Kaufleute, das Eindringen eines Teiles dieser Kapitalien in die Produktion und die Entwicklung der Technik durch die Handwerker, führten schließlich seit dem 15. Jahrhundert zum Zerfall des Feudalismus und zur Entstehung kapitalistischer Produktionsformen. Die Anfänge der deutschen Städtewesens sind kaum älter als 1000 Jahre. Die alte Römersiedlung in Köln, Trier, Regensburg und anderen Orten waren in den Kämpfen der Völkerwanderungszeit verödet. Nur als Sitz von Kirchenfürsten hatten sie noch Bedeutung, sonst waren sie im allgemeinen auf den Stand von Dörfern herabgesunken. Gewerbliche Produktion und Handel gab es in dieser Zeit kaum. Die Bauern erzeugten nicht nur die Lebensmittel, sondern auch die Textilien und Gerätschaften für sich selbst und ihre Herren, die Adligen an den Fronhöfen. Nur wenige Luxuswaren und vor allem Salz wurden von Fernhandelskaufleuten auf den alten Handelsstraßen oder zu Schiff auf den Flüssen und an der Küste entlang über große Strecken transportiert. Die Kaufleute zogen von Herrensitz zu Herrensitz, zu den Pfalzen der Könige, den Sitzen der Erzbischöfe und Bischöfe oder den regelmäßig stattfindenden Kirchenfesten, um dort ihre Waren feilzuhalten. Allmählich trennte sich die gewerbliche von der landwirtschaftlichen Arbeit, Schmiede, Schneider, Bäcker und andere Handwerker begannen die bäuerliche Arbeit weitgehend aufzugeben. So entstanden neben den größeren Herrensitzen Handwerkersiedlungen. Ebenso ließen sich die Kaufleute mit der Zeit an den Marktorten nieder, da sie an den Höfen der reichen Adligen einen festen Abnehmerkreis für ihre Waren fanden und in den Handwerkern Produzenten von Gütern, deren Transport und Weiterverkauf in entfernte Gebiete sie übernehmen konnten. So entstanden dort, wo Absatzmöglichkeiten, Rohstoffe und günstige Verkehrslage die Warenproduktion förderten, in Anlehnung an Bischofssitze, Pfalzen, Burgen und Klöster aus Märkten die mittelalterlichen Städte. Diese Siedlungen wurden in den nächsten Jahrhunderten befestigt, mit Wall und Graben, Palisaden oder Mauern umgeben. Die mittelalterlichen Bürger waren genossenschaftlich organisiert. Die Kaufleute waren in Gilden zusammengeschlossen und bildeten die wirtschaftlich stärkste Schicht der Städte, das spätere Patriziat. Die große Masse der städtischen Bürgerschaft waren Handwerker, ihre Organisationen waren die Zünfte oder Ämter, in denen die Arbeitszeit, die Qualität der Erzeugnisse, Absatz und Preise der Waren festgelegt und kontrolliert wurden. Ehrliche Geburt, ein anständiges Elternhaus, waren oft die Bedingungen für die Aufnahme eines Lehrlings. 3-5 Jahre betrug die Lehrzeit. Der junge Geselle mußte sich in der Arbeit bewähren, bevor er zur Meisterprüfung zugelassen wurde. Der Stolz auf den Beruf und die Güte der Waren, die aus vielen Zunftbestimmungen sprechen, zeigen eine neue, dem adligen Müßiggang feindliche Wertschätzung der Arbeit. Politische wurden die Städte anfangs von adligen Stadtherren beherrscht, denen die Bürger ähnlich wie die Bauern Abgaben zu entrichten und Frondienste zu leiten hatten. Den Stadtherren unterstand das Gericht; sie hatten für die Ordnung an den Markttagen zu sorgen und die Siedlung gegen äußere Feinde zu schützen. Mit dem Wachstum der Städte wurde das Bürgertum stark genug, diese Funktionen selbst zu übernehmen. Die Stadtbevölkerung kämpfte daher gegen die feudalen Stadtherren um die Befreiung von den feudalen Lasten und um die Schaffung einer städtischen Selbstverwaltung. Vor allen Dingen forderte sie das Marktrecht, das Zollrecht und eine eigene Gerichtsbarkeit. In vielen Städten gelang es dem Bürgertum, das Recht der Selbstverwaltung zu erkämpfen. Die Merkmale der mittelalterlichen Stadt seit diesen Kämpfen sind: Markt, Selbstverwaltung, eigenes Recht und Gericht, Befestigung. Um sich in den Kämpfen der Feudalzeit als selbständige Gemeinwesen behaupten zu können, bildeten die Städte seit dem 13. Jahrhundert häufig Bünde, die gemeinschaftlich dem Adel Widerstand leisteten und durch Handelsabkommen über Preise, Qualität der Waren und Schutz der Transporte Produktion und Handel förderten. Durch Deutschland gingen mehrere Fernhandelsstraßen. Deutsche Kaufleute vermittelten aus Oberitalien orientalische Tuche, Luxuswaren, Gewürze und Waffen. Sie brachten aus Polen Vieh bis nach England, aus Norwegen Stockfisch oder Hering bis nach Italien, aus Flandern Tuche nach Rußland und von dort Pelze, Honig und Holz nach Mittel- und Westeuropa. Die Mittlerstellung des deutschen Kaufmannes aber bewirkte, daß sich mehrere Wirtschaftszentren bildeten, vorwiegend in den Randgebieten, in Oberdeutschland, am Rhein, an der Nord- und Ostseeküste und im heutigen Mitteldeutschland an der damaligen Grenze nach den slawischen Gebieten und Polen. Sie waren untereinander verbunden, doch hinderten die staatliche Zersplitterung, die verschiedenen Maße, Münzen, Gewichte und Zölle in Deutschland die Herausbildung eines geschlossenen inneren Marktes.
Der wachsende Bedarf des Handels führte zu einer straken Ausdehnung der Warenproduktion. In einzelnen Zweigen der gewerblichen Produktion wurden die Arbeitsinstrumente vervollkommnet, wie die Drehbank und Webstuhl. Im allgemeinen beruhte der technische Fortschritt auf einer steigenden Spezialisierung der Handwerke. So spaltete sich das ursprünglich einheitliche Handwerk in 30 - 40 verschiedene Zünfte. Die weitgehende Arbeitsteilung machte es möglich, daß der einzelne Handwerker auf seinem Spezialgebiet wirkliche Meisterschaft erringen konnte. Hierauf beruhte die große Kunstfertigkeit, die wir noch heute an den Produkten der mittelalterlichen Handwerker bewundern. Auch die landwirtschaftliche Produktion wurde teilweise durch den Handel verändert. Die Bauern verkauften nunmehr ihre Erzeugnisse auf den städtischen Märkten und kamen immer mehr davon ab, sämtliche Bedarfsgüter des täglichen Lebens selbst herzustellen. Sie gingen auch dazu über, Rohstoffe für das städtische Gewerbe anzubauen, so Farbpflanzen, wie den Waid, oder Flachs. Die steigende Warenproduktion bewirkte ein wirtschaftliches und politisches Erstarken der Zünfte, die sich seit dem 14. Jahrhundert gegen die Vorherrschaft der der patrizischen Kaufmannsgeschlechter erhoben. Die Handwerker forderten vor allen Dingen Beteiligung an Rat und Gericht, um so auch Einfluß auf die städtischen Innen- und Außenpolitik zu erringen, die bisher ausschließlich von den Kaufleuten bestimmt wurden. Die Aufstände der Zünfte waren in Gewerbestädten West- und Süddeutschlands meistens erfolgreich. In den Städten, die vorwiegend Zwischenhandel funktion hatten, wie z. B. Lübeck, wurden sie niedergeschlagen, da sich in diesen Städten kein Exportgewerbe entwickelt hatte. Hier arbeitete das Handwerk vorwiegend für den Bedarf der Stadt und der umliegenden Dörfer oder erledigte Zubringerarbeiten für die Kaufleute, wie z. B. die Böttcher, die Fässer zum Verpacken der Fische und der anderen Handelswaren herstellten. Auch innerhalb des Handwerks gab es große Besitzunterschiede. Die reichen Handwerksmeister gingen immer mehr dazu über, die Gesellen zu unterdrücken und auszubeuten. Sie hinderten sie daran, selbst Meister zu werden durch Verteuerung des Meisterstückes oder Beschränkung der Zahl der Meistergesellen. So waren sie gezwungen, als ewige Gesellen ihr ganzes Leben lang gegen Lohn zu arbeiten.
Außerdem hatte sich in den Städten eine zahlreiche Schicht von Menschen angesammelt, die keine Bürgerrechte hatten und als Tagelöhner, Dienstboten, Transportarbeiter u.ä. arbeiteten. Das waren die sog. Plebejer, vielfach in die Städte geflüchtete Bauern, die hier von der Bedrückung durch ihre adligen Herren Schutz suchten und fanden, denn es galt der Satz "Stadtluft macht frei". Oder es waren verarmte Handwerker, denen die Zunftbestimmung die Möglichkeit zur Ausübung ihres Berufes nahmen. Gesellen und Plebejer wehrten sich gegen die Verschlechterung ihrer Lebensverhältnisse. Die Gesellen schlossen sich seit dem Ausgang des Mittelalters in Bruderschaften zusammen, boykottierten besonders berüchtigte Meister und selbst ganze Städte. Sie schritten auch zur Arbeitsniederlegung, zum Streik, um so bessere Lebensbedingungen für sich zu erkämpfen. Dabei handelte es sich nicht nur um Lohnfragen. Die Gesellen lebten im Hause des Meisters und wurden von ihm beköstigt. Oft durften sie nicht heiraten. In ihrem Streit mit den Zünften hatten die Gesellen die städtischen Gerichte gegen sich, denn in ihnen saßen jetzt Patrizier und Handwerksmeister gemeinsam. Manchmal fanden diese Bewegungen ihren Ausdruck in ketzerischen Sekten, deren Mitglieder vom Kommen des Reiches Gottes auf Erden träumten, da ihnen die kargen Verhältnisse ihres Alltags die Lebensfreude nahmen, und sie kaum Aussicht auf Besserung sahen. Zu dieser Zeit aber begannen die Bedürfnisse der weitläufigen Handelsbeziehungen und die Erfindungen kunstreicher Handwerker die Grenzen des mittelalterlichen Wissens zu sprengen. Einzelne Kaufleute begannen Handwerker von sich abhängig zu machen. Sie lieferten ihnen die benötigten Rohstoffe und zwangen sie, die fertigen Produkte nicht selbst zu verkaufen, sondern dem Händler zu überlassen. So entwickelte sich vor allem in der Weberei allmählich das Verlagssystem. Auch in den Bergbau drang das Handelskapital ein.
Um 1450 erfand J. Gutenberg die Kunst des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Diese große Erfindung war eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der nationalen Schriftsprache. Gedruckte Flugblätter mit Liedern und Illustrationen und Berichten über zeitgenössische Ereignisse wurden auf den Märkten feilgehalten. Immer mehr Menschen lernten lesen, ein Kunst, die vorher nur den Geistlichen oder gebildeten Adligen und Bürgern vorbehalten war. Erst dadurch konnte sich später die Idee der frühbürgerlichen Revolution, der Reformationen und des Bauernkrieges, so schnell und so weit verbreiten. Auf der Suche nach direkten Seewegen zu den orientalischen Gewürzen und den sagenhaften Goldländern stießen kühne Seefahrer weit in bisher unentdeckte Gebiete vor. 1492 entdeckte Kolumbus Amerika; 1498 umsegelte Vasco da Gama Afrika. Das alte kirchliche Weltbild wurde erschüttert. Schon 1492 entstand der erste Globus, auf dem Amerika allerdings noch nicht eingezeichnet war, der uns aber zeigt, daß die Menschen die Erde bereits als Kugel auffaßten und damit die Möglichkeit ihrer völligen Erschließung vorwegnahmen.
Die Selbstbefreiung des Bürgertums aus den feudalen Fesseln kündigte sich auch in der Kunst an. Holzschnitt und Kupferstich ermöglichten die Reproduktion von Kunstwerken in größerer Anzahl, während die Menge des Volkes vorher nur in den Kirchen die großen Leistungen der deutschen Künstler bewundert konnte. Noch war der Inhalt dieser Kunst vorwiegend religiös, aber die Art der Darstellung bereitete die Hinwendung zu wirklichen Leben vor. Die Mutter Gottes thronte nicht mehr in den Wolken, fern von den Menschen, sondern der Künstler fand menschliche Züge und zeigte sie als einfache Mutter, als die Frau Gevatterin, die dem Handwerker vertraut und lieb war. Auch die deutsche Landschaft fand Eingang in die kirchliche Kunst. An Stelle des Goldhintergrundes trat die eigene Stadt oder das umliegende Land. So wurde in Deutschland im 15. Jahrhundert der Erlebnisbereich der Menschen in die künstlerische Darstellung einbezogen. Das deutsche Bürgertum spielte im Mittelalter eine bedeutende fortschrittliche Rolle. Die Warenwirtschaft überwand die Abgeschlossenheit der einzelnen gebiete und schloß große Räume zu wirtschaftlichen Einheiten zusammen.
Ein Klasse freier arbeitender Menschen entstand und errang im Kampf gegen die feudalen Kräfte Rechte und Selbstverwaltung. Kaufmannskapital und Erfindungen der Handwerker waren Vorraussetzungen für den Verfall des Feudalismus und die Entstehung kapitalistischer Produktionsformen. Die hochstehende geistige und materielle Kultur des Bürgertums, seine Bauten, seine Kunst, das überlieferte Handwerksgut sind Zeugnisse der Kämpfe und des Könnens unserer Vorfahren in ganz Deutschland. Quelle: Museum für deutsche Geschichte, von rado jadu 2001 |
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