Die Totentänze des Mittelalters
Es ist nicht zu verwundern,
daß die Idee des Todes auf die Phantasie des Mittelalters einen
größeren Einfluß ausgeübt zu haben scheint als auf
irgendein anderes Zeitalter. Sie entsprach eben der mittelalterlichen
Asketik und Weltverachtung. Selbst dem sangesfrohen Walther von der Vogelweide
und dem ritterlich gesinnten Konrad von Würzburg erschien Frau Welt
als eine unheilvolle Verführerin, deren Antlitz liebreizend und verlockend
ist, an deren Rücken aber grauenhaftes Gewürm, Schlangen, Kröten
und Nattern drohen. Weit verbreitet in ganz Europa war im 13. und 14.
Jahrhundert die Erzählung von den drei Toten und den drei Lebenden:
wie auf die Jagd drei edle Jünglinge im Walde auf drei halbverweste
Leichname stoßen und von ihnen traurige Lehre über die Nichtigkeit
des Daseins und die Allmacht des Todes empfangen. Und 150 Jahre vor Holbein
hatte ein unbekannter Meister in den Fresken des Campo Santo zu Pisa ein
umfassendes Bild von dem Triumphzug des Todes entworfen, wie er mit seiner
Sense alles niedermäht, Kaiser, Papst, Fürsten und Bischöfe,
Ritter und damen, Lebenslust und Liebesfreude, nur die elenden und Krüppel
verschonend, so flehentlich sie auch die Hände nach ihm ausstreckten.
Die
populärste darstellungsform dieser Universalherrschaft des Todes
war seit dem 14. Jahrhundert die Vorstellung eines Tanzes geworden, eines
Tanzes, zu dem der Tod die Lebenden auffordert und, wenn sie sich weigern,
zwingt. Solche Totenspiele, von denen das englische Morality play "Every
man" in unsern Tagen eine späte Nachblüte erlebt hat, fanden
gewöhnlich in der Kirche statt. In der Nähe der Kanzel ist eine
einfache Bühne errichtet, von zwei Seiten her zugänglich. die
eine Seite bedeutet das Grab. Von dieser Seite tritt zunächst der
Tod auf, ein grinsendes joviales Gerippe. Er proklamiert seine Herrschaft
über die ganze Welt und, um dieselbe praktisch zu beweisen, ruft
er als ersten den Papst auf, vor ihm zu erscheinen. Der Papst erscheint
von der anderen Seite her, gegen das Gebot des Todes protestierend und
sein Schicksal beklagend. Der Tod nähert sich ihm, ergreif ihn bei
der Hand, verwirft seine Einwendungen und Klagen, zieht ihn tänzelnd
mit sich über die Bühne nach der Seite des Grabes und stößt
ihn endlich in dasselbe hinein. dann kehrt er zur Mitte der Bühne
zurück, ruft der Reihe nach alle geistlichen und weltlichen Würdenträger,
alle Stände, alle Altersklassen, und tanzt mit jedem einzeln in gleicher
Weise ab - alles dies begleitet von einer einförmigen, sich stets
wiederholenden Melodie.
Dies
also - denn ähnliche Darstellungen sah man von Künstlerhand
überall an Kirchen- und Klostermauern, in Kreuzgängen und Friedhöfen
- dies war das überlieferte Material, welches Holbein vorfand, als
er um das Jahr 1524, mitten in den Kämpfen der reformation, die vierzig
Holzschnitte entwarf, die alles in allem die geistig bedeutsamste Schöpfung
seines Lebens sind.
Holbeins Totentanz würde nicht entstanden sein ohne mittelalterlichen
Vorfahren. In gewissen Sinne ist er selbst noch mittelalterlich. Er beruht
bis zu einem gewissen Grade auf demselben Klassenbewußtsein wie
jene älteren Darstellungen des Gegenstandes. Und er macht denselben
Appell an die Vorstellungsart der breiten Massen durch die grelle Vorführung
der demokratischen Unparteilichkeit des Todes. Aber während die älteren
künstler sich damit begnügten, die Universalherrschaft des Todes
im allgemeinen darzustellen und sie darzustellen durch die einförmige
Konzeption eines immer wiederholten Tanzes, ist Holbeins sog. Totentanz
in Wirklichkeit überhaupt kein Tanz des Todes. er besteht vielmehr
aus einer Reihe selbständiger dramatischer Szenen, mit immer neuen
Motiven, immer neuen Situationen und Charakteren. Und als Ganzes geben
uns diese Szenen ein höchst individualisiertes Bild, eine beißende,
zerfetzende Satire einer ganz bestimmten Zeit, der sozialen und sittlichen
Zustände Deutschlands in der Frühzeit der Reformation und des
Bauernkrieges.
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