Mittelalter

Wielands Wette mit Amilias

In der Burg Nidung's war ein Schmied Namens Amilias, der schmiedete dem König alles, was zu schmieden war. Zu dessen Werkstätte ging Wieland, aber er fand niemand dort, denn Amilias war mit seinen Gesellen zum Essen gegangen. Wieland stellte sich nun an den Amboß und schmiedete ein Messer, das dem von ihm verlorenen völlig glich, und machte darauf ein Nagel mit drei Knoten und ließ ihn auf dem Amboß liegen, das Messer aber nahm er mit sich. Und all dieses hatte Wieland vollendet, ehe Amilias mit den Gesellen wieder zurück kam und bevor der König wieder zu Tische ging.

Als Amilias in die Schmiede kam und den Nagel fand, frug er, wer ihn geschmiedet habe, aber niemand wußte es zu sagen. Inzwischen war Wieland zur Halle gegangen, stand vor des Königs Tisch wie zuvor und tat, als ob nichts vorgefallen wäre. Der König nahm das vor ihm liegende Messer, schnitt ein Semmelbrot entzwei und dabei schnitt er tief in den Tisch hinein. Da wunderte sich der König sehr, wie die Klinge plötzlich so scharf geworden war, und fragte Wieland: "Wer hat wohl dieses Messer gemacht?" Wieland antwortete: "Wer anders wird das getan haben, als Euer Schmied Amilias, der alle Eure Messer und alles, was Ihr schmieden lasset, gemacht hat."

Da ließ der König den Amilias holen, und dieser bestätigte es, indem er sprach: "Herr, ich habe dieses Messer gemacht, wie alle anderen hier, Ihr habet ja keinen anderen Schmied als mich." "Niemals sah ich eine so scharfe Klinge aus deinen Händen kommen," entgegnete der König, "du schmiedetest dieses Messer keinenfalls!" er sah mit forschendem Blicke auf Wieland und frug: "Sag an, hast du das Messer gemacht?" Da zauderte Wieland mir der Antwort und sprach endlich: "Es wird so sein, Herr, wie Amilias sagt." "Wenn du nicht die Wahrheit sagst," drohte ihm der König, "so hast du meinen Zorn." "Eurem Zorn will ich nicht haben, Herr," entgegnete Wieland, "wenn ich es vermieden kann." Und er kündete darauf, wie er das Messer verloren und dafür ein anderes gemacht habe. "Ich dachte mir wohl," sprach der König, "daß Amilias dieses Messer nicht geschmiedet habe, nimmer besaß ich zuvor eine solche scharfe Klinge als diese ist." Amilias vermochte nicht zu schweigen. "Es ist möglich," sprach er, "daß Wieland dieses Messer geschmiedet hat, das so gut sein soll, aber ich kann nicht zugeben, daß mein Geschmiede geringer sei. Ich will zuvor unser beider Geschicklichkeit prüfen, ehe ich mich den ungeschickteren nennen lasse."

"Geringes nur verstehe ich," entgegnete Wieland, "aber das, was ich kann, verberge ich nicht. Mach du ein Stück, ich will ein andres machen, dann kann man beurteilen, welches das bessere ist." "Es sei so," rief Amilias, "darauf laß uns wetten." "Ich habe wenig Hab und Gut," entgegnete Wieland, "aber ich will dennoch gern daran setzen, was ich vermag, wenn es dir gut scheint."

"Wenn du kein Hab und Gut hast, " rief Amilias "so setze dein Haupt daran, und ich setze das meine dagegen. Der aber, welcher der geschicktere ist, soll das Haupt des andern abhauen." "Es sei so, " sprach Wieland, "aber sag an, was willst du schmieden und wie können wir es prüfen?" "Du kannst ein Schwert machen," rief Amilias, so gut du es vermagst, ich aber will Helm und Panzer fertigen. Wenn nun dein Schwert mein Geschmiede zerschneidet, so daß du mich zu verwunden vermagst, so gehört dir mein Haupt. Wenn deine Klinge das aber nicht vermag, so zweifle nicht daran, daß ich das deine mir hole."

"Das will ich gern eingehen, " rief Wieland, "nimm dein Wort nicht zurück und halte, was du sagst." "Ich will einen Bürgen für mich stellen," sprach Amilias, "daß ich mein Wort nicht breche." Alsbald waren hiezu die zwei besten Ritter aus des Königs Gefolge bereit.

"Wo sind nun deine Bürgen?" fragte höhnisch Amilias. "Ich weiß nicht wer für mich bürgen soll," sprach Wieland, "da ich hier unbekannt bin, und keiner weiß, was ich leisten kann." Niemand mochte für Wieland eintreten, bis endlich der König, der an dem ausnehmend gut und künstlich gefügten Stamm, in dem Wieland ans Land geschwommen war, dachte, also sprach: "Ich selbst will für dich bürgen, denn alles, was du gefertigt hast, ist wohl und gut gemacht."

Also war der König für Wieland, und die beiden Ritter für Amilias Bürgen, und das binnen Jahresfrist zu erfüllende Handgelöbnis war demgemäß wohl befestigt. Amilias ging nun an demselben Tag mit seinen Gesellen zur Schmiede und begann mit der Arbeit, die er die ganze Zeit hindurch Tag für Tag fortsetze. Wieland aber diente jeden Tag an des Königs Tisch und tat, als ob gar nichts vereinbart wäre. Auf diese Weise ging die Hälfte des Jahres vorüber.

Nun geschah es eines Tages, daß der König sich erkundigte, wie Wieland seine Wette lösen oder wann er mit dem Schmieden beginnen wolle. "Sobald Ihr mich dazu ratet, Herr," entgegnete Wieland untertätig, "aber ich möchte Euch höflich bitten, daß Ihr mir eine Schmiede bauen lasset, worin ich ungestört arbeiten kann." Seiner Bitte wurde sogleich entsprochen und ihm eine Schmiede samt Geräte fertig gestellt.

Als nun das Haus fertig war, ging Wieland an den Ort, wo er sein Gut und sein Werkzeug verborgen hatte. Da war die Stätte aufgewühlt, der Stamm aufgebrochen und der ganze Inhalt desselben weggenommen. Da gefiel dem armen Wieland übel, und er dachte nach, wer wohl der Räuber sein könnte. Plötzlich fiel ihm ein, daß ein Ritter damals zugesehen hatte, als er den Stamm vergrub. Niemand anders, als dieser konnte der Täter sein, aber er wußte den Namen des Ritters nicht. Da ging er zu dem König und berichtete diesem die ganze Begebenheit.

Der König war sehr ärgerlich über die Sache und fragte, ob Wieland den mann wohl wieder erkennen werde.

"Erkennen würde ich ihn sicherlich," entgegnete Wieland, "wenn ich auch seinen Namen nicht weiß." Da ließ der König ein Thing berufen und gebot jedem Mann in seinem Reich, hier zu kommen. Keiner von allen wußte, was dieses bedeute, aber sie kamen trotzdem insgesamt zur Versammlung an dem bestimmten Tag. Als nun die Männer beisammen waren, da beschaute Wieland jeden einzelnen, um den Dieb herauszufinden. Er konnte ihn aber nicht entdecken und sagte dies dem König.

Nidung geriet darüber in große Unmut und schalt ihn schwer. "Du besitzest viel weniger Verstand als ich glaubte," rief er laut, "in Fesseln sollte ich dich werfen, da du meiner so schlimm gespottet hast. Deinetwegen berief ich das Thing, alle Männer meines Reiches sind gekommen und derjenige, der dir dein Gut und Werkzeug genommen haben soll, muß also dabei sein, aber du erkennst ihn nicht, du kurzsichtiger Tor!" Erzürnt ging der König vom Platz und alles andere Volk mit ihm. Wieland aber stand in Trauer allein, ihn deuchte es gar übel, Gut und Werkzeug verloren und dafür den Zorn und die Ungnade des Königs Nidung empfangen zu haben.

Er besann sich, wie er aus dieser schlimmen Lage herauskommen könne, und fing es folgendermaßen an: Er begab sich in seine Werkstatt, schmiedete eifrig und bildete eine Gestalt einem Ritter so ähnlich an Aussehen wie nur möglich. Eines Tages nahm er das Kunstwerk und setzte es in eine Ecke, an welcher der König vorbei mußte, wenn er schlafen ging. Eifrig diente er dem König diesen ganzen Tag wie die andern Hofleute. Am Abend wollte Nidung zur Kammer gehen, und Wieland trug die Fackel. Plötzlich stand stand der König still und sprach: "Heil dir und willkommen, Freund Regin! Wann kamst du und wie erging es dir mit den Geschäften, wegen deren ich dich entsandte?" Die Gestalt in der Ecke blieb stumm, Wieland aber sprach: "Herr, dieser Ritter wird ewig stumm bleiben und Euch nichts antworten. Ich machte dieses Bild nach meinem Gedächtnis. Also sieht der Mann aus, den ich für den Meintäter halt."

"Allerdings konntest di diesen Mann nicht hier finden," sprach der König, "denn ich entsandte ihn nach Schweden in wichtigen Geschäften, aber du bist fürwahr ein geschickter und kunstreicher Mann und keineswegs ein Tot, sondern besonders klug und weise. Wenn Regin dich beraubt hat, so verschaffe ich dir dein Eigentum wieder und ich will die Schelte und Schmach, die ich dir angedeihen ließ, wieder gut machen."

Bald darauf kehrte Regin heim, und der König fragte ihn sofort um die Sache. Da gestand er es ein und sagte, er habe es nur aus Scherz getan. Auf diese Weise erhielt Wieland sein Eigentum wieder. Er war darüber sehr froh und diente dem König mit ganz besonderer Sorgfalt, und damit gingen wieder vier Monate hin.

Quelle: Nordland Sagen, Paul Neff Verlag, 1895, von rado jadu 2001

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