Mittelalter

Wielands schmiedet das Schwert Mimung

Als nun die für die Wette festgesetzte Zeit ihrem Ende nähte, fragte der König endlich, warum er denn eigentlich gar nicht an die versprochene Arbeit gehe. "Sogleich will ich schmieden," entgegnete Wieland,"wenn es Euch gut scheint, und Ihr es mir ratet." "Es liegt dir schweres auf," entgegnete Nidung, "denn du hast es mit einem geschickten, aber bösen Manne zu tun. Geh darum zur Schmiede und beginn das Werk!"

Alsbald ging Wieland zur Werkstatt, schmiedete und machte ein Schwert in der Frist von sieben Tagen. Am siebten Tage kam der König selbst zu ihm, und Wieland zeigte ihm das Schwert, über dessen schärfe sich Nidung höchlich wunderte. Er glaubte nimmer ein besseres und schöneres gesehen zu haben. Wieland aber bat den König, mit ihm an den Strom zu gehen. Dort nahm er eine Wollflocke, einen Fuß dick, warf sie ins Wasser, damit sie mit dem Strom treibe, setzte die schneidende Klinge in den Fluß, wendete sie gegen die im Strom treibende Wolle, und siehe da, das Schwert zerschnitt die Flocke.

"Das ist ein gutes Schwert," sprach der König, "das will ich selbst tragen." "Geduldet Euch, Herr," entgegnete Wieland, "es soll noch viel besser werden." Der König ging nun vergnügt zur Halle zurück, Wieland schritt zur Schmiede, nahm eine Feile und zerfeilte das ganze Schwert zu Spänen. Diese nahm er, mischte sie mit Weizenmehl und gab es Gänsen als Futter, die er drei Tage lang nichts hatte fressen lassen. Dann nahm er den Vogelkot, schmolz ihn in der Esse, und schied so aus dem Eisen alles Ungehärtete. Daraus machte er ein Schwert, kleiner aber schärfer als das vorige.

Sobald Nidung das Schwert in Wielands Schmiede sah, wollte er es mit sich nehmen, da man, wie er meinte, in der Tat kein köstlicheres Kleinod gewinnen könne als dieses Gewaffen.

"Dies Schwert ist zu loben," sprach Wieland, "aber wir wollen es prüfen, denn es soll das beste Gewaffen der Welt werden." Sie gingen nun miteinander zum Fluß. Wieland warf ein zwei Fuß dicke Wollflocke vor das Schwert und die Klinge schnitt die Flocke mitten entzwei. "Nimmer wird man ein besseres Schwert finden auf der Männererde," sprach der König, aber Wieland sagte daß er es noch schärfer und härter machen wolle. Dies gefiel dem Herrn wohl, und er ließ Wieland mit Vergnügen zur Schmiede gehen und die Waffe nochmals in der bisherigen Weise umschmieden.

Als nun drei Wochen vorüber waren, hatte Wieland ein Schwert gefertigt, das einen prächtigen Griff hatte und dessen Klinge mit Gold eingelegt und poliert war. Wiederum schritt er mit dem König zum Strom, er hatte eine drei Fuß dicke Wollflocke zur Hand, die er in den Strom warf und das Schwert ruhig dagegen hielt, und die Klinge zerschnitt die Flocke so leicht, wie das Wasser des Stromes.

Da sprach Nidung bewundernd: "Wenn man auch durch die ganze Welt suchte, würde man kein so gutes und schönes Schwert wie dieses finden. Dies Schwert will ich führen, wenn ich mit meinen feinden zusammen komme."

"Dieses Schwert soll niemand besitzen, als Ihr, Herr König," sprach Wieland, "aber zuvor will ich es mit Scheide und Gehänge ausrüsten, damit es eine würdige Königswaffe sei."

Nidung war ganz damit einverstanden, und Wieland ging nun zur Schmiede und machte noch ein zweites Schwert, das dem ersten so ähnlich war, daß es niemand unterscheiden konnte. Das erste sorgfältiger geschmiedete aber versteckte er unter die Schmiedebälge und sprach: "Mimung nenne ich dich, meinem ersten Meister zu Ehren! Liege du hier in Ruhe, wer weiß, ob ich deiner nicht einmal bedarf!"

Wieland hatte nun sein Werk vollendet und ging jeden Tag zu des Königs Tisch und diente ihm in gewohnter Weise bi zu dem festgesetzten Tag. Als dieser gekommen war, nahm Amilias schon in aller Frühe seine Eisenhosen, spannte sie um, ging hinaus auf den Markt und zeigte sich darin. Da bewunderten alle die vortreffliche, ausnehmend gut geschmiedete Rüstung und rühmten den fleißigen und geschickten Schmied. Als nun das Frühstück kam, stülpte er sich die Brünne über; die war weit und lang und zweifach gearbeitet. Stolz ging er so zu des Königs Halle, und alle meinten, dies sei die stärkste und beste Brünne, die sie jemals gesehen hätten. Als er nun vor den Tisch kam, setzte er auch noch den Helm auf das Haupt, der war fein poliert, wunderstark und hart, und dem König gefielen diese Waffen wohl.

Nachdem das Mahl beendet war, ging Amilias mit Wieland und dem König hinaus auf einen Platz, wo ein Stuhl stand. Auf diesen setzte sich der Schmied und sagte, daß er bereit sei, die Wette auszumachen. Wieland schritt schweigend zu seiner Schmiede, holte das Schwert Mimung und kam mit der haarscharfgeschliffenen, harten Klinge wieder. Er trat hierauf hinter den Stuhl und setzte die Schärfe des Schwertes auf den schweren Helm des Amilias, dessen Spange wie Talg zerschnitten wurde, indem er zugleich fragte, ob er etwas spüre. Da rief Amilias siegesstolz: "Hau zu mit aller Kraft, du wirst s nötig haben!" Jetzt drückte Wieland kräftig mit dem Schwerte, daß es durch Helm, Haupt und Brünne hindurchfuhr bis auf die Gürtelschnalle.

"Was ist das?" frug Amilias. "Mir ist, als ob kaltes Wasser durch meinen Leib flösse." "Schüttle dich," rief Wieland. Amilias wollte es tun, aber es fiel dabei in zwei Stücken vom Stuhl und war tot. Staunend sahen es die Männer, und mancher sprach: "Stets, wenn der Hochmut sich am höchsten hebt, kommt der schnellste Fall."

Jetzt begehrte der König das Schwert von Wieland, damit er von nun an die gute Waffe trage. "Laßt mich erst die Scheide und das Gehänge holen, Herr," entgegnete Wieland, "dann will ich Euch alles zusammen übergeben."

Der König war damit einverstanden, Wieland aber warf in der Werkstatt den Mimung unter die Schmiedebälge, steckte dafür das andre Schwert in die Scheide und brachte es dem König. Der König nahm es mit großem Dank und glaubte sicher, das wunderscharfe Schwert zu besitzen, das er für das größte Kleinod der Welt hielt. Wieland kam nun zu hohen Ehren. Er schmiedete dem König allerlei Kleinode aus Gold, Silber und Erz, und so berühmt wurde er in den Nordlanden, daß man von einem Schmied, der besser als andere zu schmieden verstand, sagte: Er wäre ein Wieland an Kunst und Geschick.

Quelle: Nordland Sagen, Paul Neff Verlag, 1895, von rado jadu 2001

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