HOME Die Welt der Wikinger, Normannen und Waränger Germanen Mittelalter - Index

Das römische Weltreich war zusammengebrochen. Rom, das Maß und Ziel aller Dinge, die ewige Wertsetzung in der Erscheinungen Flucht, Grundlage und Inhalt der weitgespannten abendländischen Herrschaft über die Welt: Rom war nicht mehr. Das bedeutete mehr als den Zusammenbruch eines bloß politischen Systems. Es war der Untergang eines geistigen Prinzips, dessen Inhalt zwar ausgebrannt und erloschen war, das aber doch selbst in seinem bloß formalen Rest noch immer ein zutiefst fortwirkendes Moment der Ordnung darstellte. Im Donner des Germanensturms war eine uralte Welt abgetreten und in die Geschichte eingegangen; in schweren Wehen rang sich eine neue aus dem Schoße der Zeiten empor in das Licht des Tages, von konvulsivischen Zuckungen erschüttert, aber doch schöner und zukunftsschwerer Ahnungen voll.

Hand in Hand mit der geistigen Vernichtung Roms ging seine geographische Zerstörung. Neue eiche tauchen auf den alten Böden auf, ohne feste Begrenzung, ohne Arealbestimmung, der geschichtlichen Erinnerung kaum den Namen überlassend. Zerstörung und Zusammenstoß, Umbildung und Neuschöpfung folgen in unablääsigen Wechsel aufeinander. Nie gekannte Völker überfluten die alten Räume, alles mit sich wegschwemmend, in tollem Wirbel vernichtend, was jener alten Welt teuer und heilig war. Viele, bis dahin gut bekannte Gebiete und Vorstellungen verschwinden fast ganz aus dem Gesichtskreis. Asien, das seit den Tagen des Großen Alexander ein festumrissener Begriff gewesen, versinkt in die Dämmerung der Sagen und Fabeln. Andere Erdteile gehen vollständig verloren und sind nicht einmal mehr dem Namen nach bekannt. England, das mehr als tausend Jahre vorher erforscht und im wesentlichen erkundet wurde, wird vom sechsten nachchristlichen Jahrhundert zueiner Art Hölle gemacht.

"Brittia wird durch eine hohe Mauer in eine Ost- und Westhälfte getrennt," erzählt der Historiker Prokop seinen Zeitgenossen. "Auf der Ostseite ist alles so wie wir es kennen, im Westen dagegen gibt es so viele Nattern, Schlangen und giftige Lebewesen, ist die bloße Luft so verderbt und pestilenzialisch, daß ein Mensch, der die mauer nach Westen übersteigt, sofort tot zu Boden stürzt. Ja noch furchtbarer! Nach dem Westen reisen die Seelen der Abgeschiedenen. Nachts pflegen sie die Fischer und bauern aus dem Schlafe zu wecken, um sich in jenes Westland übersetzen zu lassen."

Solche Mären erfüllen den Beginn der neuen Zeit und werden für ernsthafte Wissenschaft genommen. Natürlich ging der Handel trotzdem seine Wege und ließ sich davon nicht beirren. Aber die Zeit großer, kühner Unternehmungen war vorbei. Man war zufrieden, sein Leben fristen zu können und empfand keinerlei Anreiz, es der weiten Welt wegen, die draußen vor den Toren irgendwo begann, unnötig aufs Spiel zu setzen.

In dieser Epoche ging daher die von den Römern hinterlassene Aufgabe der Welteroberung auf ein Volk über, das in sich geschlossen und gereift genug war, sie zu erfüllen: auf die Araber. Immerhin war deren Tätigkeit durch den ungeheuren Umfang der schon von den Römern vor ihnen erforschten Gebiete im wesentlichen auf die bekannte Dikumene festgelegt. Es scheint lebensgesetzlich bestimmt zu sein, daß neue Erdräume immer nur erschlossen werden, wenn die bekannte Welt nicht mehr auszureichen beginnt, wenn die technischen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten der Menschen so gewachsen sind, daß sie sich auch in weiter Ferne eine Heimat zu schaffen in der Lage ist. Dazu war aber zu dieser Zeit keinerlei Anlaß gegeben. Zwar erfolgte in den Stürmen der Völkerwanderung eine tiefgreifende Verlagerung der Schwerpunkte, aber von einem im Inneren gegebenen Überdruck, der in die Welt hinausgezwungen hätte, konnte im ganzen gesehen doch keine Rede sein.

So wächst das geographische Wissen der Welt durch die Arbeit der Araber einmal nach dem Osten und Nordosten, also in die Gegenden am Indischen Ozean, zum andern nach Süden, nach Afrika. Arabische Geographen untersuchen die Gebiete um Kaspisches Meer und Aralsee, gehen nach Turan und Tienschan, nach Tibet und anscheinend auch nach China. Selbst Gerüchte über das Vorhandensein eines weiteren großen Kontinents, Australien, scheinen bis nach Arabien gedrungen zu sein. in Afrika war die ganze Ostküste bis Sofala und Madagaskar ein Handelsdominium der Araber, während sie an den Westküsten Afrikas nicht entfernt soweit vordringen wie die Alten. Dafür scheint ihnen aber Innerafrika wieder bekannter gewesen zu sein, und es ist durchaus möglich, daß arabische Karawanen bis nach Timbuktu, der afrikanischen Metropole jener Jahrhunderte, vorgedrungen sind. Aber auch nördlich wandern sie, hier freilich fast ausschließlich auf den Spuren der Römer. Der Geograph Edrisi kannte nicht nur England aus eigenem Erleben, er war auch einer der ersten, der von seinen Reisen eine dunkle Kunde von Grönland und dem ewigen Eise des Nordens mitbrachte. TRotzdem haben sich die Araber im wesentlichen darauf beschränkt, die Kenntnis der schon entdeckten Welt zu vertiefen. Die Auffindung neuer Gebiete ist ihnen auch nicht entfernt in dem Umfang zu danken wie etwa Griechen und Römern.Das ist um so verwunderlicher, als ihre mathematischen und astronomischen Kenntnisse und Hilfsmittel das Wissen der Alten um ein Erhebliches überstiegen. Hier, auf diesem Gebiet, liegt das Eigentliche Hauptverdienst der arabischen Geographie. So waren die Araber in der Geschichte der entdeckung der Welt Bindeglied und Zwischenschicht. Sie haben aus den Kenntnissen der Alten für spätere Zeiten eine unendliche Menge aufbewahrt und überliefert, sie haben, ihren besonderen Anlagen folgend, die Hilfsmittel der zukünftigen Entdecker geschaffen und wertvollste Vorarbeiten geleistet, aber eine so reiche Krone kühner Taten wie die Alten und die Neueren haben sie sich nicht erringen können.

Aus der Turbulenz des Germanensturms kristalisieren sich im Laufe der Jahrhunderte die Schwerpunkte heraus, um die eine neue politische Willensbildung möglich wird. Die Gotenreiche, der Vandalenstaat, die Langobardenherrschaft zwar vergehen, wohl aber gelingt den Merowingern der große Wurf, auf dem Boden einer germanisch-keltischen Mischrasse ein Staatssystem zu errichten, das fest genug ist, erdumspannenden Träumen ein Fundament darzubieten. Karl der Große tritt das Erbe Roms an. Damit verlagert sich der machtpolitische Gravitationspunkt der Welt für immer nach Nordeuropa. Und nicht nur des heiligen Roms Erbe liegt nun in germanisch-nordischen Händen; auch die welterobernde Aufgabe des Christentums, die von römischen Priestern früh schon in die Formeln der "ecclesia militans", der kämpfenden Kirche, gegossen wird, geht nun auf den nordischen Menschen über. So überlagern sich dem ihm eingeborenen Zug zur Weite, zur großen Überschau, höchst konkrete Antriebsmomente.

Aber wie dem auch sei, Fernweh oder Herschaftswille, als der Anspruch der Machtausübung an den nordischen Menschen überging, hat er sich willig zur Verfügung gestellt und alsbald begonnen, ihn zu verwirklichen. Welche ungeheuerlichen Energien in ihm wirksam wurden, zeigt nichts deutlicher - als ein Blick auf die Karte. Die Lage Amerikas zu den anderen Kontinenten macht es erklärlich, daß seine Besiedlung wahrscheinlich von Asien her erfolgt ist, mit dessen rassischer Physiognomie die Ureinwohner dieses Kontinents ja tatsächlich auch die engste Verwandtschaft haben. Nur 46 Seemeilen trennen Asien von Amerika, nur 24 Seemeilen beträgt die Entfernung der Großen Diomedesinsel in der Beringstraße vom nordamerikanischen Kap Prinz Wales. An jedem klaren Tag ist die Diomedesinsel von beiden Seiten deutlich zu erkennen, und trotzdem ist die bewußte Entdeckung dieses neuen Kontinents zweimal von Europa her erfolgt, trotzdem findet sich in der geschichtlichen Rückerinnerung des Fernen Ostens auch nicht die geringste Andeutung an die hier harrende Herrschaftsaufgabe. Wikinger waren es vielmehr, die die mehr als 500 km, die Grönland von Nordamerika trennen, überwanden und die die erste Kunde von diesem neuen Land im fernen Westen nach Europa brachten. Und nach ihnen war es wiederum ein in seinen besten Wesenszügen nordisch geprägter Mensch, Christoph Kolumbus, der den für die Welt so ungeheuer wichtigen Kontinent Amerika erobert hat.

Natürlich war die Entdeckung Amerikas durch die Normannen nur eine Vorentdeckung, die Europa einen unmittelbaren Nutzen durch die Berührung mit der Kultur des neuen, fernen Erdteils nicht gebracht hat. immerhin blieb, im Verein mit anderen Nachrichten, die Kunde von dem Vorhandensein eines im fernen Westen gelegenden Landes erhalten; sie hat, wie wir es noch sehen werden, doch auch wohl zu dem entschluß des Kolumbus beigetragen, seine kühne Fahrt zu wagen. Die überfahrt nach Amerika vollzog sich über die naturgegebenen Etappen. Island und Grönland. Die ersten, die den Anstoß zu dem Unternehmen gaben, wenngleich freilich höchst ungewollt, waren irische Mönche, die gegen Ende des achten Jahrhunderts die Fahrt nach Island unternahmen. Um Neunhundert folgten der Kunde dieser Entdeckung eine Schar Normannen, die anscheinend vor der Christianisierung ihrer Heimat flohen und die nun das eisgepanzerte, von Vulkanen durchsetzte Eiland zu einem Mittelpunkt germanischer Kultur machten. Nicht umsonst verdankt die Edda-Sage in ihrer schriftlichen Überlieferung ihre Entstehung gerade Island. Sie ist Ausdruck der starken Volkstumskräfte, die hier wirksam waren und die sich in der Abgeschlossenheit von der übrigen Welt zu schönster Blüte entfalten konnten.

Neben der Edda gibt es nun aber eine Anzahl anderer Sagas, unter denen namentlich die sogenannten "Islendinga sögur", die isländischen Geschlechtersagen, vorherrschen. Diese Sagas weisen natürlich mancherlei dichterische und mehr oder wenige romantische Zusätze auf, die in der Absicht eingefügt wurden,



 

das berichtete Geschlecht möglichst zu glorifizieren und seinem Ruhm der Nachwelt möglichst eindrucksvoll vor Augen zu führen. Ihr Kern ist aber zweifellos von höchster historischer Bedeutung und die namentlich in der nahen Vergangenheit häufigen Versuche, diese Sagas - mitsamt der Edda natürlich - als rein mythische Erzählungen ohne Wert anzusprechen, werden ihrem Wesen keineswegs gerecht. Besonders in unserem Falle sind diese Zweifel ganz unberechtigt, da es ja neben isländischen auch eine von jenen Quellen ganz unabhängige deutsche Überlieferung gibt, die gleichfalls von einer durch Normannen erfolgten Entdeckung berichtet. Diese Quelle ist die "Hamburgische Kirchengeschichte" des Adam von Bremen, die in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts, also rund 50 Jahre nach der amerikanischen Landnahme der Normannen, geschrieben wurde. Adam von Bremen, einer der ersten großen deutschen Geographen, verdankt seine Nachrichten dem Dänenkönig Sven Estridsson, der sie ihm mit dem ausdrücklichen Bemerken, es handele sich hier um keine Fabel, sondern um verbürgte Wirklichkeit, erzählt hat.

Trotz dieser in ganz bestimmtem Tone vorgebrachten Nachricht hat man dem "Tacitus des Nordens", wie Adam von Bremen genannt wurde, lange Zeit hindurch jeden Glauben versagt, Erst als die isländischen Quellen aufgefunden wurden, begann darin eine Wandlung einzutreten, und heute wird es von niemandem mehr angezweifelt, daß die alten Berichte auf Wahrheit beruhen. Natürlich war die normannische Entdeckung großer Länder im fernen Westen eine rein zufällige. Aber das kann das Verdienst der Entdecker nicht schmälern. Auch Kolumbus segelte nicht aus, um Amerika zu entdecken, dafür konnte er sich aber schon eines Schiffes bedienen, das einigermaßen hochseefähig war; er benutzte Kompaß und Astrolabium, er verfügte immerhin auch schon über einige leidliche Karten. Von allen diesen Dingen war bei den Normannen nicht die Rede. Daß sie trotzdem in das unbekannte Meer hinausfuhren - ein nordisches Meer, muß man bedenken, keine südliche laue, gleichmäßig heitere See - und Schritt für Schritt, das Erworbene unerschütterlich festhaltend, dem unbekannten Erdteil im Westen immer näher kamen, bis sie ihn schließlich selbst betraten, das ist der Ruhm, der ihnen gebührt und den ihnen niemand streitig machen kann.Schon den ...



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