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Das Grab der Wikinger

Man schrieb in Rom das Jahr 921 nach Christi Geburt. Damals befand sich der arabische Astrologe Ibn Fadlan auf einer Reise von Bagdad zum Fürsten der Bulgaren. Am Kaspischen Meer, im heutigen Astrachan, hielt er sich einige Wochen auf, weil der begleitende Gesandte sich durch einen unglücklichen Sturz vom Pferde einen Beinbruch zugezogen und so eine Weiterreise unmöglich gemacht hatte. In der befestigten Stadt war gute Unterkunft gefunden, und seine Reisebegleiter hatten nichts gegen diese Reiseunterbrechung. Denn vor wenigen Tagen waren einige Meilen vor der Stadt die gefürchteten Wikingerschiffe Gorms des Roten aufgetaucht, und ehe sich nicht die Pläne dieser warängischen Seehelden vermuten ließen, wollte keiner der arabischen Herren die Weiterreise und damit sein Leben wagen.

 

Selbst bis nach Bagdad war schon der Ruhm der Wikinger gedrungen. Hier, an der Wolgamündung, wo ein Überfall der Waränger nichts Neues mehr war, gingen die Berichte über ihre Schreckenstaten von Mund zu Mund. Man wußte, daß diese großen blonden Männer an Kraft und Gewandtheit nicht ihresgleichen hatten; als Läufer nahmen sie den Kampf mit den schnellsten Pferden auf, und beim Springen und Klettern gab es für sie kein Hindernis. Im Kampf war jeder Gegner, der mit einem Wikinger ins Handgemenge kam, dem Tod verfallen; denn ebenso wie im Speerwerfen und Steinschleudern waren sie unübertroffen in der Handhabung ihrer Flamberge (Flandrische Schwerter), der Keulen und Äxte. Kein Wunder, wenn die Bevölkerung der Gebiete, denen sich ein Wikingerzug nahte, von Angst und Entsetzen erfüllt wurde. Plünderung und Brandschatzung drohten, Tod und Verderben, und wer mit dem Leben davonkam, mußte fürchten, als Sklave verschleppt oder geopfert zu werden.

Nicht minder wie die Küstenorte waren die Plätze im Innern des Landes bedroht; den für die Waränger gab es kein Halten. Nicht einmal die Stromschnellen des Dnjepr, die alle Schiffahrt unterbanden, konnten die Wikinger in ihrem Vormarsch hemmen. Meilenweit trugen sie ihre mächtigen Boote übers Land oder zogen sie auf Walzen (nach byzantinischen berichten) bis zum nächsten schiffbaren Strom.

So kam es, daß sie nicht nur die großen Wege des Meeres befuhren und durch den Njörwarsund (Wikingername für die Straße von Gibraltar) ins Mittelländische Meer, sondern auch von Norden her über die Steppen der Krim ins Schwarze Meer gekommen waren. Schon der König Fjölnir hatte die Märchenpracht Miklagards (Istanbul - Konstantinopel) angelockt, und wenn ihre Vorfahren, die Vandalen und Westgoten, Jahrhunderte vorher sich mit der spanischen und maurischen Küste begnügt hatten, so waren jetzt die Wünsche mit den Möglichkeiten gewachsen. Grenzen gab es nicht mehr für die Waränger. Über Grönland nach Nordamerika fuhr Erik, der Rote, mit seinem Sohn Leif, und vom Nordmeer kamen die Waränger herunter bis an die persischen Grenzen (Nestor, der Mönch von Kiew, hat in einer Chronik ums Jahr 1100 davon erzählt).

Nun lag Gorm, "der Wolf", vor den Toren Astrachans und der besorgte Chasarenfürst Abesgun besprach mit seinen Räten die Möglichkeit einer friedlichen Auseinandersetzung. Denn die Wälle und Türme der wohlbefestigten Stadt würden die Wikinger nicht hindern, einzudringen, wenn sie nur wollten. Das Volk aber wartete in dumpfem Schrecken auf die Nachrichten, die die Späher brachten, und wagte sich nicht mehr vor die Tore.

Währenddem war im Lager der Wikinger lebhaftes Treiben. Man hatte die Schiffe aufs Land gezogen; eine Skeidh (Langschiff) lag neben der andern, und die große Schnigge des Fürsten, auf der er mit 120 Mann Besatzung angerauscht war, glich hier auf dem Trockenen einem wüsten Ungetüm, dessen Drachenkopf wohl Schrecken einflössen konnte.

Das Königsbanner wehte nicht mehr vom Vordersteven, sondern flatterte auf dem großen Zelt. Mit klugem Blick und mit der Erfahrung vieler Kriegszüge hatte Gorm den günstigsten Lagerplatz gewählt, der seinen Leuten nicht nur guten Boden für die Befestigung, sondern auch Ausblick nach allen Seiten bot. Nun waren sie dabei, die Reede gegen mögliche Angriffe zu schützen und bauten aus ihren Fahrzeugen eine sichere Umwallung.

Im Fürstenzelt beriet Gorm mit seinen Edlen über ihre weitere Taten. Ingwar, "der Zornige", setzte dem Plan seines Führers, von hier nach Känugard (Wikingername für Kiew) weiterzuziehen, heftigen Widerstand entgegen. Er verlangte nach kriegerischen Betätigung, und mit blitzenden Augen schrie er: "Sind wir etwa von Gnipalund hierhergekommen, um mit ein paar Ziegen als Beute heimzukehren? Mein Vater Rörik erzählte mir nicht umsonst von der Kuppelstadt Miklagard; ich will nicht ruhn, bis ich in ihre Mauern eingedrungen bin; mit Gold und Schätzen will ich mein Schiff beladen, und an dem Tor Miklagards soll mein Schild hängen (Zum Zeichen des Sieges)."

Mit einer jähen Handbewegung schnitt Gorm des Jungen Rede ab. "Für Miklagard sind wir nicht gerüstet. Mein Wille, die Stadt zu nehmen, ist nicht geringer als der deine; aber keiner soll von mir sagen, daß ich unverrichteter Dinge abgezogen sei. Auch deine Stunde kommt, und der Reiter auf deinem Schild wird von dem Tore Miklagards nach Norden sehn."

Damit wandte er sich und verließ das Zelt.

Fast wäre er gestolpert über ein Weib, das hingekauert am Boden vor dem Zelte lag.

"Thorhild, was willst du?" sprach Gorm die Frau an, die ihn erwartet hatte.

"Du mußt Herkja die Probe machen lassen, Herr! Ich kann mein Willen nicht durch sichtbaren Beweis ergänzen; mag sie ihre Unschuld in kochendem Wasser bezeugen. Aber mehr, Herr, habe ich erschaut, als die Nacht mir den Blick in die Zukunft frei gab. Du magst dich hüten vor Streit und Eisen. Der blutrote Genosse deines Sterns ist ihm nahegekommen, und die freundliche Schwester hat sich verdürstet. Hüte dich, Herr!"

Mit gerunzelter Stirn, ohne Wort, schritt Gorm dem Frauenzelt zu, das Gunhild, der Gattin, Wohnraum war. Bei seinem Eintritt sprang Herkja, die nach altem Häuptlingsrecht ihm Nebenfrau war, von ihrem Lager auf.

"Dich suche ich", sagte Gorm schneidend. "Hier, vor Gunhild, magst du mir sagen, ob es wahr ist, daß du ein fremdes Zelt betreten hast."

Herkja stand hochaufgerichtet; ihre blauen Augen sahen ernst und ruhig auf den Fürsten; aber kein Wort kam über ihre Lippen. "Du wirst die Probe machen; denn Ehebruch wird dir nachgesagt!" Um ein Schein blässer, aber unbeweglich, stand sie; ohne Versuch einer Rechtfertigung ließ sie ihn gehen.

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Unter den sengenden Strahlen, die die Mittagssonne auf das Steppenland schickte, sprengte Gorm mit dreien seiner Freunde der Stadt zu.

Ehe noch die Wächter die Möglichkeit gehabt hatte, das Tor zu schließen, ritten sie schon in den Straßen. Panischer Schrecken erfaßte die wenigen Menschen, die jetzt um diese Stunde sich vor den Häusern aufhielten. Voll entsetzen schrie ein Fischer, der eben aus seiner Hütte getreten war: "Das ... das ist er! Den sah ich, als er am Außenbord des großen Königschiffs mit Schwertern spielend ging. Wie ein Seeungeheuer brauste das Schiff daher, und lachend warf er die Klingen durch die Luft. Das ist der Teufel!" Kreichend rannte er ins Haus und schloß doppelt und dreifach die Tür mit Gebälk.

Aber nichts Kriegerisches hatte Gorm im Sinn. Als es ihm gelang, einen fliehenden Chasaren aufzuhalten, der zitternd und todesgewiß vor ihm stand, warf er ihm ein Goldstück zu und rief: "Bring mich zu einem Seher!" Der Chasare, verwundert darüber, daß er noch am Leben war, zeigte mit krummem Finger in eine Seitenstraße. "Dort, Herr, dort wohnt ein fremder Arzt. Aus Bagdad kam er vor Tagen an und soll ein berühmter Sternkundiger sein. Ibn Fadlan..." Aber mehr wollte Gorm nicht hören.

Vor der Tür der Herberge sprang er vom Pferd und trat auf den Wirt zu: "Schaff mir den Zauberer her!"

Ibn Fadlan sah den Fürsten ruhig an und gab ihm auf die erregten Fragen Antwort. Nur zur letzten Frage sprach er: "Herr, was kümmerst du dich noch um eine Frau? Es geht um Ernsteres! Sei auf der Hut vor deinen Genossen!"

Da lachte Gorm kurz auf: "Kennst du die eiserne Zucht bei den Warängern? Glaubst du, daß mir von den Meinen Gefahr drohen könnte? Leere Worte sprichst du, und arm ist dein Wissen!" Verächtlich warf er ihm einen Beutel mit Münzen hin und jagte mit seinen Begleitern zurück.

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Bei ihrer Rückkehr — Gorm hatte einen Umweg gewählt, um das Gelände im Delta zu erkunden — sank schon die Dämmerung über das Lager. In Gruppen saßen die Krieger um die Feuer. Thorir der Skalde sang von den Taten Ragnar Lodbrocks und seiner fünf Söhne, erzählte von Brendel und Beowulf, und leuchtenden Auges hörten die Wikinger die Heldengesänge ihrer Vorfahren. Aber Gorm hatte heute keinen Sinn dafür. Mit düsterer Miene trat er in sein Zelt und verbot jeglichem dem Zutritt in diese Nacht ...

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Der Morgen graut

Im Süden wachsen aus dem Dämmerlicht die Berge des Kaukasus und die aufgehende Sonne rötet die Steppe.

Der Dunstschleier über den Sümpfen des Wolgadeltas teilt sich und verflattert und gibt den Blick frei auf die weite Fläche des Kaspischen Meeres.

Im Wikingerlager beginnt es sich zu regen. Die Wachen werden abgelöst, die Nachtfeuer verlöscht. Vor den Frauenzelten stehen doppelte Posten; denn Herkja wird als Gefangene behandelt. Die ganze Nacht war ihr der Schlaf ferngeblieben; zusammengekauert saß sie in einer Ecke, den Kopf auf den Knien.

Lang fielen die blonden Locken bis auf den Boden. Sie wußte wohl, was ihr bevorstand: Wenn das Gottesurteil gegen sie zeugte, war ihr der Tod im Moor sicher. Mit schaudern dachte sie zurück an einen Tag in Gnipalund. Die Freundin der Mutter war als schuldig befunden und zum Moortod verurteilt worden. Noch gellen ihr die irren Schreie der Unglücklichen im Ohr, als sie mit verschnürten Gliedern in den schwarzen Morast gestoßen wurde.

Da brach in ihre trüben Gedanken der Lärm der Hornrufe. Das Zelt wurde aufgerissen, und Bewaffnete führten sie zum Richtplatz. Auf erhöhtem Platz saß König Gorm. Vor ihm stand Thorhild, die gefürchtete Seherin, "das Totenweib". Ein großes Kupferbecken wurde herbeigeschleppt und mit kochendem Wasser gefüllt. Ohne Wimperzucken tauchte Herkja auf den Befehl die zarten Arme ein; aber ihr Antlitz wurde mamorweiß, und als sie die Hände wieder heben durfte, da waren es rote Fleischklumpen, von denen die Haut in Fetzen hing.

Brüllendes Gelächter ging durch die Reihen der Umstehenden. Gorm erhob sich: "Du Aas! Dein Leben wird im heißen Dreck der Wolgasümpfe ebenso erstickt werden wie im kalten Nordmoor. Ich habe einen guten Platz gewählt, an dem du zur Hel (Totengöttin) fahren kannst."

"He, Gorm!" brüllt einer dazwischen, "was kostet sie?" Gorm bleibt stehen.

"Geht dich das was an?"

Mit vorgeschobenen Kinn, verbissenen Lippen geht er langsam auf Ingwar zu.

"Weil ich sie will!"

Gorm wendet sich mit einem Ruck: "Bindet sie!" Dreht sich zurück, brüllt Ingwar ins Gesicht: "Weiberhengst!"

Da zischt ein Speer durch die Luft. Mit dumpfen Röcheln bricht Gorm hinüber zusammen.

Ingwar geht, sein Schwert hiebbereit in der Hand, auf Gorms Leute zu und befiehlt: "Bindet sie los und bringt sie in mein Zelt!"

Man schleppt Gorm auf sein Lager. Bei jedem Atemstoß bricht blutiger Schaum aus seinem Munde. Er sucht sich verständlich zu machen: "Holt mir den Araber aus der Stadt!" gurgelt er hervor.

Die Boten rasen nach Astrachan. Auf schweißtriefenden dampfenden Rossen treffen sie vor dem Hause Ibn Fadlans ein, wollen ihn aufs Pferd reißen. Aber er antwortete ihnen ruhig: "Die Zeit eures Fürsten ist bereits abgelaufen. Ich habe ihm das gesagt. Soeben hat er die Augen für immer geschlossen. Einer von euch mag vorausreiten und melden, daß ich komme, um bei seiner Leichenfeier ihn zu ehren."

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Verwirrt traben sie mit den Fremden in der Mitte dem Lager zu. Sie sehen schon von weitem, daß das Königsbanner nicht mehr vom Zelte weht.

Schwergewappnet, mit scharfen Blicken gehen einige Männer im Lager umher, die Vertrauten Ingwars, der die Führung an sich gerissen hat. Zwei von ihnen halten die eintreffenden Reiter an und weisen sie weg vom Königszelt zu dem Ingwars.

Ibn Fadlan tritt ein, sucht im Dunkel sich zurechtzufinden. Da herrscht ihn eine drohende Stimme an: "Heile ihre Hände, wenn dir dein Leben lieb ist, Araber!"

"Herr", antwortete Ibn Fadlan ruhig, "das ist mein Amt Lebenden kann und will ich helfen, wie es ihnen bestimmt ist. Laß Licht herbeischaffen und schick mir Leute, denen ich Weisungen geben kann."

Dann begann er aus seinem Mantelsack Geräte zu nehmen, Verbandzeug und Salbentöpfe, besah sich die Wunden und gab Herkja einen Trank, der die Schmerzen lindern sollte.

Bei all dem hatte ihn Ingwar, der Jähzornige, nicht aus den Augen gelassen; nun, als er sich von der Kunst des Arztes überzeugt hatte, wurde er freundlicher und gestattete ihm, das Zelt zu verlassen.

Als Ibn Fadlan hinaustrat, sah er vor dem Zelt des toten Königs das gesamte Wikingervolk versammelt. Soeben trat Thorir, der Skalde, vor und rief den Sklaven und Sklavinnen Gorms zu: "Wer will mit ihm sterben?" Ibn Fadlan horchte auf; aber keine Stimme antwortete. Noch einmal rief der Skalde laut nach einem freiwilligen Opfer. Alles blieb stumm. Da sah der Araber, wie die Fürstin die Reihen ihrer Dienerinnen musterte und eine Magd mit dicken, schwarzen Zöpfen auswählte. Sie sollte dem Herrn in den Tod folgen.

Sogleich nahm das "Totenweib" Thorhild das betroffene Mädchen in Verwahr und führte es ab.

Während der nächsten Tage sah Ibn Fadlan das Mädchen häufig im Lager herumlungern, aber stets in Bewachung der beiden starken Töchter des Totenweibes und fast stets schwer betrunken. In Wein und Met sollte die Angst vor dem, was bevorstand, ertränkt werden.

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Der tote Gorm war inzwischen in ein offenes Grab gelegt worden, umgeben von Früchten, Met und Blüten, mit Thors heiligem Hammer auf der Brust.

Für seine letzte Fahrt aber wurde eine Skeidh zu Wasser gebracht und geschmückt.

Die warängischen Handwerker errichteten auf ihrem Deck ein großes Zelt, das mit schweren, kostbaren Vorhängen bedeckt wurde. Ein reich geschnitzter und vergoldeter Thronsessel sollte den toten König zur letzten Ruhe aufnehmen. Alle seine persönliche Waffen und Schätze bauten sie auf, das goldene Trinkhorn, aus dem er in fröhlichem Kreise getrunken, kunstvoll gearbeitete Schilde, Dolche mit silbernen Griffen und zahllose Beutestücke.

 

Ibn Fadlan sah alles und zeichnete die ihm sonderbaren Gebräuche in seinem Tagebuch auf. Die Tätigkeit bei der Kranken ließen ihn ja Zeit genug, seine Beobachtungen zu machen. (Dieses Tagebuch ist noch erhalten. Es bietet eine Fülle von Aufschlüssen über die Wikinger neben verschiedenen Prophezeiungen und astrologischen Angaben.)

Herkjas Zustand hatte sich gebessert; aber trotzdem lag sie meist unbeweglich und mit geschlossenen Augen.

Am Vorabend des zehnten Tages nach Gorms Tod, der für die große Leichenfeier bestimmt war, rief sie leise den Arzt an ihre Seite. Ihre großen blauen Augen fragend auf ihn gerichtet, flüsterte sie:
"Du bist ein weiser Mann, der all dies vorausgesehen hat. Willst du mir sagen, was weiterhin geschehen wird?"

Ibn Fadlan nickte stumm.

Ruhig frug die kranke: "Wann werden wir wieder nach dem Norden heimkehren, nach Gnipalund, wo die Tannen rauschen in dunklen Wäldern, wo Schnee die Wintererde deckt?"

"Nie!" antwortete der Astrologe.

"Wird keiner von uns allen je Nordland wiedersehen?"

"Keiner!" sagte Ibn Fadlan bestimmt.

"Und niemand wird den Strohtod (Stiller Tod im Bett) sterben."

"Keiner!"

"Und wann wird das sein?"

Da sagte Ibn Fadlan: "Du weißt, meine Tochter, daß der volle Mond heute Nacht am Himmel steht. Keiner von allen hier wird den Neumond erleben."

Über das Gesicht der Kranken glitt ein starres Lächeln; dann sank sie matt auf ihr Lager zurück.

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Am nächsten Abend begann noch vor Sonnenuntergang ein reges treiben im Lager. Man hatte bereits bei Tag den toten Fürsten in die Skeidh gebracht. Als Ibn Fadlan aus seinem Gastzelt trat, jagten die Wikinger eben die beiden Pferde des Fürsten durchs Lager und stachen sie nieder, nachdem sie schweißtriefend am Ufer angelangt waren.

Einer führte einen Hund herbei, hieb ihn in Stücke und warf ihn ins Schiff. Das gleiche geschah mit zwei Ochsen, mit Hühnern und Schafen. Sklavinnen brachten Krüge voll Met ins Schiff, um den König für die Totenreise zu bewirten. Endlich führte man die Magd, welche ihn auf der Fahrt nach Walhall begleiten sollte, herbei.

Sie schien betrunken zu sein, denn sie lachte und vermochte sich kaum auf den Beinen zu halten. Vor dem Schiff hoben sie ein paar Waränger auf ein Gerüst und riefen ihr Fragen zu, die sie singend beantwortete. Umstehende übersetzten dem Arzte den Zwiegesang und sagten ihm, die Opfersklavin habe verkündet, sie sehe bereits ihre toten Ahnen winken. Während dieser Zeremonie bemerkte er, daß Herkja, die Kranke, aus ihrem Zelt und — eng in ihren langen, weißen Mantel gehüllt — mit ans Schiff getreten war. Nun hoben das Totenweib und ihre beiden Töchter die Magd vom Gerüst herab und trieben sie auf die Skeidh. Da schien es, als erwache sie plötzlich aus ihrer Trunkenheit. Sie steckte zaghaft den Kopf zwischen die Zeltvorhänge, fuhr aber entsetzt zurück. Sogleich stieß sie das Totenweib hinein und folgte ihr mit einigen Männern. Außen aber begannen die Krieger auf ihre Schilde zu schlagen und einen ohrenbetäubenden Lärm zu vollführen, um die Schreie der Opfersklavin zu übertönen, die soeben von Thorhild erdrosselt und erstochen wurde.

Herkja stand regungslos, wie aus Marmor gemeißelt, neben dem Schiff. Als aber das Totenweib mit Messer und Strick in der Hand herausgekommen war und sich zu den Umstehenden gesellt hatte, stieg sie mit raschem Schritt zum Zelt hinauf, schlug die Vorhänge zurück — begann zu taumeln und brach zusammen. Ein hinzuspringender Krieger hob schweigend ihren blutigen Dolch hoch.

Mit einem Fluch sprang Ingwar aufs Totenschiff, riß die Leblose hoch, und ehe man ahnte, was in ihm vorging, flirrte sein Speer in die Menge und durchbohrte das Totenweib.

Seine Mannen aber griffen nach ihm und schleppten den Rasenden in sein Zelt.

Dann häuften sie Reisig und Feuerbrände auf das Schiff. Als die Raasegel aufgegeit waren, wurden die Taue gelöst, und die Skeidh fuhr rauschend in heller Lohe dahin.

Thorir, der Skalde, und sein Junge waren auf einen Felsblock getreten und bliesen auf ihren Luren den Herruf nach Walhall dem Königsschiff nach, das wie ein leuchtendes Fanal gegen Süden trieb.

Als Ibn Fadlan nach Mitternacht in Astrachan angelangt war, sah er es noch von seinem Dache aus langsam am fernen Horizont verglimmen.

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Den Plänen der Waränger war nun ein rasches Ziel gesetzt. Sie hatten unter den Edlen einen, Egil, als Führer erwählt, der ein Freund des Toten und sein ständiger Begleiter gewesen war. Auch zu Ibn Fadlan hatte er Gorm begleitet und die Weissagungen gehört. Nun, nachdem sie sich so grausig erfüllt hatten, bedrückte ihn die Frage nach dem eigenen Schicksal. Er schickte Boten zu dem Seher, um ihn zu holen. Die kamen zurück ohne ihn, aber mit einem Schreiben von seiner Hand, das den Untergang der Wikingerschar verkündete, wie er es schon Herkja vorhergesagt hatte. Der Araber hatte Astrachan schon in den Morgenstunden verlassen, jedoch vorher dem neuen Wikingerführer auf diese Weise die Frage beantwortet, ehe sie gestellt war.

Da raste Egil wie ein Wahnsinniger und Schwur, den Göttern für jeden von ihnen ein Opfer zu bringen, daß sie das Unheil abwenden sollten. Rasch entschlossen rief er seine Mannen unter die Waffen, stürmte nachts die Stadt und holte Scharen von Gefangenen.

Dann wurde in Hast die Abfahrt vorbereitet.

Wie alles so weit war, daß die Schiffe ins Meer gebracht werden konnten, trat Egil an das Ufer und rief:
"Odin! Herr! Wende ab, was Ran (Göttin des Meeres. Ihre Töchter, die Sturmwogen, reißen die Seefahrer in die Tiefe.) an Bösem uns zugedacht. Gib uns Herrschaft über die Feinde! Nimm hier die Opfer und führ uns zum Sieg!"

Hierauf warfen die Mannen die gefangenen Chasaren unter die Rollen, über die sie die mächtigen Schiffe ins Meer schoben. Über die verstümmelten Opfer hinweg zogen sie mit vollen Segeln der offenen See zu.

Es war aber die Zeit der Sommersonnenwende, die Zeit der Stürme im Kaspischen Meer. Seltsame Himmelszeichen hatten furchtbare Unwetter angekündigt.

Gegen Abend schob sich eine schwarze Wand mit schwefelgelben Rändern am Horizont hoch. In wenigen Augenblicken begann der Sturmwind in dem Tauwerk der Schiffe zu heulen und die endlosen Wasser aufzupeitschen, welche eben noch wie Blei dagelegen waren. Dann brach mit einem Schlage ein Orkan los, als hätte sich die Hölle geöffnet. In Sturzbächen strömte die Flut vom Himmel, die Luft war von lohenden Blitzen taghell erleuchtet, und das Dröhnen des Donners erstickte das Krachen der Wogenberge.

Als sich nach einigen Tagen das Unwetter grollend verzogen hatte, fand man am Ufersand geschnitzte Drachenköpfe, so wie man sie am Bug der Wikingerschiffe gesehen hatte.

 

Quelle: Geheime Mächte, Austria Zigarettenfabrik München, von rado jadu 2002



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