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Die drei Königreiche vor der Kalmarer Union

Norwegen

Die große zeit des norwegischen Volkes war das frühe Mittelalter. Da hallten die Fjords wider vom Kampfe der "Könige", stolz sangen die Skalden von kühner Fahrt um Europa herum, von Abenteuern im fernsten Westen und vom Zittern der Feinde im sonnigen Süden. Keines der Nachbarländer besitzt eine so reiche einheimische Überlieferung aus dem nordischen Heldenzeitalter, und wenn in den Skaldengesängen die historische Wahrheit sich auch vielfach mit Sage und dichterischer Vorstellungskraft mischt, so geben sie uns doch ein treues Bild von den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zuständen des Landes.

Die Gebirgsnatur Norwegens mit ihren oft nur von der Seeseite zugänglichen Fjordtälern begünstigte die Zersplitterung des Volkes und die Erhaltung der aus den Sippenverbänden der Vorzeit hervorgegangenen Kleinstämme noch in den Zeiten, wo die Nachbarvölker sich bereits zu monarchischen Einheitsstaaten zusammengeschlossen hatten. Norwegen war zu Beginn der geschichtlichen Zeit das Land der großen Geschlechter, die eifersüchtig das Emporkommen einzelner zu verhindern suchten. Dieser ausgesprochen aristokratische Zug, das Vorhandensein zahlreicher kleiner Höfe, war für die kulturelle Entwicklung des Landes ein Vorteil, für die politische aber eine Schwäche; denn die kräftigeren Nachbarstaaten der Schweden und Dänen drohten, die Kleinstämme am "Nordweg", für die es nicht einmal einen gemeinsamen Namen gab, zu verschlucken.

Als es zum Zusammenstoß kam, gab es als Vorstufen der späteren Einheit wenigstens eine anzahl von Thinggemeinschaften: das Eidsivathing für die Stämme südlich des Kjölen, das Frostathing für die im Norden des Gebirges um Trondhjem wohnenden, und das Gulathing für die Fylken zwischen Rygjarbit und Romsdal. Von diesen war das Südwestgebiet, das söndenfjelske oder Eidsivathing, den schwedischen und dänischen Angriffen am meisten ausgesetzt. Hier erhob sich infolgedessen zuerst ein kraftvolles Königtum, das der Hofskalde Thjodulf später fälschlicherweise in genealogische Verbindung mit dem asenentsprossenen Geschlecht der Uppsalakönige gebracht hat. Halfdan Svarte ist der erste geschichtliche König dieser Familie. Von ihm scheint die politische Einigung der Fylken des Eidsivathing ausgegangen zu sein. Das genügte indessen nicht, um den Schweden und Dänen auf die Dauer widerstehen zu können. Dazu brauchte es ganz Norwegens Kraft, und so formte sich als Programm des westfolischen Königsgeschlechts die Einigung Norwegens.

Unter Harald Haarfager vollzog sich im vollem Lichte der Geschichte der Zusammenstoß zwischen Einheitskönigtum und den Stammeskönigen, den wir in Schweden nur aus den Sagen von Ingjald Illradas Bluttaten erraten. Er endigte nach langem, schwerem Kampfe, der sogar aus den norwegischen Wikingerstaaten die Seekönige zur Verteidigung der alten Stammesverfassung heimrief, in der Schlacht im Hafrsfjorde (um 880) mit dem Sieg Haralds. Teils gezwungen, teils freiwillig wandten viele der stolzen Hersen und Hölder dem Vaterlande den Rücken, um auf den britischen Inseln und vor allem auf Island eine neue Heimat zu suchen. Im fernen Thule entstand ein freiheitliches Neu-Norwegen mit den Vorzügen, aber auch mit den Schwächen der alten. Kulturell übernahm Island binne kurzem die Führung des Nordens. Hier trieb das germanische Altertum, wenn auch nicht ganz frei von fremder Einwirkung, seine noch heute bewunderte, schönste und vollendetste Blüte. Der Ruf des neuen Freistaates zog auch aus den anderen nordischen Ländern Einwanderer herbei, so daß seine Einwohnerzahl bald 40 - 50. 000 erreichte, d. h. halb soviel wie heute.

Doch nicht alle norwegischen Edelinge verließen die Heimat nach dem Siege Haralds. Viele unterwarfen sich, und ihre Nachkommen setzten den Kampf gegen das Königtum fort. Äußerlich wurden die Hersen Diener des Königs, tatsächlich blieben sie Stammeshäuptlinge. Die Teilung des Reiches unter Harald Haarfagers Söhne und deren Uneinigkeit ließ die alte Aristokratie von neuem das Haupt erheben. Lebhaft unterstützt wurde sie von dänischen Königen, die alte Oberhoheitsansprüche geltend machten; sie war ferner wegen der opferpriesterlichen Stellung der Häuptlinge eng verknüpft mit dem Heidentume, wogegen die Nachfolger Haralds im Christentum eine Stütze ihrer Herrschaft suchten. Zunächst kam es unter Haakon Jarl zu einem vorübergehenden Sieg der Aristokratie mit dänischer Hilfe. Der Versuch Haakons, sich selbst auf den Thron zu schwingen, mißglückte allerdings trotz seines Sieges über die Dänen und die mit ihm verbunden Jomsburgwikinger in der Schlacht in der Hjörungabucht. Mühelos wurde er von einem Enkel Harald Haarfagers, Olaf Tryggvasson, gestürzt.

In Olaf Tryggvasson, der glanzvollsten Gestalt der norwegischen Königsgeschichte, vereinigte sich aufs glücklichste die Kraft und die Abenteuerlust der Wikingerzeit - er war selbst vor seiner Thronbesteigung der Genosse Sven Gabelbarts auf dessen Zügen gegen England gewesen - mit den neuen Ideen des Christentums und Einheitskönigtums. Fünf Jahre nach dem Sturze des heidnischen Jarls Haakon war Norwegen äußerlich christlich. Damit war zugleich ein wuchtiger Schlag gegen die Aristokratie geführt, inem den Hersen eine ihrer wichtigsten Stützen, ihre opferpriesterliche Stellung, entzogen wurde. Der Heldentod des Königs in der Schlacht bei Svolder zwischen Rügen und der pommerschen Küste ließ Norwegen wieder unter dänische und schwedische bzw. die Herrschaft der Haakonsöhne kommen, von der es wieder von einem Sprößling aus Harald Haarfagers Geschlecht, Olaf Haraldson, befreit wurde. Die rücksichtslose Durchführung des Christentums unter ihm ließ ihn bald nach seinem Tode zum Heiligen werden. Bei seinen Lebzeiten war er weniger beliebt. Die Großen vertrieben den harten Herrn, und als er mit bewaffneter Hand die rückkehr erzwingen wollte, verlor er bei Stiklestad (1030) Sieg und Leben, während seine Krone dem großen Dänenkönig Knut zufiel. Wiederum war jedoch die Fremdherrschaft nur von kurzer Dauer. Olafs Sohn, Magnus der Gute, konnte sie beseitigen und sogar seinerseits die dänische Krone erwerben.

Jetzt war das norwegische Königreich so stark geworden, daß es sich nicht mehr um die Verteidigung gegen schwedische und dänische Ansprüche zu beschränken brauchte, sondern als Angreifer auftrat. Magnus' Nachfolger, Harald Haardradi, kämpft um die dänische und die englische Krone und fällt an der Spitze des letzten Wikingerheeres bei Stamfordbrigde 1066; Magnus Barfod ficht in Schweden, Irland und Schottland, und Sigurd Magnusson erwirbt sich den Beinamen Jorsalafara (Jerusalem Kreuzfahrer).

Dem erstarkten Königtum gegenüber mußte die Aristokratie die Hoffnung auf Wiederherstellung der alten Stammesverfassung aufgeben. Halb widerwillig gingen die Angehörigen der alten Geschlechter in den Königsdienst, doch ohne das stolze Bewußtsein ursprünglicher Gleichberechtigung mit dem Königshause zu verlieren. Sie bildeten um das Königtum einen geschlossenen Ring, zu dem nur Geburt, nicht Königsdienst Zutritt verschaffte. Infolgedessen entwickelte sich in Norwegen kein Lehnsadel im festländischen Sinne, wie in Dänemark und Schweden. Hinzu kam, daß die wiled Gebirgsnatur des Landes an und für sich kein Boden für ritterliche Kultur war.

Fernab von den Brennpunkten der mittelalterlichen Geschichte hatte sich in Norwegen das germanische Altertum ungestört fortentwicklen können, und es war so stark geworden, daß es den Ideen des Mittelalters, dem Lehnswesen und sogar den hierarchischen Ansprüchen der katholischen Kirche siegreich Widerstand leisten konnte; kaum daß das Mittelalter in seinen äußeren Formen durchdrang. Die Folge war reilich, daß, nachdem das germanische Altertum seinen Höhepunkt überschritten hatte und langsam verblühte, nichts da war, was an seine Stelle hätte treten können. In Norwegen wurde in den Jahrhunderten von 1000 bis 1300 nicht die Grundlage neuer Staats- und Gesellschaftsformen gelegt; wir sehen nur einen langsamen Verfall. Das einzige, was auf den Trümmern des germanischen Altertums übrigbleibt, ist ein absolutisches Einheitskönigtum.

Natürlich hat es nicht an Kämpfen gefehlt, und außer mit der alten Geschlechteraristokratie hat das Königtum auch mit der Kirche manchen Streit ausgefochten. Doch auch hier blieb es Sieger. das Christentum war von den norwegischen Königen seinerzeit in bewußtem Gegensatz zu der im Heidentum wurzelnden Aristokratie gepflegt worden. Als persönliches, nur dem Geschlecht Harald Haarfagers zukommendes "Odelsrecht" galten deshalb die Befugnisse des Königs über die Kirche, wie z. B. die Ernennung der Bischöfe. Kein Wunder, daß die Geistlichkeit, nachdem sie 1152 im Erzbischof von Nidaros (Trondhjem) eine Spitze erhalten hatte, die vom Adel erhobenen unebenbürtigen Könige Inge und Magnus Erlingsson unterstützte, während die echten Nachkommen mit den ihnen anhangenden, mehr demokratischen Elementen eine Art Räuberhauptmannsdasein führen mußten.

Mit ihnen wären wohl auch die weitgehenden Ansprüche der Haralde und Olafe in Vergessenheit geraten, hätte das alte Königtum nicht in Sverre, dessen Zugehörigkeit zu Haralds Geschlecht übrigens nicht einmal feststeht, von neuem einen überragenden Vertreter gefunden. Aus unzufriedenen demokratischen Elementen, aus dem verwegenen Volke der Grenze schuf er eine wohldisziplinierte Kriegerschar, und an deren Spitze seiner "Birkebeiner" schwang er sich vom Räuberhauptmann zum Parteiführer und, nachdem Magnus Erlingsson gefallen war, zu Norwegens König auf. Durch einen gewaltigen Pairsschub sorgte er für die Zersetzung des durch die Bürgerkriege dezimierten Adels, und der wenig beliebte, aber viel gefürchtete Herrscher vermochte sogar der katholischen Kirche ihre seinen schwachen Vorgängern abgetrotzten Vorrechte wieder zu entreißen. das war möglich, weil sich die untere Geistlichkeit Norwegens nur wenig um Bann und Interdikt kümmerte. Fester als mit Rom fühlte sie sich mit der Heimat verbunden; die norwegischen Pfarrer waren mehr Bauern als Römlinge.So fest gründete Sverre das Königtum, daß es selbst schwache und Minderjährigkeitsregierungen aushielt, ja, als Magnus Lagaböter, dem Norwegen sein erstes Reichsgesetzbuch verdankt, ohne zwingenden Grund der Kirche weitgehende Zugeständnisse gemacht hatte, da entriß der Adel, der während der Minderjährigkeit seines Sohnes die Regierung führte, ihr diese rechte wieder und zwang den kraftvollen erzbischof Jon, das Land zu verlassen. Das war ein deutliches Zeichen dafür, daß der norwegische Adel seine alte oppositionelle Haltung gegen das Königtum aufgegeben hatte. In der Tat finden wir um 1300 auch in Norwegen Ansätze zur entwicklung eines Dienstadels wie in den Nachbarstaaten. Aber ehe diese neue, von Dänemark und Schweden eindringende Gesellschaftsschichtung sich durchgesetzt hatte, traten Ereignisse ein, die diese Anfänge wieder verkümmern ließen. Das erbrecht führte Haakons V. Schwestersohn, den Folkunger Magnus Eriksson, auf Norwegens Thron, und nach des letzten Folkungers Tode wurde Margareta von Dänemark als Norwegens rechtmäßige Herrscherin erklärt. Fortan erscheint Norwegen als mit Dänemark verbunden, und im Laufe der folgenden Jahrhunderte sinkt es von der Stellung eines durch Personalunion mit Dänemark vereinigten Königreiches zu der einer dänischen Provinz herab.

Eine solche Entwicklung wurde möglich, weil nach dem Wegfall des nationalen Königtum kein Stand, keine Einrichtung vorhanden war, die die Interessen des Staates hätte vertreten können. Die alte, im Grunde staatsfeindliche Geschlechteraristokratie hatte das Königtum zerschlagen; aber sie war doch bis ins 13. Jahrhundert hinein stark genug gewesen, das Aufkommen eines auf Königsdienst gegründeten Adels zu verhindern. Die schwachen Anfänge eines solchen waren, als die Unionszeit kam, noch in keiner Weise geeignet, den Staat als solchen zu vertreten oder auch nur als Führer des Volkes zu dienen. Ebensowenig kam die Geistlichkeit für eine derartige Rolle in Frage. Ein norwegisches Bürgertum gab es kaum. In den Städten wie überhaupt im Handel gaben die Hanseaten den Ton an. Die bauern, an sich Norwegens stärkster Stand und durch Aufnahme der Reste der alten Aristokratie weiterhin gekräftigt, beschränkten sich auf die Verteidigung ihrer Freiheit, ihrer "Odelsrechte". Das Königtum, das infolge seines Kampfes gegen die Geschlechter einen de,okratischen Zug bekommen, hatte jede Beeinträchtigung der bäuerlichen Freiheit zu verhindern gewußt. Auch die dänischen Könige haben klugerweise an den Vorrechten er Bauern kaum gerüttelt, um nicht durch einen aufgezwungenen Kampf in ihnen höhere politische Interessen zu erwecken.

So glitt Norwegen, dessen Söhne im 9. und 10. Jahrhundert Europa hatten erzittern lassen, das im folgenden Jahrhundert lange Kämpfe um ein nationales Einheitskönigtum entbrennen sah, am Ende des Mittelalters sang- und klanglos - auch die reichen Ströme desnorwegischen Schrifttums versiegen - in die Zeit über, die die Norweger selbst als die fünfhundertjährige Nacht in ihrer Geschichte bezeichnen; es verlor ohne Schwertschlag seine nationale Selbständigkeit, schließlich sogar seine Sprache, und erwachte erst, als die demokratischen Ideen er französischen Revolution die norwegischen Bauern mit neuen idealen erfüllten.

Quelle: Jedermanns Bücherei; Nordische Geschichte, © 1924 by Ferdinand Hirt in Breslau, Jadu 2000

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