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Die Ostwikinger

Weniger im hellem Lichte der Geschichte haben sich die Ostwikingerfahrten abgespielt, die, zu meist von Schweden aus, gen Osten gingen. Diese Wikinger stießen auf kulturell weit tieferstehende Völker, die keine schriftliche Überlieferung hatten, und erst als sie in den byzantinischen und arabischen Kulturkreis eindrangen, begegnen uns gleichzeitige Zeugnisse. Über die Züge in der Ostsee und nach Rußland berichten nur Sagen und spätere Überlieferungen.
Infolgedessen wissen wir nicht einmal sicher, ob die Städte am südlichen und östlichen Ostseeufer, Reric, Jumne (Vineta) und Söborg, mehr slawisches oder nordisches Gepräge trugen. Wahrscheinlich waren es slawische Handelsplätze, die die Wikinger Wikinger von einer Burg aus beherrschten. Teilweise scheinen es schwedische Militärkolonien gewesen zu sein. Um 900 erlebte jedenfalls das Schwedenreich erste Blütezeit, während deren es nach dem anderen Ostseeufer übergriff. Die schwedischen Bevölkerungsreste an der estländischen Küste zeugen bis zum heutigen Tage davon, und Lanschaftsnamen wie Satakunda bewahren noch die Erinnerung an die ehemalige Einteilung des Landes in "hundari" (=Härad).

Schon im 9. Jahrhundert hören wir auch von einem schwedischen Reiche im inneren Winkel des Finnischen Meerbusens, "gardariki" mit der Hauptstadt Holmgard (Nowgorod). Es dehnte sich weit ins Innere Osteuropas aus und sollte die Keimzelle des russischen Reiches werden. Die russische Sage erzählt, daß die streitenden Slawenstämme aus Schweden Leute herbeigeholt hätten, die etwas mehr Herrschertalente besaßen als sie selbst, und daß daraufhin Rurik (Hrodrekr) mit seinen Brüdern das Land in Besitz genommen und an seine Vasallen verteilt habe. Die Sage trägt deutlich die Züge der zeit der Abfassung und erinnert so an die Erzählung von Hengist und Horsa, daß man annehmen möchte, der Bericht von der angelsächsischen Eroberung Englands sei dem Kiewer Mönche Nestor nicht ganz unbekannt gewesen.
Tatsächlich werden wir uns die Eroberung Rußlands durch die Schweden ähnlich vorzustellen haben, wie vorher den Vorstoß der gotischen Stämme durch Osteuropa nach dem Schwarzen Meer. Kriegerische Kaufleute aus Schweden werden, an den Flußläufen entlang vordringend, von den Eingeborenen Tribut erpreßt haben, und man kann es sich wohl vorstellen, daß manche Stämme auch ohne Zwang zu der Einsicht gekommen sind, daß die blonden Herrenmenschen geeignete Führer und Organisatoren waren, als ihre eigenen Häuptlinge. Die eigentliche Eroberung ist dann wie in England und in Frankreich wohl von einem "großen Heere" ausgegangen, dessen Führer das Land unter sich verteilten und deren einer - vielleicht war es ein Rurik - zunächst mehr als ein primus inter pares an der Spitze trat.
Der Kern dieses Reiches lag in Nordrußland. Aber frühzeitig schon zogen die Waräger ihre Schiffe auf Rollen über die Wasserscheiden und fuhren die südrussischen Ströme hinunter nach dem Schwarzen Meere und dem Kaspischen See. Sie stießen das Tor nach dem Orient wieder auf, das verrammelt gewesen war, seitdem die Slawen sich zwischen die Ostseegermanen und die Reste der Goten auf der Krim eingeschoben hatten. Schon im Jahre 865 versuchten sie Konstantinopel zu überrumpeln. da das nicht gelingt, fahren sie durch Don und Wolga nach dem Kaspischen Meer und stören die nichtsahnenden mohammedanischen Reiche aus ihrer Ruhe auf. Es beginnt eine Zeit, die an das erste Auftreten der Goten an den Gestaden des Schwarzen Meeres erinnert.

Bald folgte den Freibeutern das "offizelle" Rußland. Oleg (Helge), der Sage nach Ruriks Sohn, vereinigte die südrussischen Waräger mit seinem Reiche und erneuert 907, nunmehr von breiterer Basis ausgehend, den Angriff auf das griechische Kaisertum. Der russische Traum von Konstantinopel ist also schon ein tausendjähriger. Alle Beherrscher Rußlands haben ihn geträumt, die Ruriks wie die Romanows, und selbst den Bolschewiken unserer Tage gaukeln die Zinnen der Stadt am Bosporus als Fata morgana vor. Aber noch immer stehen die Russen dort, wo ihre ersten Warägerfürsten haltmachen mußten. Die Angriffspolitik gegen das oströmische Kaiserreich hatte für den Warägerstaat außer der Öffnung wichtiger Handelswege noch eine andere einschneidende Folge: der Schwerpunkt wurde von Norden nach Süden verlegt, von dem überwiegend warägischen Nowgorod nac Kiew, das in weiter Ferne vom schwedischen Mutterlande lag, und wo nur die Gefolgschaft des Fürsten warägisch war. Schon Oleg hat die Verlegung der Hauptstadt vorgenommen und damit unbewußt über die zukünftige Entwicklung des schwedischen Wikingerstaates entschieden. Ein Staat in Nordrußland mit einer Hauptstadt, die in unmittelbarer Seeverbindung mit Schweden stand, hätte vielleicht sein skandinavisches Gepräge beibehalten können. In Kiew war das Übergewicht byzantinischer und kasarischer Einflüsse zu groß. Besonders der byzantinischen Kultur hatten die Wikinger nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen, und als dann vollends das Christentum in seiner oströmischen Form zu den Slawen und verslawisierten Finnen Rußlands kam, da war auch das Schiksal der dünnen warägischen Oberschicht entschieden. Nowgorod hat seine nordische Eigenart noch länger bewahrt und ist wiederholt in Gegensatz zu den süd- und mittelrussischen Fürtentümern getreten, aber nachdem das Herz des Landes slawisch geworden war, konnte sich auch im Norden die schwedische Nationalität nicht mehr behaupten, zumal nach der Annahme des oströmischen Christentums und mit dem Aufhören der Wikingerzüge die Verbindungen mit dem Mutterlande abrissen. Die nordischen Namen, die in den ältesten Friedensverträgen mit Ostrom (911 und 944) uns noch deutlich die nordische Nationalität der "Russen" verraten, verschwinden im folgenden Jahrhundert, und Jaroslav (gestorben 1054) ist der letzte, der sich in den Kämpfen mit seinen Verwandten noch bewußt auf das warägische Element gestützt hat.

Etwas länger als mit dem ruusischen Tochterreiche haben sich die Verbindungen Schwedens mit dem byzantinischen Kaiserhofe erhalten. Der Kaiser besaß ähnlich wie die letzten weströmischen Imperatoren eine skandinavische Leibgarde. Die "beiltragenden " bildeten den Kern des byzantinischen Heeres. Sie lagen meist auch in anderen Städten. Ein Zeugnis dafür bietet ein antiker marmorlöwe aus dem Piräus, in den ein uppländischer Soldat ein nordisches Runenband eingemeißelt hat. Die ganze Verachtung des urwüchsigen Halbbabaren gegenüber der hohen, aber verweichlichten Griechenkultur spricht sich darin aus, wenn für ihn ein klassisches Bildwerk nichts als ein Steinblock ist, gerade gut genug, ein paar Runen darein zu ritzen (Bild 3).
Bis ins 13. Jahrhundert hat in Skandivien vereinzelt der Brauch bestanden, beim griechischen Kaiser Dienste zu nehmen, um in Särkland (Sarazenenland, Asien) oder als Jorsalafahrer (Jeruselem) zu kämpfen. Bestimmungen der schwedischen Landschaftsgesetze über solche "Greklandfahrer" sind die letzten Erinnerungen daran, und Miklagard (Konstantinopel) und Gardariki werden Stätten, in denen höchstens noch die Phantasie des Skalden heimisch ist. -
Um die Mitte des 11. Jahrhunderts verschwinden die Wikingerflotten vom Meere. jaroslavs Tod und die beiden großen Schlachten des Jahres 1066 in England stehen am Ende des Zeitalters. Weshalb haben die Wikingerzüge aufgehört?

Den Lebensnerv schnitt ihnen die Einführung des Christentum ab. Für den Verehrer Odins gab es nichts Höheres, als im Wiking Ehre und Reichtum zu erstreiten. Dem christlichen Ritter gebot die Moral, sich zum Beschützer des Schwachen aufzuwerfen und fremdes Gut zu achten. Die Kreuzzüge nach dem Heiligen Lande sowie gegen die Slawen und Finnen des Ostseegebietes stellen einen Kompromiß zwischen den beiden weltanschauungen dar, ohne jedoch den inneren Widerspruch beseitigen zu können.
Zudem bot Europa politisch im 11. Jahrhundert ein völlig verändertes Bild. An Stelle der sich auflösenden karolingermonarchie war das kraftvolle Kaisertum der Sachsen und Salier getreten. In Frankreich war zwar noch kein Staatswesen von ähnlicher festigkeit entstanden, aber hier hatten sich die Wikinger durch die gründung der Normandie gewissermaßen selbst die Tore verschlossen, und auch England konnte seit seiner normännischen Eroberung nicht mehr als Tummelplatz plündernder Wikingerscharen in Frage kommen.
Der Festigung des mitteleuropäischen Staatensystems entsprach im Norden die Bildung der Einheitskönigreiche Schweden, Norwegen, Dänemark. Je mehr das Königtum durchdrang, um so mehr zog es die gesamten Kräfte des Landes in seinen Dienst. An Stelle der abenteuernden Weltpolitik der Wikinger trat eine dynastische Politik der Königshäuser, die nur Sicherung und Erweiterung ihres skandinavischen Besitzes zum Ziele hatte.

Quelle: Jedermanns Bücherei; Nordische Geschichte, © 1924 by Ferdinand Hirt in Breslau, Jadu 2000

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Die Wikingerzüge
1. Die Westwikinger
2. Späteres Schicksal der Wikingerstaaten
3. Die Ostwikinger


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