HOME Die Welt der Wikinger, Normannen und Waränger Mittelalter - Index

Die Westwikinger

In der Nordsee hatte sich, nachdem die Seezüge der Nordseegermanen gegen England und die gallische Küste mit der Gründung der angelsächsischen Königreiche ihren Abschluß gefunden hatten, ein lebhafter Handel entwickelt, dessen Hauptträger die Friesen waren, und der in Dorestad an der Rheinmündung (jetzt Wijk bi Duurstede) und Quentovic am Kanal seine Mittelpunkte hatte. Drei wichtige Handelsstraßen trafen sich in Dorestad. Eine führte rheinaufwärts nach Oberdeutschland, Frankreich und dem Mittelmeer, eine andere nach England, die dritte durch die Watten der Nordsee quer über die Kimbrische Halbinsel nach Schleswig und weiter nach Skandinavien bis nach Skiringsal in Norwegen und dem schwedischen Birka.
An diesem Handelsverkehr beteiligten sich, wenn auch nicht im größeren Maßstabe, auch skandinavische Kaufleute. Vereinzelt waren schon früher im 6. Jahrhundert nordische Strandräuber an der fränkischen Küste erschienen. Das Beowulflied und Gregor von Tours erzählen von der Fahrt des Gotenkönigs Hygelac. Später als das Frankreich und das angelsächsische Königtum machtvoll emporgewachsen waren, kamen sie nur noch als friedliche Kaufleute.

Im Jahre 793 wurde eine nordische Kaufmannschar an die englische Küste in die Nähe des Klosters Lindisfarene verschlagen. Vielleicht waren sie früher in der Ostsee gefahren und von der Slawenküste her gewohnt, Handel mit Seeraub zu verbinden. Jedenfalls fielen sie kurzerhand über das reiche Kloster her, schlugen die Mönche tot, luden eine unermeßliche Beute auf ihre Drachen und ließen den Rest in Flammen aufgehen. Wie ein Wetterstrahl fuhr die Kunde hiervon in die behäbig ruhige Welt des Angelsachsen und Frankenreiches. Noch hatte man sich von der Überraschung nicht erholt, da kamen neue Hiobsposten: Dorchester überfallen, die Insel Man geplündert. Im Jahre 799 erschienen die Wikinger schon an der aquitanischen Küste. Es ließ sich nicht mehr leugnen, ein neuer Machtfaktor war in der europäischen Politik aufgetaucht. Rund 250 Jahre sollte er die ganze damals bekannte Welt in Atem halten, und schier unerschöpflich schienen die Massen kühner Nordleute, die Jahr für Jahr die Länder am Atlantischen Meer, an der Ostsee und am Mittelmeer, ja selbst am Schwarzen Meer und dem Kaspischen See heimsuchten.

Während dieser zweiundeinhalb Jahrhunderte haben die Wikingerzüge ihren Charakter nach Art und Ziel verschiedentlich gewechselt. Zunächst waren es kleine Scharen, die plötzlich auftauchten, wie die Zerstörer von Lindisfarene, und nach dem geglückten Überfall ebenso schnell wieder verschwanden. Man könnte sie als Vortrupps bezeichnen, die erst einmal die schwächste Stelle des damaligen Staatensystem feststellen wollten. Die war schnell gefunden. Die keltischen Kleinreiche von Schottland und Irland mit ihren ständigen Fehden waren für die Wikinger ein weit günstigeres Arbeitsfeld als die festgefügten Monarchien Karls des großen und Egberts von Wessex. Irland, Schottland und die zwischen ihnen liegende Inselwelt bilden daher das Hauptziel der Nordleute in dieser Periode, die bis rund 830 reicht. Im Jahre 819 gründete der Norweger Turgeis Dublin und versuchte sogar, an Stelle der hochentwickelten irischen Kirche den nordischen Asenkultus einzuführen. Es ist die Zeit, von der ein irländischer Chronist klagt: "Die See spie Flotten von Fremdlingen über Erin, so daß kein Hafen, kein Landungsplatz, keine Festung, keine Burg, keine Schutzwehr ohne Wikinger und Seeräuber war."

Um 830 ändern die Züge ihre Art und ihre Richtung. Es beginnt die erste Hochflut der Wikingerfahrten, die bis etwa 911 anhält. Die kleinen Abenteurerscharen ballen sich zu großen Heeren zusammen. Sie kommen nicht mehr, um schnell errungene Beute auf ihren Schiffen nach der Heimat zu führen, sondern sie bleiben monate-, jahrelang im Lande, bringen nicht selten Frauen und Kinder mit und kämpfen um neues Siedlungsgebiet. Der Schauplatz dieser Kämpfe ist in erster Linie England und das Frankenreich.
Im Jahre 830 begann mit der Empörung der Söhne Ludwigs des Frommen gegen ihren Vater der Verfall des Frankenreiches, und als der Kaiser auf dem Lügenfelde vor ihnen demütigen mußte, da war die Stunde der Normannen gekommen. Noch im selben Jahre setzten sie sich an der Loiremündung fest. Friesland muß der Kaiser schon wenige Jahre später an die Brüder Harald und Rorik abtreten. Dorestads Blüte wird vernichtet. Im Jahre 845 wird Paris zum ersten Male zerstört, und die Niederbrennung Hamburgs ist gewissermaßen die Antwort auf die schüchternen Missionsversuche Ansgars.

Aber nicht nur die Küsten, nicht nur die Uferlandschaften der großen Flüsse werden heimgesucht, die Wikinger drängen auch in das Innere des Landes, und die verwegenen Seeleute entpuppen sich als nicht minder kühne Reiter. Überraschung ist das Hauptmoment ihrer Taktik. Ihr nahen zur See wird bei dem Fehlen einer fränkischen Flotte fast nie bemerkt. Ebenso unvermutet tauchen ihre Reitgeschwader immer gerade dort auf, wo die Empörung eines großen Vasallen oder neue Zerwürfnisse zwischen karolingischen Thronkämpfern ihnen jeweils die besten Aussichten eröffnen. Sie müssen einen glänzenden Kundschafterdienst besessen haben, und das hing wohl damit zusammen, daß sie nicht nur raubende Krieger, sondern auch Kaufleute waren. Die Auslösung von Gefangenen wurde von ihnen als Geschäft betrieben, und in ihren Standquartieren verkauften sie den Teil der Beute, der des Mitnehmens nicht wert war oder sich nicht dazu eignete. So hatten sie überall Leute, mit denen sie in Verbindung standen, ja geradezu Helfershelfer, die an ihren Erfolgen interessiert waren. In erster Linie waren das Friesen, die damals als Kaufleute im ganzen Frankenreich zu finden waren, und die von allen deutschen Stämmen den Nordleuten am meisten wesensverwandt waren. Gewiß haben auch sie manch harten Strauß mit ihnen gefochten, aber auf der anderen Seite war es keine Seltenheit, daß sich Friesen - und bisweilen auch Angehörige anderer deutscher Stämme - den Zügen der Wikinger anschlossen.

Das Frankenreich und die britischen Inseln boten indessen dem Tatendrang der Nordleute nicht Raum genug. Auch die Iberische Halbinsel wurde angefallen. Daß sie sich im Kampfe mit den seetüchtigen Mauren wiederholt die Schlappen holten, hinderte sie nicht, ins Mittelmeer einzufahren. Die Balearen, die Landschaften an der Rhone und der Isere, die italienische Küste mit Pisa und Luna, wurden von einem Geschwader unter Björn Eisenseite und Hasting heimgesucht. Zu Luna passierte den Wikingern ein tragikomisches Mißgeschick. In der festen Annahme, die Hauptstadt der Welt vor sich zu haben, hatten sie alle List und Gewalt darangesetzt, die Stadt zu bezwingen, und ihre Wut soll keine Grenzen gekannt haben, als sie merkten, daß sie nicht Rom, sondern nur eine verhältnismäßig unbedeutende Provinzstadt zerstört hatten.
Nahezu ganz Europa umspannten damals die Wikinger; denn wenige Jahre nach der Plünderung von Luna im Jahre 866 belagerten schwedische Wikinger Konstantinopel und drangen ins Griechische Meer ein.

England war nach Egberts Tode ebenso ein Raub der Wikinger geworden wie das Frankenreich. Selbst Alfreds Herrschergröße erreichte nicht mehr als er die südliche Hälfte seines Reiches behauptete. Im Frieden von Wedmore 878 mußte er dem Wikingerkönige Guttorm alles Land nördlich der Waetlingastraße abtreten, wo nunmehr die ersten Wikingerreiche entstanden. Durch den Frieden von Wedmore wurden zahlreiche Wikingerscharen frei, die sich nun auf das Frankenreich stürzen und dort als "das große Heer" jahrzehntelang herumziehen. Im Ostfrankenreiche wiederholt, so durch Arnold bei Löwen im Jahre 891, abgewiesen, verlegen sie ihre Tätigkeit immer mehr nach den Westfrankenreich, das sich damals vollständig aufzulösen droht, dessen nördliche Teile bald unbestrittener Besitz der Nordleute werden. Schon fangen sie an, durch Kriegsgefangene an den Ufern der Seine die Äcker für sich bestellen zu lassen, und es ist nur die Anerkennung eines tatsächlichen Besitzstandes, wenn König Karl der Einfältige dem Normannenführer Rolf im Jahre 911 zu Saint-Clair an der Epte die Normandie als Lehen abtritt.

Das Frankenreich gewann dadurch eine sichere Schutzabwehr gegen die Einfälle anderer Wikingerscharen. Ihre Züge flauen in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts überhaupt merklich ab, und der dritte Abschnitt der Wikingerzeit, der etwa die Zeit von 900 bis 980 umfaßt, ist durch einen starken Rückgang der Bewegung gekennzeichnet. Der Hauptgrund für das Abflauen liegt in der Entwicklung der skandinavischen Reiche. Dort stritt in allen drei Hauptländern das Einheitskönigstum mit dem Selbständigkeitssinn der Kleinkönige. "König" wurde im Norden noch vielfach in seiner ursprünglichen Bedeutung als "Mann aus vornehmem Geschlecht" aufgefaßt. Jeder Gau, jedes Härad oder Fylke hatte seinen König, und wem das erbrecht kein "Königreich" verlieh, der lebte als Wiking, und sobald er einige Schiffe unter seinem Kommando versammelt hatte, war ein Seekönig. Mancher Seekönig, der an Land nicht mehr als seinen Hof besaß, gebot über schwimmende Königreiche, auf deren Macht die anderen mit Neid blickten. Den Stolz dieses trotzigen Königsadels zu brechen und ihn unter ein Einheitskönigtum zu beugen, war am schwierigsten in Norwegen, weil in den durch unübersteigbare Bergwälle voneinander getrennten Fjords noch größeres Selbstbewußtsein und Starrköpfigkeit gediehen als anderswo im Norden, und weil hier die Anknüpfung an eine Kultgemeinschaft, wie sie in Schweden dem Upsalakönige eine Art ideeller Oberhoheit verlieh, fehlte. Erst nach langem grimmigen Kampfe blieb Harald Haarfager Sieger.

Dänemark hatte zu Karls des Großen Zeiten mächtig dagestanden, und König Göttrik führte selbst gegen den Kaiser eine anmaßende Sprache. Aber bereits Ludwig der Fromme bekam Gelegenheit, in dänische Thronwirren einzugreifen, und in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts sind schon die in den fränkischen Quellen auftretenden zahlreichen Namen dänischer Könige ein Beweis für die andauernden Thronkämpfe. In der Tat drohte Dänemark um das Jahr 900 ganz auseinanderzufallen. Das heute zu Norwegen gehörende Westfold sowie Bornholm machten sich selbständig. Blekinge ging an Schweden verloren, das damals seine Blütezeit als Ostseegroßmacht erlebte. In Schleswig setzte sich ein schwedischer Wikingerführer Olof fest und eroberte ganz Jüdland. Seinen Sohn Gnupa hat Heinrich I. bekämpft, aber trotz der doppelten Gegnerschaft des deutschen Königs und des Dänenkönigs Gorm, der ihn von Seeland her bedrohte, konnte Gnupa das Reich auf seine Sohn vererben, der dann allerdings der letzte dieser schwedischen Könige von Jüdland war(Bild 2). Mit Gorm dem Alten und seinem Sohne Harald Blaatand (Blauzahn) beginnt eine neue Blütezeit Dänemarks.
Die außenpolitische Folge der Kämpfe in Skandinavien war, daß die Eroberungen der vorhergehenden Periode, insbesondere die Wikingerreiche in England verfielen. Die Nachfolger Alfreds des Großen dringen in das "Danelag" ein. Da der Zuzug aus der Heimat ausbleibt und wohl auch das Christentum den kriegerischen Sinn der nordischen Ansiedler etwas gebändigt hatte, müssen Ostangeln, Northumberland und schließlich das keltisch-nordische Königreich von Strathclyde sich dem angelsächsischen König unterwerfen. Das gelegentliche eingreifen norwegischer Wikingerkönige von Dublin aus kann sie nicht retten. Um 960 gibt es kein selbstständiges Wikingerreich mehr auf Englands Boden.

Aber gegen Ende des Jahrhunderts wird noch einmal alles anders. Um 980 füllen sich die Meere von neuem mit Wikingergeschwadern. Kleine Trupps zunächst, die sich aber bald zu gewaltigen Flotten zusammenballen, und an deren Spitze - dadurch unterscheidet sich der vierte Abschnitt der Wikingerzeit von den früheren - nicht nur Thronkämpfer und Fürstensöhne, sondern zuletzt die Könige von Dänemark und Norwegen stehen. Das Hauptziel der Fahrten ist wiederum England. Alles, was das Land früher gelitten, wird in den Schatten gestellt. greller denn je leuchte die Brandfackel, unbarmherzig rast das Schlachtbeil auch unter Frauen und Kindern, als Harald Blauzahns Sohn, Sven Tveskägg (Gabelbart), und Olaf Tryggwason "danagäld" erpressen. Schließlich weiß König Ethelred keinen anderen rat mehr als feigen Meuchelmord. In der dänischen Vesper im Jahre 1002 läßt er alle Dänen im Lande ermorden. Aber da bricht das Ungewitter erst recht los. Aus allen Buchten Skandinaviens, aus den fernsten Winkeln der Ostsee, wo die Wikinger hausen, kommen sie wut- und racheschnaubend herbeigeeilt. Sven Tveskägg, jetzt Dänemarks König, dessen Schwester sich unter den Ermordeten befand, setzt sich an die Spitze. Unter den grausamsten Verheerungen und Erpressungen rast der Sturm über England dahin, bis der letzte Widerstand niedergeschmettert ist.
Alle früheren Wikingerzüge waren Privatunternehmungen einzelner Seekönige gewesen. Jetzt war es Dänemarks König, der auszieht, um für sein reich eine neue Provinz zu erobern. Als Sven im Jahre 1015 starb, war das Ziel erreicht. Sein Sohn Knut wurde nach kurzem Kampfe als König von England anerkannt, und da er außerdem Norwegen und durch einen Vertrag mit Kaiser Konrad II., bei dessen Kaiserkrönung er zugegen war, Schleswig erwarb, vereinigte er drei Königskronen auf seinem Haupte und gebot über ein Reich, das vom Nordkap bis zur Eider, von der Ostsee über die Nordsee bis ins Irische Meer sich erstreckte.

Aber trotz des aufrichtigen Bemühens des dem Christentum ergeben Königs, die Gegensätze in seinem weiten Reiche auszugleichen, zerfiel diese bald nach seinem Tode (1035). Als im Jahre 1042 der letzte seiner Söhne, der schwächliche Hardiknut, starb, war niemand da, der in England dem aus der Normandie zurückkehrenden Sproß des angelsächsischen Königshauses, Eduard dem Bekenner, den Thron hätte streitig machen können. Dänemark selbst viel an Magnus den Guten von Norwegen, den Sohn Olafs des Heiligen, an dessen Namen sich die Einführung des Christentums in Norwegen knüpft, der aber wegen der dabei bewiesenen Härte dem König Knut hatte weichen müssen und bei dem Versuche, das Land wiederzuerobern, bei Sticklestad 1030 gefallen war. Magnus nahm seinen aus Konstantinopel heimkehrenden Oheim Harald Haardradi (den Harten) als Mitkönig an und bestimmte, daß nach seinem Tode ihm Harald in Norwegen, ein Schwestersohn des großen Königs Knut, Sven Estridson, in Dänemark nachfolgen sollte. Im Jahre 1066 machte Harald den Versuch, England zu erobern, verlor aber mitsamt seinem Bruder Tostig bei Stamfordbrigde Sieg und Leben. Es war das letzte eigentliche Wikingerheer, das die beiden ins Treffen führten; denn das andere Heer, mit dem Wilhelm der Eroberer in demselben Jahre nach England übersetzte, trat bereits im schweren Eisenkleide des mittelalterlichen Rittertums auf. Wilhelms Krieger waren zwar Wikingerenkel, aber nach Sprache und Lebensart gehörten sie dem romanischen Kulturkreis an.

Quelle: Jedermanns Bücherei; Nordische Geschichte, © 1924 by Ferdinand Hirt in Breslau, Jadu 2000

Dänemark
Norwegen
Schweden

 

Bannerwerbung von Sponsorennetzwerk.de


Die Wikingerzüge
1. Die Westwikinger
2. Späteres Schicksal der Wikingerstaaten
3. Die Ostwikinger


© Copyright 2000 by JADU

www.jadu.de

 

Webmaster