Die Leute Rolfs des Normannen hatten schnell den äußeren
Firnis der sie umgebenden Ritterkultur angenommen. Durch Blutsmischung
mit Kelten und Halbromanisierten Westfranken kam jene glückliche
Vereinigung von germanischer Kampfesfreude, romanischem Ehrgeiz und
keltischer Beweglichkeit zustande, die die Normannen zum wertvollsten
Bestandteile der werdenden französischen Nation werden ließ.
Durch ihre kriegerischen Gaben, ihre politische Verschlagenheit, ihre
geistige Regsamkeit und den glühendem Eifer, mit dem sie das
Christentum umfaßten, wurden sie zu Idealgestalten des abendländischen
Rittertums; doch weder Christentum, noch verfeinerte romanische Kultur
konnten den Wiking in ihnen ertöten. Die Vorliebe für ferne
Kriegszüge behielten sie bei. Raub, Mord und Plünderung
war ihre Lust, und Eide, Lüge und verrat handhabten sie mit erstaunlicher
Selbstverständlichkeit.
Im Wiking zu leben, wie die heidnischen Vettern daheim, ging freilich
für die christlichen Ritter nicht recht an, aber man fand einen
brauchbaren Ersatz dafür in kriegerischen Wallfahrten nach dem
Heiligen Lande. Schon ehe die erste Kreuzzugspredigt erscholl, wurden
sie von den Normannen geübt. Wenn man im Mittelmeer dabei nach
der Väter Weise etwas plünderte, so war das nicht so ängstlich.
Am Heiligen Grabe wurde alles verziehen, und geschah es Ungläubigen
gegenüber, so war es sogar ein verdienstliches Werk.
Auf der Fahrt durch das Mittelmeer pflegten die reisigen Pilger in
Unteritalien bei einem Heiligtum des Erzengels Michael, des Schutzpatrons
aller Germanen, haltzumachen, und bei einer solchen Gelegenheit leistete
eine Normannenschar der Stadt Salerno so wirksame Hilfe, daß
die Kunde ganz Süditalien durchflog. Die Folge waren eine ganze
Reihe von Gesandschaften und Hilferufen nach der Normandie; denn im
blühenden italienischen Lande gab es Arbeit für rostfreie
Schwerter. Einheimische Fürsten aus dem Hause der langobardischen
Herzoge von Benevent, mehr oder weniger selbständige Städte,
Byzantiner, Araber, Kaiser und Papst, alles bekämpfte einander.
Die Normannen kamen. Im Jahre 1027 erhielt Rainulf vom Herzog von
Neapel einen fruchtbaren Landstrich, in dem er Burg und Stadt Aversa
anlegte. Elf Jahre später erhielt er dafür die Belehnung
von Kaiser Konrad II. In ähnlicher Weise erwuchsen eine ganze
Reihe normannischer Herrschaften.
Unter den nach Süditalien Ausgezogenen befanden sich die Söhne
des Tancred von Hauteville. Ihnen gelang es, die verschidenen Normannengründungen
zusammenzuschweißen. Robert Guiscard machte sich zum Herrn des
unteritalienischen Festlandes, während sein Bruder Roger (Hrodgar)
in dreißigjährigem Ringen den Mohammedanern Sizilien entriß.
Von glänzenden Heldentum, von "Nibelungentreue" sind
diese Kämpfe durchleuchtet, aber auch von Bruderzwist, Verrat,
Meuchelmord und Hinterlist befleckt. Walkürengleich treten heldenhafte
Frauengestalten, die Gemahlinnen Roberts und Rogers, zwischen die
kämpfenden Männer. Das kriegerische Lied verklingt nicht
eher, als bis der Halbmond auf der großen Moschee von Palermo
dem Kreuze weicht.
Zwei Reiche waren so in engster Fühlung miteinander entstanden.
Nach dem Tode Bohemunds von Tarent, Guiscards Sohn, werden sie von
Roger II. in einer Hand vereinigt, und unter einer Reihe ebenso begabter,
wie kriegerischer und kunstsinniger Herrscher erhebt sich das Normannenreich
zum Mittelpunkt der Mittelmeerländer. Der Papst und die Kaiser
des Ostens und des Westens umwerben die Normannenkönige mit schmeichelhaften
Anträgen, und die Pracht von Palermo fängt an, Roms Glanz
zu verdunkeln.
Dieser schnelle Aufstieg beruhte außer auf dem militärischen
und diplomatischen Geschick der Normannen auf der Leichtigkeit, mit
der sie aus den vorgefundenen Staatsbildungen Ostroms und der Sarazenen
das Beste entnahmen und sich dienstbar machten. Besonders die Sarazenen
wurden ihre Lehrmeister. es ist auffallend und ein echt nordgermanischer
Zug, mit welcher Toleranz die Sarazenen, nachdem sie sich einmal unterworfen
hatten, behandelt wurden. Trotz des bekannten Glaubenseifers der Normannen,
und obwohl sie den Kampf gegen die Ungläubigen auf ihre Fahne
geschrieben hatten und in der Kreuzzugsbewegung eine hervorragende
Rolle spielten, gab es im Normannenreiche keine religiöse Frage.
Jeder konnte nach seiner Fasson selig werden. Die Mohammedaner behielten
ihre Moscheen. Sie hatten eine eigende Rechtspflege und erfreuten
sich voller Gleichberechtigung. Am Hofe des Normannenkönigs spielten
die gelehrten Araber dieselbe Rolle wie die kriegsgewaltigen normannischen
Vasallen. Arabische Baumeister und Dichter fanden dort Beschäftigung,
und der Geograph el Edrisi verfaßte in palermo das beste geographische
Werk des frühen Mittelalters, das Rogerbuch.
Für die Besetzung der höheren Ämter galt lediglich
das Gebot der Tüchtigkeit. Infolgedessen lag das Finazwesen zum
größeren Teile auch in den Händen der Araber. Oft
auch das Kommando der Leibwache und das Admiralat (von dem arabischen
"Emir"). Die Normannenkönige eigneten sich die arabische
Sprache an, und die jungen Prinzen hatten sowohl katholische Geistliche
wie auch gelehrte Araber zu erziehern. Wie weit die Kulturverschmelzung
ging, zeigen noch heute die gewaltigen Bauten von Palermo und im ganzen
italienischen Süden. Germanische Kraft vermählte sich in
ihnen mit der Pracht und Anmutsfülle des Orients. Mit burgartigem
Trotz steigen die Mauern auf, aber als Schmuck drängen sich maurische
Spitzbogen und figurenreiche Ranken einer üppigen Ornamentik
dazwischen. Wasserkünste innerhalb und außerhalb der Paläste,
byzantinische Mosaikarbeit, Pavillone und Ziergärten, alles,
was eine verschwenderische Natur und menschlicher Schönheitssinn
hervorbringen konnte, fand sich in den normannischen Prunkbauten vereinigt.
Alles in allem war es ein ähnlicher Prozeß, wie ihn die
Normanne schon einmal in Frankreich durchgemacht hatten, und durch
diese doppelte Verbindung mit überragenden Kulturen erhob sich
ihr reich zu einer politischen und kulturellen Höhe, die alle
gleichzeitigen Mächte in den Schatten stellte. Vollends ein Unterschied
wie Tag und Nacht ist es, wenn man das in vielem geradezu modern anmutende
süditalienische Reich mit den stammverwandten Staaten im Norden
vergleicht, wo um dieselbe Zeit der Christengott noch mit dem Asator
rang, und schüchtern eben die ersten Keime mittelalterlichen
Lebens aufsproßten.
Aber bei allem Glanze fehlten nicht Keime des Verfalls. Echt germanisch
ist die betrübende Tatsache, daß die religiösen und
nationalen Gegensätze des Reiches nicht so schwer zu überbrücken
waren wie der Eigensinn und die Eifersucht der stolzen normannischen
Großen, die es dem Tancredgeschlechte nicht vergessen konnten,
daß ursprünglich nur ihresgleichen gewesen waren.
Dazu kam die Unklarheit des Lehnsverhältnisses zu Kaiser und
Papst. sie hatten zeitweise das Gute gehabt, daß die Normannenfürsten
beide gegeneinander ausspielen konnten. das wurde anders, als das
Kaisertum der Staufer seinen Schwerpunkt immer mehr nach Süden
verlegte und im Jahre 1189 Wilhelm II., der letzte vom Tancredhause,
ohne männliche Nachkommen starb. Es gab allerdings noch einen
männlichen Sproß, einen unehelichen sohn Roberts von Apulien,
den tapferen Tarnred von Lecce, aber gegen ihn trat Kaiser Heinrich
VI. auf und machte Ansprüche sowohl als Oberlehnsherr wie als
Gemahl von Rogers Tochter Konstanze. Seinen ersten Angriff schlägt
Tancred ab, aber als das gewaltige Lösegeld für Richard
Löwenherz den Kaiser in den Stand setzte, die Flotten Genuas
und Pisas für seine Zwecke zu mobilisieren, und als Tancred mitsamt
seinem älteren Sohne fiel, da gelang es ihm die völlige
Unterwerfung des Königreiches beider Sizilien.
Die Verhältnisse brachten es mit sich, das Heinrich VI. dem Normannentum
fremd und feind war. Mit grausamer Härte hat er allen Widerstand
niedergeworfen und Verschwörungen in Blut ertränkt. Eine
ungeheure Machtfülle vereinte der deutsche Kaiser jetzt in seiner
Hand. Die Reichtümer des Normannenstaates, die alle Erwartungen
übertrafen, setzten ihn instand, an die Ausführung der kühnsten
Entwürfe heranzugehen. Aber inmitten seiner Pläne, die die
Eroberung des Byzantinischen Reiches und einen Kreuzzug in das Heilige
Land umfaßten, starb er plötzlich, erst 32 Jahre alt, in
Messina. Ob an einer Fieberkrankheit oder an Gift, das ihm möglicherweise
seine Gemahlin als Rächerin ihres gekränkten Vaterlandes
reichte, ist unsicher.
War Heinrich VI. für das Normannenreich der fremde Eroberer,
so floß in den Adern seines Sohnes, zu gleichen Teilen gemischt,
Hohenstaufen- und Normannenblut. In Sizilien geboren und von seiner
normannischen Mutter erzogen, war bei Friedrich II. der normannische
Einschlag der hervortretende. Es ist falsch, wenn es für gewöhnlich
heißt, Friedrich II. wäre ein halber Italiener gewesen.
Nicht italienisches, sondern Normannen-, Wikingerblut erklärt
seine Geschmeidigkeit, seine rasche Tatkraft und gegebenenfalls seine
Rücksichtslosigkeit, seinen Sinn für äußeren
Glanz wie die ganze kühne Großzügigkeit und zugleich
den Trotz und die Zähigkeit seines Wesens. Mit diesen Eigenschaften
sahen ihn nicht nur die Normannen als den Ihren an, er wurde, trotzdem
manches an ihm fremdartig erscheinen konnte, auch als Liebling des
deutschen Volke und als der eigentliche Träger der Barbarossasage
die Verkörperung ihrer nationalen Sehnsucht. Das Fremdartige
war tatsächlich nichts anderes als der Unterschied zwischen nord-
und südgermanischem Wesen und hat mit dem Gegensatz von Deutsch
und Welsch nur wenig zu tun. So ragt mit Friedrich II. ein Ausläufer
des Wikingerzeitalters hinein in den glänzendsten Abschnitt der
Deutschen Geschichte. Wikingerblut fand in ihm seinen Weg zum deutschen
Kaiserthrone, und die wilden Kämpfe, die er ausfocht, machen
ihn zum würdigen Nachfahren der nordischen Helden.
Eine zweite Wikingerunternehmung großen Stils, die von der
Normandie ausging, war die Eroberung Englands, die 1066 mit der Schlacht
von Senlac (Hastings) begann; nur daß sie nicht von abenteuernden
Rittern, sondern von dem Herzoge der Normandie durchgeführt wurde.
Der Vasall des französischen Königs wuchs dadurch mit einem
Schlage seinem Lehnsherrn über den Kopf. Da die Normannenherrscher
durch glückliche Heiratsverbindungen auch noch ihren festländischen
Besitz auszudehnen wußten, besaßen sie schließlich
die größere Hälfte Frankreichs als Lehen der französischen
Krone. Das war ein auf die Dauer unhaltbarer Zustand, der zu einer
Reihe von Kriegen, zuletzt dem sog. "Hundertjährigen Kriege"
zwischen England und Frankreich führte und erst im Jahre 1559
mit dem vollständigen Rückzuge Englands vom Festland endete.
So ist denn die Gründung Rolfs des Normannen verschwunden, und
nur das Äußere der Bewohner der Normandie verrät noch
den nordischen Einschlag; aber die eine Tochtergründung der Normandie
blüht bis in unsere Tage und hat sich zum größten
Weltreich ausgewachsen, das die Geschichte kennt. Der Grund des heutigen
Englands ruht viel stärker, als man es für gewöhnlich
annimmt, in der Wikingerzeit. Der englische Handelsgeist, das rücksichtslose
Streben nach Seegeltung sind Wikingererbe, und die englische Kolonialpolitik
mit ihrer Verbindung von Handel und raub spiegeln deutlich den Geist
der Wikingerzüge wider. Manches "danagäld" haben
die Engländer seitdem von eingeborenen Fürsten erpreßt,
und die Ausplünderung Indiens durch die berüchtigte Ostindische
Kompanie ist eine echte Wikingunternehmung.
Quelle:
Jedermanns Bücherei; Nordische Geschichte, © 1924 by Ferdinand
Hirt in Breslau, Jadu 2000