HOME
Die Welt der Wikinger, Normannen und Waränger
Mittelalter - Index

Die Wikingerzüge

Die Jahrhunderte vom Ausgang der Deutschen Völkerwanderung bis zu der Zeit Karls des Großen sind die dunkelsten des ganzen Mittelalters. Wenn wir schon von den Geschicken der deutschen Lande dieser Zeit nur verworrende Kunde haben, so wird das Halbdunkel der nordischen Sagen nur hin und wieder durch ein Streiflicht, durch eine gelegentliche Notiz in einer fränkischen, angelsächsischen oder irischen Annale erhellt. In der Wikingerzeit, als die Nordleute wieder mit Europa in Fühlung traten, wird die Überlieferung besser. Nicht nur west- und südeuropäische, auch byzantinische, ja arabische und russische Quellen berichten ausführlich vom Wüten der Nordleute.
Über die Ursachen der Wikingerzüge haben schon die Zeitgenossen nachgedacht. Fast alle geben die dieselbe Antwort: Als Strafe für unsere Sünden hat Gott uns diese Geißel gesandt. Nur die normannischen Geschichtsschreiber Dudo, ihm folgend Wilhelm von Compiegne und andere, sehen die Ursache in der großen Sinnlichkeit der Nordleute, womit sie bei den heidnischen Nordleuten zugelassene Viehweiberei und den damit verbundenen Kinderreichtum meinen. Der reiche Kindersegen, wie er bei einem gesunden Naturvolk ja selbstverständlich ist. ist in der Tat der Hauptgrund, weshalb sich in Skandinavien trotz des Blutverlustes durch die früheren Wanderungen bald wieder Überbevölkerung einstellte.(Völkerwanderung der Germanen)

Daß der Bevölkerungsüberschuß sich in Form von wilden Erobererscharen in die Nachbarländer ergoß, hing mit der ganzen Sinnesart dieser Völker, wie sie sich schon in ihrer Religion ausprägte, zusammen. Nur dem im Kampfe Gefallenen winkten Walhalls freuden; stete, anstrengende Arbeit, wie der Ackerbau sie erfordert, war nicht Sache des Nordmanns. er war wie die Deutschen zu Tacitus' Zeiten "Bärenhäuter", und die langen Winternächte mußten in einer Zeit, wo künstliche Beleuchtung noch fast fehlte, den Hang zum Nichtstun entschieden begünstigen. Noch heute harren weite Landstrecken in Schweden der Bebauung, weil viele junge Leute lieber durch eine einmalige gewaltige Anstrengung schnell so viel verdienen wollen, um eine Zeitlang bequem davon leben zu können, als sich einer langsam fördernden, mühevollen Lebensarbeit zu unterziehen. Daher auch die starke Auswanderung nach Amerika. Sie ist ein letzter Ausläufer des Wikingergeistes.
Neben dem Bevölkerungsüberschuß sind als mitwirkende Ursache noch das Erbrecht zu nennen, das die jüngeren Söhne von der Erbfolge ausschloß, ferner das im 9. und 10. Jahrhundert bei den drei skandinavischen Hauptstämmen sich durchsetzende Einheitskönigtum, das die zahlreichen Kleinkönige, die sich nicht beugen wollten aufs Meer verwies. Auch Thronstreite endeten meist damit, daß der eine Thronforderer in die Fremde ging, um dort den Tod des Nebenbuhlers abzuwarten, oder als Seekönig solche Macht zu erwerben, daß er heimkehren und den Kampf von neuem aufnehmen konnte. In allen fällen dürften es die gewalttätigsten und unternehmungslustigsten Elemente gewesen sein, die sich auf Wikingerfahrt begaben. In den Quellen tauchen die Wikinger, deren Name sich wahrscheinlich von vic = Bucht herleitet - andere bringen ihn mit vic = Kampf, Müllenhoff mit wikjan = sich lagern in Verbindung -, unter den verschiedensten Bezeichnungen auf. Oft heißen sie nach der Himmelsrichtung: Nordmänner bei den Franken, Ostmänner in Irland. Die Engländer sprechen meist von Dänen, die Slawen von Warägern oder Wäringern, d. h. Eidgenossen (von altnord. vár = Gelübde), was bei den Griechen als erscheint. Die Nordleute selbst unterschieden je nach den beiden Hauptrichtungen, die die Züge von Skandinavien aus einschlugen, vestr- und austrvikingar.

Was wir unter dem Begriff Wikingerzüge zusammenfassen, ist die stärkste Einwirkung, die jemals von Skandinavien auf das übrige Europa ausgeübt worden ist, und deren Nachwirkungen bis zum heutigen Tage andauern. Wikinger schufen das russische Reich, und in England bauten sie aus nordischen Quadern den mächtigen Grund, der heute das britische Weltreich trägt. In Süditalien zeugen zwar nur noch trutzige Burgen und Schlösser vom normannischen Reiche, aber an der französischen Küste leben noch heute blonde Fischer, die als echte Nachfahren der Wikinger alljährlich zum Fischfang das Atlantische Meer überqueren. Am wenigsten nachhaltig ist Deutschland von den Wikingerstürmen berührt worden. Die stammverwandten Nordseestämme haben die Wikinger wiederholt kräftig abgeschüttelt, so daß es dort zu keiner dauernden Festsetzung gekommen ist.
Vielmehr wurden die Deutschen bis zu einem gewissen Grade Erben der Wikinger. Der nordgermanischen Seeherrschaft folgte, wenigstens in den Gebieten der Nord- und Ostsee, ein deutsche. Deutsche Städte erwuchsen dort, wo einst Wikinger ihre Stützpunkte und handelsplätze hatten. Am deutlichsten läßt es sich in Nowgorod verfolgen, wie der deutsche Handel den nordischen abgelöst hat. Das Kontor der schwedischen Kaufleute wurde zum Gotenhof der Deutschen.

So stolz wir auf die Deutsche Hansezeit sein können, in gewissem Sinne bedeutet sie doch gegenüber der Wikingerzeit politisch wie auch seetechnisch einen Rückschritt. Die deutschen Kaufleute besaßen weder das politische Interesse noch das staatenbildende Organisationstalent der aristokratischen nordischen Wikingerführer. Auch nur mit dem nordischen Kaufmann verglichen, weisen sie wesentliche Unterschide auf. Der nordische Kaufmann war stets halber Wiking, d. h. er lebte als Herr und war nur für große und schnelle Geschäfte zu haben, sie mochten gern etwas gewagt sein. Ihm fehlte der zähe Fleiß der Deutschen, der sich mit kleinen Gewinn beschied, aber ständig weiterarbeitete und Gewinn zu Gewinn legend schließlich doch hoch kam. Der aufmerksame Beobachter wird noch heute beim Vergleich de nordischen und der deutschen Geschäftswelt ähnliche Züge entdecken können. Aber nicht nur an politischer Unternehmungslust stehen die Hanseaten hinter den Wikingern zurück, auch der kühne Seefahrergeist erlebt einen Rückschlag. Die Skandinavier, in ihren langen, schmalen, zum Rudern wie zum Segeln gleich geeigneten Schiffen (Bild 4) scheuten vor keiner nautischen Schwierigkeit zurück. Sie fuhren über den Ozean, entdeckten Grönland und Amerika und lernten nach dem Kompaß fahren. Die an sich viel sicheren Koggen der Hanseaten klebten ängstlich an den Küsten, und es dauerte lange, ehe nur wieder die "Umlandfahrt" um Skagen üblich wurde. Auch eine wichtige geographische Entdeckung der Wikinger geriet in Vergessenheit. Wir beten es noch immer gedankenlos dem neidischen Auslande nach, der Romane Christobal Colon habe Amerika entdeckt, statt stolz darauf zu sein, daß ein kühner germanischer Seefahrer, Leifr der Glückliche, Sohndes Erichs des Roten von Grönland, zuerst "Winland hit gott" besuchte.

Quelle: Jedermanns Bücherei; Nordische Geschichte, © 1924 by Ferdinand Hirt in Breslau, Jadu 2000

Dänemark
Norwegen
Schweden

 

Bannerwerbung von Sponsorennetzwerk.de


Die Wikingerzüge
1. Die Westwikinger
2. Späteres Schicksal der Wikingerstaaten
3. Die Ostwikinger

Nachtrag:

Sehr geehrte Damen oder Herren,

bitte teilen sie doch dem Verfasser über die Völkerwanderung der Wikinger mit, sich mit der Klimageschichte zu befassen. Aus dieser geht hervor, dass nicht die der 'reiche Kindersegen eines gesunden Naturvolk auslöser der Völkerwanderungen war, sondern die nicht mehr ertragbaren Zustände (Kälte) in den Nordregionen.

Die Kinderzahl war übrigens bei den Germanen ebenfalls auf 2-3 Kinder begrenzt. Einfache Verhütungsmittel und grundlegende medizinische Kenntnisse, waren vor der Inquisition noch vorhanden.

Anbei ist ein Bild mit den Klimaverhältnissen ein paar tausende zurückgeblickt. Aus denen geht in Verbindung mit Klimakarten eigentlich der Rest hervor.

Mit freundlichen Grüßen
Martin Wenzlaff
mwenzlaff@web.de


© Copyright 2000 by JADU

www.jadu.de

 

Webmaster