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In einem berühmten Zarenreich hinter den sieben Bergen und neun
Flüssen wurde dem Herrscherpaar ein Sohn geboren, der Zarewitsch
Iwan. Er war aber nicht so anzusehen wie andere Jungen sonst Seine Hände
und Arme waren bis zu den Ellbogen aus Gold, die Beine bis zu den Knien
aus Silber, auf der Stirn strahlten eine kleine goldene Sonne und ein
silberner Mond, an jedem Haar klingelte ein goldenes Glöckchen.
Einst wiegte die Amme den kleinen Zarewitsch in den Schlaf. Da ihr das
jedoch gar nicht gelingen wollte, rief sie die Zarin:
"Komm Zarin, wieg deinen Sohn, den Zarewitsch, in den Schlaf!"
Da wiegte die Zarin ihren Sohn in den Schlaf, aber auch sie hatte keinen
Erfolg.
"Komm Zar, wiege deinen Sohn, den Zarewitsch Iwan, in den Schlaf!"
rief die Zarin.
Der Zar setzte sich an die Wiege und sang seinem Sohn, dem Zarewitsch
Iwan, ein Wiegenlied:
"Schlaf, mein Söhnchen, schlaf mein Kind,
damit du wachsen kannst geschwind.
Einst wirst du groß und erwachsen sein,
dann wirst du die weite Welt dir besehn
und ist's an der Zeit, dann heiratest du
die Zarin Wassilissa,
die Tochter dreier Mütter,
die Enkelin dreier Großmütter,
die Schwester von neun Brüdern,
die so schön ist,
wie die Sonne am Morgen,
wenn sie ins Meer baden geht
und dann strahlend am Himmel steht.'1
Da fielen dem kleinen Zarewitsch die Augen zu, und er schlief tief und
fest wie ein Murmeltier. Er erwachte erst nach neun Jahren, neun
Monaten und neun Tagen. Und da sagte er zum Zaren:
"Lieber Vater, ich reite in die weite Welt, um meine Braut zu finden,
die Zarin Wassilissa, die Tochter dreier Mütter, Enkelin dreier
Großmütter, Schwester von neun Brüdern, die so schön
ist, wie die Sonne am Morgen, wenn sie ins Meer baden geht und dann
strahlend am Himmel steht."
Der Zar erschrak: "Wehe, mein Söhnchen, du bist noch klein
und dumm, du wirst dich auf dem Weg verirren oder umkommen."
Iwan antwortete jedoch: "Ich bin klug genug und auch schon sehr
groß. Segne mich nur, lieber Vater, damit ich in die weite Welt
reiten
und die Zarin Wassilissa suchen kann. Wenn du mich segnest, reite ich,
segnest du mich nicht, reite ich auch. Tu, was du willst."
"Lieber Sohn, warte wenigstens so lange, bis ich dich gemessen
habe, ob du auch stark genug bist", sagte der Zar und maß
den Zarewitsch.
Da er weder dick noch dünn war, er maß gerade zwei Ellen,
mußten schließlich der Zar und die Zarin seinem Entschluß
zustimmen, ob
sie wollten oder nicht. Daraufhin führte Iwan sein edles Pferd
aus dem Stall, sattelte es mit einem tatarischen Sattel, legte ihm silberne
Zügel an, zog die seidenen Sattelgurte fest und befestigte die
Steigbügel, sprang auf das Pferd und ritt davon. Der junge Zarewitsch
ritt durch Wälder und über Felder, durch Dörfer und Städte,
bis er einen finsteren Wald erreichte. In einer Schneise brannte ein
Strauch, den die Hirten angezündet hatten. Unter dem Strauch aber
befand sich ein Ameisenhaufen, auf den die Funken sprühten. Die
Ameisen liefen mit ihren Eiern aufgeschreckt hin und her.Sie riefen
kläglich: "Ach, Zarewitsch, hilf uns, sonst verbrennen wir
mitsamt unseren Jungen in den Eiern!"
Iwan sprang vom Pferd, hieb den Strauch um und löschte das Feuer.
"Wir danken dir, Zarewitsch", zirpte die älteste Ameise.
"Wir geben dir dafür einen guten Rat."
"Nun, ein guter Rat kann niemals schaden", sagte Iwan und
die Ameise fuhr fort: "Kehre nicht um, ehe du das Ziel dieses Weges
erreicht hast."
Iwan dankte, schüttelte jedoch den Kopf.
"Ein seltsamer Rat, wirklich, ein seltsamer Rat. Ich bin in die
Welt geritten, um die Zarin Wassilissa heimzuführen, und nicht,
um auf halbem
Wege und mit leeren Händen umzukehren." Und er ritt weiter,
über Berge, durch Täler und Wälder, kreuz und quer, bis
er dahin kam,
wo das Land aufhörte und das blaue Meer begann. Dort am Ufer des
blauen Meeres zappelte ein Fisch. Die Wellen hatten ihn an den
Strand geworfen.
"Ach, Zarewitsch Iwan, hilf mir!" bat der Fisch. "Wirf
mich wieder in das Meer, sonst muß ich hier zugrunde gehen."Iwan
sprang vom Pferd, faßte den Fisch am Schwanz und schleuderte ihn
zurück ins Meer. Der Fisch steckte seinen Kopf aus dem Wasser und
rief: "Als Dank für deine gute Tat gebe ich dir einen guten
Rat."
"Nun, einen guten Rat höre ich mir immer gern an", sagte
Iwan.
"Gib nie etwas her, was du bereits in den Händen hältst."
Zarewitsch Iwan dankte, dachte jedoch bei sich: "Wirklich ein seltsamer
Rat. Ich bin in die Welt geritten, um die Zarin Wassilissa zu gewinnen,
und nicht, um sie wieder herzugeben."
Und weiter ritt Iwan. Er schwamm durch das blaue Meer und stand plötzlich
am anderen Ufer vor einem hohen Berg, auf dem eine Eiche wuchs. In den
Zweigen der Eiche hatten die Raben ein Nest gebaut. Unter dem Nest aber
piepsten und jammerten zwei Rabenjunge:
"Ach, Zarewitsch, hilf uns, sonst müssen wir sterben. Vater
und Mutter sind davongeflogen, und wir armen Gelbschnäbel sollen
uns jetzt das Futter selbst suchen. Aber wie können wir das, wenn
wir noch nicht einmal allein fressen können? Gib uns etwas zu fressen,
sonst müssen wir Hungers sterben!"
Der Zarewitsch sprang vom Pferd, sammelte Insekten und Würmer und
gab sie den Rabenjungen zum Fraß.
"Wir danken dir, Zarewitsch Iwan", riefen die satten Rabenjungen
voller Freude. "Dafür geben wir dir einen guten Rat."
"Jeder will mir einen guten Rat geben, sogar die dummen Rabenjungen,
die sich nicht einmal das Futter zu beschaffen wissen", sagte sich
Iwan.
"Schätze den Rat nicht gering", piepsten die
Rabenjungen. "Also paß gut auf: Weise nie die Bitte deines
Freundes ab!"
"Ein guter Rat, aber besonders klug ist er nicht. Als mich die
Ameisen baten, ihnen zu helfen, tat ich es. Auch dem Fisch und den Rabenjungen
habe ich geholfen, obgleich sie nicht meine Freunde waren. Wie könnte
ich da die Bitte eines Freundes zurückweisen?" dach-
te der Zarewitsch und ritt weiter.
Viele Jahre zog Iwan in der weiten Welt umher. Eines Tages gelangte
er in eine große Stadt, in der alle Gebäude mit schwarzem
Tuch bespannt waren. In einem Gasthaus fragte er den Wirt: "Was
ist denn in eurer Stadt geschehen, daß ihr alles mit schwarzem
Tuch bespannt habt?"
"Man sieht, daß du von weither kommst,wenn du nicht einmal
weißt, welches Unglück unser Land betroffen hat. Die Tochter
des Zaren, der uns regiert, ist so spurlos verschwunden wie eine Nadel
in einem Heuhaufen. Und deshalb herrscht bei uns tiefe Trauer."
"Wie heißt denn die unglückliche Zarin?" fragte
Iwan.
Der Wirt antwortete: "Wassilissa, die Tochter dreier Mütter,
die Enkelin dreier Großmütter und die Schwester von neun
Brüdern. Sie ist so schön wie niemand sonst auf der Welt;
so schön wie die Sonne am Morgen, wenn sie ins Meer baden geht
und dann strahlend am Himmel steht."
Da wurde der Zarewitsch traurig, und seine Trauer und sein Herzeleid
waren ohne Grenzen. War er doch in die weite Welt gereist, um die schöne
Wassilissa als Braut heimzuführen. Er verabschiedete sich nicht
einmal von dem Wirt, so eilig hatte er es, ins Zarenschloß zu
kommen.
Der Zar wunderte sich sehr, als er den jungen Helden gewahrte, mit den
Händen und Armen bis zu den Ellbogen aus Gold, mit den Beinen bis
zu den Knien aus Silber, der strahlenden goldenen Sonne und dem silbernen
Mond auf der Stirn und einem klingenden Glöckchen an jedem Haar.
Noch mehr wunderte er sich aber, als er erfuhr, daß der Zarewitsch
nur deshalb in die Welt gezogen war, um seine Tochter, die schöne
Wassilissa, als Braut heimzuführen.
"Ich gebe dir meine Tochter gern zur Frau", sagte er zu dem
Zarewitsch, "aber du mußt sie erst suchen."
"Ich werde deine Tochter finden, mächtiger Zar", erwiderte
Iwan darauf. "Ich finde sie, und wenn sie am Ende der Welt versteckt
sein sollte."
Daraufhin sprang er auf sein Pferd und ritt davon. Er zog durch die
weite Welt, über Berge und Täler, durch Wälder und über
Lichtungen, durch Flüsse und über Felder und Äcker. Jeden
fragte er nach der schönen Wassilissa, aber niemand hatte sie gesehen
und niemand konnte ihm einen Hinweis geben. Nachdem er lange gesucht
hatte, verlor er die Hoffnung. "Warum soll ich sinnlos umherirren,
wenn ich doch nicht weiß, wo ich die Zarin Wassilissa suchen soll.
Ich werde lieber zu meinem lieben Väterchen und meinem guten Mütterchen
zurückkehren und eine andere Zarin heiraten."
Er wollte schon das Pferd wenden, als er sich an den Rat der Ameisen
erinnerte, nicht umzukehren, ehe er das Ziel seines Weges erreicht hatte.
"Einen guten Rat haben mir die Ameisen gegeben, einen guten Rat
zur rechten Zeit", sagte er sich und ritt weiter. Eines Abends
kam er in einen großen Garten, voll von Blumen und herrlichen
Früchten. Der Zarewitsch war schon sehr müde, und so band
er sein edles Pferd an einen Baum. Er selbst legte sich daneben und
schlief bald wie ein Murmeltier. Iwan schlief lange und auch wieder
nicht lange. Er schlummerte, bis er einen schönen Traum zu Ende
geträumt hatte und leise Musik ihn weckte. Sie war so lieblich,
als würde sievon Engeln selbst gespielt. Iwan rieb sich die Augen
und sah, daß auf dem Baum, unter dem er lag, goldene Äpfel
herangereift waren. Wenn ein leiser Windhauch mit ihnen spielte, erklang
eine wunderschöne Melodie. Der Zarewitsch rieb sich noch einmal
die Augen, stand auf und wollte einen Apfel pflücken. Aber da ging
ein Rauschen durch den Garten, als wehe der Frühlingswind, ein
heller Schein breitete sich aus und auf dem Baum ließ sich ein
merkwürdiger Vogel nieder, mit Federn aus purem Gold. Auf seinem
Kopf saß eine goldene, mit Edelsteinen verzierte Krone."Was
für ein schöner Vogel", flüsterte Iwan, und vor
lauter Staunen konnte er sich nicht rühren. Der Vogel begann, die
goldenen Äpfel vom Baum zu verspeisen, und sang dabei mit wunderschöner,
glockenheller Stimme:
"Ach, wie süß sie schmecken,
die goldenen Renetten,
süß wie das Lächeln
der Zarin Wassilissa,
der Tochter dreier Mütter,
der Enkelin dreier Großmütter,
der Schwester von neun Brüdern,
sie ist so schön
wie die Sonne am Morgen,
wenn sie ins Meer baden geht
und dann strahlend am Himmel steht."
Als das der Zarewitsch Iwan vernahm, horchte er auf, denn der Vogel
sang von seiner Braut. Weiter hörte er den Vogel zwitschern:
,Ach, wie süß sie schmecken,
die goldenen Renetten,
süß wie das Lächeln
der Zarin Wassilissa,
vom bösen Zauberer verschleppt,
von Koste], dem Unsterblichen, versteckt,
hier hält er sie verborgen
und quält sie am Abend und am Morgen."
Iwan stand ganz verwundert da. Ehe er sich jedoch von seinem Staunen
erholen konnte, sang der goldene Vogel zum dritten Mal:
,Ach, wie süß sie schmecken,
die goldenen Renetten,
süß wie das Lächeln
der Zarin Wassilissa,
nach der o weh, o weh,
der schöne Zarewitsch Iwan
vergeblich sucht und späht.
Ersucht auf der Erde und dem Meer,
dabei ist ihm das Herz so schwer."

Da besann sich Iwan, sprang auf den Baum, ergriff den goldenen Vogel
und rief: "jetzt habe ich dich und laß dich nicht wieder
los!"
Der goldene Vogel wehrte sich. Verzweifelt packte er mit seinen Klauen
die Beine des Zarewitsch und hämmerte mit seinen Flügeln auf
dessen Hände ein. Aber Iwan war ein starker Jüngling, mit
den Beinen drückte er die Klauen des Vogels zusammen, mit den Händen
umklammerte er die Flügel, bis der Vogel schließlich erkannte,
daß er Iwan nicht entkommen konnte. Darum sagte er plötzlich
mit lieblicher Stimme: "Laß mich los, Zarewitsch Iwan! Du
wirst sehen, es ist dein Schaden nicht. Ich verrate dir, wo du die Zarin
Wassilissa findest. Wenn du dich nach meinen Worten richtest, wird es
dir gelingen, sie zu befreien. Ich bin der Vogel Phönix, und ich
allein habe Macht über den Hexenmeister Kostej, den Unsterblichen,
der die Zarin entführte und sie nun auf dem Schwarzen Schloß
in diesem Garten gefangenhält. Wenn du mich freiläßt,
gebe ich dir auch einen guten Rat!"
Der Zarewitsch wollte schon den Vogel loslassen, als er sich an den
Rat des Fisches erinnerte, nie etwas herzugeben, was er bereits in
den Händen hatte.
"Einen guten Rat hat mir der Fisch gegeben, einen guten Rat zur
rechten Zeit", dachte sich der Zarewitsch und hielt den Vogel Phönix
nur
noch fester. Er sagte: "Ich bin zwar noch ein Jüngling, aber
ich habe doch schon Verstand genug. Nach deinem Rat frage ich nicht,
denn
gute Ratschläge bekomme ich von allen Seiten, aber keiner vermag
mir zu helfen.""Deine Rede ist klug, Zarewitsch Iwan!"
sagte der Vogel Phönix. "Reiß mir eine Schwanzfeder
aus, und sobald du sie mit deinen Händen schwenkst, werde ich bei
dir sein, dir raten und helfen."
"Gut, Vogel Phönix, leg deinen schönen, klugen Kopf auf
meine starke Schulter und führe mich mit all deiner Kunst und deinem
Verstand. Ich werde dir in allem aufs halbe Wort folgen", antwortete
Iwan, rupfte dem Vogel Phönix eine goldene Schwanzfeder aus und
ließ ihn frei. Da flog der Vogel davon und löste sich auf
wie eine goldene Wolke.
"Nun, wir werden ja sehen, ob der Vogel Phönix nicht gelogen
hat", sagte sich der Zarewitsch, legte sich wieder unter den Baum
und
schlief weiter. Iwan ruhte dort bis zum hellen Morgen. Und vielleicht
hätte er noch länger geschlafen, wenn ihn nicht der traurige
Gesang von Mädchenstimmen geweckt hätte. Schnell stand er
auf und sah zwölf wunderschöne Mädchen auf den Baum mit
den goldenen Äpfeln zugehen, unter dem er sich befand. Der Zarewitsch
war einige Augenblicke freudig überrascht, denn die Mädchen
schienen schöner zu sein als alle anderen, die er je erblickt hatte.
Er wurde jedoch vor Erstaunen leblos, als er hinter ihnen ein dreizehntes
Mädchen erblickte, das sie alle an Schönheit weit übertraf.Dann
faßte er sich und fragte die Schönste:
"Sage mir, wunderschönes Mädchen, wer du bist und wie
du in den Zaubergarten des Hexenmeisters Kostej, des Unsterblichen,
gekommen bist."
Das schöne Mädchen antwortete traurig:
"Ich bin die Zarin Wassilissa, die Tochter dreier Mütter,
die Enkelin dreier Großmütter, die Schwester von neun Brüdern.
Und ich bin
gegen meinen eigenen Willen hierhergekommen. Kostej, der Unsterbliche,
hat mich entführt und will, daß ich seine Frau werde."
Und dann sah sie Iwan an und sagte zu ihm:
"Wehe, unglücklicher Jüngling! Wie bist du hierhergekommen?
In diesen Garten verläuft sich nicht einmal das Wild, noch verfliegt
sich der Rabe an diesen berüchtigen Ort. Wer hat je gehört,
daß sich ein Mensch hierher verirrte? Verlasse den Garten sofort!
Weißt du denn nicht, daß hier der schreckliche Hexenmeister
Kostej wohnt? Er fängt jeden, den er hier findet und saugt sein
Blut aus. Deshalb ist er unsterblich."
"Ich weiß das sehr gut, schöne Wassilissa", sagte
der Zarewitsch. "Aber ich gehe nicht fort, ehe ich dich aus den
Händen dieses verwünschten Hexenmeisters befreit habe. Ich
bin der Zarewitsch Iwan, und du bist mir von Geburt an als Gemahlin
bestimmt."
"Bestimmt oder nicht bestimmt, was hilft's, jetzt bin ich zum Tode
verurteilt. Aus den Händen Kostejs kannst du mich nicht befreien.
Er ist stark und mächtig. Fliehe von diesem Ort lieber, solange
es noch Zeit ist."
Aber Iwan ließ sich nicht einschüchtern. Er setzte sich mit
der Zarin Wassilissa unter den Baum, und während die zwölf
Mädchen die goldenen Äpfel pflückten, unterhielten sie
sich leise und trösteten sich mit der Hoffnung, daß
es dem Zarewitsch gelingen möge, den Hexenmeister zu besiegen.
Plötzlich wurde es ganz finster, eine riesige schwarze Wolke verdeckte
die Sonne. Die Zarin sprang erschrocken auf und floh mit den Mädchen.
Kostej, der Unsterbliche, selbst betrat den Garten. Er war ein häßlicher
Greis. Sein Mund reichte von einem Ohr zum ändern, darin hatte
er einen einzigen Zahn, und sein Kopf war bis auf ein einziges Haar
kahl wie eine Billardkugel. Die schwarzen Augen funkelten voller Wut,
und die Nase zog sich bis zum Kinn.
"Sei gegrüßt, Iwan", lachte er krächzend.
"Du willst mir die schöne Zarin Wassilissa entführen?""Ja,
das will ich", sagte Iwan.
"Du bist weder der erste noch der letzte, der das versucht. Ich
werde dir drei Aufgaben stellen. Wenn du sie erfüllst, erhältst
du Wassilissa,
wenn nicht, dann kommst du nicht mit dem Leben davon."
"Gut", erwiderte Iwan, "wir werden sehen,
wer gewinnt."
"Und jetzt hör gut zu!" krächzte Kostej, der Unsterbliche.
"Deine erste Aufgabe lautet: Hinter meinem Schloß ist ein
Wald. Er ist tau-
send Meter lang und tausend Meter breit. Bis morgen mußt du alle
Bäume fällen, das Holz zu Brettern sägen, die Wurzeln
ausgraben und
verbrennen, den Boden bestellen, Weizen säen und ernten, das Korn
dreschen und mahlen. Von dem Mehl bäckst du mir zum Frühstück
ein Brot. Wenn du damit fertig bist, bekommst du die zweite Aufgabe.
Schaffst du es nicht, dann weißt du, was auf dich wartet."
Und damit verschwand Kostej, der Unsterbliche.
Iwan setzte sich traurig unter den Baum. Er wußte, daß er
die Aufgabe, die ihm der Hexenmeister auferlegt hatte, nicht erfüllen
konnte. Aber wie er so unter dem Baum saß, erinnerte er sich an
das Versprechen des Vogels Phönix. Er zog die goldene Feder hervor
und schwenkte sie hin und her. Da ging ein Rauschen durch den Garten,
als würde der Frühlingswind wehen, ein heller Schein breitete
sich aus, als brenne das Zauberschloß, und der Vogel Phönix
setzte sich auf den Baum.
"Was wünschst du, Zarewitsch Iwan?" fragte er mit lieblicher
Stimme.
"Ach, Vogel Phönix, schlimm steht's mit mir, und ich weiß
nicht, ob du mir helfen kannst", sagte Iwan traurig. "Kostej,
der Unsterbliche,
will mir drei Aufgaben stellen. Wenn ich sie erfülle, erhalte ich
die schöne Wassilissa zur Frau, wenn nicht, komme ich nicht mit
dem Leben davon. Und die erste Aufgabe lautet: Bis morgen muß
ich den Wald hinter dem Schloß fällen, das Holz zu Brettern
sägen, die
Wurzeln ausgraben und verbrennen, den Boden bestellen, Weizen säen
und ernten, das Korn dreschen und mahlen und von dem Mehl
Kostej, dem Hexenmeister, ein Brot zum Frühstück backen. Diese
Arbeit kann ich doch niemals in einer einzigen Nacht verrichten!"
"Aber, Zarewitsch", lachte der Vogel Phönix,"das
ist eine Kleinigkeit. Kümmere dich um nichts, alles wird beizeiten
bereit sein. Jetzt geh in das Schloß und tröste die schöne
Wassilissa. Sie weint um dich. Und wenn es Mitternacht geworden ist,
dann wirst du dich selbst davon überzeugen können, daß
die Aufgabe erfüllt ist."
Ehe sich's der Zarewitsch versah, flog der Vogel Phönix davon.
Iwan hatte nicht einmal Zeit, sich bei ihm zu bedanken. Iwan ging in
das Schloß, welches von außen und von innen ganz schwarz
aussah. Selbst das Licht, das durch die Fenster fiel, war düster.
Als jedoch der Zarewitsch seine geliebte Zarin Wassilissa gefunden hatte,
war es ihm, als sei plötzlich alles hell und strahlend geworden.
Um Mitternacht verließ Iwan das Schloß. Er wollte seinen
Augen nicht trauen, als er statt des Waldes ein Stoppelfeld erblickte,
auf dem Bretter und Mehlsäcke lagen und in der Mitte ein großes
Feuer aus den Resten der Wurzeln prasselte. Daneben stand der Vogel
Phönix.
"Zarewitsch Iwan, alles ist vollbracht", lachte er. "Das
Brot kann dir nun schon die schöne Wassilissa backen."Daraufhin
sprang er in das Feuer und verbrannte zu Asche. Iwan erschrak, weil
der wunderschöne Vogel so elend umkam. Und er begann auch um die
Erfüllung der weiteren Aufgaben zu bangen. Kaum hatte er dies gedacht,
flog der Feuervogel quicklebendig, gesund und schöner denn je aus
der Asche heraus. "Warum erschrickst du so, Zarewitsch Iwan",
sagte er. "Ich bin deshalb der Vogel Phönix, weil ich im Feuer
bade, so wie du im Wasser. Und wenn du aus dem Bad kommst, bist du sauber
und schön, und wenn ich aus dem Feuerbad steige, bin ich schöner
und meine Federn glänzen stärker als je zuvor."
Damit nahm er von dem Zarewitsch Abschied. Freudig ging Iwan mit dem
Mehl in das Schloß, und die Zarin Wassilissa buk ihm dar-
aus ein Brot. Am Morgen kam Kostej, der Unsterbliche. Als er aus dem
Fenster sah und feststellte, daß die Aufgabe erfüllt war,
und als er auf dem Tisch das knusprig gebackene Brot erblickte, machte
er ein finsteres Gesicht. Er sagte:"Nun gut, erwarte deine zweite
Aufgabe: Bis morgen früh gräbst du hinter dem Schloß
einen Graben, siebzehn Meilen lang und siebzehn Meilen breit, und füllst
ihn mit Wasser. Beachte aber, daß der See so tief ist, daß
nicht nur kleine Boote darauf fahren können, sondern auch ganz
große Schiffe. Über den See schlägst du eine kristallene
Brücke mit einem vergoldeten Geländer. Und auf der Brücke
pflanzt du bei jedem dritten Schritt einen Apfelbaum. Davon muß
immer abwechselnd einer blühen und der andere Früchte tragen,
aber keine gewöhnlichen Äpfel, sondern goldene, mit Perlen
anstelle der Kerne. Und unter jedem Baum soll eine Quelle mit frischem
Wasser sprudeln, damit ich beim Spaziergang im Schatten ausruhen und
frisches Wasser trinken kann, wenn ich ins Schwitzen gerate. Wenn du
das vollbrachst hast, werde ich dir deine letzte Aufgabe nennen. Gelingt
dir diese Arbeit nicht, dann weißt du, was dich erwartet."
Daraufhin verschwand Kostej, der Unsterbliche. Iwan dachte sofort an
den Vogel Phönix, zog die goldene Feder hervor und schwenkte sie.
Da erklang ein Rauschen, als wehe der Frühlingswind, ein heller
Schein breitete sich aus, als brenne das Zauberschloß, und der
Feuervogel erschien.
"Was wünschst du, Zarewitsch Iwan?" fragte er. "Hast
du eine neue Aufgabe bekommen?"
"Ja, das habe ich", sagte Iwan. "Ich soll hinter dem
Palast einen siebzehn Meilen langen und siebzehn Meilen breiten Graben
ausheben, der so tief ist, daß Schiffe auf ihm schwimmen können,
aber nicht nur einfache Boote, sondern auch ganz große Schiffe,
und den See soll ich mit Wasser füllen und über den See eine
kristallene Brücke bauen mit einem vergoldeten Geländer. Und
auf der Brücke soll ich alle drei Schritte einen Apfelbaum pflanzen,
und zwar so, daß immer der eine blüht und der zweite bereits
Äpfel trägt, aber keine gewöhnlichen, sondern goldene
Äpfel, mit Perlen anstatt der Kerne. Und unter jedem Baum soll
eine Quelle mit frischem Wasser sprudeln, damit Kostej bei seinem Spaziergang
im Schatten ausruhen und frisches Wasser trinken kann, wenn er ins Schwitzen
gerät."
"Aber das ist doch keine Arbeit, das ist ja eine Kleinigkeit. Kümmere
dich um nichts, bis zum Morgen wird alles fertig sein. Jetzt geh wieder
die schöne Wassilissa trösten, sie weint um dich." Iwan
dankte dem Vogel Phönix und ging, die Zarin Wassilissa zu trösten.
Und er
unterhielt sich mit ihr bis zum Morgen. Als er dann gegen Morgen aus
dem Fenster sah, erblickte er mit den ersten Sonnenstrahlen hinter dem
Palast einen großen See, darauf fuhren kleine Boote und große
Schiffe, und über den See schwang sich eine große Brücke.
Auf der Brücke wuchsen Apfelbäume, der eine blühte, der
andere trug bereits goldene Äpfel. Unter jedem Baum sprudelte eine
Wasserquelle.
Iwan ging freudig überrascht in den Obstgarten.
Als der Hexenmeister kam und sah, daß alles fertig war, blickte
er finster drein und sagtezu Iwan:
"Nun gut, aber freue dich nicht zu früh, noch hast du nicht
gewonnen. Heute bekommst du die schwerste Aufgabe. Gib gut acht: Bis
morgen mußt du mir meinen Tod bringen!"
"Warum bis morgen warten, den kannst du gleich haben", lachte
Iwan, zog das Schwert aus der Scheide und hieb auf den Kopf des
Hexenmeisters ein. Aber das Schwert sprang vom Kopf ab, als wäre
dieser aus Stahl, und Kostej krächzte nur: "Du vergaßest,
Zarewitsch Iwan, daß ich Kostej, der Unsterbliche, bin. Und das
wird dich das Leben kosten!"
Dann winkte der Hexenmeister Kostej mit der Hand, und um ihn herum wuchsen
aus der Erde Höllenungeheuer: Riesen ohne Kopf, häßliche
Hexen, Teufel und Drachen, Basilisken und Echsen, alle lachten hämisch
und stürzten sich auf den armen Iwan. Der Zarewitsch kämpfte
aus Leibeskräften, aber gegen die Ungeheuer reichten seine Kraft,
Geschicklichkeit und Tapferkeit nicht aus. Spaltete er den Basilisken
in der Mitte, wurden zwei aus ihm; schlug er dem Drachen einen Kopf
ab, bekam er dafür zwei neue; stach er den Riesen in den Bauch,
sprang ein anderer daraus hervor. Iwan war am Ende seiner Kräfte.
In der höchsten Not erinnerte er sich an den Feuervogel. Er nahm
die Schwanzfeder, schwenkte sie, und schon wehte ein heftiger Wind,
ein helles Leuchten breitete sich aus, und neben Iwan erschien der Vogel
Phönix mit einem goldenen Schwert. Er rief:
"Ha, Kostej, du Unsterblicher! Dein Tod ist gekommen!"
Sobald er dies gerufen hatte, verschwanden alle Höllenungetüme
und Kostej, der Unsterbliche, wurde blaß und begann zu zittern.Da
reichte der Vogel Phönix dem Zarewitsch das Schwert und rief: "Und
nun geschwind, Zarewitsch Iwan, nimm das Schwert und spalte mich! Du
wirst in mir ein großes, schwarzes Ei finden, und darin ist der
Tod Kostejs, des Unsterblichen."
"Das kann ich nicht tun!" rief Iwan.
"Du mußt es tun", rief der Vogel Phönix, "sonst
würde es deinen Tod bedeuten. Ich habe das Ei in mir getragen und
kann es nicht legen. Deshalb hat mich Kostej, der Unsterbliche, mit
goldenen Äpfeln gefüttert. Aber du mußt mich entzweischlagen,
dann das Ei herausnehmen und zerbrechen! Ich bitte dich darum."
Da erinnerte sich Iwan an den Rat der beiden nackten Rabenjungen, nie
die Bitte eines Freundes abzuschlagen. Er nahm das Schwert, hieb den
Vogel Phönix mitten durch und auch das schwarze Ei in ihm. Da erklang
ein Donnerschlag und Kostej, der Unsterbliche, fiel zu Boden. Der Körper
des Vogels Phönix brannte mit heller Flamme, verbrannte zu Asche,
und aus der Asche flog der Feuervogel, lebendig und schöner als
je zuvor. Er flog in die Höhe, kreiste einigemal über Iwan,
dem Zarewitsch, und ehe sich jemand dessen versah, war er davongeschwirrt.
Sobald der Hexenmeister tot war, gingen in dem schwarzen Schloß
sehr merkwürdige Dinge vor sich. Die schwarze Farbe verschwand,
die Wände wurden rot, die Möbel blau, das Geschirr silbern,
alles war voller Licht und Leben, und den Zarewitsch Iwan umringten
auf einmal hunderte Helden, die Kostej, der Hexenmeister, vernichtet
hatte und die jetzt wieder lebendig geworden waren. Danach kamen die
zwölf wunderschönen Mädchen, die Kostej, der Unsterbliche,
gefangen gehalten hatte, und zum Schluß erschien die Schönste
von allen, die Zarin Wassilissa. Dann ritt der Zarewitsch mit seiner
Braut über Berg und Tal, bis sie schließlich zu der großen
Stadt kamen, in welcher der Vater der Zarin Wassilissa regierte. Als
der Zar die beiden erblickte, weinte er vor Freude, und mit ihm jubelten
die drei Mütter Wassilissas, ihre drei Großmütter und
alle neun Brüder. Sofort richteten sie ein Festmahl prächtig
und reich, wie es die Welt noch nie erlebt hatte. Und als der alte Zar
starb, regierten der Zar Iwan mit der Zarin Wassilissa klug und gerecht
bis an ihr Ende.
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