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BallettIgor Strawinsky 1881–1971

Das Libretto zu Igor Strawinskys Ballett "Der Feuervogel" schrieb Michael Fokin, Choreograph des Djagilewballetts, der auch die Uraufführung des Werkes an der Pariser Oper am 25. Jui 1910 inszenierte. Fokin verwendete dazu drei Motive aus russischen Volksmärchen, die A. N. Afanasjew herausgegeben hatte: das Motiv des Zarewitsch Iwan, der seine Braut, die Zarin Wassilissa, aus der Macht des bösen Hexenmeisters Kostej, des Unsterblichen, befreit, das Motiv des Kostej, dessen Tod in einem schwarzen Ei verborgen ist, und schließlich das Motiv des Feuervogels, der jedoch mit dem antiken Sagenvogel Phönix verwandt ist. Die Rekonstruktion der Märchentexte, die man als eventuelle Vorlage des Fokin-Librettos betrachten könnte, war recht kompliziert, da sie sich nicht nur auf die Abschrift des Librettos beschränken sollte. Es galt, die Motive aus den drei selbständigen Märchenstoffen nicht nur zu verbinden, sondern nach Art der Volkserzähler durch weitere andere Motive zu ergänzen (wie durch die drei Aufgaben). So entstand ein gut harmonisierender Text, der durch seine Komposition und Stilisierung wie ein authentisches Märchen wirkt.

Der Feuervogel

In einem berühmten Zarenreich hinter den sieben Bergen und neun Flüssen wurde dem Herrscherpaar ein Sohn geboren, der Zarewitsch Iwan. Er war aber nicht so anzusehen wie andere Jungen sonst Seine Hände und Arme waren bis zu den Ellbogen aus Gold, die Beine bis zu den Knien aus Silber, auf der Stirn strahlten eine kleine goldene Sonne und ein silberner Mond, an jedem Haar klingelte ein goldenes Glöckchen.
Einst wiegte die Amme den kleinen Zarewitsch in den Schlaf. Da ihr das jedoch gar nicht gelingen wollte, rief sie die Zarin:
"Komm Zarin, wieg deinen Sohn, den Zarewitsch, in den Schlaf!"
Da wiegte die Zarin ihren Sohn in den Schlaf, aber auch sie hatte keinen Erfolg.
"Komm Zar, wiege deinen Sohn, den Zarewitsch Iwan, in den Schlaf!" rief die Zarin.
Der Zar setzte sich an die Wiege und sang seinem Sohn, dem Zarewitsch Iwan, ein Wiegenlied:
"Schlaf, mein Söhnchen, schlaf mein Kind,
damit du wachsen kannst geschwind.
Einst wirst du groß und erwachsen sein,
dann wirst du die weite Welt dir besehn
und ist's an der Zeit, dann heiratest du
die Zarin Wassilissa,
die Tochter dreier Mütter,
die Enkelin dreier Großmütter,
die Schwester von neun Brüdern,
die so schön ist,
wie die Sonne am Morgen,
wenn sie ins Meer baden geht
und dann strahlend am Himmel steht.'1
Da fielen dem kleinen Zarewitsch die Augen zu, und er schlief tief und fest wie ein Murmeltier. Er erwachte erst nach neun Jahren, neun
Monaten und neun Tagen. Und da sagte er zum Zaren:
"Lieber Vater, ich reite in die weite Welt, um meine Braut zu finden, die Zarin Wassilissa, die Tochter dreier Mütter, Enkelin dreier Großmütter, Schwester von neun Brüdern, die so schön ist, wie die Sonne am Morgen, wenn sie ins Meer baden geht und dann strahlend am Himmel steht."
Der Zar erschrak: "Wehe, mein Söhnchen, du bist noch klein und dumm, du wirst dich auf dem Weg verirren oder umkommen."
Iwan antwortete jedoch: "Ich bin klug genug und auch schon sehr groß. Segne mich nur, lieber Vater, damit ich in die weite Welt reiten
und die Zarin Wassilissa suchen kann. Wenn du mich segnest, reite ich, segnest du mich nicht, reite ich auch. Tu, was du willst."
"Lieber Sohn, warte wenigstens so lange, bis ich dich gemessen habe, ob du auch stark genug bist", sagte der Zar und maß den Zarewitsch.
Da er weder dick noch dünn war, er maß gerade zwei Ellen, mußten schließlich der Zar und die Zarin seinem Entschluß zustimmen, ob
sie wollten oder nicht. Daraufhin führte Iwan sein edles Pferd aus dem Stall, sattelte es mit einem tatarischen Sattel, legte ihm silberne Zügel an, zog die seidenen Sattelgurte fest und befestigte die Steigbügel, sprang auf das Pferd und ritt davon. Der junge Zarewitsch ritt durch Wälder und über Felder, durch Dörfer und Städte, bis er einen finsteren Wald erreichte. In einer Schneise brannte ein Strauch, den die Hirten angezündet hatten. Unter dem Strauch aber befand sich ein Ameisenhaufen, auf den die Funken sprühten. Die Ameisen liefen mit ihren Eiern aufgeschreckt hin und her.Sie riefen kläglich: "Ach, Zarewitsch, hilf uns, sonst verbrennen wir mitsamt unseren Jungen in den Eiern!"
Iwan sprang vom Pferd, hieb den Strauch um und löschte das Feuer.
"Wir danken dir, Zarewitsch", zirpte die älteste Ameise. "Wir geben dir dafür einen guten Rat."
"Nun, ein guter Rat kann niemals schaden", sagte Iwan und die Ameise fuhr fort: "Kehre nicht um, ehe du das Ziel dieses Weges erreicht hast."
Iwan dankte, schüttelte jedoch den Kopf.
"Ein seltsamer Rat, wirklich, ein seltsamer Rat. Ich bin in die Welt geritten, um die Zarin Wassilissa heimzuführen, und nicht, um auf halbem
Wege und mit leeren Händen umzukehren." Und er ritt weiter, über Berge, durch Täler und Wälder, kreuz und quer, bis er dahin kam,
wo das Land aufhörte und das blaue Meer begann. Dort am Ufer des blauen Meeres zappelte ein Fisch. Die Wellen hatten ihn an den
Strand geworfen.
"Ach, Zarewitsch Iwan, hilf mir!" bat der Fisch. "Wirf mich wieder in das Meer, sonst muß ich hier zugrunde gehen."Iwan sprang vom Pferd, faßte den Fisch am Schwanz und schleuderte ihn zurück ins Meer. Der Fisch steckte seinen Kopf aus dem Wasser und rief: "Als Dank für deine gute Tat gebe ich dir einen guten Rat."
"Nun, einen guten Rat höre ich mir immer gern an", sagte Iwan.
"Gib nie etwas her, was du bereits in den Händen hältst."
Zarewitsch Iwan dankte, dachte jedoch bei sich: "Wirklich ein seltsamer Rat. Ich bin in die Welt geritten, um die Zarin Wassilissa zu gewinnen, und nicht, um sie wieder herzugeben."
Und weiter ritt Iwan. Er schwamm durch das blaue Meer und stand plötzlich am anderen Ufer vor einem hohen Berg, auf dem eine Eiche wuchs. In den Zweigen der Eiche hatten die Raben ein Nest gebaut. Unter dem Nest aber piepsten und jammerten zwei Rabenjunge:
"Ach, Zarewitsch, hilf uns, sonst müssen wir sterben. Vater und Mutter sind davongeflogen, und wir armen Gelbschnäbel sollen uns jetzt das Futter selbst suchen. Aber wie können wir das, wenn wir noch nicht einmal allein fressen können? Gib uns etwas zu fressen, sonst müssen wir Hungers sterben!"
Der Zarewitsch sprang vom Pferd, sammelte Insekten und Würmer und gab sie den Rabenjungen zum Fraß.
"Wir danken dir, Zarewitsch Iwan", riefen die satten Rabenjungen voller Freude. "Dafür geben wir dir einen guten Rat."
"Jeder will mir einen guten Rat geben, sogar die dummen Rabenjungen, die sich nicht einmal das Futter zu beschaffen wissen", sagte sich Iwan.
"Schätze den Rat nicht gering", piepsten die
Rabenjungen. "Also paß gut auf: Weise nie die Bitte deines Freundes ab!"
"Ein guter Rat, aber besonders klug ist er nicht. Als mich die Ameisen baten, ihnen zu helfen, tat ich es. Auch dem Fisch und den Rabenjungen habe ich geholfen, obgleich sie nicht meine Freunde waren. Wie könnte ich da die Bitte eines Freundes zurückweisen?" dach-
te der Zarewitsch und ritt weiter.
Viele Jahre zog Iwan in der weiten Welt umher. Eines Tages gelangte er in eine große Stadt, in der alle Gebäude mit schwarzem Tuch bespannt waren. In einem Gasthaus fragte er den Wirt: "Was ist denn in eurer Stadt geschehen, daß ihr alles mit schwarzem Tuch bespannt habt?"
"Man sieht, daß du von weither kommst,wenn du nicht einmal weißt, welches Unglück unser Land betroffen hat. Die Tochter des Zaren, der uns regiert, ist so spurlos verschwunden wie eine Nadel in einem Heuhaufen. Und deshalb herrscht bei uns tiefe Trauer."
"Wie heißt denn die unglückliche Zarin?" fragte Iwan.
Der Wirt antwortete: "Wassilissa, die Tochter dreier Mütter, die Enkelin dreier Großmütter und die Schwester von neun Brüdern. Sie ist so schön wie niemand sonst auf der Welt; so schön wie die Sonne am Morgen, wenn sie ins Meer baden geht und dann strahlend am Himmel steht."
Da wurde der Zarewitsch traurig, und seine Trauer und sein Herzeleid waren ohne Grenzen. War er doch in die weite Welt gereist, um die schöne Wassilissa als Braut heimzuführen. Er verabschiedete sich nicht einmal von dem Wirt, so eilig hatte er es, ins Zarenschloß zu kommen.
Der Zar wunderte sich sehr, als er den jungen Helden gewahrte, mit den Händen und Armen bis zu den Ellbogen aus Gold, mit den Beinen bis zu den Knien aus Silber, der strahlenden goldenen Sonne und dem silbernen Mond auf der Stirn und einem klingenden Glöckchen an jedem Haar. Noch mehr wunderte er sich aber, als er erfuhr, daß der Zarewitsch nur deshalb in die Welt gezogen war, um seine Tochter, die schöne Wassilissa, als Braut heimzuführen.
"Ich gebe dir meine Tochter gern zur Frau", sagte er zu dem Zarewitsch, "aber du mußt sie erst suchen."
"Ich werde deine Tochter finden, mächtiger Zar", erwiderte Iwan darauf. "Ich finde sie, und wenn sie am Ende der Welt versteckt sein sollte."
Daraufhin sprang er auf sein Pferd und ritt davon. Er zog durch die weite Welt, über Berge und Täler, durch Wälder und über Lichtungen, durch Flüsse und über Felder und Äcker. Jeden fragte er nach der schönen Wassilissa, aber niemand hatte sie gesehen und niemand konnte ihm einen Hinweis geben. Nachdem er lange gesucht hatte, verlor er die Hoffnung. "Warum soll ich sinnlos umherirren, wenn ich doch nicht weiß, wo ich die Zarin Wassilissa suchen soll. Ich werde lieber zu meinem lieben Väterchen und meinem guten Mütterchen zurückkehren und eine andere Zarin heiraten."
Er wollte schon das Pferd wenden, als er sich an den Rat der Ameisen erinnerte, nicht umzukehren, ehe er das Ziel seines Weges erreicht hatte. "Einen guten Rat haben mir die Ameisen gegeben, einen guten Rat zur rechten Zeit", sagte er sich und ritt weiter. Eines Abends kam er in einen großen Garten, voll von Blumen und herrlichen Früchten. Der Zarewitsch war schon sehr müde, und so band er sein edles Pferd an einen Baum. Er selbst legte sich daneben und schlief bald wie ein Murmeltier. Iwan schlief lange und auch wieder nicht lange. Er schlummerte, bis er einen schönen Traum zu Ende geträumt hatte und leise Musik ihn weckte. Sie war so lieblich, als würde sievon Engeln selbst gespielt. Iwan rieb sich die Augen und sah, daß auf dem Baum, unter dem er lag, goldene Äpfel herangereift waren. Wenn ein leiser Windhauch mit ihnen spielte, erklang eine wunderschöne Melodie. Der Zarewitsch rieb sich noch einmal die Augen, stand auf und wollte einen Apfel pflücken. Aber da ging ein Rauschen durch den Garten, als wehe der Frühlingswind, ein heller Schein breitete sich aus und auf dem Baum ließ sich ein merkwürdiger Vogel nieder, mit Federn aus purem Gold. Auf seinem Kopf saß eine goldene, mit Edelsteinen verzierte Krone."Was für ein schöner Vogel", flüsterte Iwan, und vor lauter Staunen konnte er sich nicht rühren. Der Vogel begann, die goldenen Äpfel vom Baum zu verspeisen, und sang dabei mit wunderschöner, glockenheller Stimme:
"Ach, wie süß sie schmecken,
die goldenen Renetten,
süß wie das Lächeln
der Zarin Wassilissa,
der Tochter dreier Mütter,
der Enkelin dreier Großmütter,
der Schwester von neun Brüdern,
sie ist so schön
wie die Sonne am Morgen,
wenn sie ins Meer baden geht
und dann strahlend am Himmel steht."
Als das der Zarewitsch Iwan vernahm, horchte er auf, denn der Vogel sang von seiner Braut. Weiter hörte er den Vogel zwitschern:
,Ach, wie süß sie schmecken,
die goldenen Renetten,
süß wie das Lächeln
der Zarin Wassilissa,
vom bösen Zauberer verschleppt,
von Koste], dem Unsterblichen, versteckt,
hier hält er sie verborgen
und quält sie am Abend und am Morgen."
Iwan stand ganz verwundert da. Ehe er sich jedoch von seinem Staunen erholen konnte, sang der goldene Vogel zum dritten Mal:
,Ach, wie süß sie schmecken,
die goldenen Renetten,
süß wie das Lächeln
der Zarin Wassilissa,
nach der o weh, o weh,
der schöne Zarewitsch Iwan
vergeblich sucht und späht.
Ersucht auf der Erde und dem Meer,
dabei ist ihm das Herz so schwer."


Da besann sich Iwan, sprang auf den Baum, ergriff den goldenen Vogel und rief: "jetzt habe ich dich und laß dich nicht wieder los!"
Der goldene Vogel wehrte sich. Verzweifelt packte er mit seinen Klauen die Beine des Zarewitsch und hämmerte mit seinen Flügeln auf
dessen Hände ein. Aber Iwan war ein starker Jüngling, mit den Beinen drückte er die Klauen des Vogels zusammen, mit den Händen umklammerte er die Flügel, bis der Vogel schließlich erkannte, daß er Iwan nicht entkommen konnte. Darum sagte er plötzlich mit lieblicher Stimme: "Laß mich los, Zarewitsch Iwan! Du wirst sehen, es ist dein Schaden nicht. Ich verrate dir, wo du die Zarin Wassilissa findest. Wenn du dich nach meinen Worten richtest, wird es dir gelingen, sie zu befreien. Ich bin der Vogel Phönix, und ich allein habe Macht über den Hexenmeister Kostej, den Unsterblichen, der die Zarin entführte und sie nun auf dem Schwarzen Schloß in diesem Garten gefangenhält. Wenn du mich freiläßt, gebe ich dir auch einen guten Rat!"
Der Zarewitsch wollte schon den Vogel loslassen, als er sich an den Rat des Fisches erinnerte, nie etwas herzugeben, was er bereits in
den Händen hatte.
"Einen guten Rat hat mir der Fisch gegeben, einen guten Rat zur rechten Zeit", dachte sich der Zarewitsch und hielt den Vogel Phönix nur
noch fester. Er sagte: "Ich bin zwar noch ein Jüngling, aber ich habe doch schon Verstand genug. Nach deinem Rat frage ich nicht, denn
gute Ratschläge bekomme ich von allen Seiten, aber keiner vermag mir zu helfen.""Deine Rede ist klug, Zarewitsch Iwan!" sagte der Vogel Phönix. "Reiß mir eine Schwanzfeder aus, und sobald du sie mit deinen Händen schwenkst, werde ich bei dir sein, dir raten und helfen."
"Gut, Vogel Phönix, leg deinen schönen, klugen Kopf auf meine starke Schulter und führe mich mit all deiner Kunst und deinem Verstand. Ich werde dir in allem aufs halbe Wort folgen", antwortete Iwan, rupfte dem Vogel Phönix eine goldene Schwanzfeder aus und ließ ihn frei. Da flog der Vogel davon und löste sich auf wie eine goldene Wolke.
"Nun, wir werden ja sehen, ob der Vogel Phönix nicht gelogen hat", sagte sich der Zarewitsch, legte sich wieder unter den Baum und
schlief weiter. Iwan ruhte dort bis zum hellen Morgen. Und vielleicht hätte er noch länger geschlafen, wenn ihn nicht der traurige Gesang von Mädchenstimmen geweckt hätte. Schnell stand er auf und sah zwölf wunderschöne Mädchen auf den Baum mit den goldenen Äpfeln zugehen, unter dem er sich befand. Der Zarewitsch war einige Augenblicke freudig überrascht, denn die Mädchen schienen schöner zu sein als alle anderen, die er je erblickt hatte. Er wurde jedoch vor Erstaunen leblos, als er hinter ihnen ein dreizehntes Mädchen erblickte, das sie alle an Schönheit weit übertraf.Dann faßte er sich und fragte die Schönste:
"Sage mir, wunderschönes Mädchen, wer du bist und wie du in den Zaubergarten des Hexenmeisters Kostej, des Unsterblichen, gekommen bist."
Das schöne Mädchen antwortete traurig:
"Ich bin die Zarin Wassilissa, die Tochter dreier Mütter, die Enkelin dreier Großmütter, die Schwester von neun Brüdern. Und ich bin
gegen meinen eigenen Willen hierhergekommen. Kostej, der Unsterbliche, hat mich entführt und will, daß ich seine Frau werde."
Und dann sah sie Iwan an und sagte zu ihm:
"Wehe, unglücklicher Jüngling! Wie bist du hierhergekommen? In diesen Garten verläuft sich nicht einmal das Wild, noch verfliegt sich der Rabe an diesen berüchtigen Ort. Wer hat je gehört, daß sich ein Mensch hierher verirrte? Verlasse den Garten sofort! Weißt du denn nicht, daß hier der schreckliche Hexenmeister Kostej wohnt? Er fängt jeden, den er hier findet und saugt sein Blut aus. Deshalb ist er unsterblich."
"Ich weiß das sehr gut, schöne Wassilissa", sagte der Zarewitsch. "Aber ich gehe nicht fort, ehe ich dich aus den Händen dieses verwünschten Hexenmeisters befreit habe. Ich bin der Zarewitsch Iwan, und du bist mir von Geburt an als Gemahlin bestimmt."
"Bestimmt oder nicht bestimmt, was hilft's, jetzt bin ich zum Tode verurteilt. Aus den Händen Kostejs kannst du mich nicht befreien. Er ist stark und mächtig. Fliehe von diesem Ort lieber, solange es noch Zeit ist."
Aber Iwan ließ sich nicht einschüchtern. Er setzte sich mit der Zarin Wassilissa unter den Baum, und während die zwölf Mädchen die goldenen Äpfel pflückten, unterhielten sie sich leise und trösteten sich mit der Hoffnung, daß
es dem Zarewitsch gelingen möge, den Hexenmeister zu besiegen. Plötzlich wurde es ganz finster, eine riesige schwarze Wolke verdeckte die Sonne. Die Zarin sprang erschrocken auf und floh mit den Mädchen. Kostej, der Unsterbliche, selbst betrat den Garten. Er war ein häßlicher Greis. Sein Mund reichte von einem Ohr zum ändern, darin hatte er einen einzigen Zahn, und sein Kopf war bis auf ein einziges Haar kahl wie eine Billardkugel. Die schwarzen Augen funkelten voller Wut, und die Nase zog sich bis zum Kinn.
"Sei gegrüßt, Iwan", lachte er krächzend. "Du willst mir die schöne Zarin Wassilissa entführen?""Ja, das will ich", sagte Iwan.
"Du bist weder der erste noch der letzte, der das versucht. Ich werde dir drei Aufgaben stellen. Wenn du sie erfüllst, erhältst du Wassilissa,
wenn nicht, dann kommst du nicht mit dem Leben davon."
"Gut", erwiderte Iwan, "wir werden sehen,
wer gewinnt."
"Und jetzt hör gut zu!" krächzte Kostej, der Unsterbliche. "Deine erste Aufgabe lautet: Hinter meinem Schloß ist ein Wald. Er ist tau-
send Meter lang und tausend Meter breit. Bis morgen mußt du alle Bäume fällen, das Holz zu Brettern sägen, die Wurzeln ausgraben und
verbrennen, den Boden bestellen, Weizen säen und ernten, das Korn dreschen und mahlen. Von dem Mehl bäckst du mir zum Frühstück ein Brot. Wenn du damit fertig bist, bekommst du die zweite Aufgabe. Schaffst du es nicht, dann weißt du, was auf dich wartet."
Und damit verschwand Kostej, der Unsterbliche.
Iwan setzte sich traurig unter den Baum. Er wußte, daß er die Aufgabe, die ihm der Hexenmeister auferlegt hatte, nicht erfüllen konnte. Aber wie er so unter dem Baum saß, erinnerte er sich an das Versprechen des Vogels Phönix. Er zog die goldene Feder hervor und schwenkte sie hin und her. Da ging ein Rauschen durch den Garten, als würde der Frühlingswind wehen, ein heller Schein breitete sich aus, als brenne das Zauberschloß, und der Vogel Phönix setzte sich auf den Baum.
"Was wünschst du, Zarewitsch Iwan?" fragte er mit lieblicher Stimme.
"Ach, Vogel Phönix, schlimm steht's mit mir, und ich weiß nicht, ob du mir helfen kannst", sagte Iwan traurig. "Kostej, der Unsterbliche,
will mir drei Aufgaben stellen. Wenn ich sie erfülle, erhalte ich die schöne Wassilissa zur Frau, wenn nicht, komme ich nicht mit dem Leben davon. Und die erste Aufgabe lautet: Bis morgen muß ich den Wald hinter dem Schloß fällen, das Holz zu Brettern sägen, die
Wurzeln ausgraben und verbrennen, den Boden bestellen, Weizen säen und ernten, das Korn dreschen und mahlen und von dem Mehl
Kostej, dem Hexenmeister, ein Brot zum Frühstück backen. Diese Arbeit kann ich doch niemals in einer einzigen Nacht verrichten!"
"Aber, Zarewitsch", lachte der Vogel Phönix,"das ist eine Kleinigkeit. Kümmere dich um nichts, alles wird beizeiten bereit sein. Jetzt geh in das Schloß und tröste die schöne Wassilissa. Sie weint um dich. Und wenn es Mitternacht geworden ist, dann wirst du dich selbst davon überzeugen können, daß die Aufgabe erfüllt ist."
Ehe sich's der Zarewitsch versah, flog der Vogel Phönix davon. Iwan hatte nicht einmal Zeit, sich bei ihm zu bedanken. Iwan ging in das Schloß, welches von außen und von innen ganz schwarz aussah. Selbst das Licht, das durch die Fenster fiel, war düster. Als jedoch der Zarewitsch seine geliebte Zarin Wassilissa gefunden hatte, war es ihm, als sei plötzlich alles hell und strahlend geworden. Um Mitternacht verließ Iwan das Schloß. Er wollte seinen Augen nicht trauen, als er statt des Waldes ein Stoppelfeld erblickte, auf dem Bretter und Mehlsäcke lagen und in der Mitte ein großes Feuer aus den Resten der Wurzeln prasselte. Daneben stand der Vogel Phönix.
"Zarewitsch Iwan, alles ist vollbracht", lachte er. "Das Brot kann dir nun schon die schöne Wassilissa backen."Daraufhin sprang er in das Feuer und verbrannte zu Asche. Iwan erschrak, weil der wunderschöne Vogel so elend umkam. Und er begann auch um die Erfüllung der weiteren Aufgaben zu bangen. Kaum hatte er dies gedacht, flog der Feuervogel quicklebendig, gesund und schöner denn je aus der Asche heraus. "Warum erschrickst du so, Zarewitsch Iwan", sagte er. "Ich bin deshalb der Vogel Phönix, weil ich im Feuer bade, so wie du im Wasser. Und wenn du aus dem Bad kommst, bist du sauber und schön, und wenn ich aus dem Feuerbad steige, bin ich schöner und meine Federn glänzen stärker als je zuvor."
Damit nahm er von dem Zarewitsch Abschied. Freudig ging Iwan mit dem Mehl in das Schloß, und die Zarin Wassilissa buk ihm dar-
aus ein Brot. Am Morgen kam Kostej, der Unsterbliche. Als er aus dem Fenster sah und feststellte, daß die Aufgabe erfüllt war, und als er auf dem Tisch das knusprig gebackene Brot erblickte, machte er ein finsteres Gesicht. Er sagte:"Nun gut, erwarte deine zweite Aufgabe: Bis morgen früh gräbst du hinter dem Schloß einen Graben, siebzehn Meilen lang und siebzehn Meilen breit, und füllst ihn mit Wasser. Beachte aber, daß der See so tief ist, daß nicht nur kleine Boote darauf fahren können, sondern auch ganz große Schiffe. Über den See schlägst du eine kristallene Brücke mit einem vergoldeten Geländer. Und auf der Brücke pflanzt du bei jedem dritten Schritt einen Apfelbaum. Davon muß immer abwechselnd einer blühen und der andere Früchte tragen, aber keine gewöhnlichen Äpfel, sondern goldene, mit Perlen anstelle der Kerne. Und unter jedem Baum soll eine Quelle mit frischem Wasser sprudeln, damit ich beim Spaziergang im Schatten ausruhen und frisches Wasser trinken kann, wenn ich ins Schwitzen gerate. Wenn du das vollbrachst hast, werde ich dir deine letzte Aufgabe nennen. Gelingt dir diese Arbeit nicht, dann weißt du, was dich erwartet."
Daraufhin verschwand Kostej, der Unsterbliche. Iwan dachte sofort an den Vogel Phönix, zog die goldene Feder hervor und schwenkte sie. Da erklang ein Rauschen, als wehe der Frühlingswind, ein heller Schein breitete sich aus, als brenne das Zauberschloß, und der
Feuervogel erschien.
"Was wünschst du, Zarewitsch Iwan?" fragte er. "Hast du eine neue Aufgabe bekommen?"
"Ja, das habe ich", sagte Iwan. "Ich soll hinter dem Palast einen siebzehn Meilen langen und siebzehn Meilen breiten Graben ausheben, der so tief ist, daß Schiffe auf ihm schwimmen können, aber nicht nur einfache Boote, sondern auch ganz große Schiffe, und den See soll ich mit Wasser füllen und über den See eine kristallene Brücke bauen mit einem vergoldeten Geländer. Und auf der Brücke soll ich alle drei Schritte einen Apfelbaum pflanzen, und zwar so, daß immer der eine blüht und der zweite bereits Äpfel trägt, aber keine gewöhnlichen, sondern goldene Äpfel, mit Perlen anstatt der Kerne. Und unter jedem Baum soll eine Quelle mit frischem Wasser sprudeln, damit Kostej bei seinem Spaziergang im Schatten ausruhen und frisches Wasser trinken kann, wenn er ins Schwitzen gerät."
"Aber das ist doch keine Arbeit, das ist ja eine Kleinigkeit. Kümmere dich um nichts, bis zum Morgen wird alles fertig sein. Jetzt geh wieder die schöne Wassilissa trösten, sie weint um dich." Iwan dankte dem Vogel Phönix und ging, die Zarin Wassilissa zu trösten. Und er
unterhielt sich mit ihr bis zum Morgen. Als er dann gegen Morgen aus dem Fenster sah, erblickte er mit den ersten Sonnenstrahlen hinter dem Palast einen großen See, darauf fuhren kleine Boote und große Schiffe, und über den See schwang sich eine große Brücke. Auf der Brücke wuchsen Apfelbäume, der eine blühte, der andere trug bereits goldene Äpfel. Unter jedem Baum sprudelte eine Wasserquelle.
Iwan ging freudig überrascht in den Obstgarten.
Als der Hexenmeister kam und sah, daß alles fertig war, blickte er finster drein und sagtezu Iwan:
"Nun gut, aber freue dich nicht zu früh, noch hast du nicht gewonnen. Heute bekommst du die schwerste Aufgabe. Gib gut acht: Bis morgen mußt du mir meinen Tod bringen!"
"Warum bis morgen warten, den kannst du gleich haben", lachte Iwan, zog das Schwert aus der Scheide und hieb auf den Kopf des
Hexenmeisters ein. Aber das Schwert sprang vom Kopf ab, als wäre dieser aus Stahl, und Kostej krächzte nur: "Du vergaßest, Zarewitsch Iwan, daß ich Kostej, der Unsterbliche, bin. Und das wird dich das Leben kosten!"
Dann winkte der Hexenmeister Kostej mit der Hand, und um ihn herum wuchsen aus der Erde Höllenungeheuer: Riesen ohne Kopf, häßliche Hexen, Teufel und Drachen, Basilisken und Echsen, alle lachten hämisch und stürzten sich auf den armen Iwan. Der Zarewitsch kämpfte aus Leibeskräften, aber gegen die Ungeheuer reichten seine Kraft, Geschicklichkeit und Tapferkeit nicht aus. Spaltete er den Basilisken in der Mitte, wurden zwei aus ihm; schlug er dem Drachen einen Kopf ab, bekam er dafür zwei neue; stach er den Riesen in den Bauch, sprang ein anderer daraus hervor. Iwan war am Ende seiner Kräfte. In der höchsten Not erinnerte er sich an den Feuervogel. Er nahm die Schwanzfeder, schwenkte sie, und schon wehte ein heftiger Wind, ein helles Leuchten breitete sich aus, und neben Iwan erschien der Vogel Phönix mit einem goldenen Schwert. Er rief:
"Ha, Kostej, du Unsterblicher! Dein Tod ist gekommen!"
Sobald er dies gerufen hatte, verschwanden alle Höllenungetüme und Kostej, der Unsterbliche, wurde blaß und begann zu zittern.Da reichte der Vogel Phönix dem Zarewitsch das Schwert und rief: "Und nun geschwind, Zarewitsch Iwan, nimm das Schwert und spalte mich! Du wirst in mir ein großes, schwarzes Ei finden, und darin ist der Tod Kostejs, des Unsterblichen."
"Das kann ich nicht tun!" rief Iwan.
"Du mußt es tun", rief der Vogel Phönix, "sonst würde es deinen Tod bedeuten. Ich habe das Ei in mir getragen und kann es nicht legen. Deshalb hat mich Kostej, der Unsterbliche, mit goldenen Äpfeln gefüttert. Aber du mußt mich entzweischlagen, dann das Ei herausnehmen und zerbrechen! Ich bitte dich darum."
Da erinnerte sich Iwan an den Rat der beiden nackten Rabenjungen, nie die Bitte eines Freundes abzuschlagen. Er nahm das Schwert, hieb den Vogel Phönix mitten durch und auch das schwarze Ei in ihm. Da erklang ein Donnerschlag und Kostej, der Unsterbliche, fiel zu Boden. Der Körper des Vogels Phönix brannte mit heller Flamme, verbrannte zu Asche, und aus der Asche flog der Feuervogel, lebendig und schöner als je zuvor. Er flog in die Höhe, kreiste einigemal über Iwan, dem Zarewitsch, und ehe sich jemand dessen versah, war er davongeschwirrt. Sobald der Hexenmeister tot war, gingen in dem schwarzen Schloß sehr merkwürdige Dinge vor sich. Die schwarze Farbe verschwand, die Wände wurden rot, die Möbel blau, das Geschirr silbern, alles war voller Licht und Leben, und den Zarewitsch Iwan umringten auf einmal hunderte Helden, die Kostej, der Hexenmeister, vernichtet hatte und die jetzt wieder lebendig geworden waren. Danach kamen die zwölf wunderschönen Mädchen, die Kostej, der Unsterbliche, gefangen gehalten hatte, und zum Schluß erschien die Schönste von allen, die Zarin Wassilissa. Dann ritt der Zarewitsch mit seiner Braut über Berg und Tal, bis sie schließlich zu der großen Stadt kamen, in welcher der Vater der Zarin Wassilissa regierte. Als der Zar die beiden erblickte, weinte er vor Freude, und mit ihm jubelten die drei Mütter Wassilissas, ihre drei Großmütter und alle neun Brüder. Sofort richteten sie ein Festmahl prächtig und reich, wie es die Welt noch nie erlebt hatte. Und als der alte Zar starb, regierten der Zar Iwan mit der Zarin Wassilissa klug und gerecht bis an ihr Ende.