AnhangKatholische Liturgie Zeittafel

Auf der Seite: Evangelische Kirchenmusik

1.-3. Jh. Aus dem jüdischen Tempelgesang und der altgriechischen Hymnik entwickelt sich der einstimmige (chorische und solistische Kultgeang.
.4. Jh. Das System der acht Kirchentöne, von Byzanz vermittelt, wurde erstmals bezeugt. Antiphonale Psalmengesänge drangen aus Syrien ein; durch Bischof Ambrosius von Mailand (5. Jh.) wurde der Hymnengesang gefördert.
Um 600. Papst Gregor I. gründete die Schola cantorum (liturgische Sänger- und Gesangslehrerschule) in Rom und ordnete die Sammlung aller liturgischen Gesänge an. Sie wurden 650-680 zum Gregorianischen Choral gestaltet; seitdem sind sie alleinverbindliche Liturgie der gesamten römisch-katholischen Kirche.
8. Jh. Kleine Orgeln mit 8 bis 15 Pfeifen waren schon seit Ende der Römerzeit in Europa bekannt.
Um 850. Erste Tropen und Sequenzen entstanden im Kloster Sankt Gallen (Notker Balbulus, Tuotilo u. a.).
Um 900. Durch Ausbildung des Organums mit Parallelstimmen Note gegen Note in Quinten und Quarten entwickelte sich die früheste Mehrstimmigkeit.
Seit dem 11. Jh. Liturgische (Oster-, Weihnachts- u. a.) Spiele mit geistlichen Volksgesängen in Frankreich, Deutschland (Tegernseer
Antichristspiel von 1190), England entstanden.
Im 12-13. Jh. entstanden deutsche geistliche Volksgesänge (Leisen, geistliche Minnelieder), besonders zur Zeit det Kreuzzüge, in Italien volkstümliche Lauden (Lobgesänge, z. T. dramatisch), in Spanien Cantigas (geistliche Gesänge).
1250-1350. Die Vollendung des Organumstils zu drei- (und ersten vier-) stimmigen Gebilden geschah in der "Ars antiqua" an Notre-Dame in Paris (Meister Leoninus und Perotinus). Die neue Form der Motette wurde geschaffen. Weitere Meister der Ars antiqua: Franco von Köln (um 1250), Adam de la Halle (1237-1289).
Um 1350. Blütezeit der "Ars nova" in Frankteich: Philipp de Vitry (1291 bis 1361),Guillaume de Machaut (1300-1377). Isorhythmische Motetten und erste vierstimmige zyklische Messen entstanden. Der Florentiner Ars-nova-Meister Francesco Landino (um 1325-1397) schuf Orgelkompositionen.
Um 1400. Der Engländer John Dunstable (1370-1453) wirkte durch seine Motetten, Messen und Liedbearbeitungen mit "auskoloriertem" Cantus firmus stark auf das Festland (Burgund: Guillaume Dufay) ein.
Im Gefolge der Geißlerbrüder (seit 1349) und der Devotio moderna (religiöse Bewegung im 14.-16.Jh.) entstanden geistliche Volksgesänge (zu Wallfahrten u. a.), die auch im Gottesdienst stillschweigend geduldet wurden.
15 Jh. In Europa herrschte die burgundisch-niederländische Schule mit kunstvollen durchimitierten, vielstimmigen gemischt vokal-instrumentalen Messen und Motetten. Hauptmeister: Guillaume Dufay (um 1400-1474), Johannes Ockeghem (um 1430-1495), Jakob Obrecht (um 1450-1505), Heinrich Isaak (um 1450-1517).
Um 1500. Deutsche Meister der Vokalpolyphonie: Adam von Fulda (um 1440-1506), Heinrich Finck (1446-1527), Thomas Stoltzer (um 1475-1526), Ludwig Senfl (um 1488-1545).
Allmählich verfiel der Gregorianische Choral durch Verstümmelung seiner Melismatik.
16. Jh. Die Herrschaft der Niederländer blieb weiter bestehen: Josquin Desprez (um 1450-1521), Orlando di Lasso (1532-1594; Münchner Hofkapellmeister; u. a. über fünfhundert zwei- bis zwölfstimmige Motetten).
Orgelkomponisten: Paul Hofhaimer (1459-1537), Arnold Schlick († 1527), Antonio de Cabezon (1510-1566; Spanier).
Allmählich wurde der Chor vom ehemaligen Platz am Altar im Zentrum der Kirche und des Gottesdienstes auf die Empore(n) verlegt, die sich zur Unterbringung der Großorgeln und der Vokalisten und Instrumentalisten nötig machte(n).
Es entstand eine Gegenbewegung gegen die Verkünstelung und Verweltlichung der kontrapunktischen Messen und Motetten. Dem Verlangen des Tridentiner Konzils (1545-1562) nach weihevoller Kirchenmusik entsprach, neben Lasso, Giovanni Perluigi da Palestrina (um 1525-1595) und seine Römische Schule (Marc Antonio Ingenieri [1545-1592], Giovanni Maria Nannini [1545-1607], Felice Anerio [1560-1614] u. a.) mit ihrem weltentrückt-abgeklärten A-cappella-Stil.
Dialoglauden von Giovanni Animuccia (um 1500-1571) und Dialogmadrigale von Palestrina wurden im folgenden Jahrhundert Keimzellen des Oratoriums.
Die Venezianische Schule brachte doppelchörige, durch reiche Chromatik ausdrucksgesteigerte Messen und Motetten. Hauptmeister: Adriaen Willaert (1485-1562), Andrea Cabrieli (um 1510-1586), Giovanni Gabrieli (um 1557 bis 1612), im katholischen Deutschland Jacobus Gallus (1550-1591).
Ein großer deutscher Vokalk'omponist um die Wende der Polyphonie zur Monodie war Leonhard Lechner (1553-1606; Konfession nicht klar erwiesen), dessen Johannispassion (1594) auf Schütz hinweist.
Der Verfall des Gregorianischen Chorals war nicht aufzuhalten.
17. Jh. Immer stärkere Entfernung vom Liturgischen zeigte der barocke "stile moderno" (Monodie).
1600. Oratorium und Kantate entstanden. Hauptmeister des biblischen Oratoriums in lateinischer Sprache ist Giacomo Carissimi (1605-1674) in Rom, weitere Alessandro Stradella (1645-1682) und Alessandro Scarlatti (1659-1725) in Neapel. Diese drei sind auch die Hauptmeister der Kantate mit ihrem "Theaterstil" (Rezitativ und Arie).
Meister der ausdruckshaften Orgelkunst: Giolamo Frescobaldi (1583-1643), Johann Jakob Froberger (1616-1667), Johann Kaspar Kerll (1627-1693), Georg Muffat (1645-1704).
Die ersten Kirchensonaten schuf Tarquinio Merula 1637, auch Giovanni Legrenzy (1626-1690), Giovanni Battista Vitali (1644-1692) u. a.; unter Arcangelo Corelli (1653-1713) erreichten sie ihren Höhepunkt. Kirchensonaten blieben auch im folgenden Jahrhundert bestehen; noch Joseph Haydn (1732-1809) und Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) schrieben Kirchensonaten.
Seit dem 16. Jh. entstanden viele volkssprachliche Diözesan-Gesangbücher in Deutschland. Die Lieder waren einstimmig (generalbaßbegleitet) und mehrstimmig. Aus gegenreformatorischen Gründen wurden Kontrafakturen (Umdichtungen} protestantischer Choräle für die Konvertierten übernommen.
18. Jahrhundert. Neben dem prunkvollen Stil der Venezianer (Antonio Lotti [1667-1740], Antonio Caldara [1670-1736], Benedetto Marcello [1686-1739]) drang der opernhafte konzertante Stil der Neapolitanischen Schule immer stärker vor: Emanuele d'Astorga (1680-1757), Francesco Durante (1684-1755), Giovanni Pergolesi (1710-1736), der Deutsche Johann Adolf Hasse (1699-1783). Diesen Stil weisen auch die Kirchenwerke Haydns und Mozarts bestimmend auf. Später drangen empfindsame Züge (Lamento, Miserere u. a.) und sinfonisch-thematische Züge der Vorklassik (Georg Christoph Wagenseil [1715 bis 1777], Leopold Mozart [1719-1787], Niccolo Jommelli [1714-1774]) in die Kirchenmusik ein. – Auch der strenge polyphone Stil bestand weiter in Werken von Johann Joseph Fux (1660-1741) und Padre Martini (1706-1784). Das bürgerliche Humanitätsideal der Aufklärung prägte sich musikalisch im sinfonischen Stil aus, der auch immer mehr in die Messe eindrang. Diesen sinfonischen Stil weisen auch - trotz ihrer neapolitanischen Haltung - die Messen der Klassiker Joseph Haydn (1732-1809), Michael Haydn (1737-1806) und Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) in starkem Maße auf, ihn führte Ludwig van Beethoven (1770-1827) im folgenden Jahrhundert zur klassischen Vollendung.
Viele als Musikpflegestätten wertvolle Klöster wurden aufgehoben und 1803 säkularisiert; das Kirchenlied verflachte, aber die Singmesse wurde gefördert.
19. Jahrhundert. Das neue Jahrhundert brachte eine Hochblüte der sinfonischen Kirchenmusik. Hauptmeister mit ihren Hauptwerken sind:
Klassik : Luigi Cherubim (1760-1842; c-Moll-Requiem); Ludwig van Beethoven (1770-1827; C-Dur-Messe, 1807; "Missa solemnis", 1823).
Frühromantik : Carl Maria von Weber (1786-1826; 2 Messen, Kantaten); Franz Schubert (1797-1828; Messen in As-Dur, 1822, und Es-Dur, 1828; die "Deutsche Messe", 1827, brachte das neue Chorlied und, in Seyfrieds Bearbeitung, den Männerchor auf die Kirchenempore).
Hochromantik: Franz Liszt (1811-1886; Graner Festmesse, Oratorien "Christus" und "Heilige Elisabeth"); Hector Berlioz (1803-1869; Tedeum, Requiem, 1837); Anton Bruckner (1824-1896; 3 Messen, 1864/72; die e-Moll-Messe mit achtstimmigem Chor und Blasinstrumenten ist die größte Messe des Jahrhunderts mit zulässigen Instrumenten; Tedeum, 1885; 150. Psalm, 1892; Motetten); Joseph Rheinberger (1839-1913; neben Messen mit Orchester orgelbegleitete Messen und A-cappella-Messen im alten Stil); Giuseppe Verdi
(1813-1901; Requiem, 1874); Antonin Dvorak (1841-1904; Oratorium, Stabat Mater, Messe, Requiem, Tedeum).
Spät- und Nachromantik : Felix Draeseke (1835-1913; 2 Messen, Requiem, Oratorium "Christus"); Cesar Franck (1822-1890; Oratorien, besonders "Die Seligpreisungen", 1879; Messen, Motetten); Leos Janacek (1854-1928; Messe); Gabriel Pierne (1863-1937; Oratorium "Der Kinderkreuzzug",1902); Max Reger (1873-1916; 100. Psalm, 1911; Motetten, Choralkantaten); Franz Schmidt (1874-1939; Oratorium "Das Buch mit sieben Siegeln", 1938).
Der sinfonischen Kirchenmusik entsprachen die Expressiv- oder Orchesterorgel und die für sie geschaffenen Orgelkompositionen; Hauptmeister waren: Cesar Franck, Joseph Rheinberger und besonders Max Reger.
Der Hochflut sinfonischer, meist den liturgischen Rahmen sprengender Kirchenmusik steht die auf strenge Liturgik gerichtete katholische Erneuerungsbewegung gegenüber, ausgehend von München (Kaspar Ett, 1788-1847) und Regensburg (Bischof Sailer, 1751-1832).
Ein Breve Pius' IX. aus dem Jähr 1870 bestätigt die Forderungen des deutschen Cäcilienvereins: beim liturgischen Gottesdienst und den festzeitlichen Meßgesängen nur lateinische vollständige Texte, volkssprachlicher Gesang nur äußerliturgisch und bei den Stillmessen,
Die katholische Erneuerungsbewegung erreichte, daß die Fassung des echten Gregorianischen Chorals festgelegt wurde (Editio Vaticano, 1905).
Ende des 19. Jh. verlangten die schaffenden katholischen Kirchenmusiker auch in der Kirchenmusik den Ausdruck der eignen Zeit unter Verwendung besonders ihrer harmonischen Errungenschaften (Chromatik) und freie, nicht durch Motive der Gregorianik eingeengte Schaffensmöglichkeiten.
20. Jh. In drei Veröffentlichungen der Kurie wurde offiziell erklärt, welche Eigenschaften die katholische Kirchenmusik besitzen muß:
Der Gregorianische Choral ist der Gesang der katholischen Kirche, an den. sich die Kompositionen in Geist und Stimmung anlehnen sollen. Der Palestrina-Lasso-Stil ist ein Ideal der mehrstimmigen Kirchenmusik, aber keine Norm. Auch "moderner Stil" ist zugelassen, immer natürlich unter der Beachtung der liturgischen Gesetze. A-cappella-Werke werden bevorzugt, doch
werden auch Kompositionen mit Orchester geschaffen.
Bedeutende katholische Kirchenkomponisten sind u. a.:
in Deutschland und Österreich: Joseph Haas (* 1879, bes. Singmessen), Joseph Lechthaler (1891-1948), Heinrich Lemacher (* 1891), Johann Nepomuk David (* 1895), Paul Hindemitb (* 1895), Georg Trexler (* 1903), Joseph Ahrens (* 1904), Hermann Schroeder (* 1904), Ernst Tittel (* l91o);
in Frankreich : Olivier Messiaen l* 1903);
in der Schweiz: Arthur Honegger (1892-1955), Frank Martin (* 1890), Oswald Jaeggi (* 1913);
in Italien : Ildebrando Pizzetti (* 1880), Francesco Malipiero (* 1882).


Evangelische Kirchenmusik

16. Jh. Reformation und Gegenreformation. Martin Luther (1483-1546) hat die Musikentwicklung innerhalb der lutherischen Kirche ebenso entscheidend bestimmt wie Zwingli und besonders Calvin die der reformierten: Während letztere nur den einstimmigen Gemeindegesang gelten ließen, hat Luther die ganze reiche Tradition der altkirchlichen Musik in den Dienst des neuen Bekenntnisses gestellt. Die evangelische Musik der Reformationszeit besteht daher aus folgenden drei Faktoren:
1. dem liturgischen, einstimmigen Gesang auf der Grundlage der katholischen Gregorianik (Messe usw.),
2. der kunstmäßigen mehrstimmigen Messen- und Motettenmusik,
3. dem einstimmigen oder mehrstimmig gesetzten Lied.
Luther wollte die Gemeinde aus einer (den Zeremonien der Messe gegenüber im wesentlichen) passiven zu einer aktiv mitwirkenden Gemeinschaft machen, Er schuf das protestantische Gemeindelied oder, wie es später wegen seiner "choralischen", d. h. einstimmigen Singweise genannt wurde, den protestantischen Choral. Seine Quellen sind neben volkssprachlichen, lateinischen oder gemischtsprachlichen geistlichen Volksgesängen früherer Jahrhunderte auch geistliche Lieder der Minne- und Meistersinger, das geistliche und weltliche Volkslied seiner Zeit. Jede "Weise" empfand man damals wie in der vorreformatorischen Zeit als ein unabhängiges Tongebilde. Dadurch erklären sich die vielen Liedparodien oder Kontrafakturen (Umdichtungen), z. B. Heinrich Isaaks Liedweise zu "Innsbruck, ich muß dich lassen", im 16. Jh. gesungen zu Johann Hesses "O Welt, ich muß dich lassen", im 17. Jh. auf Paul Gerhardts "O Haupt voll Blut und Wunden". Luthers eigene Liedschöpfungen haben im evangelischen Gottesdienst vielfach liturgische Bedeutung gewonnen, besonders die Verdeutschungen der alten lateinischen Messegesänge, wie des Credo ("Wir glauben all an einen Gott"), ganz lebendig blieben auch die Psalmdichtungen "Ein feste Burg" (ursprünglich wohl 1528/29 auf die Türkengefahr, den "alt bösen Feind", geschaffen, dann das Kampflied gegen den Papst) und "Aus tiefer Not". Schöpfer von frühen Choralmelodien nach Luthers Vorbild sind besonders: Johann Walther (1496-1570; Luthers musikalischer Berater), Martin Agricola (1486-1556), Nikolaus Hermann (1480-1561), Nikolaus Decius (1485 bis nach 1546).
Die Choräle wurden einstimmig von der Gemeinde gesungen (ohne Orgelbegleitung, die erst im 17. Jh. aufkam) unter Führung der für die evangelische Kirchenmusik so wichtigen Schülerchöre und Kantoreien. Außerdem dienten sie als Cantus firmus für mehrstimmige Liedbearbeitungen.
Zur Verbreitung der Kirchenlieder trug die junge Druckkunst in Einblattdrucken und vor allem in Liederbüchern erheblich bei, die aber ursprünglich für Pfarrer und Kantor, nicht für die Gemeinde bestimmt waren (z. B. Johann Walthers Sangbüchlein, Wittenberg 1524 [30 mehrstimmig gesetzte Lieder, darunter 23 von Luther, Grundstock aller späteren Liederbücher], Enchiridion bei Hans Lufft, Wittenberg 1526, erstes Gemeindegesangbuch).
Die Polymetrik der alten Liedmelodien glättete sich allmählich zu einfacheren Rhythmen. Entsprechend trat neben den linear-polyphonen Liedstil (meist Cantus-firmus-Melodie im Tenor) der wesentlich homophone, schlichte "Kantionalsatz". Er verrät den Einfluß der Odenkomposition der Renaissancezeit. Eine wichtige (aber auch schon bei Johann Walther zeitweilig auftretende) Neuerung wurde die Verlegung der Choralmelodie aus dem Tenor in den Sopran im vierstimmigen Kantionaisatz (1586 Liedersammlung des Lucas Osiander [1534-1604]).
Neben dem Lied - und es weit überwiegend - stehen kunstvolle Messen- und (meist lateinische) Motettenkompositionen (Hauptmeister der letzteren im Süden der wohl protestantische Leonhard Lecbner, 1555-1606; im Norden Philipp Dultchins, 1562-1631) im deutsch-niederländischen Figuralstil der Zeit.
Unter dem Gedanken des allgemeinen Priestertums und infolge vorangegangener radikaler Änderungen der lateinischen Messeordnung in eine deutsche der Gemeinde, besonders durch Thomas Müntzer und Karlstadt, kam Luther zu seiner "Deutschen Messe" von 1525. Alle liturgischen Stücke sind entweder durch deutsche Lieder ersetzt oder mit der deutschen Sprache gemäßen Singweisen versehen worden. Die Messe wurde infolge der immer mehr ins Zentrum des Gottesdienstes tretenden Predigt jedoch zunehmend bedeutungslos.
Wichtiger wurden die nach Lassos Vorbild gestalteten protestantischen wortausdeutenden Lied- und besonders Spruchmotetten (Johannes Eccard, Leonhard Lechner, Hans Leo Haßler, Michael Praetorius). Die Komposition biblischer Historien, besonders der Passion, gewann an Bedeutung. An Stelle der katholischen, reinen Choralpassion schuf Johann Walther erstmals 1550, auch im Lektionston, aber mit Einfügung schlicht-mehrstimmiger Turbaesätze (dramatisch bewegte Volkschöre), eine neue Form der Choralpassion. Neben ihr findet sich bis ins 17. Jh. die deutsche Figuralpassion, die den gesamten Passionstext motettisch durchkomponiert {Leonhard Lechner "Johannes-
passion ",1594).
17. Jh. Orthodoxie und Mystik. Das 17. Jh. ist gekennzeichnet durch die Ausprägung der lutherischen Orthodoxie, die in der Kirchenmusik eine der Predigt gleichberechtigte Verkündigung des Wortes und eines mystischen Frömmigkeitsgefühls sah, musikalisch geprägt durch die Einwirkung der neuen Formen von Monodie, Konzert und Sololied und harmonischer Ausdrucksbereicherung (Chromatik) aus Italien. Der Thomaskantor Johann Hermann Schein (1586-1630) vereinigte in seinen Choralkonzerten Choral und italienischen Konzertstil. An Dramatisierung biblischer Texte in Motettenform steht Schein gleichwertig neben Schütz. Samuel Scheidt (1587-1654) wirkte neben seinen Orgelwerken durch seine geistlichen Konzerte besonders auf die norddeutschen Kantoren. Heinrich Schütz (1585 bis 1672), bei Giovanni Gabrieli und Monteverdi gebildet, stellte beider Ausdruckskraft ganz in den Dienst seiner streng lutherischen Richtung, verschmolz deutsche Polyphonietradition mit dem italienischen monodischen und konzertierenden Stil (Motetten, geistliche Konzerte). Besonders seine drei Passionen (1665/66) sind italienisch-monodischen Stil und chorale Traditionen vereinende Gipfel werke zugleich höchster Dramatik und strengster Liturgik. Die Passionen nach Schütz bahnten mit Einschiebung fromm-betrachtender solistischer Stellen in die Bibelerzählung den Weg zu Passionskantate und -Oratorium. Franz Tunder (1614-1667) wurde wegweisend mit der "Choral-Aria" (Solochoral mit obligater fünfstimmiger Instrumentalbegleitung). Johann Rudolf Ahle (1625-1673), Andreas Hammerschmidt (1612 bis 1675), Johann Christoph Bach (1642-1705) und Johann Michael Bach (1648 bis 1694) u. a. vereinigen in ihren geistlichen Dialogen Choral und Konzert. Johann Rosenmüllers (1620-1684) geistliche Solokantaten mit Rezitativ und
Arie sind die Frucht seines langen Italienaufenthaltes. Sein Schüler Johann Philipp Krieger (1649-1725) wurde zu einem frühen Meister der Kirchenkantate, die in Dietrich Buxtehude (1637-1707) ihren ersten Gipfel erreichte und in dessen geistlichen Abendmusiken in der Lübecker Marienkirche zum geistlichen Musikdrama ausgebaut wurde.
In England wurden Henry Purcells (1659-1695) Anthems Meisterwerke der Psalmkantate.
Die Orgelmusik wurde durch den Niederländer Jan Pieterszon Sweelinck(1562-1621) zu selbständiger Kirchenkunst erhoben. Samuel Scheidt (1587 bis 1654) wurde wegweisend besonders durch seine Choralvariationen und Orgelchoräle. Sweelincks und Scheidts Tradition pflegten in Norddeutschland Jan Adams Reinken (1623-1722), Dietrich Buxtehude, Vincent Lübeck (1654 bis 1740), Georg Böhm (1661-1733), Nikolaus Bruhns (1665-1697) und viele andere. Neben der choralgebundenen Form fand auch die freie in Johann
Pachelbel (1653-1706) einen Meister. Die Choralphantasie wurde immer mehr von dem Choralvorspiel abgelöst.
Orthodoxie und Mystik prägten sich im Lied - nunmehr zum Sololied mit Generalbaßbegleitung geworden - aus in den zugleich mystischen und rationalistischen "Aria "-Dichtungen Johann Rists (1607-1667) und Heinrich Elmenhorsts und andererseits in Paul Gerhardts (1607-1676) kraftvollen Texten. Der "Paul Gerhardt der Musik" wurde Johann Crüger (1598-1662) in Berlin. - Die Abschleifung der Rhythmen alter Lieder zum isometrischen Gemeindegesang kennzeichnet dessen Tiefstand Ende des 17. wie im 18. und 19. Jh.
18. Jh. Krönung evangelischer Kirchenmusik. Mit Johann Sebastian Bach (1685-1750) erreichte die evangelische Kirchenmusik ihren
ragenden Gipfel. Schon sein Amtsvorgänger im Leipziger Thomaskantorat, Johann Kuhnau (1660-1722), war mit Motetten und Kantaten hervorgetreten. Bachs mehr als 200 Kantaten steigerten mit den äußeren Mitteln auch die innere Intensität, ebenso seine Passionen, die h-Moll-Messe und seine gewaltigen Orgelwerke. Neben ihm ist Georg Philipp Telemann (1681-1767) mit 12 Kantatenjahrgängen, vielen Motetten, über 40 Passionen der bedeutendste evangelische Kirchenmusiker. Der Bach kongeniale Georg Friedrich Händel (1685 -1759) ist jedoch nur mit seinenAnthems zur Kirchenmusik zurechnen, während seine großartigen Oratorien nicht mehr kirchlichen Aufgaben dienen wollen, sondern Verkünder der allgemeinen Humanitätsreligion der Aufklärungszeit und national-englischer bürgerlicher Ziele sind. - Die Aufklärung dokumentiert sich nicht zuletzt in den allgemein religiös-moralischen Liedern Gellerts, Sie wurden in unzähligen Vertonungen von Philipp Emanuel. Bach über Johann Adam Hiller bis hin zu Haydn und Beethoven die Lieblingslieder ihrer Zeit.
19. und 20. Jh. Epigonentum und Nenaufschwung. Das 19. Jh. übernahm vom vergangenen Jahrhundertende eine völlige Stagnation der evangelischen Kirchenmusik. Orgelspiel und Choral schleppten sich in ausgetretenen Bahnen dahin, Lied und Oratorium waren der .Kirche entfremdet, mit Ausnahme von Mendelssohns "Elias" und "Paulus". Motetten und Kantaten haben kaum noch wirkliche Beziehung zur protestantischen Kirche. Auch Johannes Brahms' (1833-1897) Requiem, obwohl protestantisch in der Haltung, steht der Kirche fern. Seine Motetten dagegen und die Arnold Mendelssohns (1855-1933) eröffneten einen Neubeginn. Voran war die Musikforschung gegangen, die mit den wiederentdeckten kirchenmusikalischen Schätzen früherer Jahrhunderte auch die Geschichte des Choralgesangs vor
Augen stellte und vor allem zur Wiederentdeckung der Werke von Heinrich
Schütz und Johann Sebastian Bach führte. Spittas Bachbiographie war hierfür bahnbrechend.
An Bach unmittelbar knüpfte Max Reger (1873-1916) an, der, obwohl Katholik, den protestantischen Geist seines Vorbildes wieder beschwor und mit den musikalischen Mitteln seiner Zeit zum Ausdruck brachte, sowohl in seinen Kantaten, Motetten, geistlichen Liedern und ganz besonders in seinen Orgelwerken, die den Choral wieder in den Mittelpunkt stellen.
Zu Beginn des 20. Jh. weckte die Orgelbewegung den Sinn für den barocken und frühbarocken Orgelklang und für unkonzertmäßige protestantische Orgelmusik im Rahmen des Gottesdienstes. Die neue liturgische Bewegung der wiedererstarkten evangelischen Kirche rief auch auf diesem Gebiete die Tätigkeit der Komponisten ihrer Zeit wach. Auch die Singbewegung bahnte das Verständnis für die funktionelle Bedeutung des Liedes und wurde eine der Hauptwurzeln für die Revidierung des Gesangbuches. Das neue Evangelische Kirchengesangbuch, 1950 erschienen, belebt mit den alten rhythmisch bewegten Choralmelodien die Singfreude der Gemeinde wesentlich.
Die evangelische Kirchenmusik der Gegenwart befriedigt in großen Formen von Oratorium und Kantate oder Motette die höchsten künstlerischen Ansprüche, verschmäht aber auch nicht schlichte Gebrauchsmusik. Die Hauptvertreter sind: Heinrich Kaminski (1886-1946) Johann Nepomuk David (*l895), Eberhard Wenzel (* 1896), Johannes Weyrauch (* 1897), Willy Burkhard (1900 bis
1955), Ernst Pepping (* 1901), Hans Friedrich Micheelsen (* 1902), Günter Raphael (* 1903), Kurt Thomas (* 1904), Hugo Distler (1908-1942), Kurt Fiebig (*19o8), Kurt Hessenberg (* 1908), Johannes Driessler (* 1921).