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Deutsche MusikerDer Uhland-Sänger K. Kreutzer (1780-1849)

Es war am 21. Juli 1838, als zu Neudorf bei Wien der Kapellmeister des Josephstädter Theaters, Konradin Kreutzer, den schwäbischen Dichter Ludwig Uhland traf, und es wird uns berichtet, daß "ein Strahl freudiger Überraschung über Uhlands Züge ging, als der Komponist ihn mit dem lebhaften Ausdruck innerer Bewegung begrüßte". War doch der Komponist nicht bloß sein Landsmann im engeren Sinne, sofern er aus dem politisch zu Baden gehörigen, dem Volkscharakter nach aber schwäbischen Städtchen Möskirch stammte, sondern dieser Komponist war der unserem schwäbischen Dichter am meisten sympathische musikalische Interpret seiner Lieder; von seiner Auffassung und musikalischen Wiedergabe fühlte sich Uhland im Innersten angesprochen, in Kreuzters Kompositionen fand er sich verstanden und getroffen, fand er die durch seine Seele klingende, das dichterische Wort hervortreibende und durchhauchende Melodie, welche der Dichter im rhythmischen Wohllaut des Gefüges nur anklingen lassen kann, zu wirklichem Klange verkörpert. Kreutzer selbst aber verdankte seinerseits der Anregung durch Uhlands Muse sein Bestes; es ist, als hätte dieselbe ihn jedesmal über sich selbst hinausgehoben, ihn in jene Sonntagsstimmung versetzt, da dem musikalischen Lyriker auf einen Wurf gelingt, was er in der prosaischen Stimmung des Werktags nur mit saurer Mühe sich erarbeitet, ohne daß es ihm doch zu einem Ganzen zusammenfließen will. Mit Uhlands "Frühlingsliedern" und "Wanderliedern" hat sich Kreutzer als Sänger zuerst eingeführt und die Herzen erobert, als er 1816 eine Konzertreise machte. Unter den vierstimmigen Gesängen sind wieder die Uhlandschen gerade diejenigen, die sich durch Frische und Stimmungsgehalt auszeichnen und darum noch heute unseres Volkes gern gehörte Lieblinge sind, denn wo kennt man nicht "Droben stehet die Kapelle", "Das ist der Tag des Herrn", "Dir möcht' ich diese Lieder weihen" – die "Märznacht", die "Siegesbotschaft"? Wo in fröhlichem Kreise kennt man nicht die beiden von urkräftigem Behagen durchwehten Lieder "Wir sind nicht mehr am ersten Glas" und "Was ist das für ein durstig Jahr"? Erst kürzlich saßen wir im engeren Kreise zusammen, ein trefflicher Liedersänger sang uns Löwesche Balladen vor, dann ein Brahmsches Lied, zuletzt "Es zogen drei Busche" von Konradin Kreutzer, das Lied fiel durchaus nicht ab nach Löwe und Brahms, im Gegenteil, ganz eigenartig ergreifend wirkte diese schlichte Volksmäßigkeit, wie ja das Auge nach den in den tiefsten Farben leuchtenden Blumen, welche die Kunst des Gärtners gezogen hat, immer wieder gerne an den frischen Kindern der Waldwiese sich weidet und erfreut.
Konradin Kreutzer

In der volkstümlichen musikalischen Lyrik – weniger im eigentlichen Volksliede als im volkstümlichen Kunstliede, dem vierstimmigen Lied für den Männerchor – lag denn auch Kreutzers Hauptstärke. Darin allein hat er Bleibendes geschaffen, was seinen Namen auf die Nachwelt bringt, und nicht dem "Musiker", sondern dem Liebling der Männerchöre, dem gemütvollen Liedermeister Kreutzer ist zu Möskirch im badischen Schwarzwald ein Denkmal errichtet worden. Was Kreutzer an Kammer-, Konzert- und Salonmusik hervorgebracht hat, das zeigt wohl den formgewandten Komponisten, ragt aber nur selten über das Niveau des Gewöhnlichen hinaus; es fällt unter den Begriff der sogenannten "Kapellmeistermusik", die, geschaffen für den Augenblick, mit diesem dahingeht. Denn Glätte der Form, Frische der Melodik, Sinnigkeit der harmonischen Schattierung genügen, um eine Musik der jeweils lebenden Gegenwart zu empfehlen, nicht aber, um sie unsterblich zu machen: dazu gehört der zündende Funke des Genius, dazu gehört die eigentliche Schöpferkraft, für welche das gefällige Äußere der Tonform nur die sinnliche Hülle bildet, darin sie zur Erscheinung kommt. Dieser zündende Funke fehlt auch den Opern unseres Liedermeisters, so geschickt sie gemacht, so gefällig sie gearbeitet sind. Wo weiß man noch etwas von Kreutzers "Feodore", "Äsop in Phrygien", "Baron Luft", "Das Mädchen von Montfermeuil", Melusine", "Fridolin", Hochländerin" usw.? Wo weiß man auch nur noch etwas von seinen "Faustszenen", von seinem "Konradin von Hohenstaufen"? Sie sind verschwunden, vergessen – von "Libussa" hört man ab und zu noch die Ouvertüre auf Kurplätzen und von jenen kleinen sogenannten böhmischen Kapellen, deren Notenschatz manches bewahrt, was der großen Musikwelt längst abhanden gekommen ist. Aber zwei dramatische Werke unseres Liedermeisters leben heute noch fort: der "Verschwender" und die Oper "Das Nachtlager zu Granada". Solange man überhaupt noch Geschmack an dem Raimundschen Volksstück haben wird – und um keine zu haben, muß man schon recht blasiert sein –, so lange wird man auch Kreutzers Musik zu denselben in Ehren halten, nicht etwa, weil sie besondere dramatische Kraft entwickelt, wohl aber, weil sie in volkstümlicher Haltung und gemütsinnigen Ton dem Raimundschen Stück wie angegossen sitzt. Beim "Nachtlager von Granada" ist es wiederum nicht die dramatische Gewalt der Musik, welche dieser Oper die Liebe des Volkes erhalten hat, sondern die frische Melodik. Nicht dem Opernkomponisten, sondern dem Liedermeister verdankt diese Oper ihre Fortexistenz auf der Bühne, es ist der Genius des Liedes, wie er insbesondere aus Uhland Liedern uns anblickt, der den Musiker in Kreutzer zum Künstler geadelt hat, denn wo er Großes schuf, war's immer da, wo ihm durch den Dichter der enge Rahmen gegeben und die Stimmung vorgezeichnet war.

Das Wanderleben des treuherzigen Meisters ist in diesen Blättern im Jahrgang 1881 eingehend geschildert worden, aus Anlaß seines hundertjährigen Geburtstages, wir wollen daher unsere Leser nicht mit der Aufzählung aller Stationen der Künstlerfahrten Kreutzers ermüden. Es berührt einen wehmütig zu sehen, wie es dem Sänger, der doch seiner Zeit und seinem Volk recht aus dem Herzen und nach dem Munde gesungen hat, nicht vergönnt war, in der Heimat einen Ruheort, einen festen Sitz zu gewinnen. Fern im Nordosten, in Riga hat er das Haupt zur Ruhe niedergelegt, deutsche Klänge geleiteten ihn dort zu Grabe, die Liedertafel sang ihm den Scheidegruß. Möge das Lied des deutschen Meisters zum Dank für die Gastfreundschaft, die ihm gewährt worden, den deutschen Geist stärken helfen, der in jenen Landen jetzt so viel Stürme zu bestehen hat.

H.A. Köstlin (aus der Zeitschrift "Daheim", 1886)