Deutsche MusikerSchillers musikalischer Jugendfreund J.R. Zumsteeg (1760-1802)
| Nur selten begegnet man
in unseren Tagen noch dem Namen Johann Rudolph Zumsteeg auf dem Konzertprogrammen.
Das will einem aufrichtig leid tun, denn vor noch vor etlichen zwanzig
Jahren geigten wir in unserem Dilettantenorchester mit großem Vergnügen
die Ouvertüre zu der "Geisterinsel"; so einfach und knapp
die Form gehalten war, so erfrischte uns doch dieses Tonstück jedesmal
durch den erfreulichen Zug, der hindurchging, durch den romantischen Hauch
, der darin wehte. Auch die Männergesangsvereine haben damals noch
gern und oft den duftigen Chor gesungen: "Wolken verschweben",
der in seiner schönen Geschlossenheit und liedmäßigen
Ausrundung stimmungsvoller anmutete, als so manches künstlich aufgestelzte,
anspruchsvoll daherrauschende und doch an musikalischem Gehalt oft so
unsäglich arme Männerchorlied, an welches unsere Vereine Zeit
und Kraft unnütz verschwenden. In Familien, wo man am Sonntagnachmittag
oder -abend noch mit Pietät nach den alten, zierlich geschriebenen
Notenbüchern greift, aus welchen unsere Großväter und
Großmütter am Klaviere gesungen oder gespielt haben, mag man
zuweilen noch den einst so beliebten "Ritter Toggenburg" zu
hören bekommen. Waren wir junge Burschen auch boshaft genug, über
die Tränen zu lächeln, die sich aus den Augen der emsig strickenden
Tante stahlen, wenn's vom Klavier her klang: "Ritter, treue Schwesterliebe
widmet euch dies Herz", so ging uns doch das Herz auf bei den Klängen
dieser anspruchslosen, gemütsreichen Musik, und jetzt, wenn uns diese
Weise zufällig einmal aufstößt, blickt sie uns an wie
ein lieber Gruß aus alter schöner Zeit, wie ein Gruß
aus dem Kindheitslande. Denn es ist mit den Melodien, wie mit den Blumendüften;
sie führen Erinnerungsbilder aus längst vergangenen Zeiten,
sie zaubern die lieben alten Gesichter wie mit einem Zauberschlag vor
die Seele. |
Johann Rudolf Zumsteeg |
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Übrigens war die Sonne, an deren Strahlen sich der brave Zumsteeg erwärmte, das Ideal, nach dem er sich bildete, kein geringerer als Mozart. Zumsteeg war der ersten einer, welcher dieser damals noch neuen Musik mit allen Kräften Bahn zu brechen gesucht hat kein Wunder, daß es in seinen eigenen Sachen tüchtig nach Mozart klingt und die Sonne Mozarts sich in ihnen vielfach widerspiegelt. Johann Rudolf Zumsteeg war der Sohn eines herzoglich württembergischen Kammerlakaien und ist geboren am 10 Januar 1760 zu Sachsenflur im badischen Odenwald, wo der Vater als Pensionär lebte. Schon im zehnten Lebensjahre trat der Knabe in die von Herzog Karl von Württemberg gegründete aus Schillers Jugendgeschichte jedem Leser wohlbekannte Karlschule ein, zunächst um für die Bildhauerkunst ausgebildet zu werden. Da er besondere Lust und Begabung für Musik an den Tag legte, so willigte der Herzog ein, daß er sich zum Musiker ausbildete. Bekanntlich war Herzog Karl ein leidenschaftlicher Musikfreund; er hatte die Stuttgarter Oper, die schon sein Vorgänger, der aus Wilhelm Hauffs "Jud Süß" bekannte Karl Alexander, zu hoher Pracht entwickelt hatte, auf eine Höhe gebracht, welche die Stuttgarter beziehungsweise Ludwigsburger Bühne einen europäischen Ruf verschaffte. Als Opernkapellmeister wirkte seit 1754 der gefeierte Nikolo Jomelli, der die Kunst der in hoher Blüte stehenden neapolitanischen Schule nach der schwäbischen Residenz verpflanzte. Am Geigerpult standen ein Pietro Nardini, ein Lolly, den man bewundernd den "musikalischen Luftspringer" nannte, ein Florian Deller. Unter den Sängerinnen glänzte längere Zeit Marianne Pirker, die Gattin des Violinisten und Konzertmeisters Pirker, die durch ihr tragisches Geschick wie durch ihre Kunst bekannt geworden ist. Wie Schubart wurde sie eines der beklagenswerten Opfer der Willkür Herzog Karls, der sie ohne Angabe irgend eines Grundes und ohne jedes Verhör sieben lange Jahre auf Hohenasperg eingekerkert hielt, bis der Machtspruch der Kaiserin Maria Theresia ihn zwang, die Unglückliche freizulassen, welche aus Verzweiflung in Geisteszerrüttung gefallen war und nach ihrer Freilassung nur langsam genas ( zu Heibronn 1783*). Mit der bekannten Umkehr des Herzogs Karl hatte auch die Herrlichkeit der "verwelschten" Oper ein Ende genommen. Jomelli und die höchstbezahlten unter den italienischen Künstlern mußten entlassen werden. Die zurückgebliebenen sollten nicht bloß einen Grundstock für die Kapelle bilden, sondern aus den Landeskindern eine Kapelle heranschulen, welche den Dienst billiger verrichten mußte als die fremden Künstler. Unter den Lehrern ragten hervor neben Johann Georg Diestler, einem Schüler Josef Haydns, die Italiener Boroni, Celestino und Poli. Dem letzteren wurde Zumsteeg als Schüler zugewiesen. 1781 trat derselbe als Violoncellist in die Hofkapelle ein, und 1793 wurde er als herzoglicher Konzertmeister Polis Nachfolger am Dirigentenpult. Durch die glänzende Wirksamkeit Jomellis war der Geschmack vollständig italienisiert worden. Zumsteeg war es, der mit der Energie der Begeisterung den Mozartschen Werken Bahn brach. Freilich, nur kurz war sein Wirken: schon 1802 am 27. Januar starb er, zweiundvierzig Jahre alt. Von acht Opern, die er komponiert hat ("Die Geisterinsel", "Das Pfauenfest", "Zalaor", "Elbondakani oder Der Kalif von Bagdad", "Das tatarische Gesetz", Reneau und Armide", Tamira", "Der Schuß von Gänsewitz", "Musik zu Schillers "Räuber"), konnte sich nur eine, die "Geisterinsel", eine Zeitlang behaupten. Seiner Musik ermangelte der schöpferischen Kraft des Genius: dagegen verrät er überall ein wohlgeschultes Verständnis für die Poesie; in der Anschmiegung der Musik an die Wendungen des Textes ist er der Vorläufer der Romantiker geworden. In der Musikgeschichte nimmt er eine bedeutsame Stellung ein durch seine Balladen, unter welchen außer dem "Ritter Toggenburg" die bekanntesten Bürgers "Leonore", "Des Pfarrers Tochter von Taubenhain", "Die Büßende", "Die Entführung" sind. Zumsteeg sucht dabei die Musik dem Gang der Handlung melodramatisch anzupassen, ohne die Einheit des Ganzen zu zerstören, welche durch die Wiederkehr der Hauptmelodie gewahrt erscheint. Freilich ist seine Musik mehr dekorativer Natur: sie ist nicht unmittelbar aus Geist und Stimmung des Gedichts herausgewachsen, es ist Musik zum Gedicht, nicht die musikalische Umdichtung, das musikalische Gegenbild des Gedichts. Gleichwohl darf er auf dem Gebiet der Ballade als der Vorgänger unseres größten Balladenkomponisten, Karl Loewes, bezeichnet werden. H. Köstlin (aus der Zeitschrift "Daheim", 1886) *) Otfried Mylius hat sie in dem Roman "Die Irre von Eschenau" gefeiert. |