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Wie findet ein Schiff seinen Weg?

"Wer vor Schiffer oder Steuermann will zur See fahren,
Der muß bei Tag und Nacht sein Loth und Loth-Lienge nicht sparen,
Auch haben gute Wacht,
Zu nehmen seinen Kurs und Kompaß wohl in acht,
Auch hüten sich vor Sicherheit,
                                                          Und seyn allzeit zu wachen bereit."                                    Alter Spruch

Ein Husarenleutnant, der als Badegast auf einem Kriegsschiff mitfuhr, fragte einmal den wachhabenden Offizier auf der Brücke:
"Sagen sie bloß, Herr Kamerad, wie finden sie eigentlich so den Weg auf dem Meere?"
Der wandte sich um:
"Oh, da haben wir so mancherlei Hilfsmittel, zunächst sind da die Seekarten" -
"Aha", unterbrach der Reitersmann, "verstehe schon, na, wenn Sie Karten haben , ist die Chose ja ganz einfach!" -


So einfach ist es nun doch nicht, und ich will euch mal zeigen, wie die Schwierigkeiten überwunden werden, die dem Seemann bei der Verfolgung seines Kurses auf See entstehen. Die Navigation oder Steuermannskunst enthält zwei Haupteile, die terrestriche Navigation, d.h. die Berechnung des Schiffsortes in Sicht von Land, und die astronomische Navigation oder die Berechnung des Schiffortes außer Sicht von Land nach astronomischen Objekten,. B. Sonne, Mond, Gestirne.
Die Aufgabe der Navigation ist die sichere Führung eines Schiffes von einem Ort zum andern, bei der terrestrichen die Führung eines Schiffes in Sicht von Land, also in nähe der Küste. Diese Art der Steuermannskunst soll hier geschildert werden.
Hilfsmittel der Navigation.

Die Haupthilfsmittel der terrestrichen Navigation sind:

1. Seekarten und Bücher;

2. Lote;

3. Fahrttabellen und Log;

4. Spiegelinstrumente.

Zur Seefahrt verwendet man Karten, in denen alles das verzeichnet ist, was ich brauche, um den Weg des Schiffes genau festlegen zu können. Alle stellen, die das Schiff vermeiden muß, Untiefen, Riffe, gefährliche Strömungen, Wracks usw. müssen in ihnen enthalten sein. Die Seekarten enthalten im Gegensatz zu den Landkarten den Teil der erde, der mit Wasser bedeckt ist, und geben vom festen Lande nur das wieder, was man zur Navigierung unbedingt braucht, also Leuchttürme, Mühlen, hervorragende Gebäude an der Küste, Kirchen, Baken usw.

In den Teil der Seekarte, der das Meer darzustellen hat, werden eingetragen: Wassertiefe, Beschaffenheit des Meeresgrundes, z. B. Muscheln, Steine, feiner grauer Sand, Schlick, roter Steingrund, Algen, Kies usw., Untiefen, Sände, Riffe, Klippen, Angaben über Strömungen. Künstliche Hilfsmittel der Schiffahrt: Feuerschiffe, Leuchtfeuer, Leuchttonnen, Fahrwasserzeichen usw.

Da die Gestaltung des Meeresgrundes in der Nähe der Küsten von der größten Wichtigkeit für die Seefahrt ist, finden wir dort in den Karten genauere Angaben als auf der hohen See. Die Grenzen der Wassertiefen von 2, 4 und 6 Metern sind durch verschiedene Schattierung angedeutet, die Wassertiefen von 10, 20, 40, 100 und 2000 Metern sind durch gepunkteten Linien verbunden, die man Metergrenzen nennt.

Die Stromrichtung ist durch Pfeile gekennzeichnet, die die Richtung angeben, nach der die Strömung sich bewegt. Bei den Leuchtfeuern ist ihre Kennung, d.h. die Art ihres Feuers mitangegeben, desgleichen ihre Sichtweite.

Die Seekarten werden ergänzt durch die Seehandbücher, die eine eingehende Beschreibung der Küsten geben. Darüber hinaus geben sie Auskunft über das Schiffahrtswesen der betreffenden Länder, Lotsenverhältnisse, Wasserstandsignale usw.

Die Segelanweisungen und Küstennachrichten - die Anweisungen mit guten Ansichten, sog. Vertonnung, der betr. Küstenstriche - geben Angaben über die übliche oder zweckmäßigste Durchsteuerung von schwierigen Durchfahrten.

Die Leuchtfeuerverzeichnisse enthalten alle Feuer der Erde mit ihren Kennungen und Sichtweiten.

Man hat auf den meisten Schiffen Handlote und Lotmaschinen. Diese gestatten ein Loten auch während der fahrt, während beim Landlot zum mindesten die Fahrt des Schiffes abgestoppt und verlangsamt werden muß. Alle Lote habe Einrichtungen, die es ermöglichen, Grundproben vom Meeresboden mit heraufzubringen, die dann, mit den in der Karte verzeichneten Angaben verglichen, eine Kontrolle des Schiffortes ermöglichen.

Von der Beschreibung der Tiefseelote und des neuerdings viel verwendete Behm-Echolotes wollen wir hier absehen.

Die Geschwindigkeit des Schiffes, die man zur Besteckrechnung nötig hat, wird entweder auf ältere Schiffen mit der Log bestimmt, einer einfachen Vorrichtung, die am Heck während der Fahrt ausgebracht wird und die Geschwindigkeit des Schiffes je Stunde in Seemeilen angibt, oder man liest sie in der Fahrttabelle ab. Diese Tabelle ist aufgestellt nach den Umdrehungen der Schrauben, die diese in einer Stunde machen, um dem Schiff eine Fahrt von einer bestimmten Anzahl von Seemeilen in der Stunde zu geben.

Um navigieren zu können, d.h. den vorgefaßten Weg richtig einhalten zu können, muß man erstens wissen, wo das Schiff sich zurzeit befindet, zweitens muß man den Kurs angeben können, den man steuern muß, um das Ziel zu erreichen. Die letzte Aufgabe ist die einfachere: man sucht auf der Seekarte die Orte aus, um die es sich handelt und zeichnet mit Blei die Linie ein, die uns unter Vermeidung von Untiefen sicher an das Ziel bringen wird. Diese Linie, nach der Himmelsrichtung durch den Kompaß bezeichnet, ist der Kurs.
Die hier auftretenden Schwierigkeiten durch Mißweisung (Erdmagnetismus) - die allerdings bei den elektrisch betriebenen Kreiselkompassen ausfällt, die jeder größere Dampfer heute hat -, Stromversetzung, Wind, Seegang usw. lassen wir hier der Einfachheit halber unberücksichtigt. Die erste Aufgabe ist die schwierigere und macht das Wesen der Navigation aus: die einwandfreie Bestimmung des augenblicklichen Schiffortes. Sie wird auf verschiedene Art gelöst; durch die Beobachtung irdischer (=terrestrische Navigation) oder himmlischer (=astronomische Navigation) Objekte. Den ermittelten Schiffsort nach der geographischen Länge und Breite bestimmt, nennt man das Besteck. In der Küstenfahrt, in Nord -und Ostsee z.B. genügt fast stets die terrestriche Navigation.

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Oberster Grundsatz bei den zu Bestimmungen des Schiffsortes vorzunehmenden Beobachtungen ist stets, dass die Beobachtung eines Punktes, z. B. eines Leuchtturms oder einer Fahrwassertonne eine Linie gibt, auf der sich das Schiff befindet. Zur sicheren Bestimmung braucht man aber auf der Karte, in die man die Beobachtungen einträgt, den Schnittpunkt zweier Linien, also auch zwei Beobachtungen. In den meisten Fällen hat man bei der Küstenschiffahrt zwei Objekte, deren Richtung zum Fahrenden Schiff man gleichzeitig feststellen kann, z. B. eine Mühle an der Küste und einen Kirchenturm oder einen Leuchtturm.

Beobachtungen, die eine Standlinie liefern, d.h. eine Linie, auf der sich also das Schiff gerade befindet, sind:

1. Richtungen, ein Kurs, auf dem man von einem bekannten Punkt ausgehend, z. B. einer Anseglungstonne aus, liegt

2. Eine Peilung, d.h. die Feststellung der Richtung eines Objektes (Turm, Mühle, Waldecke usw.), dessen Ort durch die Karte, in der es verzeichnet ist, feststeht, zum Schiff. Eine Peilung kann auch durch zwei bekannte Objekte, die in einer Linie liegen, bestimmt sein, man nennt dies eine Deckpeilung (= bei Hafeneinfahrten, schwierigen Fahrwasseränderungen usw.)

3. Entfernungen , die von einem bekannten Punkte aus gesegelten Entfernung, die durch Winkelmessung ermittelte Entfernung von an Land befindlichen Objekten.

4. Lotungen, auf Tiefen, die den in der Karte eingetragenen Wassertiefen unter Berücksichtigung des Tiedenhubes ( = Ebbe und Flut ) zur Beobachtungszeit, entsprechen.

Einfache Peilungen macht man mit dem extra hierfür vorhandenen Peilkompaß oder über den Steuerkompaß. Man "visiert" wie beim Schießen durch ein Sehschlitz im Peilgerät über einen Faden das zu peilende Objekt an und verschiebt das Gerät so lange auf dem Kompaß, bis Schlitz, Faden und Objekte in einer Linie stehen. Dann liest man die gefundene Peilung am Kompaß ab und trägt sie mit Hilfe von Lineal, Dreieck und Bleistift in die Seekarte ein.

Die gebräuchlichste Art der Peilung ist die Kreuzpeilung. Sie entsteht, wenn ich zwei Objekte gleichzeitig peile und die sich ergebenden Standlinien auf der Karte eintrage, der Schnittpunkt ist dann der Schiffsort.

Entfernungen können geschätzt werden, was aber nur einen sehr ungenauen Anhalt gibt. Man schätzt zu kurz bei hellem Hintergrund, wenn man die Sonne hinter sich hat, bei klarer Luft, greller Sonne und über Wasser; man schätzt zu weit: bei dunklem Hintergrund, wenn die Sonne vor einem steht, bei flimmernder Luft, bei trüben Wetter, durch Wald.

Einen guten Anhalt für das Entfernungsschätzen gibt die "Kimm" ( = der Horizont ), wenn das Objekt diesseits der Kimm ist. Die Entfernung von der Kimm ist dann aus der Höhe des Auges über dem Meeresspiegel zu errechnen.

Der Abstand eines Objektes, das sich x Meter über dem Meeresspiegel befindet, von der Kimm beträgt : 2,o8 V x Seemeilen.
Sieht also z. B . ein Beobachter, dessen Auge sich 8 Meter über dem Meeresspiegel befindet, ein Leuchtfeuer, das sich 20 Meter über dem Meeresspiegel befindet, in der Kimm, das heißt eben über dem Horizont auftauchen, so ist der Abstand des Beobachters von dem Leuchtfeuer = 2,08 (V8 +V20) Seemeilen.

Die Entfernung kann man aber auch durch Höhenwinkelmessung errechnen, wenn der Landgegenstand innerhalb der Kimm liegt und wenn seine Höhe bekannt ist. Man mißt den Höhenwinkel von der Spitze des Gegenstandes bis zu seinem Fußpunkt mit dem Winkelinstrument und erhält dann die Entfernung in Seemeilen nach der Formel:

Abstand =
13
X
   h  (= Höhe des Objekts in Metern
 7
   m ( = gemessener Winkel in Minuten)


Zur Vermeidung gefährlicher, einer Küste vorgelagerter Stellen, wie Untiefen, Riffe usw. gibt es verschiedene Verfahren: nach dem Höhenwinkel und dem vertikalwinkel. Will man sich einer Küste, dort, wo ein weit vorspringendes Riff sich befindet, nur bis auf einen gewissen Abstand nähern, so kann man, falls Landobjekte in der Nähe liegen, durch den Höhenwinkel eine einfache Kontrolle ausüben, die besonders in den stromreichen Gewässern der Nordsee sehr wichtig ist, wo man durch die starke Gezeitenströmung ( Ebbe und Flut ) oft unmerklich sehr stark von seinem Kurs versetzt wird.

Ist in der Nähe der zu meidenden Stelle ein in der Karte verzeichneter Gegenstand von bekannter Höhe in Sicht, so kann man den gemessenen Höhenwinkel als Warnung gegen zu große Annäherung benutzen. Man verlängert die Verbindungslinie des Landobjektes mit dem Mittelpunkt des Riffs (A-U) um das Maß der beabsichtigten größten Annäherung an die Untiefe, also um U-C. Dann gibt AC die Entfernung in Seemeilen, in der man A die Entfernung in Seemeilen, in der man A zu halten hat, um außer der Gefahr zu bleiben. Den entsprechenden Höhenwinkel erhält man aus der Formel:

d (= Entfernung in Seemeilen)
13
X
   h  (= Höhe in Metern
 7
   m ( = gemessener Winkel in Minuten)

 

Ist dann der von Bord gemessene Höhenwinkel kleiner als der berechnete Gefahrwinkel, dann ist man außerhalb des mit AC um A geschlagenen Kreises, also außer Gefahr; ist er größer, dann ist man innerhalb des Kreises, also zu nahe herangekommen.

Beispiel:
Man will beim Runden der Südspitze von Helgoland vom Hogstean Riff eine halbe Seemeile entfernt bleiben.
Die Entfernung des Hogstean vom Helgolandleuchtturm entnimmt man aus der Karte zu 1,3 Seemeilen. Die Höhe des Leuchtfeuers über Hochwasser beträgt 82 m.
Dann ist: d = A C = 1,3 + 0,5 = 1,8 Seemeilen, also

    m = 13   X   h  = 13   X   82   = 85'  = i° 25'
  7   d   7   1,8

Der nach Helgoland Leuchtturm gemessene Höhenwinkel darf also nicht größer als 1° 25' werden, wenn man mit der beabsichtigten Sicherheit fahren will.

Die Methode des Horizontalwinkels kann man anwenden, wenn zwei Objekte vorhanden sind. Man verbindet die Objekte: Leuchtturm A und Bake B und errichtet auf der Mitte dieser Linie eine Senkrechte. Dann sucht man auf dieser den Mittelpunkt eines Kreises, der durch die beiden Objekte geht und die gefährliche Stelle um ein bestimmtes Maß x ( = größte beabsichtigte Annäherung) einschließt. Verbindet man nun einen beliebigen Punkt des Kreises, z. B. A mit den Objekten, so erhält man den Gefahrwinkel BAL. Man mißt ihn durch Vergleich mit den Richtungen von BA und LA mittels des Kompaßdreiecks.

Da nun alle über derselben Sehne in einem Kreise gezeichneten Peripheriewinkel gleich groß sind, befindet man sich außerhalb des Kreises, wenn der von Bord gemessene Horizontalwinkel zwischen den beiden Objekten kleiner ist als der Gefahrwinkel.

Die Bestimmung der Wassertiefe geschieht durch das Lot und heißt Loton. Oft ist das Loten das einzige mögliche Mittel zu sicheren Bestimmung des Schiffortes. Da eine einzige Lotung hierzu nicht genügt, nimmt man sog. Reihenlotungen vor. Auf einem Pauspapier trägt man die Kursrichtung des Schiffes auf und vermerkt dann von Lotung zu Lotung den zurückgelegten Schiffsweg, dem Maßstab der Karte, die man gerade in Gebrauch hat, entsprechend. Die gefundene Wassertiefe und die Uhrzeit schreibt man daneben. Dann verschiebt man das Papier in die Gegend des wahrscheinlichen Schiffsortes und sieht zu, ob die gefundenen Lotungen mit den Kartenangaben übereinstimmen. Natürlich kann man so nur zu einem richtigen Ergebnis gelangen, wenn die in der Kursrichtung liegenden Tiefen charakteristische Unterschiede zeigen, wie es bei der Ansteuerung unserer Küste in der Nordsee allerdings meist der Fall ist.

Quelle: Durch die weite Welt, Franckh'sche Verlagshandlung, 1932, Copyright by Jadu 2000 von rado

 

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