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Der Norddeutsche Lloyd in Bremen
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Etwas über ein halbes Jahrhundert erst ist es her, seitdem die erste regelmäßige Dampfverbindung zwischen Europa und Amerika hergestellt worden ist. Als zu Anfang des vorigen Jahrhunderts der Dampf über das Segel zu triumphieren begann, vollzog sich in der ganzen Schifffahrt eine gewaltige Umwälzung. Immer mehr wurden sich die Völker bewußt, dass, wer die See hat, die ganze Welt besitzt. Es galt, sich das Meer zu erobern, für die Deutschen zum zweiten Male zu erobern, nachdem die Macht der deutschen Hansa gebrochen war und die deutsche Weltschiffahrt die sich vorzugsweise auf das zukunftsreiche Amerika erstreckte, durchaus nichts Imponierendes mehr hatte. Es war ein gar nicht hoch genug einschätzendes Glück für Deutschlands Handel und Wandel, dass sich von Anfang an die richtigen Männer fanden, geniale Strategen, die die deutsche Handelsflagge in alle Weltmeere zu führen wußten. Die ersten transatlantischen Dampfer wurden bereits 1838 von England aus in Betrieb gesetzt, wo dann 1840 die berühmte Cunard Dampfschiffahrtsgesellschaft gegründet wurde. Ein Jahr später schon traten Bremer Kaufleute zusammen, um die Gründung einer direkten Dampferlinie Bremen - New York zu betreiben; doch blieben die Bemühungen zunächst erfolglos, da sie das nötige Kapital nicht aufzutreiben vermochten und auch auf Staatssubventionen, wie sie außerdeutsche Gesellschaften genossen, nicht rechnen durfte. Nach Überwindung großer Schwierigkeiten gelang es aber doch, einen Dampfer auszurüsten, der den regelmäßigen Verkehr zwischen Bremen und New York vermitteln sollte. 1847 ging das erste Dampfschiff mit Namen "Washington" von der Weser ab, 1853 folgten "Hansa" und "Germania", die jedoch 1857 bereits wieder verkauft wurden. Da wurde auf Betreiben des Konsuls H.H. Meier, des Vaters des Norddeutschen Lloyd, am 20. Februar 1857 die Gesellschaft gegründet, die heute eine der größten Reedereien der Welt ist und insbesondere im letzten Jahrzehnt dank dem Unternehmungsgeist und der Tatkraft der leitenden Männer, die mit sicherem Bild es verstanden, die internationalen wirtschaftlichen Verhältnisse in ihrer Bedeutung, ihrem Wechsel und in ihren Wirkungen zu überschauen und alle Errungenschaften der modernen Technik sich dienstbar zu machen, auf eine erstaunliche Höhe der Entwicklung gebracht worden ist, die ihr im internationalen Verkehrsleben einen ersten Platz anweist. Am 19. Juni 1858 trat der erste Lloyddampfer, die "Bremen", die Reise über den Ozean an, und sehr bald schon sah sich der Lloyd in der Lage, mit vier Dampfern einen regelmäßigen 14 tägigen Dienst nach New York eröffnen zu können. Diese Linie Bremen- New York ist noch heute der eigentliche Grundstock seines Geschärftes. Zur Entlastung und Ergänzung der Hauptlinie wurde später noch die Fahrten Bremen- Baltimore und Genua - New York eingelegt. Die Mehrzahl der jährlich von der Gesellschaft beförderten Personen entfällt auf diese Linie. 1860 wurden die ersten Verträge wegen Beförderung der Post von England und den Vereinigten Staaten abgeschlossen. Diese Postkontrakte wurden regelmäßig erneuert und der Norddeutsche Lloyd darf sich rühmen, insbesondere in dem letzten Jahrzehnt die schnellste Postbeförderung zwischen den Vereinigten Staaten und Europa aufweisen zu können. Die Vermehrung der überseeischen Linien des Norddeutschen Lloyd erfolgte zunächst längs der Ostküste des amerikanischen Kontinents in bestimmter Ordnung von Norden nach Süden Bremen- New York, Bremen- Baltimore, Bremen- New Orleans (bzw. Galveston), Bremen-Westindien und Zentral Amerika und dann im Jahre 1876 zwei Linien nach Südamerika. Das Jahr 1885 ist in der Geschichte des Norddeutschen Lloyd von großer Wichtigkeit geworden. Es ist das Jahr der Entstehung der ostasiatischen und australischen Reichspostdampferlinien, die der Norddeutsche Lloyd auf Veranlassung der deutschen Reichsregierung einrichtete. Als nämlich die Regierung die Einrichtung deutscher Dampferlinien nach Ostasien und Australien mit regelmäßigem Fahrplan, beschleunigter Fahrt und bestimmten, auf jeder Fahrt einzuzuhaltenden Zwischenstation aus politischen und wirtschaftlichen Gründen für dringend nötig hielt, wurden im November 1884 Submissionsausschreiben für diese Reichspostdampferlinien an eine Anzahl Hamburger und zwei Bremer Firmen abgesandt. Den Zuschlag erhielt der Norddeutsche Lloyd. Der heutige Stand dieser Reichspostdampferlinien ist der folgende: Die eine Hauptlinie nach China und Japan, die andere nach Australien und dazu eine Zweiglinie Sydney - Neu Guinea - Yokohama. Neuerdings hat sich der Norddeutsche Lloyd entschlossen, zur Erweiterung des australischen Dienstes eine Frachtdampferlinie von Bremen nach Australien mit 14 tägigem Verkehr einzurichten. Als eine Ergänzung der Reichspostdampferlinien ist sie indisch-chinesische Küstenschiffahrt anzusehen, die der Norddeutsche Lloyd seit sechs Jahren betreibt und in welcher zur Zeit 46 Dampfer beschäftigt sind, welche den Verkehr auf 17 verschiedenen Linien zwischen den Häfen und Plätzen der Malakka Halbinseln, von Siam, Chinaund beinahe allen Inseln des Hinterindischen Archipels bis zu den Philippinen und Molukken und auch nach Ostindien und Bombay vermitteln. Außerdem hat der Norddeutsche Lloyd eine Dampferlinie auf dem Yangtse. Zu den amerikanischen Linien und den Reichspostdampferlinien kam anfangs der 90er Jahre noch die Schnelldampferlinie Genua-Gibraltar-New York hinzu und seit Herbst 1905 eine Frachterdampferlinie Bremen- Philadelphia-Savannah. Seit November 1904 hat der Norddeutsche Lloyd noch eine weitere Linie im Mittelmeer, nämlich Marseille - Neapel - Alexandrien, und seit November 1905 eine Frachtdampferlinie Braila - Galatz - Genua. Seit Mai 1906 betreibt er unter dem Namen "Deutsche Mittelmeer Levante Linie" einen Dampferdienst für Personen- und Frachtverkehr von Marseille - Genua über Neapel, Piräus (Athen), Smyrna nach Konstantinopel, Odessa, Nicolajeff, Batum. Ferner hat der Norddeutsche Lloyd mit der rumänischen Schnelldampfergesellschaft Serviciul Maritim Roman eine Vereinbarung getroffen, wonach diese ihre Linie Konstanza - Konstantinopel - Smyrna von Herbst 1906 an bis Ägypten ausgedehnt und mit dem Norddeutschen Lloyd zu gewisser Vertriebsgemeinschaft sich verbindet. Die Gesamtbeförderung von Passagieren im transozeanischen Verkehr betrug bis zum 31. Dezember 1905 5 977 834 Personen. Ungeheuer, wie die Zahl der Menschen, ist auch die Menge der vom Lloyd beförderten Güter und ihr Wert. Während die Güter im Jahre 1896 1 703 496 cbm betrugen, sind sie im Jahre 1905 bereits auf 3 537 347 cbm angewachsen. In diesem Jahre betrug der Gesamt Import und Export Bremens 5 845 000 cbm, so dass der Lloyd allein drei Fünftel des Bremer Handels in den Händen hat. Alles, was zum Güteraustausch im Welthandelsverkehr gehört, ruht wohlverborgen im Innern der gewaltigen transatlantischen Dampfer des Norddeutschen Lloyd; besonders aber sind es die folgenden Güter, die dem Export und Import durch seine Schiffe verfallen: Aus Nordamerika Baumwolle, Tabak, Getreide (Vor allem Mais und Gerste), Holz Obst, landwirtschaftliche Maschinen. Deutschland dagegen sendet nach Nordamerika vor allem deutsche Industrieprodukte, Textilwaren, Bier, Spielwaren, Wolle und Porzellanwaren, Reis, Zucker, Zement. Aus Südamerika importiert der Norddeutsche Lloyd hauptsächlich Tabak, Kaffee, Wolle, Häute, aus Australien Wolle und Häute, aus Ostasien Seide, Tee, Lackware, während Deutschland an diese Länder die verschiedensten Arten von deutschen Industrie Artikeln schickt. Was für ein gewaltiger Schiffspark zur Bewältigung eines solchen Weltverkehrs nötig ist, zeigt die Entwicklung der Lloydflotte. Aus den vier Dampfern, mit denen der Lloyd 1857 seinen Vertrieb begann, ist im Laufe von 50 Jahren eine Flotte von 368 Fahrzeugen, einschließlich der Neubauten, geworden, von denen 184 Dampfer, unter diesen 134 Seedampfer, sind. Diese Riesenflotte repräsentiert einen Gehalt von 701 413 Register Tons und eine Maschinenkraft von 537 050 Pferdestärken. Der Norddeutsche Lloyd besitzt nicht weniger als 53 Doppelschraubendampfer, von denen vier die bekanntesten und bevorzugtesten "Windhunde des Ozeans" sind. Mit der Zahl ihrer Doppelschraubendampfer steht die Gesellschaft unstreitig an der Spitze aller Reedereien, denn nach den zugänglichen neuesten Quellen besitzt die Hamburg Amerika Linie an Doppelschraubenschiffen 31, die White Star Line 28, die Messageries Maritimes 12, die Cunard Line 11, die Holland Amerika Linie 5 und die Red Star Line 1. Spaßiges Emblem der Firma
Stets ist der Lloyd bestrebt gewesen, alte Schiffe rechtzeitig abzustoßen und sie durch neue, allen Anforderungen der Neuzeit entsprechend zu ersetzen. So ist es ihm gelungen, sein Schiffsmaterial stets jung zu erhalten. Das Durchschnittsalter der Lloydschiffe betrug 1905 nur 6,96 Jahre. Allgemein bekannt dürfte es auch sein, dass seit dem Reichspostdampfervertrag von 1885 ein Teil der Lloydschiffe so gebaut ist, dass diese Dampfer im Kriegsfalle als Hilfskreuzer Verwendung finden können. Acht Dampfer sind ferner als Truppen Transportschiffe verwendbar und zwei als Lazarettschiffe. So ist der Norddeutsche Lloyd auch in den Zeiten, in denen die Kriegsfurie über die Länder ihre Schrecken verbreitet, bereit, seine hohe nationale Aufgabe zu erfüllen. Die 12 000 Mann seiner Flottenbesatzung, von denen ca. 6 500 Personen dem seemännischen Beruf angehören, bilden selbstverständlich für unsere Kriegsflotte eine wertvolle Menschenreserve. Ein betrieb wie der Norddeutsche Lloyd ist im sozialen und Wirtschaftsleben nicht nur einem Volke, sondern der ganzen Kulturwelt ein bedeutungsvoller Faktor, dessen Gedeihen oder Verschwinden nicht ohne fühlbare Wirkung auf die Gesamtheit bleiben kann. Der Norddeutsche Lloyd beschäftigt in seinem Dienste ein Personal von 120 000 Menschen der verschiedensten Berufsarten. Betriebe, die eine so ungeheure Zahl von Menschen beschäftigen, haben schon längst die Fürsorge für ihre Angestellten nicht nur auf das tägliche Brot beschränkt, sondern sind bestrebt gewesen, ihnen durch wohltätige soziale Einrichtungen von teilweise mustergültigen Form den Kampf ums Dasein zu erleichtern. Sie haben dadurch vielfach anregend und befruchtend auf die allgemeine soziale Fürsorge gewirkt. dass der Lloyd sich dieser Ehrenpflicht nicht entzogen, sondern dass er sie in freiwillige Weise ausgeübt hat, braucht nicht erst erwähnt zu werden. Mit besonderer Genugtuung sei schließlich noch betont, dass der Norddeutsche Lloyd es für eine Ehrenpflicht ansieht, so viel wie irgend möglich alle seine Aufträge nur der deutschen Industrie zukommen zu lassen. Die Förderung, die diese hierdurch in idealer und realer Hinsicht erfährt, läßt sich schwer in Ziffern ausdrücken. In den letzten sechs Jahren hat der Lloyd kein einziges seiner zahlreichen neuen Schiffe auf ausländischen Werften erbauen lassen, so dass gegenwärtig 80 pCt. seiner Gesamttonnage deutschen Ursprungs ist. Seit dem Jahre 1892 haben deutsche Werften für rund 243 Million Mark Bauaufträge für den Norddeutschen Lloyd ausgeführt, ausländische nur für 9 Million Mark. Solche Summen machen sich selbst in einem reichen Wirtschaftsleben fühlbar. Sie tragen wesentlich dazu bei, die soziale Lage aller Beteiligten zu verbessern und die Lebensführung in aufsteigender Linie zu entwickeln Quelle: Die Flotte, 9 Jahrgang, Nr. 9 September 1906, Copyright Jadu, by Rado |
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