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Deutsche Schiffahrt in Südasien

Als im Jahre 1885 zwischen dem Deutschen Reich und dem Norddeutschen Lloyd der Postdampfervertrag geschlossen wurde, durch den das Reich eine regelmäßige Schiffahrt nach Ostasien und Australien ins Leben rief, glaubte wohl keiner der vertragschließenden Teile, daß diese Linien je eine solche Entwicklungsfähigkeit besitzen würde, wie sie sie jetzt tatsächlich gezeigt haben. Wir sehen dabei ganz ab von den außerordentlichen Verbesserungen des Schiffsmaterials, von der Erhöhung der Sicherheit, Schnelligkeit und Bequemlichkeit, sowie von der Verdoppelung der Fahrten, sondern wir wollen hier nur die verschiedenen Schiffahrtsunternehmungen betrachten, die sich im Anschluß an die Reichsdampferlinien im chinesischen Meer und an den zwischen Asien und Australien liegenden Inseln entwickelt haben, Unternehmungen, die jene wirtschaftliche hochwichtigen Gegenden jetzt mit einem Netz deutscher Schiffahrt umspannen.

Die Hauptstränge bilden die Reichspostdampferlinien mit ihren Riesendampfern, die Nebenstränge die Nebendampfer der Hauptlinien und endlich die auf eigene Rechnung vom Norddeutschen Lloyd betriebene Küstenschiffahrt, die sich überall an die Reichslinien eng anschließt. Sehr bedeutsam ist auch die seit zwei Jahren eingerichtete Frachtdampferlinie nach Ostasien, die ungefähr denselben Kurs verfolgt wie die Reichspostdampfer. Betrieben wird die Linie gemeinsam vom Norddeutschen Lloyd und der Hamburg Amerikalinie, die sich auch seit der Erneuerung des Reichsvertrags mit zwei großen Dampfern an der Hauptlinie nach Ostasien beteiligt.

Betrachten wir zunächst die Inselgruppen zwischen Asien und Australien, so sehen wir auf unserer Karte, daß die durch die Reichsnebenlinien vollkommen umschlossen werden. Die eine Linie geht von Singapore aus, windet sich durch die holländischen Besitzungen, erreicht unsere Kolonie Neuguinea und geht von dort über Rockhampton und Brisbane nach Sydney, wo sie Anschluß findet an die Hauptdampfer der australischen Linie. Die andere Linie geht von Hongkong aus, stellt zunächst die Verbindung mit den Karolinen und Marianen her, berührt dann gleich der ersten Linie Neuguinea und endet ebenfalls in Sydney. Die letztgenannte Linie ist neu eingerichtet und wird am 25. Juli von dem Reichspostdampfer München eingeweiht werden, der sich zur Zeit auf der Fahrt nach Australien befindet, ein großes Schiff von 5 000 Tonnen mit einer Einrichtung für Personenverkehr, wie sie in dortigen Gegenden sonst nicht gefunden wird.

Wenn diese beiden Linien neben den wirtschaftlichen Zwecken auch den politischen zweck der Verbindung unserer Kolonien Neuguinea und den Karolinen und Marianen bezwecken, so sind andere seit zwei Jahren im chinesischen Meer errichtete Unternehmungen rein wirtschaftlicher Natur. Man wird sich noch des Aufsehens und des heftigen Unwillens erinnern, den in England vor jetzt mehr als einem Jahr die Nachricht erregte, daß der Norddeutsche Lloyd die Flotten der Holtlinie und der Scottish Oriental Steamship Navigation Company angekauft habe. Diese beiden englischen Flotten, die zusammen aus fünfundzwanzig Dampfern bestanden und jetzt auf zweiunddreißig erhöht sind, hatten bisher den größten Teil der Küstenschiffahrt im chinesischen Meer besorgt, und mit ihrem Übergang in deutsche Hand fiel auch Deutschland dieser wichtige Handel um so mehr zu, als der Norddeutsche Lloyd bereits durch die Reichsdampferlinien über starke Stützpunkte in Singapore und Hongkong verfügt. Der überraschende Ankauf dieser Linien war die Folge einer Studienreise, die der Generaldirektor des Norddeutschen Lloyds vorwiegend nach Ostasien unternommen hatte, eine Reise, die auch auf andern Gebieten von weittragenden Folgen sein sollte.

In welcher Weise diese neue Lloydküstenflotte das Chinesische Meer beherrschte, ergibt sich aus einer kurzen Aufzählung der von ihr befahrenen Linien, so wie sie aus unserer Karte ersichtlich sind: von Singapore nach Bangkok und nach Nordborneo mit Fortsetzung bis nach Sulu, außerdem eine Linie Singapore — Nordborneo — Hongkong; von Hongkong nach Nordborneo, nach Bangkok über Swatow, nach Bangkok über Haihau und nach Bangkok direkt. Diese sechs Linien mit ihren häufig fahrenden Dampfern machen die deutsche Flagge in diesen Gebieten zur vorherrschenden und werden es ermöglichen, daß Deutschland in dem erst völlig zu erschließenden Siam wirtschaftlich ein gewichtiges Wort mitzureden haben wird, ohne daß ihm andere zuvorkommen und das Beste wegnehmen. Die Größe dieser Dampfer wechselt von 900 bis 2 200 Tonnen, und sie haben, wenn sie auch in erster Linie dem Frachtverkehr dienen, doch auch gute Einrichtungen für sechs bis zwölf Kajütenpassagiere und gelten für die besten Frachtdampfer der Chinaküste.

Karte Südasien
Karte

Die Bangkokpost wird fast ausschließlich durch sie befördert. Von Singapore unterhält der Norddeutsche Lloyd im Anschluß an seine Reichsdampfer noch eine wöchentliche Verbindung mit Deli auf Sumatra durch seinen Dampfer "Sumatra" und eine neue Linie Penang — Deli — Singapore, durch die der Reiseweg von Europa nach Sumatra gegenüber dem bisherigen Weg über Singapore um drei Tage abgekürzt ist. Für diesen Dienst hat der Lloyd eigens einen neuen Dampfer, "Deli", von 1 400 Tonnen bauen lassen, der mit besonders guten Einrichtungen versehen ist. Auch andere Dampfer für die Küstenschiffahrt befinden sich schon im Bau. Während alle bisher genannten Linien dem Lloyd gehören, hat dieser auch durch Verträge mit andern Linien, der British India Steam Navigation Company und der Koninglijke Paketvaart Maatschappy, sich direkte Anschlüsse nach dem wichtigen Reishafen Rangoon und nach den holländischen Besitzungen gesichert. Es ist ein gewaltiges Stück nationaler Arbeit, das hier ohne Aufsehn geleistet ist, eine praktische, echt hanseatische Betätigung der Überseepolitik des Kaisers.

Auch nördlich von Hongkong sind große und wichtige Schiffahrtsunternehmungen teils schon ausgeführt, teils noch in Vorbereitung. Gemeinsam mit den Firmen Melchers & Co. in Hongkong und Schanghai und der Bremer Firma Rickmers hat der Norddeutsche Lloyd eine Flußschiffahrt auf den mächtigsten chinesischen Strom, dem Jangtsekiang, eingerichtet, mit der man bis tief ins Innere des chinesischen Reichs eindringen kann. Die Fahrten werden zwischen Schanghai und Hankau stattfinden und bis Ichang oder bis Schungking ausgedehnt werden. Mächtige Dampfer bis zu 2 000 Tonnen werden von den genannten deutschen Gesellschaften in diesen Dienst eingestellt, wie sie bisher der Jangtsekiang noch nicht getragen hat.

Wenn man, wie man es mit einigem Recht tun kann, die Besetzung von Kiautschau auch als eine der Folgen der Reichsdampferlinien und des durch sie erhöhten Interesses an Ostasien betrachtet, so ist hier auch der von der Jebsenschen Reederei betriebenen Linie Schanghai — Kiautschau — Chefoo — Tientsien zu gedenken, die die deutsche Flagge in regelmäßigen Fahrten bis in den äußersten Norden von China trägt. Der ungeheure Aufschwung, den die deutsche Schiffahrt in Ostasien und Südasien in den letzten drei Jahren genommen hat, ergibt sich am schlagendsten aus folgender Zusammenstellung, bei der die Dampfer der Reederei von Jebsen & Ko. in der chinesischen Küstenfahrtgesellschaft unberücksichtigt sind:

1897

Nordd. Lloyd, Reichspostdampferlinie
6
Dampfer mit
27 384 B.R.T.
Kingsinlinie, Frachtdampferlinie
13
Dampfer mit
46 727 B.R.T.
zusammen
19
Dampfer mit
74 111 B.R.T.

1900

Nordd. Lloyd und Hamburg Amerikalinie :
Reichspostdampferlinie
13
Dampfer mit
87 270 B.R.T.
Frachtdampferlinie
22
Dampfer mit
99 707 B.R.T.
Indisch-Chines. Küstenfahrt:
Nordd. Lloyd
32
Dampfer mit
47 408 B.R.T.
Jangtseflußdampfer
(Nordd. Lloyd u. Rickmers Reism. und Schiffbau A.G.)
7
Dampfer mit
8 400 B.R.T.
insgesamt
74
Dampfer mit
242 785 B.R.T.

 

Quelle: Die Woche 1900, von rado jadu 2001

Reise auf den Jangstekiang




 


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